Jesus erscheint seinen Jüngern nicht, um sich als Auferstandener feiern zu lassen, sondern tritt mit der Sendung, sein Werk der Versöhnung der Menschheit mit Gott fortzusetzen, an seine Jünger heran. Dazu braucht er alle, auch den Thomas.
Wer kennt das nicht: Man fühlt sich allein in einem Raum und plötzlich ist jemand da, mit dem oder mit der man nicht gerechnet hat? "Hast du mich jetzt erschreckt!" heißt es dann und man ist erleichtert, wenn der oder die Unerwartete eine vertraute Person ist. Der Schrecken muss wohl umso größer sein, wenn diese Person fremd ist oder man sich nicht vorstellen kann, wie sie hereingekommen ist.
So muss es wohl auch den Jüngern ergangen sein, als da plötzlich Jesus in ihrer Mitte war, obwohl sie sich aus Furcht vor Verfolgung eingeschlossen hatten. Erst recht konnte niemand damit rechnen, dass Jesus da war, nachdem ihnen all die Ereignisse um seinen Tod noch in den Knochen steckten.
Und es ist durchaus verständlich, dass einer, der das nicht miterlebt hat, alles nicht glauben kann. Da muss man gar kein großer Skeptiker sein, zu dem der Apostel Thomas gerne hochstilisiert wird.
Jesus war es aber offensichtlich ein Anliegen, dass alle auf dem gleichen Wissens- und Überzeugungsstand waren. Einerseits waren die Jünger ja seine Freunde, andererseits hatte er ein Anliegen, für das er alle brauchte und ins Boot holen wollte. Für ihn begann eine neue Ära, von der die Jünger noch nichts ahnten. Jesus will, dass seine Sache weitergeht. Für ihn ist seine Mission noch nicht zu Ende.
Um dies zu verstehen, müssen wir zurück an den Anfang: Bei seiner Taufe im Jordan kam der Geist Gottes auf Jesus herab. Dieser ist von nun an die treibende Kraft, die ihn erfüllt. Der Geist führt ihn zunächst in die Wüste. Nach der Gefangennahme des Täufers treibt der Geist Jesus öffentlich aufzutreten und den Anbruch des Reiches Gottes als Evangelium zu verkünden, während die anderen Johannes-Jünger sich zurückzogen. Der Geist Gottes begleitet Jesus auf dem ganzen Weg bis zum von den Jüngern unerwarteten Ende in Jerusalem. Die Evangelisten Matthäus und Lukas wissen sogar zu berichten, dass bereits die Zeugung und die Geburt Jesu vom Heiligen Geist bewirkt waren.
Das Werk des Heiligen Geistes ist nicht mit dem Tod Jesu und auch nicht mit seiner Auferstehung zu Ende. Die Auferstehung Jesu ist mehr als ein Happy End einer dramatischen Geschichte. Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten müssen zusammen gesehen werden, um sie verstehen zu können.
Jesus tritt in die Mitte seiner noch verstörten Jünger und übergibt ihnen sein Werk mit den Worten: "Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch;" und: "Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." Das große Werk der Versöhnung der Menschheit mit dem Vater, das Jesus begonnen hat, geht weiter in der Verantwortung der Jünger.
Das "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch", gilt auch uns, den Nachfolgern der Jünger Jesu. Den Auftrag "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert", nur als Vollmacht der Sündenvergebung zu betrachten und den Papst und die Bischöfe dafür zuständig zu erklären, ist eine Engführung in der Auslegung dieses Sendungsauftrages Jesu.
Papst Johannes Paul II. hat den Weißen Sonntag zum Sonntag der Barmherzigkeit erklärt und damit das Thema Barmherzigkeit stärker in die Mitte der Theologie und der Pastoral gerückt. Das Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat, ist zwar zu Ende, bleibt aber Programm für die ganze Kirche.
Dabei geht es meines Erachtens nicht nur um die Frage, wie finde ich einen barmherzigen Gott angesichts meines persönlichen Versagens und wie kann das Sakrament der Versöhnung neu belebt werden. Vielmehr sollte unser ganzes Leben von Barmherzigkeit geprägt und getragen werden. Das gilt im Umgang mit den Menschen, die an uns schuldig geworden sind, dies gilt aber auch für den Umgang mit Menschen, die in unserem unbarmherzigen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem zu Verlierern geworden sind. Dies betrifft die Schwächeren in unserer eigenen Gesellschaft. Dies betrifft aber auch all jene, die von den selbsternannten Herrschern aus ihren Heimatländern vertrieben worden sind. Nicht zuletzt ist unser ganzes Weltwirtschaftssystem davon betroffen, das einzelne sehr reich macht und viele arm bleiben lässt.
Die Jünger hatten sich zunächst "aus Furcht vor den Juden" eingeschlossen. Wir neigen aus diversen anderen Gründen dazu, uns abzukapseln und auf unser eigenes Wohl – leiblich wie seelisch – zu schauen. Jesus tritt auch an uns heran und fordert uns auf, sein Werk der Barmherzigkeit Gottes in die ganze Welt hineinzutragen.
Papst Johannes Paul II. hat auf Bitten der Sr. Faustina hin den Weißen Sonntag zum Sonntag der Barmherzigkeit erklärt. Das Thema Barmherzigkeit geht aus den Bibeltexten, die an diesem Sonntag gelesen werden hervor.
Als die Jünger sich nach dem Verrat an Jesus und nach dessen Tod im Abendmahlsaal eingesperrt hatten, befanden sie sich wie in einem Loch. Das schlechte Gewissen, Jesus verleugnet zu haben, bedrängte sie. Hoffnungslosigkeit drückte sie nieder. Jesus war in ihren Augen tot. Dazu kam die Angst, die Juden könnten mit ihnen so verfahren wie mit Jesus. Da ergreift Jesus die Initiative. Er betritt am Osterabend den Raum - trotz verschlossener Türen - und spricht zu ihnen: “Friede sei mit Euch!” Er zeigt ihnen die Wundmale - er ist es wirklich, der Gekreuzigte. Die Jünger erkennen ihn - sie sehen die Wunden und müssen sich ihnen stellen. Auch jetzt keine Vorwürfe, sondern wieder: “Friede sei mit Euch!“ Keine Abrechnung oder Strafe. Jesus ermutigt, seine Gegenwart belebt. Er ist barmherzig, trägt nichts nach, er vergibt. Dann haucht er sie an. Dieses Anhauchen ist die Geste, mit der Gott in die Nase des Adam den Odem des Lebens eingehaucht hat. Nun erschafft Jesus die Jünger im Oster-Geiste neu. Er ermächtigt zu neuem Leben. Umkehr, Neuanfang beginnen beim auferstandenen Christus, der entgegengeht. Versöhnung ist der Lobpreis auf den barmherzigen Jesus, der uns vergibt.
Deshalb hat Johannes Paul II. im Jahr 2000 gleich nach dem Osterfest den Weißen Sonntag zum Sonntag der Barmherzigkeit erklärt. Er selbst starb im Jahre 2005 am Vorabend dieses Sonntags.
Seinen Ursprung hat dieser neue Titel in den Erscheinungen der heiligen Ordensschwester Faustyna Kowalska aus Krakau in Polen. Sie lebte von 1905 bis 1938, in einer Zeit mit dem ersten Weltkrieg, der Weltwirtschaftskrise und mit dem Europa bedrohenden Nationalsozialismus. In der Glaubensverkündigung herrschte eine gewisse Strenge vor. Nach Aussage von Schwester Faustina erschien ihr Jesus mehrere Male. In den Visionen erhielt sie den Auftrag, Künderin der Barmherzigkeit Gottes zu sein. Es wurde Ihr auch aufgetragen, ein Bild Jesu malen zu lassen, von dessen Herzen zwei Strahlen ausgehen. Das gemalte Bild trägt die Unterschrift: „Jesus, ich vertraue auf Dich“. Das sollten wir oft beten. Jesus habe ihr auch aufgegeben, sich für die Einführung des Sonntags der Barmherzigkeit als Fest der Göttlichen Barmherzigkeit am Sonntag nach Ostern einzusetzen. Durch Sr. Faustina verbreitete sich auch der Barmherzigkeitsrosenkranz.
Das ist der Hintergrund, warum die Kirche seit einigen Jahren heute nicht nur den Weißen Sonntag begeht, sondern auch den Barmherzigkeitssonntag. Johannes Paul II. wusste, dass unsere Welt der Barmherzigkeit bedarf. Papst Franziskus führte dies in dem Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit fort.
Überraschenderweise gipfelt das Evangelium vom Osterabend, wo Thomas nicht da war, im vergebenden Friedensangebot und im Satz: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ Die Versöhnung der Menschheit mit dem Vater, seine Barmherzigkeit, soll durch die Jünger zu allen Menschen gebracht werden: das ist der johanneische Akzent des Missionsbefehls. Der Geist der Barmherzigkeit soll das Angesicht der Erde erneuern. Dieses „Pastoralprogramm“ gilt es auch heute, 2000 Jahre später, einzulösen. Wenn wir diese "Mission der Barmherzigkeit" ernst nehmen und uns an ihr ausrichten, helfen wir vielen Mitmenschen, den österlichen Geist Jesu zu entdecken.
Thomas versäumt diese erste Begegnung der Jünger mit dem Herrn. Er glaubt den Jüngern nicht, was sie vom Auferstandenen berichten. Er will Fakten sehen, die er begreifen kann. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“
Als ihm Jesus eine Woche später gegenübertritt, ist dieser Wunsch plötzlich zweitrangig. Er wird überwältigt von der Ausstrahlung, die von der Person des Auferstandenen ausgeht. Nun "sieht" er viel mehr, als er zu sehen verlangte, und bekennt: "Mein Herr und mein Gott!". Jesus sagte zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Das sind wir. Wir sehen Jesu nicht, doch mit unseren Schwestern und Brüdern, die mit uns als Kirche Ostern feiern, glauben wir. Um tiefer in seine österliche Barmherzigkeit hineinzufinden, sind wir eingeladen, das kurze Gebet „Jesus, ich vertraue auf Dich“! zu sprechen und zu wiederholen.
Auf längeren Autofahrten bin ich schon öfter auf die Rundfunksendung "Kinderuni" gestoßen. Dazu wird jeweils eine kleine Runde von Kindern eingeladen, Experten zu einem bestimmten Thema Fragen stellen. Diese beantworten die Fragen in einer altersgemäßen Sprache. Spannend ist für mich immer, auf welche Fragen die wissbegierigen Kinderuniteilnehmer kommen.
Als ich so alt war wie diese Kinder, stellten nur die Lehrer Fragen, die ich richtig zu beantworten hatte. Erst im Gymnasium hatte ich auch Lehrer, die Fragen zuließen. Doch ich erinnere mich auch an die Befürchtung, dass meine Fragen als dumm abqualifiziert werden könnten. Sehr dankbar bin ich meinen Lehrern an der Universität, die uns ermutigten, Fragen zu stellen und auch theologische Lehrmeinungen zu hinterfragen und so der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Nicht alle meine Studienkollegen und vor allem nicht alle älteren Mitbrüder schätzten diesen Zugang zur Theologie. Einige hatten die Befürchtung, dass das Genau-wissen-wollen vom Glauben wegführen könnte.
Mittlerweile haben höchste kirchliche Autoritäten klargestellt, dass Glaube und Wissenschaft einander nicht ausschließen. Papst Benedikt XVI. hat immer wieder betont, dass sich unser Glauben kritischen Fragen der übrigen Wissenschaften stellen müsse. Er selbst hat kritische Fragen gestellt, selbst wenn es politisch nicht opportun war.
Im Evangelium begegnete uns heute der Apostel Thomas, der ganz zu Unrecht den Spitznamen "der Ungläubige" bekommen hat. Es ist schon bezeichnend, dass er nicht dabei war, als Jesus den Jüngern am Ostertag zum ersten Mal erschienen ist. Offenbar ist er auch sonst eigene Wege gegangen. Er ist skeptisch und weiß darum, wie schnell Menschen bereit sind, von etwas überzeugt zu sein, allein weil es "alle" sagen. Er will es genau wissen. Als Jesus ihm eine Woche später gegenübertritt und ihm anbietet, die Finger in seine Wunden zu legen und seine Hand in die offene Seitenwunde, geht er in die Knie und bekennt "mein Herr und mein Gott". Offen bleibt, ob er wirklich die Wunden berührt hat oder ob ihm nicht die Begegnung mit dem Auferstandenen genügt hat.
Für mich ist in dieser Erzählung das Verhältnis von Wissen und Glauben bildhaft dargestellt. Es ist gut, wenn Menschen, die glauben wollen, kritische und heikle Fragen stellen, und wenn Fachleute diesen Fragen sorgfältig nachgehen. Das Fragen und das Beantworten von Glaubensfragen allein führt aber noch nicht zum Glauben, denn es gibt verschiedene Weisen des Glaubens. Z.B. glaube ich etwas, solange ich es nicht besser weiß. Das ist aber kein Glaube im existentiellen Sinn. Im "mein Herr und mein Gott" steckt viel mehr drinnen: Es enthält das Bekenntnis zu einer Person, der er vertrauensvoll folgen will. Dieser persönliche Akt geht über ein Glauben als "für wahr halten" weit hinaus. Dies ist eine persönliche Entscheidung, an die ich durch kritisches Fragen und Suchen zwar herangeführt werden kann, das Glauben ist jedoch ein eigener Akt. Ein Glauben in diesem Sinn kann nicht bewiesen werden und entzieht sich der Logik der Wissenschaften.
Der Glaube des "für wahr Haltens" hingegen ist ein weites Feld, auf dem sich viele große und kleine Geister tummeln. Es ist spannend und lohnend, sich damit zu beschäftigen. Es gehört dazu jedoch neben Intelligenz auch eine gewisse Redlichkeit. Immer wieder melden sich Menschen zu Wort, die nicht nur "alles" wissen, sondern vor allem alles besser wissen. Mit ihnen ist schwer zu diskutieren. Rund um das Osterfest werden sie von Medien gerne eingeladen, ihre Thesen darzulegen, weil dies meist mehr Interesse weckt als eine redliche Diskussion.
Und wie können Menschen damit umgehen, denen das alles zu kompliziert und zu hoch ist? Sie können sich am Wort des Auferstandenen anhalten: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben". Sie lassen sich von der Glaubwürdigkeit des Jesus von Nazareth überzeugen. Sie halten sich an das, was dieser Mensch gelebt, gesagt und ausgestrahlt hat. Zwar müssen sie damit rechnen, dass sie von einigen Zeitgenossen dafür ein wenig belächelt werden. Wenn sie jedoch selbst ein redliches und glaubwürdiges Leben führen, dürfen sie sich der Hochachtung wirklich "Weiser und Kluger" sicher sein.
Das Erwachen der Natur "Vom Eise befreit...", Frühlingsglockenblumen, Fünftageurlaub.
Kirchlich: Exsultet - Osterfrühstück - Segen Urbi et Orbi in einem Sprachenwirrwarr.
Ein neuer Umgang des "Bischofs von Rom" mit den Katholiken - Reformhoffnungen.
Wer spricht von einer glückseligen Schuld, neuem Leben aus Ruinen, wer ist Zeuge der Auferstehung? Was ist der eigentliche Bereich des Todes, wer ist grenzüberschreitend am Ufer des Lebens? Was sind die Zeichen und Wunder, die jetzt von einer besseren Welt etwas ahnen lassen?
Wir können nicht in seine Seitenwunde tasten, ein leeres Grab nachprüfen. Ist nicht nötig!
Wir erleben ihn nicht einmal wie Magdalena als den fremdartigen, unantastbaren Gärtner? Wir stellen verbittert fest, dass uns der Bischof keinen seelsorgernden Pfarrer mehr schickt. Die jüngere Generation überlässt den ganzen falschen Zauber dem Osterhasenwarenhaus.
Die Reichen werden maßlos reich und die Armen werden kaum merklich immerzu ärmer.
Angst und Verelendung überborden allerorten, greise Menschen warten sinnlos und dement aufs Sterben, Pfleger und Betreuer holen wir aus noch ärmeren Ländern für sie herbei.
Thomas zweifelte - Judas hat verzweifelt - Petrus glaubt, jetzt müssten eigentlich alle wie er Juden werden. Eine Generation später meinen sie, sie müssen die Jesusgeschichte aufschreiben. Was er getan - und dass er, wenngleich schmählich hingerichtet am Schandpfahl, doch nicht gescheitert ist. Im Glaubensbekenntnis halten sie fest: er ist geboren aus einer Jungfrau, hat gelitten und ist hinab-gestiegen in die Vorhölle, dann aber war das Grab leer und er in den Himmel entschwebt. Dort sitzt er zur Rechten des Vaters. Er kommt am Ende der Zeiten als Weltenrichter! Was er getan hat und was er eigentlich wollte, findet weniger Erwähnung. Ja, sie hätten noch Vieles aufschreiben können.
Für Judas, den Verräter suchen sie einen Nachfolger. Welche Qualifikation braucht ein Apostel-nach-folger? Er muss die Auferstehung bezeugen können. Wie denn nur? Wenn so einer dann behauptet, er habe den Auferstandenen gesehen wie Paulus, dann kann schon auch sein, dass er in einer schlimmen Nachfolge des Judas steht, zumal wenn er auf Macht und Rechthaberei setzt und dies sich in seinem Kopf so festgesetzt hat, dass für Liebe zu den Menschen im Herzen kein Platz bleibt.
Wenn er die Lasten anderer trägt und glaubhaft vorlebt, dass die Liebe stärker ist als Tod und Teufel und alle Übel dieser Welt. Wenn er eine jesuanische Antwort hat, wie mit Macht, Geld und Sex zurechtzukommen ist. Der seiner Zweifel enthobene Thomas ging nach Indien: zweifellos bekommen wir jetzt dafür indische Sakramentenspender.
Paulus war stolz, römischer Bürger zu sein. Da durfte ihm Petrus nicht nachstehen und wollte ebenfalls nach Rom, die Hauptstadt der Welt. In einem Roman heißt es, dass Christus nur bis Eboli gekommen sei. Möglich, dass sein hitzköpfiger, doch erstrangiger Apostel es nicht einmal so weit geschafft hat.
Haben sie's gehört und beachtet: die ersten Christen hatten alles gemeinsam, waren also Kommunisten, keine gottlosen natürlich. Ich frage mich manchmal: wieso wurden Juden und Kommunisten die Feindbilder der katholischen Kirche schlechthin? Manche Intellektuellen fragten vor 70 Jahren: wenn es einen Gott gibt, wie konnte er Auschwitz zulassen? Ich frage: wenn wir Jesus verstanden haben, wie konnten gute Christenmenschen dann Kreuzzüge predigen, Kräuterweiblein als Hexen verbrennen, Waffen segnen und Herrschaftspaläste als Residenzen bewohnen? Und wer hat sich je dafür als Sünder bekannt?
Wir haben von dem Leben, das die Todesmächte überwindet, wahrscheinlich viel zu wenig kapiert. Wie optimistisch heißt es aber dennoch im Petrusbrief: "Ihr habt ihn nicht gesehen - aber ihr seid erfüllt von unaussprechlicher, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, die Ziel allen Glaubens ist!" (1 Petr1,8f).
Wolfgang Dettenkofer, Unterkirchengemeinschaft Christkönig Rosenheim.
HWDKHA@t-online.de
Das heutige Evangelium berichtet vom sogenannten "ungläubigen Thomas". Über seine Person, bzw. über seine Lebensdaten wissen wir sehr wenig.
In allen vier Evangelien des Neuen Testaments wird sein Name genannt, und zwar genauer gesagt in den "Apostel-Listen", also der Zusammenstellung, bzw. Nennung der Namen aller Apostel. In den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) steht er neben dem Zöllner Matthäus. In der Apostelgeschichte ist sein Platz neben Philippus. Vor allem aber das vierte Evangelium, das Evangelium nach Johannes, bietet mehr Informationen über ihn.
Weg - Wahrheit - Leben
Auch im Bericht über das "Letzte Abendmahl" wird Thomas erwähnt. Im Wissen um seinen baldigen Tod spricht Jesus davon, dass er gehe, um für die Jünger einen Platz vorzubereiten und, dass diese wüssten, wohin er gehe. Auch hier fällt Thomas auf, indem er meint, dies nicht zu wissen: "Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?". Die Metapher Jesu wird von ihm offensichtlich nicht verstanden und dies veranlasst Jesus zum berühmten Wort "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."
Mit Jesus gehen - mit Jesus sterben
Ein weiteres Mal begegnet uns Thomas im Johannesevangelium als sich Jesus entschließt, nach Betanien zu gehen und Lazarus von den Toten aufzuerwecken. Hier spricht Thomas zu den anderen Jüngern: "Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben".
Der vielleicht wichtigste und bekannteste Abschnitt ist das heutige Sonntagsevangelium. In diesem Text wird geschildert, wie Thomas Zweifel an der Auferstehung des Herrn formuliert und gleichsam einen Beweis dafür fordert. Als er dann acht Tage später die Wundmale sieht, spricht er das Glaubensbekenntnis "Mein Herr und mein Gott!" und kommt zum Glauben an die Auferstehung Jesu Christi. Ob er allerdings, so wie wir es wahrscheinlich vermuten würden und es auch auf vielen historischen Gemälden sehen können, seine Finger wirklich in die Wundmale des Herrn gelegt hat, ist im Neuen Testament nicht überliefert - und angesichts seines Glaubensbekenntnisses letztlich auch nicht mehr nötig.
Denken wir an die Evangelienstellen der vergangenen Tage, so sehen wir, dass der Apostel Thomas mit seinen "Glaubensproblemen und -zweifeln" nicht alleine ist.
Maria von Magdala etwa entdeckt das leere Grab, deutet es aber rein natürlich: der Leichnam ist weggenommen worden. Auch bei Simon Petrus löst das leere Grab kein Glaubensbekenntnis aus und der andere Jünger "sah" und "glaubte" erst dann. Auch Maria vermeint zuerst im auferstandenen Jesus den Gärtner zu erkennen und erfasst noch nicht, was sich ereignet hat. Erst die Anrede durch Jesus öffnet ihre Augen und lässt uns erkennen, dass der Auferstehungsglaube ein Geschenk des Auferstandenen ist.
Als der Auferstandene am ersten Tag der Woche zu den Jüngern kommt, zeigt er ihnen - so wie später auch unserem Apostel Thomas - seine Wundmale. Im Anschluss an das heutige Evangelium schreibt der Evangelist: "Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese sind aber aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen."
Wenn wir vom ungläubigen Apostel Thomas sprechen, so hat dies in der Tradition zumeist einen schlechten oder gar negativen Beigeschmack. Irgendwie kommt er bei uns "nicht gut weg". Und doch müssen wir sehen, dass es viele unterschiedliche Personen im Evangelium gibt, die nicht so einfach zum Glauben kommen können. Auch für sie ist der Weg dorthin nicht einfach und bedarf der "Gabe zum Glauben" durch den Auferstandenen selbst.
Ich denke, Thomas ist im Evangelium vielleicht nur einer unter vielen, der seinen ganz persönlichen Zugang zum Glauben an die Auferstehung sucht. Aber einer, in dem wir uns wiederfinden können. Wie oft hätten denn nicht auch wir gerne ein Zeichen, das uns für unseren Glauben Gewissheit geben könnte, es uns einfacher machen würde: in Momenten der Trauer, der Enttäuschung, des persönlichen Scheiterns... Und so sind wir doch in guter Gemeinschaft mit Thomas, denn es gibt Mut zu sehen, dass auch er in seinem Glauben wachsen musste und letztlich doch das Glaubensbekenntnis "Mein Herr und mein Gott!" sprechen durfte.
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Thomas, Apostel des Jesus von Nazareth... Dass ich vor meiner Begegnung mit IHM Fischer war, wissen Sie vermutlich nicht, aber Sie kennen wahrscheinlich meinen Spitznamen: Didymos. Dabei ist das gar kein Spitzname, sondern nur die griechische Übersetzung meines aramäischen Vornamens. "Thomas" bedeutet "Zwilling".
Und noch etwas ist weitum bekannt: Dass ich der Zweifler bin. Und darum glauben Sie mich zu kennen, nicht wahr? Thomas, der Zweifler. Der, der nicht glauben wollte, was er nicht sah. Aber Sie irren sich. Gezweifelt haben die anderen. Ich war verzweifelt.
Darum war ich auch nicht dabei, als ER den anderen Aposteln erschienen ist. Ich hielt es nicht aus in ihrer Gegenwart. Sie verschanzten sich und spielten "geschlossene Gesellschaft". Mich trieb es hinaus vor die Stadt. Ich wollte allein sein.
Aber auch wenn ich nicht wie sie hinter verschlossenen Türen in Todesstarre verfiel, so igelte ich mich dennoch ein in Verschlossenheit. Ich wollte nichts mehr hören und sehen.
Als ich sie dann wieder traf, erzählten sie mir von einer Begegnung mit IHM. Ich konnte es nicht glauben. Aber ich hatte den Eindruck, sie wussten auch nicht, was sie mir da erzählten. Und so sprach ich eigentlich nur aus, was alle dachten. Keiner von uns hatte kapiert, was hier eigentlich vorgefallen war. Unsere Türen waren wieder zugefallen.
Ich bin mir sicher, ER kam nicht wegen mir nocheinmal. ER kam nocheinmal, weil die Türen immer noch verschlossen waren. Er wusste, wie immer, wie es um uns stand.
So wie der Stein auf seinem Grab für ihn kein Hindernis war, so öffnete er die Türen vor unseren Seelengrüften. "Friede sei mit euch", sprach er zu uns. Jesu Friede ist der Dietrich, der Türen öffnet.
Jesus meinte keinen politischen Frieden. Sein Friede ist ein vom Geist erfülltes, gehauchtes Schalom, das Heilung schenkt. Der Friede Jesu ist eine offene Tür zum Leben.
Und so wurde auch für uns Auferstehung erfahrbar. Ich weiß jetzt: Auferstehung passiert nicht erst nach dem Tod des Menschen, sondern es ist täglich erfahrbar. Auferstehung passiert, wenn sich eine Tür zum Leben öffnet: Wenn jemand nach einer schweren Krankheit überraschend gesund wird, wenn man sich nach einem Streit versöhnt, wenn in einer ausweglosen Situation eine Lösung gefunden wird, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht...
Ich konnte anfangs nicht glauben, was ich nicht angreifen konnte, was ich nicht be-greifen konnte. Und als dann Jesus vor mir stand, begriff ich: Ich muss ihn gar nicht angreifen. Es genügt Jesus zu erfahren. Wichtig ist nicht, ihn zu berühren. Wichtig ist es, die Sehnsucht wach zu halten und sich berühren zu lassen. Und darin habe ich Ihnen gar nicht so viel voraus. Gewiss, ich habe ihn dann tatsächlich gesehen, aber auch Sie dürfen darauf vertrauen, dass Jesus auch ihre Türen öffnet und sein heilendes Shalom über Sie haucht. Sie müssen sich nur ausrichten auf das Leben, das Jesus schenkt. "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Denn das Wesentliche ist ohnehin für die Augen unsichtbar.
In der Liturgie der Kar- und Ostertage steht das Schicksal Jesu, sein Kreuz und seine Auferstehung im Vordergrund. Aber was bedeuten diese Ereignisse für uns Menschen? Was bringt uns Ostern? Welche Konsequenzen ergeben sich für unser Schicksal?
Diese Frage ist verwandt mit der Frage, die Karl Rahner in seinem letzten großen Vortrag aufgeworfen hat. Es ist die Frage: Was ist die "eigentliche Mitte des christlichen Glaubens"?
Karl Rahner beklagt, dass diese zentrale Frage von den Theologen "faktisch oft oder fast immer vergessen wird". Dies trifft nicht nur für Theologen zu, sondern auch für viele Christen. Auch sie haben die "eigentliche Mitte des christlichen Glaubens" oft nicht in den Blick bekommen oder sie vergessen
Was ist nun auf dem Hintergrund der Ostererfahrung "die eigentliche Mitte des christlichen Glaubens"? Was bewirkt Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene für uns? Was sagt uns zu dieser Frage der 1. Petrusbrief? Welche Antwort gibt Karl Rahner in seiner letzten großen Rede anlässlich seines achtzigsten Geburtstages?
Was sagt der 1. Petrusbrief in der heutigen Lesung? Die Aussagen sind gewichtig: Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten haben wir eine lebendige Hoffnung. Wir empfangen das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe. Wir erlangen das Heil. Es wird uns Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil.
Nach diesen Worten werden wir durch Jesus Christus reich beschenkt:
Durch eine neue Geburt, eine lebendige Hoffnung, ein unzerstörbares und unvergängliches Erbe, durch den Anteil an Gottes Ehre und Herrlichkeit.
All diese Begriffe haben mit Gott zu tun. Gott ist uns in besonderer Weise nahe. Er wirkt in uns, er verwandelt uns. Er gibt uns Anteil an der göttlichen Natur (2 Petr 1,4)
Bei all diesen Begriffen geht es auch um die Mitte des christlichen Glaubens. Worin besteht die Mitte des Christentums nach Karl Rahner? "Die eigentliche und einzige Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist darum für mich die wirkliche Selbstmitteilung Gottes in seiner eigensten Wirklichkeit und Herrlichkeit an die Kreatur, ist das Bekenntnis zu der unwahrscheinlichsten Wahrheit, dass Gott selbst mit seiner unendlichen Wirklichkeit und Herrlichkeit, Heiligkeit, Freiheit und Liebe wirklich ohne Abstrich bei uns selbst in der Kreatürlichkeit unserer Existenz ankommen kann und alles andere, was das Christentum anbietet oder von uns fordert dem gegenüber nur Vorläufigkeit oder sekundäre Konsequenz ist". (K. Rahner, Von der Unbegreiflichkeit Gottes. Erfahrungen eines katholischen Theologen, 4. Aufl., Freiburg: Verlag Herder 2006, S. 36).
Die Mitte des Christentums ist nicht das Engagement für Liebe und Gerechtigkeit in der Welt, nicht ein "Humanismus, der Gott für den Menschen verbrauchen will". Diese Mitte des Christentums ist eine neue Qualität der Beziehung zwischen Gott und Mensch, die Rahner als "Selbstmitteilung Gottes" beschreibt, eine Beziehung, wo der Geber und die Gabe identisch sind. Gott teilt sich uns mit und ist in uns. Der dreifaltige Gott wohnt in uns und wir in ihm.
Das ewige Leben - die Anschauung Gottes- ist sozusagen die organische Entfaltung dessen, was in der Selbstmitteilung Gottes schon gegenwärtig ist.
So gesehen geht es in der Osterliturgie um die eigentliche und letzte Bestimmung - Berufung - des Menschen. Jesus Christus , der Gekreuzigte und Auferstandene räumt die Hindernisse aus, die dieser Berufung entgegenstehen, und öffnet die Tore, damit sie sich verwirklichen kann.
Barmherziger Gott,
durch die jährliche Osterfeier
erneuerst du den Glauben deines Volkes.
Laß uns immer tiefer erkennen,
wie heilig das Bad der Taufe ist,
das uns gereinigt hat,
wie mächtig dein Geist,
aus dem wir wiedergeboren sind,
und wie kostbar das Blut, durch das wir erkauft sind.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 2. Sonntag der Osterzeit
Gott,
Friede und Vergebung
sind die großen Gaben des Auferstandenen an seine Jünger.
Schenke auch uns den Glauben,
daß der Herr mitten unter uns lebt und wirkt.
Durch Christus, unseren Herrn.
Gott,
du hast deinem Volk
durch das Bekenntnis des Glaubens
und den Empfang der Taufe neues Leben geschenkt.
Nimm die Gaben (der Neugetauften und aller)
deiner Gläubigen gnädig an
und laß uns in dir Seligkeit und ewiges Leben finden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag der Osterzeit
Kehrvers:
"Gott, du bist herrlich und heilig,
wir wollen dir lobsingen. Halleluja."
(GL 488,2)
Großer und erhabener Gott.
Wir treten vor dich, um dir zu danken für alles Großartige,
das du an uns getan hast.
Wir danken dir für alles Lebendige in der Schöpfung
und dafür, dass wir am Leben teilhaben dürfen.
Kehrvers
Wir danken Dir für Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist
und den Tod für immer überwunden hat.
Er ist der Erste und der Letzte und der Lebendige.
Er war tot und lebt nun in alle Ewigkeit.
Kehrvers
Wir danken dir, dass du ihn zu deiner Rechten erhöht
und ihm die Herrschaft über die ganze Welt übergeben hast.
Er lässt uns teilhaben an dem neuen Leben, das du ihm gegeben hast.
Kehrvers
Wir danken dir, dass er uns ganz nahe ist,
dass er unsere Zweifel und Ängste kennt und versteht
und uns entgegenkommt, wenn uns deine Wege unbegreiflich sind.
Kehrvers
Wir danken dir für den Heiligen Geist, den er uns eingehaucht hat,
Er gibt uns die Kraft, einender die Schuld zu erlassen, die Sünden zu vergeben
und einander so zu lieben, wie er uns geliebt hat.
Kehrvers
Für all das danken wir dir.
In Freude stimmen wir ein in den Lobgesang der ganzen Schöpfung
und singen mit allen Engeln und Heiligen:
Danklied, z. B. GL 328: Gelobt sei Gott im höchsten Thron
Wir danken dir, Vater im Himmel,
und rühmen dich
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn erstehen die Kinder des Lichtes
zum ewigen Leben,
durch ihn wird den Gläubigen
das Tor des himmlischen Reiches geöffnet.
Denn unser Tod ist durch seinen Tod überwunden,
in seiner Auferstehung ist das Leben für alle erstanden.
Durch ihn preisen wir dich (in österlicher Freude)
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Osterzeit 2
Allmächtiger Gott,
im heiligen Sakrament haben wir
den Leib und das Blut deines Sohnes empfangen.
Laß diese österliche Gabe in uns weiterwirken
und fruchtbar sein.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag der Osterzeit
Ich bin von Berufs wegen - und, wie ich mutmaße, nicht nur von Berufs wegen - Philosoph, jedoch ganz und gar kein professioneller Theologe. Und auch der Umstand, dass ich mich seit vielen Jahren mit religiösen Themen beschäftige, wäre wohl kaum Legitimation genug, mich einem Thema zu widmen, welches die Hoffnung auf ein ewiges Leben ins Zentrum der Betrachtung rückt. Denn falls ich recht verstehe, entfaltet diese Hoffnung ihren guten Sinn nur innerhalb eines Glaubenskontextes, also - um mit Wittgenstein zu reden - eines „Sprachspiels“, welches nicht dasjenige der Philosophie ist. Zum religiösen Sprachspiel nämlich gehört eine Lebensform, die über die möglichen philosophischen Denkfiguren weit hinausgeht.
Wenn sich ein Philosoph, unbeschadet seines persönlichen Glaubens, trotzdem des Themas annimmt, dann meistens deshalb, weil man es auch negativ formulieren kann: Demnach ergibt, vom Standpunkt rationalen Denkens aus, der Begriff des ewigen Lebens, wie er sich dem Gläubigen als zentraler Hoffnungsmittler nahelegt, einfach keinen guten Sinn. Und meistens ist dann auch nicht von irgendeinem Glauben die Rede, sondern vom Glaubenstyp des Christen, der, heilsgeschichtlich bewegt, das persönliche Fortleben nach dem Tod zu den zentralen Grundsätzen seines Credos zählt. Wie könnte man sich so ein persönliches Fortleben vorstellen? Das ist die Frage des Philosophen, des Außenstehenden, und darüber hinaus die Frage des Gläubigen selbst, der schließlich nicht umhin kann, sich den Herausforderungen der - sagen wir - weltlichen Vernunft zu stellen.
Ich entsinne mich eines neueren Beispiels, zu dem sich schwerlich ein Besseres wird finden lassen: Terrence Malicks Filmepos The Tree of Life aus dem Jahre 2011. Dieser Film, dessen weibliche Hauptfigur, Mrs. O’Brian, nicht den Weg der Natur, sondern - wie es heißt - der Gnade wählte, endet mit einer Jenseitssequenz. In deren Verlauf begegnet der älteste Sohn der O’Brians in einer Strand- und Salzwüstenlandschaft seiner Familie und weiteren Menschen, die Teil seines Lebens waren oder auch nicht und sich als eine kleine Menschheit aufeinander zuzubewegen scheinen. Man mag diese Szene, die am Rand des Kitsches dahinschwebt, zur Not als eine Traumsequenz verstehen; näher liegt es freilich, sie als eine ambitionierte Verbilderungsbemühung der menschlichen Nachtodesexistenz aufzufassen, ist doch Malicks Film ein durch und durch religiös gestimmtes Opus.
Beim Betrachten der Szene konnte ich mich, Kitsch hin oder her, einer profunden Rührung nicht erwehren, und zwar gerade deshalb, weil die Bilder der sich aufeinander sanft und liebevoll Zubewegenden dem Zuschauer erst voll zu Bewusstsein bringen, dass eine derartige Wiederbegegnung mit den eigenen Lieben nach dem Tod undenkbar ist. Nicht nur können wir unseren Körper nicht mitnehmen, auch das, was wir unseren Geist nennen mögen, ja, unsere Seele, verliert mangels der Fähigkeit, den gehirnabhängigen Strom der Lebenserinnerungen zu konservieren, alle personale Identität. Als körperlose, außerräumliche, ihres Bewusstseins und Selbstbewusstseins verlustig gegangene Wesen hätten wir keinen Bezugspunkt mehr, um uns als die, die wir im Leben waren, selbsterkennend auf uns zu beziehen.
Falls wir indes postmortal als Teil der Weltseele oder des Weltgeistes weiterexistieren sollten, würden wir dies als entpersönlichte Wesen tun, die keinerlei Erinnerung mehr an ihre irdische Existenz und ihren Bestand in der Zeit hätten. Das Jenseits, einmal als Möglichkeit unterstellt, löscht Persönlichkeit und Individualität. Warum also auf ein personales Leben nach dem Tod hoffen, wo wir doch nicht einmal zu sagen imstande sind, wovon wir reden, wenn wir uns auf ein solches Leben beziehen? Nun, die Antwort, die uns an den Rand der Hoffnungslosigkeit und darüber hinaus zu bringen scheint, lautet: Wenn wir nicht einmal zu sagen imstande sind, worauf sich die Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tod beziehen könnte, weil wir gar nicht wissen, wovon wir reden, wenn wir ein solches Leben ins Auge zu fassen versuchen - dann ist unsere ganze Existenz ohne Bedeutung inmitten eines bedeutungslosen Universums.
Es ist akkurat diese Antwort, die schon früh in der christlichen Lehrtradition davon hat reden lassen, dass wir, um nicht trostlos zu sich dabei um eine Manifestation des „Credo quia absurdum“ handelt. Man hat oft gesagt, dass eine solche Antwort aus der Innenperspektive des Glaubens, zumal in entsprechender konfessioneller Umrahmung und kraft ritueller Einbettung, darauf hinauslaufe, in den Gott der Liebe ein bedingungsloses Vertrauen zu setzen. Indem man sich in Gott absolut geborgen fühle, erübrige sich jede weitere Frage danach, wie es unter der Bedingung des Ablebens möglich sei, an ein ewiges Leben „danach“ - nach dem Exitus, nach dem Tod des Gehirns, nach dem Stillstand des Herzens, nach dem unumkehrbaren Ausfall aller Bewusstseinsfunktionen - zu glauben.
Geborgenheit in Gott bedeutet dieser Auffassung zufolge ewiges Leben. Von außen betrachtet freilich mutet die Haltung des Gläubigen als eine vollständige Kapitulation des Verstandes an. Frag nicht, glaube! Ist dies nicht der Imperativ, auf den alles hinausläuft, sobald es um Dinge geht, die entweder bloß fromme Märchen oder aber in ihrer Bedeutung opak, undurchdringlich, sind? Ich sagte soeben: „von außen betrachtet“, und hier wurzelt eine Grundschwierigkeit für jeden Gläubigen, namentlich auch für jeden durch die Schule der Aufklärung gegangenen Christenmenschen, der seine Hoffnung zugleich an ein persönliches Fortleben nach dem Tod bindet. Denn indem der Christ Mensch ist - eben Christenmensch -, kann er seiner Natur nicht entsagen. Er ist ein Homo Sapiens, ein denkendes Wesen, und als solches wird er nicht wahrhaft, nicht authentisch, ganz ohne doppelten Boden zu glauben imstande sein, sobald er die Wahrheiten, die ihm sein Verstand zwingend nahelegt, systematisch abdrängt und als Verstandeswesen kapituliert.
Peter Strasser in: Walter Kardinal Kasper / George Augustin (HG., Hoffnung auf das ewige Leben. Kraft zum Handeln heute. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2015
Marie Luise Kaschnitz, Kein Zauberspruch. Gedichte, Insel 1972.
Liebe Gemeinde, sagte der altgewordene Pfarrer beim Abschied, wir haben keinen Kirchturm gebaut, keine Orgel, keine Kegelbahn. Ich hinterlasse euch auch keinen interessanten Kontostand in der Pfarrkasse, denn ihr wisst ja selber, wie oft an unserer Pfarrhaustür gebettelt wurde in den Jahren. Wenn ihr später euren Kindern von unserer Zeit erzählt, müsst ihr vielleicht in euren Wohnungen zusammensitzen, denn die Kirche war nicht mehr zu renovieren in diesem Zustand. Und wir hatten nichts dafür auf die hohe Kante gelegt.
Tränen standen ihm in den Augen, als die türkischen Mädchen ihm ein Tanzlied vorführten, wie sie es immer hatten tun dürfen im Altarraum, der freitags mit Teppichen ausgelegt war. Man sah auch etliche Männer weinen, als der Alte die Geige ans Kinn legte und eine seiner Country-Melodien spielte. Passt auf, wenn jemand in den Akten nach euren Ehen guckt. Er lachte, und manche wurden rot, denn seit Jahren hatte der Alte keine Genehmigungen mehr eingeholt. Der Herr Dekan lächelte verlegen, denn was sollte man da schon sagen.
Tags darauf kam ein Möbelpacker. Die wenigen Habseligkeiten gingen mit ins Altersheim. Dann kamen die Zivis von der Caritas, um den Rest ins Übergangswohnheim zu schaffen. Ja, so war es. Falls es irgendwo so war.
Quelle: Michael Graff in: Christ in der Gegenwart 1990 (42. Jg), S. 136.

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