Halleluja. Halleluja.
Lass uns schauen, HERR, deine Huld
und schenk uns dein Heil!
Halleluja!
In der Adventsymbolik spielt das Licht eine besondere Rolle. Es verweist auf »Christus das Licht«, das auch auf dem Höhepunkt des Kirchenjahres, in der Osternacht, im Mittelpunkt steht. Dieses Licht erhellt auch unser persönliches Leben.
Advent ist eine Zeit, in der wir den Kurs unseres Lebens überprüfen und nötigenfalls korrigieren. Wie finden wir Gott (wieder)? Wie findet er uns? Wenn wir den Weg der Gerechtigkeit gehen, kommt uns Gott entgegen. Es ist wie beim Sport: Regelmäßiges Training hilft uns, "am Ball zu bleiben".
Ihr kennt das sicherlich: Es gibt Leute, die haben wirklich Freude am Sport. Die laufen, fahren mit dem Fahrrad, steigen auf Berge, sie schwimmen und vieles mehr. Sie bewegen sich und schwitzen freiwillig und es geht ihnen gut dabei. So ganz kann ich das nicht nachvollziehen, aber ein schlechtes Gewissen habe ich schon: Denn Sport ist gesund, er würde mein Leben bereichern. Aber wie anfangen? Wie mache ich, dass es mir taugt?
Ähnlich ist es mit dem Glauben. Manche leben ganz begeistert dafür, stehen mitten drin und es erfüllt sie. Andere sehen von außen zu und fragen sich: Wie macht der das? Mit welcher Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit hat Religion einen Platz in seinem oder in ihrem Leben! Bundespräsident Van der Bellen war beeindruckt von seiner Begegnung mit Papst Franzskus und sagte: "Er vermittelt diese Spiritualität so stark, dass man merkt, wie man diese bei sich selber vermisst hat." Manche wünschen sich: Wenn ich so glauben könnte! Aber wie beim Sport, so wisst ihr: Gute Vorsätze halten oft nicht lange. Und es bleibt ein schlechtes Gewissen. Weil eigentlich sollte ich doch...
Der Prophet in der heutigen Lesung hält nichts vor einer Strafpredigt über seine Zuhörer, die ihnen ein schlechtes Gewissen machen soll. Sondern er dreht den Spieß um, er konfrontiert den Ewigen mit der trostlosen Situation: Du, HERR, bist doch unser Vater, Unser Erlöser von jeher ist dein Name. Warum lässt du uns, HERR, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht fürchten? Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen. Jesaja meint: Lieber Gott, das ist doch deine Verantwortung, wenn wir dein Wort nicht hören.
Wie finden wir Gott wieder? Wie findet er uns? Das Eine, das Jesaja anführt ist, dass Gott doch herabkommen möge; der Ewige möge den Himmel zerreißen, dass die Berge erzitterten. Manche Gläubige in bestimmten Richtungen im Christentum erleben immer wieder eine solche direkte Begegnung mit Gott – sagen sie. Ist es so einfach? Denn wenn Gott wirklich kommt, dann schlägt er ein. Dann bleibt kein Stein auf dem Andern und ich kann mein bisheriges Leben nicht mehr weiter leben. Für biblische Propheten, für Jesus und für viele Heilige war es ein Ringen und eine Qual, die Konsequenzen aus dieser Begegnung zu ziehen.
Aber Jesaja zeigt noch einen anderen Weg, sozusagen die andere Richtung: er nähert sich uns, wenn wir den Weg der Gerechtigkeit gehen. So sagt Jesaja: Du kommst dem entgegen, der freudig Gerechtigkeit übt, denen, die auf deinen Wegen an dich denken.
Manche von euch sind als Arbeiterinnen, Arbeiter oder Angestellte Mitglied der Gewerkschaft: Ihr könnt mit den Begriffen Gerechtigkeit und Solidarität etwas anfangen. Aber auch für alle anderen sind dies keine leeren Worte.
Freudig Gerechtigkeit tun, das kann man in vielen kleinen Schritten lernen. Aus den kleinen Schritten können größere und große werden: Sie alle lassen uns an Gott denken, der uns diese Welt zur Verantwortung und Pflege geschenkt hat; an den Mitmenschen, jeden Menschen, der seine eigene Würde hat und Bruder und Schwester ist. Johann Wolfgang von Goethe sagt: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen. Das heißt: Wenn wir dieses zutiefst Menschliche tun, da kommen wir Gott nahe, da ergründen wir sein Geheimnis.
Das freudige Tun der Gerechtigkeit gibt Licht und stärkt. Und du wirst dankbar sein dafür. Das löst Lob und Freude aus in dir. Du wirst aber auch an deine Grenzen stoßen. Wie kann man sie überwinden, neu anfangen und die gute Richtung beibehalten?
Eine Beziehung, ein Gespräch mit Gott beginnt. Fragen stellen, dieses Gespräch führen, diese Auseinandersetzung mit Gottes Ruf kannst du überall führen. Natürlich auch in der Kirche, hier am Sonntag Vormittag. Das hat auch seine Vorteile: Denn wie beim Sport, so sind das gemeinsame Training und Regelmäßigkeit etwas, das uns hilft, am Ball zu bleiben.
Glauben eignet sich nicht für schlechtes Gewissen wegen vermeintlich schlechter Leistung. Zur gemeinsamen Trainingseinheit stehen die Tore unserer Kirche offen. Jeder und jede ist eingeladen, einfach zu probieren, was Stille, gemeinsames Gebet, Singen und Nachdenken in einem selbst auslösen. Neue Schritte zu wagen und auch den eingeschlagenen guten Weg selbstbewusst und zielsicher weiterzugehen, das wünsche ich uns für diese Adventzeit.
(c) Dr. Markus Himmelbauer, Pfarrassistent, A-4902 Wolfsegg am Hausruck
markus.himmelbauer[at]dioezese-linz.at
Lieder:
GL 158: Tau aus Himmelshöhn (Kyrie)
GL 218: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit
GL 219: Mache dich auf und werde licht
GL 220: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern
GL 223: wir sagen euch an den lieben Advent
GL 225: Wir ziehen vor die Tore der Stadt
GL 230: Gott, heilger Schöpfer aller Stern
GL 231: O Heiland, reiß die Himmel auf (1. und 4. Str.)
GL 233: O Herr, wenn du kommst (1. bis 4. Str.)
GL 357: Wie schön leuchtet der Morgenstern (7. Str.)
GL 481: Sonne der Gerechtigkeit gehe auf zu unsrer Zeit
GL 551: Nun singt ein neues Lied dem Herren (3. Str.)
GL 552: Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt
GL 554: Wachet auf, ruft uns die Stimme
GL 622: Siehe der Herr kommt in Herrlichkeit
Psalmen und Kehrverse:
GL 46: Lass dein Angesicht über uns leuchten, o Herr. - Mit Psalm 67.
GL 47: In den Tagen des herrn sollen Gerechtigkeit blühen und Fülle des Friedens - Mit Psalm 72.
GL 48: Biete deine Macht auf, Herr, unser Gott, und komm uns zu retten! - Mit Psalm 80
GL 634,3: Richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn es nahet eure Erlösung - Mit Psalm 67 (GL 46,2) oder mit Psalm 115 (GL 64,2)
GL 634,6: Komm, Herr Jesus, Maranatha. - Mit Psalm 93 (GL 52,2)
Herr, unser Gott,
alles steht in deiner Macht;
du schenkst das Wollen und das Vollbringen.
Hilf uns, dass wir auf dem Weg der Gerechtigkeit
Christus entgegengehen
und uns durch Taten der Liebe
auf seine Ankunft vorbereiten,
damit wir den Platz zu seiner Rechten erhalten,
wenn er wiederkommt in Herrlichkeit.
Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB 1. Adventsonntag
Allmächtiger Gott,
alles, was wir haben, kommt von dir.
Nimm die Gaben an, die wir darbringen.
Mache sie für uns in diesem Leben
zum Sakrament der Erlösung
und rufe uns an deinen Tisch im kommenden Reich.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 1. Adventsonntag
Kehrvers:
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.
(GL 616,5))
Gott und Urheber des Alls,
wir kommen zu dir, um dir Dank zu sagen
und dich für die Liebe zu preisen,
die du von Anfang an in deine Schöpfung hineingelegt hast.
Kehrvers
Wir danken dir für die Gnade,
die uns in Christus Jesus geschenkt wurde
Durch ihn sind wir reich geworden an Erkenntnis deiner Größe,
durch ihn haben wir Anteil an den Gnadengaben des Geistes.
Kehrvers
Er hat uns sein Reich anvertraut, bis er wiederkommt.
Wir warten voll Sehnsucht,
dass er in Macht und Herrlichkeit kommt
um die Welt zu vollenden.
Kehrvers
Wir danken dir für die Hoffnung,
die durch ihn neu in uns lebendig wird.
Sie lässt uns in freudiger Erwartung
nüchtern und wach unserer Zukunft entgegen gehen.
Kehrvers
Mit allen Engeln und Heiligen stimmen wir ein
in den Lobgesang der ganzen Schöpfung und rufen:
Danklied, z. B. Singt dem Herrn ein neues Lied (GL 409)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn in seinem ersten Kommen
hat er sich entäußert
und ist Mensch geworden.
So hat er die alte Verheißung erfüllt
und den Weg des Heiles erschlossen.
Wenn er wiederkommt
im Glanz seiner Herrlichkeit,
werden wir sichtbar empfangen,
was wir jetzt mit wachem Herzen gläubig erwarten.
Darum preisen wir dich
mit allen Engeln und Heiligen
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Advent 1
Herr, unser Gott,
du hast uns an deinem Tisch
mit neuer Kraft gestärkt.
Zeige uns den rechten Weg
durch diese vergängliche Welt
und lenke unseren Blick auf das Unvergängliche,
damit wir in allem dein Reich suchen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 1. Adventsonntag
Samstag der 4. Woche
In einer Predigt legt Kardinal Newman Christus die Klage in den Mund: "Wenige werden bereit sein, mir sogleich zu öffnen, wenn ich an die Pforte klopfe. Sie werden immer noch etwas zu tun haben, bevor sie aufmachen; sie werden nicht schon bereit sein, sondern müssen sich erst vorbereiten. Sie müssen sich von der Überraschung und Verwirrung erholen, in die sie die Nachricht von meiner Ankunft versetzt hat; sie werden etwas Zeit brauchen, um wieder zu sich zu kommen und sich ihre besten Gedanken und reinsten Absichten ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie fühlen sich wohl, so wie sie sind, und haben keine Einwände dagegen zu erheben. Sie sind zufrieden, auf der Erde zu sein; sie wünschen sich nicht, anderswohin zu gehen; sie möchten sich nicht verändern.
"Ihr sollt Menschen gleiche, die auf ihren Herrn warten": Das sollte unsere Sehnsuchtsrichtung sein. Nicht ein Warten auf ein letztes Kommen "auf den Wolken des Himmels", sondern ein Durchschauen durch die Vordergründigkeit des Alltags, durch Trauer und Fragen durch das Geplagt sein, durch die Ablenkungen, durch die Begegnungen, durch das Beschenkt werden: auf den Horizont der erwartungsvollen und entgegenkommenden Liebe Gottes in Jesus Christus; auf das Jesus-Gemäße hin in den Ereignissen unseres Lebens! Dass das Herz in aller Unruhe doch zutiefst und zuletzt gerichtet ist in einer liebenden Aufmerksamkeit auf Ihn hin, indem die Sehnsucht Gottes auf mich zu kommt.
Aus: Johannes Bours, Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt. Herder Verlag, Freiburg 1996 (1987).
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne.
Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. "Es ist möglich", sagt der Türhüter, "jetzt aber nicht." Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: "Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal mehr ich ertragen." Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt.
Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schluss sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne.
Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: "Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben."
Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen.
Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange.
Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. "Was willst du denn jetzt noch wissen?" fragt der Türhüter, "du bist unersättlich." "Alle streben doch nach dem Gesetz," sagt der Mann, "wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?"
Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn."
Franz Kafka ... eine Parabel zum Abschluss des Jom Kipur (vgl. Pesikta Rabbati 20).
Um den Ausspruch "Religion ist das Opium des Volkes" voll zu begreifen, müssen wir diese Worte in ihren Textzusammenhang stellen:
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht1 den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. (Karl Marx: "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie", Einleitung = Marx/Engels: Werke, Bd. 1, Berlin 1956, S. 378ff.)
Hieraus wird klar, dass Marx nicht Religion schlechthin verurteilte, sondern nur deswegen, weil sie dem Menschen anstatt des wirklichen Glücks nur illusorische Hoffnungen verschafft. Aber sicher war Marx auch kein Befürworter der Religion. Wie können wir hier zu einem gerechten Verständnis kommen? Das erste ist, sich zu fragen: Was ist mit Religion gemeint?
Religion ist ein System von Ideen, Normen und Riten, die das in der menschlichen Existenz verwurzelte Bedürfnis nach Orientierung und einem Objekt der Hingabe befriedigt. Diese Definition gilt für alle Religionen, ob sie Idole oder einen unsichtbaren Gott anbeten oder ob sie, wie der Buddhismus, überhaupt keinen Begriff von Gott haben. Welche Vorstellung sich die Menschen von einem heiligen Wesen machen, hängt von der gesellschaftlichen Struktur und kulturellen Tradition ab. Die Juden in Ägypten erhoben es zu ihrem König; die Armen in Palästina machten aus ihm einen Leidenden: für die Buddhisten war es ein Lehrer, der dem Menschen den Weg zur Erlösung (Nirwana) durch die Lehre des heiligen achtteiligen Pfades aufzeigte.
Unter "Religion" verstehe ich eine Institution, mit der ihr eigenen Hierarchie und ihren Dogmen, verbunden mit einem gewissen Autoritarismus. Unter "religiös" verstehe ich eine Haltung, die als höchstes ethisches Ziel des Menschen seine eigene Verwirklichung ansieht. Diese Haltung kommt primär in der täglichen Lebenspraxis und nicht durch das Ablegen von bestimmten Glaubensbekenntnissen zum Ausdruck und kann am besten als Charakterzug definiert werden. Leider verfügt unsere Sprache über kein anderes Wort für diesen Charakterzug als das Wort "religiös", das im Zusammenhang mit Religion irreführend ist. Es gibt religiöse Atheisten und nichtreligiöse Gläubige. Nur die Handlungen und die Charakterstruktur einer Person geben Aufschluss darüber, in welche Kategorie sie gehört. Wie sehr sich jemand selbst "religiös" wähnt, ist am wenigsten ausschlaggebend.
"Religiös" kann allgemein als die tiefste Motivierung des Menschen definiert werden. Mit "tiefster Motivierung" sind natürlich nicht die Regungen gemeint, die der Mensch für sein Verhalten ausschlaggebend hält, sondern jene, die empirisch als Ursachen seines Verhaltens nachgewiesen werden können. Diese "tiefste Motivierung" ist keine philosophische noch theologische, sondern eine rein psychologische Kategorie.
Erich Fromm.

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