Das Evangelium beschreibt einen "Arbeitstag" im Leben Jesu. Er wird über seine Kräfte gefordert. Alle wollen etwas von ihm. Es genügt ihm nicht, sich davon zu erholen. Er sucht das Gebet und behält seine Sendung im Blick.
Jesus nimmt dem Volk die Angst vor individueller Bedrohung durch Krankheit und die Angst vor kollektiver Bedrohung durch das/die Fremde/n
Jesus kündigt durch seine Worte und durch Heilungen die Nähe des Reiches Gottes an. Auf diese Sendung richtet er sich aus.
Die Texte des heutigen Sonntags, die erste Lesung aus dem Buch Ijob mit seiner Klage und dem Evangelium, das vom Handeln Jesu berichtet, sind sehr bewusst zu einer Einheit zusammengestellt. In ihrer Zusammenschau wird das Anliegen dieser Gegenüberstellung sehr deutlich sichtbar. Es lautet: Erkenne den Wert des Glaubens.
Die heutige Perikope ist für mich insofern sehr ansprechend, weil sie mir zeigt, was für Jesus wichtig ist. Und das sind einerseits "wir", die gewöhnlichen Leute - wie eben die Verwandtschaft eines seiner Jünger oder die "vielen", die er heilte und die an allen möglichen Krankheiten litten, - und andererseits ist es seine eigene Beziehung zum Vater, die Kraftquelle für sein Tun. Heute könnte man sagen: Er schaffte so für sich eine ausgeglichene "work-life-balance" oder das richtige Maß zwischen Aktion und Kontemplation oder, wenn sie so wollen, zwischen Empathie und eigener Psychohygiene. Und, wenn man das schafft, dann ist es schon etwas!
Für mich ist auch die Unkompliziertheit der ganzen Situation faszinierend. Er kommt in das Haus des Petrus zu einem Zeitpunkt, wo man sich doch normalerweise, wenn die Hausfrau krank darnieder liegt, keinen hohen Besuch einladet. In einer solchen Situation kann der Besucher auch leicht die eigenen Unzulänglichkeiten im Haus sehen. Aber das stört offensichtlich nicht. Es muss nicht alles perfekt sein. Es gibt Wichtigeres im Leben und das ist das Beziehungsgeschehen. Die Menschen selbst sind wichtig. Für Jesus ist es die Schwiegermutter, die er vom Fieber heilt, und für die Schwiegermutter, die geheilt wird, sind es die Gäste, die sie gleich bewirtet - oder wie es genau im Griechischen heißt: ihnen dient, sie bedient, für sie sorgt, sich um sie kümmert, ihnen hilft, sie unterstützt. Es sind genau die Tätigkeiten, die, wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, die Diakone für die Armen in der Gemeinde gemacht haben. So tut sie an Jesus genau das, was er ihr vorher getan hat. So verstehen die frühen Gemeinden offensichtlich Christentum: sie sehen, fühlen, was der andere gerade braucht und helfen dort, wo er sich selber nicht helfen kann.
So sieht es die Kirche in ihrer Soziallehre auch heute noch. Da geht es nicht darum, dem anderen alles abzunehmen, sondern ihn dort zu unterstützen, wo er sich selbst nicht mehr helfen kann. Dazu braucht es aber einen sorgsamen, wachen Blick auf den anderen. Es braucht ein waches Interesse aneinander um überhaupt zu sehen, was jeder selbst kann und wo er der Hilfe der Gemeinschaft bedarf. Da ist viel Feingefühl und Verstand von Nöten. Dahinein passt weder der Paternalismus z.B. in der Medizin oder Politik, wie das Besserwissen wie der andere seine Probleme lösen muss oder dieses Abnehmen oder Übernehmen aller Selbstverantwortung, noch die Gleichgültigkeit einer Gesellschaft, in der jeder nur auf seinen eigenen Vorteil und seine eigene Bequemlichkeit bedacht ist. Beides ist Gift für eine funktionierende Gemeinschaft, ob es sich jetzt dabei um die Familie, die Freunde, die pfarrliche Gemeinschaft oder die Gesellschaft überhaupt handelt. Wir alle sind angesprochen und gefragt, einander in Wachsamkeit und Respekt vor der Würde des Anderen zu begegnen. Auch Jesus hat wie es heißt "viele" geheilt, er hat nicht aussortiert. Er ist auch für uns alle gestorben, hat allen Menschen seine Erlösung geschenkt, und so uns allen die gleiche Würde verliehen.
Dass uns das nicht immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Es sind unsere eigenen Schattenseiten und Fehler, die uns daran hindern und unser Leben lang begleiten. Sie zu erkennen und positiv und kreativ damit umzugehen, erfordert viel Kraft. Das ist keine einzelne Kraftanstrengung, sondern fordert uns ein Leben lang heraus. Woher aber diese Kraft nehmen? Auch dafür zeigt uns die heutige Schriftstelle einen Weg. Schauen wir, woher Jesus die Kraft nimmt, das Leid der anderen wahrzunehmen und ihnen zu helfen. "… er steht auf, geht hinaus, auf einen einsamen Ort und betet". Aufstehen ist immer auch ein Akt des Willens - ob in der Früh, ob vom Wirtshaus - oder Kaffeehaustisch, ob von der Arbeit; aufstehen unterbricht das, was wir gerade tun, und ist der Beginn von Neuem. Und wenn wir anfangs von der ausgeglichenen work-life-balance gesprochen haben, so ist es manchmal oder besser regelmäßig auch für uns selbst besser, aufzustehen und uns von all dem, was um uns herum passiert und auch sehr wichtig ist, uns nach innen zu wenden, uns auch um uns selbst zu kümmern. Das rechte Maß ist dabei wichtig. Für die anderen da sein, aber auch für mich selbst da sein. Sich sammeln, Kraft schöpfen, auf andere Gedanken kommen, die Quelle in uns entdecken. Das führt unweigerlich zur eigentlichen Quelle alles Seins - zu Gott, zum Schöpfer und Vater, - zu Jesus, der uns vorgelebt hat, wie menschliches Leben in Einklang mit dem Willen des Vaters gelingen kann, - zum Heiligen Geist, der uns beisteht und Kraft zum Guten gibt, uns antreibt, uns dabei stärkt und hilft.
Er riskiert einen ungetrübten Blick in sein Leben. Und was er da sieht benennt er, klar und ohne etwas zu beschönigen. Und es ist ernüchternd was er zu sehen bekommt. Das ganze Leben nur ein Hauch, Glück wird er nicht mehr zu sehen bekommen. Eine ernüchternde, trübselige Bilanz, die Ijob hier zieht. Diese Bilanz ist Teil der Antwort Ijobs auf die Belehrungen seines Freundes Elifas.
Was war geschehen? Ijob war reich. Hatte Besitz, Herden, eine große Familie und eine stählerne Gesundheit. All sein Besitz wurde ihm genommen, seine Kinder starben und zu guter letzt war auch seine eigene Gesundheit dahin. Er saß mit Wunden und Geschwüren bedeckt auf einem Aschehaufen und fragte sich ganz einfach: Warum? Warum muss ich soviel Leid aushalten? Und seine Antwort ist: Ich will nicht mehr!
Jeden Tag, wenn ich durchs Krankenhaus gehe höre ich die Klagen des Ijob, seine Fragen und die Antwort: Es macht doch eigentlich keinen Sinn mehr. Und so, wie ich Ijob gut verstehe, verstehe ich Menschen hier im Krankenhaus, die einfach nicht mehr können, weil das Leid und die Sorge ihr ganzes Fühlen und Denken bestimmt. Und ich werde sprachlos, weil es auf ihre Frage nach dem Warum keine wirkliche Antwort gibt.
Ijobs Freund Elifas versucht eine Antwort und es finden sich dann Sätze wie: Bedenk doch! Wer geht ohne Schuld zugrunde? Wo werden Redliche im Stich gelassen? Wer Unheil sät der erntet es auch. Übertragen vielleicht in einem Satz, der uns heute manchmal leichtfertig über die Lippen geht: Jeder bekommt was er verdient! Jemand erzählte mir mal, wie er diesen Satz gebraucht hat und ein anderer ihm geantwortet hat: Glaubst Du wirklich, dass ich das verdient habe? Er hat diesen Satz nie wieder gebraucht.
Und auch Ijob wehrt sich gegen seine Freunde, die ihm sein Leid deshalb als gerechtfertigt erklären wollen, weil Gott sich nicht irrt. Und Ijob geht sogar noch einen gewaltigen, entscheidenden Schritt weiter! Er fragt Gott an: Ich sage zu Gott: Spricht mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest? Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen?
Ijob lässt Gott nicht in Ruhe, nimmt ihn mit in sein Schicksal, in sein Leben hinein. Wenn du Gott, der bist, für wen ich dich ansehe, dann sag mir doch warum es mir so dreckig geht, heißt die Klage Ijobs in Richtung Gott.
Für mich ist das ein Gebet in seiner intensivsten und menschlichsten Form, weil es Gott mit in das Leben einbezieht, weil es ihn, als jemand um den es geht nicht dann außen vor lässt wenn er wirklich gebraucht wird.
Was für seine Freunde Frevel und Gotteslästerung ist, wird für Ijob zur Rettung. Sein Schicksal verändert sich, weil er fragt, weil er klagt, weil er anklagt und weil er sich nicht einfach in sein Schicksal ergibt.
So wie Ijob beten zu können wünsche ich uns allen, weil wir uns so selber mit unseren Grenzen, mit unserer Angst und unserem Leid ernst nehmen und weil wir so auch Gott einen Zugang zu uns möglich machen, weil wir ihn dort ansprechen, wo wir ihm am wenigsten verstehen und doch am nötigsten haben.
Ijob hat lernen müssen so zu beten.
Herr, Jesus Christus,
du bist gekommen, um uns zu heilen
und aus verhängnisvollen Bindungen zu lösen.
Herr, erbarme dich.
Du hast dich gestärkt im Gebet
und im Zwiegespräch mit deinem Vater.
Christus, erbarme dich.
Du bist von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf gezogen,
um allen Menschen die Frohe Botschaft von der Gegenwart Gottes zu verkünden.
Herr, erbarme dich.
Gott, unser Vater,
wir sind dein Eigentum
und setzen unsere Hoffnung allein auf deine Gnade.
Bleibe uns nahe in jeder Not und Gefahr
und schütze uns.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB: 5. Sonntag im Jahreskreis
Gott und Vater,
du hast die Hoffnung der Menschen
auf die Zeichen deines Sohnes gesehen
aber auch seine Bereitschaft,
das Wort von dir zu verkünden.
Begleite uns, wenn wir um Heilung bitten
und öffne unsere Sinne, wenn du dich neu mitteilst.
Darum bitten wir durch Jesus Christus,
deinen Sohn,
der dich verkündet hat
und an dem du das größte Zeichen des Lebens vollendet hast.
Guter Gott und Vater,
dein Sohn hat in uns den Glauben an dein Wirken in dieser Welt geweckt.
Daher bitten wir dich:
Stärke alle, die sich der Schwachen und Leidenden annehmen,
und lass sie Freude im Dienst an den Menschen finden.
Steh allen bei, die gegen menschenverachtende Geisteshaltungen auftreten
und sich für die Achtung der Menschenwürde einsetzen..
Schütze alle, die anderen Gastfreundschaft gewähren,
und lass sie darin deine Gegenwart erfahren.
Lass Menschen, die auf der Flucht
und auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen sind,
Gastfreundschaft erleben.
Führe alle Menschen, die dich suchen,
zur Begegnung mit dir und mit deiner Frohen Botschaft.
Erfülle alle, die ihr Leben in den Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft stellen, mit deinem Geist.
Wir glauben, Herr, dass du auch in unserer Zeit gegenwärtig bist
und willst, dass wir heil und an Leib und Seele gesund werden.
Dir vertrauen wir uns an. Amen.
Herr, unser Gott,
du hast Brot und Wein geschaffen,
um uns Menschen in diesem vergänglichen Leben
Nahrung und Freude zu schenken.
Mache diese Gaben zum Sakrament,
das uns ewiges Leben bringt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 5. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott,
dein Sohn hat Menschen Heilung geschenkt
und Freiheit und dein Wort.
Seinen Jüngern hat er eine Feier hinterlassen,
für die wir jetzt alles gerichtet haben.
Lass aus den Gaben von Brot und Wein
das Geschenk des Lebens für uns werden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
(für Wortgottesdienstfeiern ohne Priester)
Kehrvers:
Preiset den Herrn, denn er ist gut.
Danket dem Herrn, denn er ist gut.
(ÖGL 875,1)
Guter und barmherziger Gott,
wir kommen zu dir, um dir zu danken und dich zu preisen.
Zwar ist unser Leben überschattet von Schicksal, Leid und Tod,
dennoch erfahren wir immer neu deine Güte und Menschenfreundlichkeit.
Kehrvers
Du bist ein Gott, der das Leben der Menschen will
und der uns beisteht und zu Hilfe kommt,
wenn die Mächte des Untergangs und des Todes
über uns Macht gewinnen.
Kehrvers
In Jesus von Nazareth hast du gezeigt,
dass dir das Heil und das Glück der Menschen am Herzen liegt.
Er hat Kranke geheilt und die Frohe Botschaft verkündet.
So haben sie erfahren, dass dein Reich nahe ist.
Kehrvers
Durch seinen Tod und seine Auferstehung
hat er auch uns die Hoffnung auf neues und unerschöpfliches Leben gegeben.
Dafür danken wir dir und stimmen wir ein in den Chor der Heiligen;
der dein Lob singt ohne Ende:
Danklied, z. B. Nun saget Dank und lobt den Herren (GL 385)
Wir danken dir, treuer und barmherziger Vater,
für Jesus, deinen Sohn unseren Herrn und Bruder.
Seine Liebe galt den Armen und Kranken,
den Ausgestoßenen und Sündern.
An keiner Not ging er vorüber.
Sein Leben und seine Botschaft lehren uns,
daß du ein Gott bist, der sich der Menschen annimmt
wie ein Vater sich um seine Kinder sorgt.
Darum loben und preisen wir dich,
wir rühmen deine Güte und Treue
und verkünden mit allen Engeln und Heiligen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 3
Mitten in der Sehnsucht der vielen Menschen zog Jesus sich zurück, um beim Vater zu sein und von ihm zu hören, wie er seinen Auftrag erfüllen kann.
Lasst uns zu dem beten, der für Jesus an erster Stelle stand und steht:
Vater unser….
Die Besessenen, die Jesus heilte, spürten darin neu etwas von Frieden.
Dies ist ein Frieden und eine Nähe,
die auch wir uns immer wieder wünschen. Darum bitten wir:
Herr Jesus Christus, schaue nicht auf unsere Sünden…
Sich ausweinen können
Sich ausweinen können,
sich ausschreien können,
klagen können über eine Schöpfung,
wo Unschuldige leiden müssen.
Hiob sein dürfen
und Gott fragen können.
Sich aufregen können vor Gott
über die grausamen Rätsel der Geschichte.
Leiden können an den Steinen,
die statt des Brotes
in Seinem Namen angeboten werden.
Aufschreien können,
wenn ein Guter scheitert.
Traurig sein können
über die Schläfrigkeit der Christen.
Sich ausklagen können und spüren:
Er versteht dich,
wie dich keiner versteht!
Denn ein Mensch wäre davongerannt
oder wahnsinnig geworden,
müßte er hören,
was ich Gott sage
Martin Gutl, Loblied vor der Klagemauer
Barmherziger Gott,
du hast uns teilhaben lassen
an dem einen Brot und dem einen Kelch.
Laß uns eins werden in Christus
und Diener der Freude sein für die Welt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 5. Sonntag im Jahreskreis
Du unser Gott,
wir haben von dir gehört
und im Gebet Kontakt zu dir gehabt.
Wir haben uns stärken lassen von den Zeichen deines Sohnes.
Wir danken dir und bitten dich:
Lass uns in der Woche Zeugen dafür sein,
dass Menschen mit dir in den Alltag gehen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Das Heil der Welt hängt nicht an religiösen Gefühlen möglichst vieler. Es hängt auch nicht an der Reise ins eigene Innere. Gott entstand nicht aus den Träumen der Menschen. Er war längst da, bevor der erste Affe zu träumen begann. Das Heil der Welt hängt an einer realen Geschichte, die sich an bestimmbaren Orten und in definierbarer Zeit vollzog, und die doch die Geschichte Gottes mit der ganzen Welt war. Das Heil der Welt hängt daran, dass es Menschen gab, die sich auf diese Geschichte Gottes mit der Welt eingelassen und Gott im Glauben geantwortet haben: Abraham, Isaak, Jakob, Mose, Josua, Samuel, David, Jesaja, Joschija, Esra, Johannes der Täufer. Es ist keine Geschichte, die sich im Kosmos an anderen Orten beliebig wiederholen oder die sich noch um eine neue Zielmarke verlängern könnte. Sie fand ihre Endgültigkeit in Jesus von Nazaret. Das Heil der Welt ist also schon entschieden. Aber es braucht noch viele, die den Weg nachgehen, der mit Abraham begann und in Jesus sein Ziel erreichte.
Aus Gerhard Lohfink, Heute – wann sonst?. Unangepasstes über Gott und die Welt. Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2014.
Jesus setzt sich für die Armen ein, weil er mit der Armut von Menschen konfrontiert wird und weil ihm dies keine Ruhe lässt. Seine Wertschätzung der Armen folgt dem, was er wahrnimmt. Da ist zum einen die bedrängende Armut mit ihren vielen Gesichtern, die ihm alltäglich vor Augen tritt. Zum anderen liegt ihm die Armut alltäglich im Ohr, da seine heiligen Schriften sie besprechen. Die reelle Armut vor Augen und das Wort Gottes im Ohr - so entsteht Jesu Option für die Armen. Beides verstärkt sich wechselseitig. Wenn man mit der konkreten Armut konfrontiert wird, wird man hellhörig für ihre Thematisierung im Alten Testament. Und wenn die jüdischen heiligen Schriften Armut zu Gehör bringen, so schärft dies den Blick für das Elend, das alltäglich begegnet. Um Gottes und der Menschen willen schaut Jesus nicht an der Armut vorbei, und er hört nicht weg, wenn davon die Rede ist. Nur Weniges lässt sich über Jesus von Nazareth sagen - das aber sicher: Er war jemand, der sich von der Armut anderer Menschen bewegen ließ.
Aus: Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2014.
In einer Podiumsdiskussion über Wunder in der Bibel fiel der Satz: „Für mich ist nicht einzusehen, warum der allmächtige Gott nicht gelegentlich ein Wunder wirken kann, und warum Wunder die Naturordnung Gottes ,stören‘ sollen.“
Der Satz wird verständlich vor dem Hintergrund einer leichtfertigen Nivellierung biblischer Wunder, wie sie bei manchen Theologen noch immer gang und gäbe ist. Trotzdem hilft er nicht weiter. Denn das „gelegentlich“ schafft Probleme. Es riecht nach göttlicher Willkür. Muss der normale Christ dann nicht denken: „Wenn Gott gerade einmal will, wirkt er Wunder. Offenbar will er aber meistens nicht. In meinem Leben hat er noch nie gewollt. Oder sollte ich etwas übersehen haben? Jedenfalls hat er in Auschwitz mit Sicherheit nicht gewollt. Aber gerade dort wären Rettungswunder fällig gewesen; dort ging es um sein Volk.“ Fazit: Die Vorstellung, dass Gott „gelegentlich“ Wunder wirkt, aber meistens nicht, kann nur Verwirrung stiften.
Müsste man das Ganze nicht umdrehen? Gott will das Wunder nicht nur gelegentlich. Er will es unablässig. Er umgibt die Welt geradezu mit seiner handlungsbereiten Liebe. Er durchdringt alles mit seinem Geist, der ständig das Angesicht der Erde erneuern möchte. Aber als Wunder in der Welt ankommen kann der Geist Gottes nur dann, wenn Menschen sich ihm öffnen. Weil Jesus für Gott absolut offen war - so offen wie kein anderer - war sein Leben voller Wunder. Überall wo er Glauben fand, geschahen Wunder. Und überall, wo er in der Kirche Glauben findet, geschehen auch heute Wunder. Das „gelegentlich“ ist nicht bei Gott zu situieren, sondern bei uns. Dass es leider nur ein „gelegentlich“ ist, liegt nicht an Gott, sondern an unserem Unglauben.
Aus Gerhard Lohfink, Heute – wann sonst?. Unangepasstes über Gott und die Welt. Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2014.
Skorka: Das Gebet muss dazu dienen, die Menschen zu vereinen. Es ist ein Moment, in dem alle dieselben Worte sprechen. Im Judentum ist es sogar so, dass sich mindestens zehn Menschen zusammenfinden müssen, um einem Gebet Kraft zu verleihen. Das Gebet ist also ein gemeinschaftsstiftender Akt: Wir beten mit denselben Worten, auf dieselbe Art und Weise, mit demselben Ziel. Vor allem aber muss das Gebet ein Akt der Innenschau sein, jeder muss sich selbst finden, um mit Gott zu sprechen. Das ist gar nicht so einfach, denn bei diesem Dialog gilt es zu unterscheiden zwischen der eigenen Stimme und der Stimme Gottes. Einer der Gründe, warum man die Bibel studieren sollte, liegt genau hier: um zu lernen, diese beiden Stimmen nicht zu verwechseln. Jeder mystische Akt ist ein Versuch, Gott näherzukommen, ihn zu spüren. Und genau dies ist auch die Grundbedingung des Gebets. Das hebräische Wort für beten lautet leitpalel und bedeutet: sich selbst beurteilen. Wann immer man sich Gott nähern will, muss man zunächst einmal seine eigenen Fehler entdecken.
Bergoglio: Beten ist ein Akt der Freiheit. Doch manchmal kommt es zu dem Versuch, das Gebet kontrollieren zu wollen, was gleichbedeutend damit ist, Gott kontrollieren zu wollen. Das hat mit einer Verzerrung zu tun, mit einem exzessiven Ritualismus oder mit einer der vielen anderen Kontrollhaltungen. Beten heißt zu sprechen und zu hören. Es gibt Momente tiefer Stille, der Anbetung, in Erwartung dessen, was geschehen wird. Im Gebet lebt diese ehrfurchtsvolle Stille mit einer Art des Schachems zusammen wie in der Situation, als Abraham mit Gott über die Strafen für Sodom und Gomorra verhandelt. Mose feilscht auch, indem er für sein Volk bittet, er möchte den Herrn überzeugen, sein Volk nicht zu bestrafen. Das ist eine mutige Haltung, die zusammen mit Demut und Anbetung für das Beten unbedingt erforderlich ist.
Aus: Papst Franziskus / Abraham Skorka, Über Himmel und Erde. Jorge Bergoglio im Gespräch mit dem Rabbiner Abraham Skorka. Hrsg. Von Diego Rosemberg. Riemann Verlag, München 2013.

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