Die Heilung des Blindgeborenen befreit ihn von seiner körperlichen Blindheit aber auch von der Blindheit des Herzens. Die Fastenzeit führt uns zu Jesus, der auch unsere Blindheit des Herzens heilen möchte.
Wir sind gewohnt, nach dem Schuldigen zu suchen. Das hat oft zur Folge, dass jemand zum Sündenbock gestempelt wird, und sich die anderen von Schuld freigesprochen fühlen. Jesus pflegt einen anderen Umgang mit der Schuldfrage, weil er von einem anderen Gottesbild ausgeht. Daraus ergibt sich auch eine neue Sichtweise und ein neuer Umgang mit dem Leid.
Jesus gibt dem Blindgeborenen nicht nur das Augenlicht wieder, er wird für ihn zum Licht des Lebens. Die Pharisäer schließen ihn aus der Gemeinschaft der Glaubenden aus, er schließt sich Jesus an. Wer Jesus als Licht erfahren hat, ist berufen, selbst zum Licht für andere zu werden.
Ein Resümee der bisherigen Fastensonntage zeigt, dass wir Begegnungen verschiedenster Art vor uns haben: Am ersten Fastensonntag waren es Begegnungen abstrakter Natur, die sich aber konkret auswirken und denen auch Jesus als Mensch nicht entkommen ist: den Versuchungen nach Besitz, Macht, Ansehen, Ruhm. Dabei geht es darum, Widerstand zu leisten gegen alles, was menschliche Beziehungen stören kann. Am zweiten Fastensonntag: Begegnung mit den Aposteln bei der Verklärung des Herrn. Die Jünger dürfen einen kurzen Augenblick auf die Zukunft werfen und die Wirklichkeit der Auferstehung genießen. Der dritte Fastensonntag zeigt, wie Konventionen durchbrochen werden. Jesus geht nicht nur zu den Selbstgerechten, sondern auch zu der samaritischen Frau, einer Ausländerin und kommt mit ihr ins Gespräch. Für Juden völlig undenkbar, dass es so etwas geben darf. Glatter Regelbruch! Die letzte Begegnung in der Fastenzeit ist die Begegnung Jesu mit dem Tod.
Heute, am vierten Fastensonntag, geht es wieder um eine Begegnung: die Begegnung mit Krankheit und Leid, somit um das Hineingehen in letzte Tiefen menschlicher Existenz und was aber in besonderer Weise den Inhalt dieses Sonntags ausmacht: um Freude und Heil und um zum Glauben zu ermuntern. Das wäre Aufgabe jeder Religion, heilend zu wirken, was aber leider nicht immer geschieht. Wieder bricht Jesus in den Augen der Pharisäer eine Konvention: Heilung am Sabbat. Die Handlungsebenen dieses Evangeliums verdienen genauere Betrachtung: Da wird zunächst Ursachenforschung betrieben: Wer trägt Schuld an der Krankheit, (an Leid, Tod, Misserfolgen)? Diese Frage zieht sich durch die gesamte Perikope. Auch heute suchen wir nach dem Sündenbock, dem Verursacher allen Unglücks.
Worin liegt die Blindheit? Sie ist nicht nur in der Augenkrankheit feststellbar, die kein Licht zulässt und beim Blinden alles rundherum verdunkelt. Jesus führt zum Licht, er ist das Licht, er führt auch zum Licht des Glaubens. Die Blindheit liegt beispielsweise in Vorurteilen, in festgefahrenen Meinungen, im Denken, das keine anderen Sichtweisen zulässt, in der Realitätsverweigerung. Blindheit liegt auch darin "Sein Köpferl im Sand" zu verstecken, wie Arik Brauer formuliert: "Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güt's nix, ober meiner, unter meiner siach i nix. Spür nix, hear nix und i riach nix."- Weil Jesus auch von dieser Art von Blindheit befreien will, bückt er sich: Speichel und Erde als Mittel gegen die Augenerkrankung. Auch das Bücken hat Bedeutung. Jesus bückt sich genauso wie er es bei der Fußwaschung getan hat, er bückt sich, um den Dienst der Heilung zu leisten, nicht nur körperlich, sondern auch in der Einstellung des Menschen zu sich selbst und zu seiner Umgebung. Auch der Blinde bückt sich, um rein zu werden, um eine andere Sicht, einen Weitblick zu bekommen, im Sehen und im Erkennen antwortet der Blinde: "Ja, Herr ich glaube!" (Joh. 9,38). Der Blinde taucht durch seine Reinigung im Teich Schiloach in den Gesandten Gottes ein, um ein Glaubensbekenntnis abzulegen.
Bringt nicht dieses Evangelium auch für uns Anstöße weiter zu schauen als über den Tellerrand? Wir sehen nur, was wir wollen, wir sehen nur, wen wir wollen. Im Zeitalter der Reizüberflutung von Internet, Twitter, Facebook brauchen wir eine Auswahl an Informationen. Aber die Art von Blindheit wie sie uns in der Heiligen Schrift dargestellt wird, ist gefährlich, weil sie nicht als Not empfunden wird und man sie als Schutz gar nicht preisgeben will. Vielleicht ist es sogar ein Risiko, sehend zu werden, weil die Konsequenzen unbequem sind. Die Sehenden sind oft die Unbequemen, die sich nicht in bestimmte Schemata einordnen lassen, die auf Veränderung drängen und ihrer Zeit voraus sind- eine prophetische Gabe.
Dieses Evangelium ermutigt uns, sehend zu werden, zu glauben und zu vertrauen. Diese spektakuläre Heilung gibt uns zu verstehen, dass der Blindgeborene Zeichen der Gottesherrlichkeit ist. Die Pharisäer wollen Ordnung nach dem Gesetz Mose. Jesus durchbricht das Gesetz des Sabbat, also ein Formalfehler. Warum solche Umwege zur Heilung notwendig sind, bleibt ein Geheimnis. Durch den Weg des Leidens soll der Mensch auf eine neue Persönlichkeitsstufe gebracht werden.
Sonntag Laetare: Wir bleiben nicht bei Krankheit, Leid und Tod stehen. Der Übergang, das Reich Gottes, hat schon begonnen. Übergänge sind oft Zeichen der Herrlichkeit Gottes. Es ist ein Gott der Überraschungen. - Ich wünsche Ihnen Weitblick, Durchblick im Geiste Jesu, mit den Augen Gottes.
Lieder:
GL 140: Kommt herbei, singt dem Herrn
GL 221: Kündet allen in der Not
GL 268: Erbarme dich, erbarm dich mein
GL 271: O Herr, aus tiefer Klage
GL 272: Zeige uns, Herr, deine Allmacht (1. und 3. Str.)
GL 273: O Herr, nimm unsre Schuld (3. Str.)
GL 275: Selig, wem Christus auf dem Weg begegnet
GL 277: Aus tiefer Not schrei ich zu dir
GL 358: Ich will dich lieben, meine Stärke
GL 360: Macht weit die Pforten in der Welt (2. Str.)
GL 365: Meine Hoffnung, meine Freude
GL 372: Morgenstern der finstern Nacht
GL 377: O Jesu, all mein leben bist du
GL 385: Nun saget Dank und lobt den Herren
GL 392: Lobe den Herren, den mächtigen König
GL 418: Befiehl deine Wege
GL 427: Herr, deine Güt ist unbegrenzt
GL 428: Herr, dir ist nichts verborgen
GL 429: Gott wohnt in einem Lichte
GL 437: Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
GL 446: Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun
GL 450: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht
GL 459: Selig seid ihr, wenn ihr Wunden heilt
GL 468: Gott gab uns Atem, damit wir leben
GL 481: Sonne der Gerechtigkeit
GL 485: O Jesu Christe, wahres Licht
GL 489: Lasst uns loben, freudig loben
GL 640,1: Herr, unser Gott, bekehre uns
GL Ö814: O höre, Herr, erhöre mich
Psalmen und Kehrverse:
GL 37: Der Herr ist mein Hirt; erführt mich an Wasser des Lebens. - Mit Psalm 23 - VI.
GL 38: Der Herr ist mein Licht und mein Heil - Mit Psalm 27 - IV.
GL 447,1: Öffne meine Augen, dass sie sehen die Wunder an deinem Gesetz - Mit Psalm 4 (GL 664,2) oder mit Psalm 98 (GL 55,2) - VIII.
GL 518: Beim Herrn ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung - Mit Psalm 57 (GL 649,6) - VII.
GL 629,1: Du führst mich hinaus ins Weite; du machst meine Finsternis hell - Mit Psalm 30 - I
GL 639,1: Erbarme dich meiner, O Gott, erbarme dich meiner - Mit Psalm 51 - IV.
Herr, unser Gott,
du hast in deinem Sohn
die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben,
damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 4. Fastensonntag
Gott.
Du hast uns geschaffen - doch wir kennen dich kaum.
Du liebst uns - und doch bist du uns fremd.
Offenbare dich deiner Gemeinde.
Zeige uns dein Gesicht.
Sag uns, wer du bist und was du für uns bedeutest.
Lehre uns dich erkennen, dich verstehen, dich lieben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus. Amen.
MB Auswahl 2
Wir beten für alle Menschen, die organisch blind sind.Dir sei Lob und Preis, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
Hilf ihnen, dass sie auf andere Weise die Schönheit deiner Schöpfung erfahren können und ihr Leben meistern können.
Wir beten für Menschen, die keinen Zugang finden zum Glauben.
Hilf ihnen durch unser Lebensbeispiel zu sehen,
wie hilfreich und erfüllend es ist, mit dir zu leben.
Wir beten für uns selbst.
Hilf uns in unserem Glauben zu wachsen
und die Welt wie auch die Mitmenschen mit den Augen der Liebe zu betrachten.
Wir beten für alle Kinder und Jugendliche.
Hilf ihnen zu wachsen und zu reifen
und deine Liebe zu allen Menschen zu erkennen.
Wir beten für alle, die in der Kirche Verantwortung tragen.
Hilf ihnen, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen und das zu tun,
was notwendig ist für das Volk Gottes in heutiger Zeit.
Wir beten für unsere Verstorbenen.
Lass sie dich in ewiger Freude anschauen
und leuchte ihnen als das Licht des Lebens.
Lass uns erkennen, wie viel Wohltaten du uns täglich schenkst.Herr Jesus Christus,
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Lass uns im Glauben und in der Liebe zu dir wachsen.
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Gib uns den Mut, uns zu dir zu bekennen und dir die Treue zu halten.
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Hilf allen Suchenden, dich zu finden.
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Stärke uns, ein Ja zu sprechen zu unserer Berufung.
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Öffne unser Augen für die Menschen, die unserer Liebe und Hilfe bedürfen.
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Stehe bei den Sterbenden
und lass sie dich schauen dürfen in der Gemeinschaft mit dir.
Jesus, du Heil der Menschen, ...
Herr, unser Gott,
in der Freude auf das Osterfest
bringen wir unsere Gaben dar.
Hilf uns, gläubig und ehrfürchtig das Opfer zu feiern,
das der Welt Heilung schenkt und den Tod überwindet.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Kehrvers:
Dem Herrn will ich singen;
machtvoll hat er sich kundgetan. (GL 624,2)
Guter und barmherziger Gott,
wir treten vor dich, um dir zu danken.
Wir danken dir für das Licht der Augen
und für alles Schöne und Großartige,
das wir mit unseren Augen wahrnehmen können.
Kehrvers
Wir danken dir für alles Große und Schöne,
das unseren menschlichen Augen verborgen bleibt,
was wir nur mit dem Auge des Herzens und des Glaubens wahrnehmen können.
Kehrvers
Wir danken dir, dass Du nicht auf die äußere Erscheinung siehst,
sondern du auf das Herz schaust
und mit deinem Geist und mit deiner Stärke erfüllst,
die du lieb gewonnen und erwählt hast.
Kehrvers
Wir danken dir für Jesus von Nazareth, deinen Sohn.
Er hat uns das Licht des Glaubens gebracht
und uns wie dem Blindgeborenen die Augen geöffnet
für dein Wirken in der Welt.
Kehrvers
Er hat uns von unserer Sünde geheilt
und uns mit dir versöhnt.
Er hat uns befähigt, die Werke der Finsternis abzulegen
und als Kinder des Lichtes zu leben.
Kehrvers
Für all das danken wir dir
und singen wir dir mit der ganzen Schöpfung zum Lob:
Danklied, z. B: Herr, deine Güt ist unbegrenzt (GL 427)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn durch seine Menschwerdung
hat er das Menschengeschlecht
aus der Finsternis zum Licht des Glaubens geführt.
Wir sind als Knechte der Sünde geboren,
er aber macht uns zu deinen Kindern
durch die neue Geburt
aus dem Wasser der Taufe.
Darum preisen wir jetzt
und in Ewigkeit dein Erbarmen
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Fastensonntag 4
Allmächtiger Gott,
dein ewiges Wort ist das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet.
Heile die Blindheit unseres Herzens,
damit wir erkennen, was vor dir recht ist,
und dich aufrichtig lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.
Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.
Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.
Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?
Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.
Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.
Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.
Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.
Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeder Stadt
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baums nach dem Kirschen in einemHochgefühl
wie auch heute noch,
eine Scheu vor jedem Fremden
und hat sie immer noch,
wartete es auf den ersten Schnee,
und wartet so immer noch.
Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.
Peter Handke - as featured in the movie "Der Himmel über Berlin" / "Wings Of Desire" by Wim Wenders, 1987.

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