Die Geschichte des Zachäus zeigt exemplarisch, wie Menschen einander klein machen und ausgrenzen. Von Gott angenommen zu sein, kann einen Neuanfang anstoßen; auch bei uns.
In der Begegnung mit Jesus erfährt Zachäus Heil. Jesus ergreift die Initiative, geht vorurteilslos auf ihn zu.
Das Buch der Weisheit, aus dem die erste Lesung des heutigen Sonntags genommen ist, ist das letzte Buch des Alten Testaments. Es zielt darauf ab, die Leser und Gläubigen dafür zu gewinnen, sich auf Gott und sein wunderbares Wesen zu besinnen. Der Verfasser des Weisheitsbuches wirbt dafür, Gott als den zu betrachten, der mit Geduld und Liebe den Menschen entgegenkommt. Zwar hat Gott eine Fülle an Macht, wie sie sonst auf der ganzen Erde nicht zu finden ist; aber Gott präsentiert sich nicht als der über alles Erhabene und als ein Gewalt-Inhaber, der alle um sich herum eisern unter seiner Knute und Kontrolle hält. Gott, so sagt der Verfasser des Weisheitsbuches, hat die Welt und die Menschen nicht ins Dasein gerufen, weil er die Macht dazu hat, sondern alles Geschaffene ist ein wunderbares Werk seiner Liebe.
Diesen Hinweis verstanden die gläubigen Juden und die Menschen der damaligen Zeit deutlich als eine Gegenposition zum heidnischen Götterglauben. Die Existenz und Bedeutung der Götter wurde ständig untermauert mit dem Hinweis ihrer Macht. Um ihre Gunst zu erwerben, mussten sie von den Menschen freundlich gestimmt werden. Jahwe, der Gott der Juden, dagegen ist aus seiner Liebe heraus selbst einem mehr Gleichgültigen, ja sogar einem Sünder und Abtrünnigen noch wohlgesinnt. Weil Gott aus Liebe und nicht infolge seiner Macht alles ins Dasein gerufen hat, darum begleitet er alles Geschaffene, vor allem auch den Menschen, mit seiner Langmut und Barmherzigkeit. Denn Gott hat keine Freude am Leid oder Untergang eines Menschen, sondern an seinem Glück und seinem Wohlergehen. Allein schon, wie wunderbar, vielfältig und prächtig er die Welt geschaffen hat ist ein Beweis und ein Zeugnis für seine Liebe. Denn nur ein Liebender kann sich all die Pracht und Schönheit ausdenken, die in der Schöpfung zu finden ist.
Der Verfasser des Weisheitsbuches spürt, wie er sprachlich gar nicht die rechten Worte findet, um die Größe, Hoheit und Verbundenheit Gottes mit seiner Schöpfung auszudrücken. So nennt er Gott einen „Gott des Lebens“ und erhofft sich, dass die Menschen die Fülle des Lebens in der Natur betrachten und in ihr die Anmut, Wohlgestalt und Vollendung bestaunen. Denn nur in der Bewunderung können wir Menschen uns an die Tiefe und den Umfang der Liebe Gottes herantasten.
Neben der Liebe wird im Buch der Weisheit die ständige Sorge Gottes um die Schöpfung betont. Gott hat die Welt nicht nur erschaffen; er erhält sie auch lebendig. „Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben und ohne dich erhalten bleiben“, ruft der Verfasser des Weisheitsbuches aus. Und wieder kommt Gottes Liebe in Sicht. Er hat die Welt eben nicht nur als ein allmächtiger Schöpfer ins Dasein gerufen, sie dahingestellt und sich dann zurückgezogen und die Schöpfung ihrem Schicksal überlassen. Nein, die Entwicklung seiner Schöpfung ist Gott ein Anliegen. Mit seiner Gnade, mit seinem Geist umgibt er sie. Er könnte sie fallen lassen, sobald seine Geschöpfe sich gegen ihn stellen. Die Macht hätte Gott. Aber seine Macht zu zeigen, daran ist ihm nicht gelegen. Ihn erfüllt grenzenlose Liebe. Daher neigt er sich seiner Schöpfung in aufmerksamer Fürsorge und mit Erbarmen zu. Hierin liegt seine Güte und Geduld mit den Menschen begründet.
Für uns Christen zeigt sich die Liebe und Güte Gottes dann noch einmal in besonderer Weise in der Person Jesu. Wird schon im Buch der Weisheit der Versuch unternommen, nicht durch Drohungen den Menschen näher an Gott heranzuführen, sondern durch das Staunen über Gott und seine Schöpfung, so wendet sich Gott in seinem Sohn Jesus direkt in Wort und Tat an den Menschen.
Jesus geht den Menschen nach, er baut ihnen Brücken. Im heutigen Evangelium erleben wir, wie sehr Gott auch gerade die im Blick hat, die von der Gesellschaft allgemein ausgeschlossen werden. Zachäus lässt sich nicht bekehren durch die Repressalien der Menschen, die auf ihm herumhacken, sondern durch die Güte und das Wohlwollen Jesu. Und wenn Jesus mit seinen Wundern immer wieder Menschen von ihren Krankheiten und Gebrechen heilt, zeigt er dadurch, dass es Gott um die Liebe zu seinen Geschöpfen geht. Es gibt kein Wunder Jesu, das er nicht zum Wohle von Menschen wirkte – z.B. ein reines Natur-Wunder, lediglich als Demonstration seiner Machtfülle. Jesus bestätigt mit seinem Verhalten, was der Verfasser des Weisheitsbuches über Gott sagt.
Mit der Lesung und dem Evangelium des heutigen Tages wird uns erneut vor Augen geführt, welche Kraft und Energie der Liebe innewohnt. Überlegen wir noch einmal einen Augenblick, welch gewaltige Aussagen uns zur Betrachtung über die Liebe vorgelegt werden. Die Liebe bewegt Gott. Sie bewegt ihn, auf die Demonstration seiner ungeheuren Macht zu verzichten. Sie drängt ihn, mit wachsamer Sorge zum Leben und Wohlergehen alles Geschaffenen beizutragen. Die Liebe führt ihn zu Langmut und Barmherzigkeit mit uns Menschen. Ja mehr noch: Sie lässt Gott in seinem Sohn mit uns um unser Heil ringen. Mehr und Größeres ist überhaupt nicht denkbar und möglich.
Auch uns von der Liebe ergreifen und durchdringen zu lassen, sie nicht nur als etwas Wertvolles im Kopf zu haben, sondern für unser Handeln zum Maßstab und zur Triebkraft zu machen, dazu werden wir heute erneut eingeladen. Der Verfasser der heutigen Lesung und des Weisheitsbuches glaubt daran: Jeder, der sich Gottes Liebe vor Augen führt und sie in ihrer Tiefe auskostet, wird danach streben, selbst im hohen Maß ein Liebender zu werden.
Liebe bewegt – sogar Gott.
Nicht zur Demonstration seiner Macht, sondern aus Liebe schuf Gott die Welt. Aus Liebe zu uns Menschen ahndet er nicht postwendend unser Versagen, sondern wartet in Geduld und Wohlwollen ab, ob wir uns nicht in Freiheit ihm neu zuwenden – berührt und angesteckt von seiner, der göttlichen, Liebe.
Werden wir uns in diesem Gottesdienst neu der Liebe Gottes bewusst und wie sehr wir aus seinem Wohlwollen schöpfen dürfen und leben.
Allmächtiger, barmherziger Gott,
es ist deine Gabe und dein Werk,
wenn das gläubige Volk dir würdig und aufrichtig dient.
Nimm alles von uns,
was uns auf dem Weg zu dir aufhält,
damit wir ungehindert der Freude entgegeneilen,
die du uns verheißen hast.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 31. Sonntag im Jahreskreis
Gott.
Du kennst uns besser, als wir uns selber kennen.
Du weißt, wie sehr wir
der Änderung und Umkehr bedürfen.
Aber du trittst nicht mit Gewalt an uns heran
oder mit List.
Du kommst zu uns mit deinem Wort -
deinem offenen und guten,
deinem fordernden und heilenden Wort.
Gib, daß wir dir heute nicht ausweichen,
daß wir uns öffnen
und dein Wort annehmen:
Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Amen.
MB Auswahl 33
Gott, unser Vater, du hast uns das Leben geschenkt,
und weißt, was wir brauchen.
Zu dir kommen wir mit unseren Bitten:
Wir beten für alle Menschen, die zu Außenseitern geworden sind.
Lass sie Platz finden in der Gemeinschaft des Gottesvolkes.
Wir beten für alle, die durch Hartherzigkeit andere zu Außenseitern machen.
Lass sie lernen von deiner Hochherzigkeit.
Wir beten für alle, die sich in der Gemeinschaft der Kirche
nicht mehr wohl und angenommen fühlen.
Lass sie Menschen begegnen, deren christliches Leben für sie glaubwürdig ist.
Wir beten für die jungen Menschen in unseren Gemeinden.
Schenke ihnen Freude am Glauben
und lass sie in die Gemeinschaft der Kirche hineinwachsen.
Wir beten für jene älteren Menschen in unserer Gesellschaft;
die sich als überflüssig oder abgeschoben erleben.
Lass sie Wertschätzung und Hochachtung erfahren.
Gott, unser Vater, wir danken dir für alle Liebe und Barmherzigkeit,
die wir in unserem Leben erfahren haben. Amen.
Heiliger Gott,
diese Gabe werde zum reinen Opfer,
das deinen Namen groß macht unter den Völkern.
Für uns aber werde sie zum Sakrament,
das uns die Fülle deines Erbarmens schenkt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 31. Sonntag im Jahreskreis
GL 558: Litanei vom Heilswirken Gottes.
Kehrvers:
Danket dem Herrn, denn er ist gütig,
denn seine Huld währt ewig. (GL 558,1)
Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig.
So sollen alle sprechen, die vom Herrn erlöst sind,
die er aus ihrer Not befreit hat.
Kehrvers
Er hat uns aus den Ländern gesammelt,
vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang.
In unserer Bedrängnis riefen wir zum Herrn,
er hat uns unseren Ängsten entrissen.
Kehrvers
Er hat uns zu Töchtern und Söhnen Gottes erwählt
und in das Volk Gottes zurückgeholt.
Als Menschensohn ist er gekommen,
um zu suchen und zu retten, was verloren ist.
Kehrvers
Er hat uns Barmherzigkeit erwiesen.
und uns ein Beispiel gegeben,
wie auch wir einander barmherzig sein sollen.
Kehrvers
Nicht um uns zu richten ist er in die Welt gekommen,
sondern um zu retten.
Er will, dass wir das Leben haben
und es in Fülle haben.
Kehrvers
Dafür danken wir dir, barmherziger Vater,
und loben wir dich mit der ganzen Schöpfung:
Danklied, z. B.: Nun saget Dank und lobt den Herren (GL 385)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem,
was du an uns getan hast:
Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit
zu Hilfe gekommen und
hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn
Rettung und Heil gebracht
aus unserer menschlichen Sterblichkeit.
So kam uns aus unserer Vergänglichkeit
das unvergängliche Leben
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und singen mit den
Chören der Engel das Lob
deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 3
Wir danken dir, treuer und barmherziger Vater,
für Jesus, deinen Sohn unseren Herrn und Bruder.
Seine Liebe galt den Armen und Kranken,
den Ausgestoßenen und Sündern.
An keiner Not ging er vorüber.
Sein Leben und seine Botschaft lehren uns,
daß du ein Gott bist, der sich der Menschen annimmt
wie ein Vater sich um seine Kinder sorgt.
Darum loben und preisen wir dich,
wir rühmen deine Güte und Treue
und verkünden mit allen Engeln und Heiligen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 3
Wir danken dir, Gott, allmächtiger Vater,
und preisen dich für dein Wirken in dieser Welt
durch unseren Herrn Jesus Christus:
Denn inmitten einer Menschheit,
die gespalten und zerrissen ist,
erfahren wir,
daß du Bereitschaft zur Versöhnung schenkst.
Dein Geist bewegt die Herzen,
wenn Feinde wieder miteinander sprechen,
Gegner sich die Hände reichen,
und Völker einen Weg zueinander suchen.
Dein Werk ist es,
wenn der Wille zum Frieden den Streit beendet,
Verzeihung den Haß überwindet
und Rache der Vergebung weicht.
Darum können wir nicht aufhören,
dir zu danken und dich zu preisen.
Wir stimmen ein
in den Lobgesang der Chöre des Himmels,
die ohne Ende rufen:
Aus dem Hochgebet Versöhnung 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Dank zu sagen, heiliger Gott.
Du hörst nicht auf,
uns zu einem reicheren Leben zu berufen.
Weil du ein Gott voll herzlichen Erbarmens bist,
wirst du nicht müde,
uns immer neu deine Verzeihung anzubieten.
Du lädst den sündigen Menschen ein,
auf deine Vergebung zu bauen.
Obwohl wir deinen Bund gebrochen hatten,
hast du dich nicht von uns abgewandt.
Durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus,
hast du zwischen dir und der Menschheit
ein neues Band geknüpft, das nicht mehr zerreißt.
Immer wieder wendest du dein Volk dir zu
und läßt es aufatmen in Christus.
Du gibst ihm Mut,
sich mehr und mehr dem Heiligen Geist zu überlassen
und den Menschen zu dienen.
Darum bewundern wir dich und danken dir.
Wir verkünden die Kraft deiner Liebe
und die Freude deines Heiles in Christus.
Wir vereinen unsere Stimmen
mit den ungezählten Stimmen des Himmels und rufen:
Aus dem Hochgebet Versöhnung 2
Gütiger Gott,
du hast uns mit dem Brot des Himmels gestärkt.
Lass deine Kraft in uns wirken,
damit wir fähig werden,
die ewigen Güter zu empfangen,
die uns in diesen Gaben verheißen sind.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 31. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott,
du hast gewollt,
daß sich das Bild deines Sohnes
auspräge im Wesen der Getauften,
die du zu deinem Tisch geladen hast.
Ermutige uns, dem Evangelium zu folgen
und deinem Heiligen Geist Raum zu geben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Schlussgebete zur Auswahl 6
Der gütige Gott, der alles liebt, was er geschaffen hat,
schenke euch Lebenskraft und Freude.
Jesus Christus, der gekommen ist,
um zu suchen und zu retten, was verloren ist,
lasse euch teilhaben an der Gemeinschaft des Volkes Gottes.
Der Heilige Geist, der allen Willen zum Guten
und jedes Werk des Glaubens vollendet,
begleite euch in euren täglichen Mühen.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Zachäus, obwohl von Natur aus zu kurz gewachsen und von sozialem Ansehen durchaus niedriger Natur, wächst weit über sich hinaus: Hinaus über das, was man sich von ihm erwartet hätte, sogar über das hinaus, was das damalige Recht, wenn es denn durchgesetzt worden wäre, von ihm erwartet hätte, und erst recht im Ansehen durch Jesus von Nazareth über das, was er sich selber vorgestellt hätte, vor allem aber über das hinaus, was seine Zeitgenossen ihm – und Jesus von Nazareth zugestanden – hätten.
Und die Moral von der Geschicht’? Die Pointe der Geschichte liegt wohl gerade darin, dass sie uns eben eine solche Moral vorenthält. Diese Geschichte sagt eben gerade nicht, wie wir das gelegentlich so gerne predigen – und zwar nicht nur in der Kirche: Ihr müsst dieses tun oder jenes, damit… Sondern sie zeigt uns gerade die geradezu absolute Voraussetzungslosigkeit der Begegnung mit Jesus von Nazareth und deren unbegrenzte Potenz, die Dinge aus dem Lot – und damit recht eigentlich ins Lot zu bringen. Mitunter reicht eben auch die schlichte, vielleicht sogar etwas sensationslüsterne Neugier aus, eine solche radikale Umkehr auszulösen – und erstaunlicherweise ist nicht einmal ein skandalöser Lebenswandel jenes Hindernis, das die fromm und gerecht Denkenden gerne aufgerichtet sähen. Nicht die ethische Korrektheit ermöglicht die Begegnung, sondern – umgekehrt - die Begegnung befreit zur ethischen Sensibilität!
Und so ist das überhaupt in der Begegnung mit diesem Jesus von Nazareth: Sie befreit uns, wenn sie gelingt – und das liegt wohl zum Wenigsten an uns selber! - , von unseren uns angeborenen und eingewachsenen Wachstumshindernissen. Sie lässt uns über uns selbst hinauswachsen, weil sie uns von uns selber befreit – und von unserem Habenwollen und Seinwollen.
Robert Leicht, Predigt: “Da ist aber einer über sich hinausgewachsen“ in der Hauptkirche St. Michaelis zu Hamburg am 24.06.2007
https://www.ekd.de/070624_leicht_hamburg.htm
Jeder des anderen Ärgernis
jeder des anderen Spaß
jeder des anderen Spielautomat
Goldene Serie, schrecklicher Reinfall
jeder des anderen Kontaktperson
Wackelkontakt, total überdreht
jeder des anderen Fels
jeder aus Stein.
Es gibt keinen Grund
dich nicht zu belügen
jedem ist alles egal.
Jeder eine Nummer
ein Loch und im Eimer
alle auf Nummer Sicher.
Jeder sieht mir irgendwie ähnlich
und verschläft jeden Tag
diesen billigen Traum:
Wenn jeder jedem Feuer gäbe
mit brennendem Paß
wäre keiner mehr jeder.
Ralf Rothmann, Gebet in Ruinen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000.
ist auf dem Baum angekommen. Es ist, als ob sein ganzes Leben auf diesen Augenblick zugelaufen wäre, dieses Leben, aus dem er sich mehr und mehr ein Gewissen machte. Alle Selbstsicherheit ist von ihm abgefallen. Er hat sein Leben vertan, da er auf die falsche Karte setzte, auf Geldgewinn und Reichtum. Nun sitzt er im Geäst des Baumes so, als wolle er sich wie Adam und Eva vor Gott verstecken. Als Kollaborateur der verhassten Besatzer, der Römer, ist er von seinen eigenen Landsleuten geächtet. Auch deshalb sucht er im Geäst des Baumes Schutz vor ihren bösen Blicken.
Aber da ist auch ein Funken von Sehnsucht und Hoffnung, das noch etwas Einmaliges und Unerwartetes in seinem Leben aufbrechen könnte.
Ja, wenigstens einen Blick will Zachäus auf Jesus erhaschen. Das ist noch weniger, als den Saum seines Gewandes zu berühren. Und da steht Jesus schon unter seinem Baum, schaut zu ihm hinauf, schaut ihn an mit seinen unendlichen gütigen Augen. Und Zachäus spürt, dass er, so wie ihm zumute ist, bis auf den Seelengrund verstanden und geliebt ist. Nein, es sind keine Vorleistungen zu erbringen. Nur vom Baum muss er herabsteigen - wieder auf festen Grund. Indem Jesus ihn ansieht und sich ihm zuwendet, hat Zachäus ein neues Ansehen gewonnen, und das ermutigt ihn, den Rabbi bei sich einzuladen. Wie selbstverständlich gelingt ihm die Umkehr zu einem neuen, befreiten Leben.
Karlheinz May, Vom Duft der Auferstehung. Die vier Evangelien in Auszügen. Bernardus Verlag, Aachen 2009.

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