König Saul hasst den jungen, erfolgreichen David und versucht ihn zu töten. David flieht. Dann erhält er die Möglichkeit, sich an Saul zu rächen.
Lesung aus dem ersten Buch Samuel.
In jenen Tagen
machte Saul sich
mit dreitausend Mann, ausgesuchten Kriegern aus Israel,
auf den Weg
und zog in die Wüste von Sif hinab,
um dort nach David zu suchen.
David und Abischai kamen in der Nacht zu den Leuten Sauls
und siehe, Saul lag mitten im Lager und schlief;
sein Speer steckte neben seinem Kopf in der Erde
und rings um ihn schliefen Abner und seine Leute.
Da sagte Abischai zu David:
Heute hat Gott deinen Feind in deine Hand ausgeliefert.
Jetzt werde ich ihn mit einem einzigen Speerstoß
auf den Boden spießen,
einen zweiten brauche ich nicht dafür.
David aber erwiderte Abischai:
Bring ihn nicht um!
Denn wer hat je seine Hand
gegen den Gesalbten des HERRN erhoben
und ist ungestraft geblieben?
David nahm den Speer und den Wasserkrug,
die neben Sauls Kopf waren,
und sie gingen weg.
Niemand sah und niemand bemerkte etwas
und keiner wachte auf;
alle schliefen,
denn der HERR hatte sie in einen tiefen Schlaf fallen lassen.
David ging auf die andere Seite hinüber und stellte
sich in größerer Entfernung auf den Gipfel des Berges,
sodass ein weiter Zwischenraum zwischen ihnen war.
David sagte: Seht her,
hier ist der Speer des Königs.
Einer von den jungen Männern soll herüberkommen
und ihn holen.
Der HERR wird jedem seine Gerechtigkeit und Treue vergelten.
Obwohl dich der HERR heute in meine Hand gegeben hatte,
wollte ich meine Hand nicht an den Gesalbten des HERRN legen.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Lesung aus dem ersten Buch Samuel.
In jenen Tagen
machte Saul sich
mit dreitausend Mann, ausgesuchten Kriegern aus Israel,
auf den Weg
und zog in die Wüste von Sif hinab,
um dort nach David zu suchen.
Er schlug sein Lager auf der Anhöhe von Hachila
am Weg gegenüber von Jeschimon auf,
David aber blieb in der Wüste.
Als er sah, dass Saul ihm in die Wüste folgte,
schickte er Kundschafter aus und erfuhr,
dass Saul mit Sicherheit am Kommen war.
Er brach auf
und kam zu dem Ort, wo Saul sein Lager hatte.
Und David konnte die Stelle sehen,
wo Saul sich mit seinem Heerführer Abner,
dem Sohn Ners, zur Ruhe hingelegt hatte:
Saul schlief mitten im Lager,
während seine Leute rings um ihn herum lagen.
Da wandte sich David an den Hetiter Ahimelech
und an Abischai, den Sohn der Zeruja,
den Bruder Joabs, und sagte:
Wer geht mit mir zu Saul ins Lager hinab?
Abischai antwortete: Ich gehe mit.
So kamen David und Abischai
in der Nacht zu den Leuten
und siehe, Saul lag mitten im Lager und schlief;
sein Speer steckte neben seinem Kopf in der Erde
und rings um ihn schliefen Abner und seine Leute.
Da sagte Abischai zu David:
Heute hat Gott deinen Feind in deine Hand ausgeliefert.
Jetzt werde ich ihn
mit einem einzigen Speerstoß auf den Boden spießen,
einen zweiten brauche ich nicht dafür.
David aber erwiderte Abischai:
Bring ihn nicht um!
Denn wer hat je seine Hand gegen den Gesalbten des HERRN erhoben
und ist ungestraft geblieben?
Und er fügte hinzu:
So wahr der HERR lebt:
Der HERR möge ihn schlagen,
ob nun der Tag kommt, an dem er sterben muss,
oder ob er in den Krieg zieht und dort umkommt.
Mich aber bewahre der HERR davor,
dass ich meine Hand gegen den Gesalbten des HERRN erhebe.
Nimm jetzt den Speer neben seinem Kopf
und den Wasserkrug
und lass uns gehen!
David nahm den Speer und den Wasserkrug,
die neben Sauls Kopf waren,
und sie gingen weg.
Niemand sah und niemand bemerkte etwas
und keiner wachte auf;
alle schliefen,
denn der HERR hatte sie in einen tiefen Schlaf fallen lassen.
David ging auf die andere Seite hinüber
und stellte sich in größerer Entfernung
auf den Gipfel des Berges,
sodass ein weiter Zwischenraum zwischen ihnen war.
Dann rief er dem Volk und Abner, dem Sohn Ners, zu:
Abner, willst du antworten?
Abner antwortete und sagte:
Wer bist du, um den König anzurufen?
David antwortete Abner:
Bist du nicht ein Mann, dem keiner in Israel gleicht?
Warum hast du deinen Herrn, den König, nicht bewacht?
Es ist nämlich einer aus dem Volk gekommen,
um den König, deinen Herrn, umzubringen.
Das war nicht gut, was du da gemacht hast.
So wahr der HERR lebt:
Ihr habt den Tod verdient,
weil ihr euren Herrn, den Gesalbten des HERRN,
nicht bewacht habt.
Sieh doch nach,
wo der Speer des Königs und der Wasserkrug sind,
die neben dem Kopf des Königs standen!
Saul erkannte die Stimme Davids und sagte:
Ist das deine Stimme, mein Sohn David?
David antwortete:
Es ist meine Stimme, mein Herr und König.
Dann fragte er:
Warum verfolgt eigentlich mein Herr seinen Knecht?
Was habe ich denn getan?
Welches Unrecht habe ich begangen?
Möge doch mein Herr, der König,
jetzt auf die Worte seines Knechtes hören:
Wenn der HERR dich gegen mich aufgereizt hat,
möge er ein wohlriechendes Opfer erhalten.
Wenn es aber Menschen waren,
dann sollen sie verflucht sein vor dem HERRN;
denn sie haben mich vertrieben,
sodass ich jetzt nicht mehr
am Erbbesitz des HERRN teilhaben kann.
Sie sagen: Geh fort, diene anderen Göttern!
Doch mein Blut soll nicht fern vom HERRN zur Erde fließen.
Der König von Israel ist ausgezogen,
um einen einzigen Floh zu suchen,
wie man in den Bergen ein Rebhuhn jagt.
Darauf sagte Saul:
Ich habe gesündigt.
Komm zurück, mein Sohn David!
Ja, ich werde dir nichts zuleide tun,
weil dir heute mein Leben so kostbar war.
Ich sehe ein,
ich habe töricht gehandelt und schwere Fehler gemacht.
David erwiderte: Seht her,
hier ist der Speer des Königs.
Einer von den jungen Männern soll herüberkommen
und ihn holen.
Der HERR wird jedem seine Gerechtigkeit und Treue vergelten.
Obwohl dich der HERR heute in meine Hand gegeben hatte,
wollte ich meine Hand nicht an den Gesalbten des HERRN legen.
Doch denk daran:
Wie dein Leben heute in meinen Augen wertvoll war,
so wird auch mein Leben in den Augen des HERRN wertvoll sein;
er wird mich aus aller Bedrängnis erretten.
Saul sagte zu David: Gesegnet seist du, mein Sohn David.
Du wirst es sicher vollbringen,
dir wird es auch bestimmt gelingen.
Und David zog weiter,
Saul aber kehrte an seinen Ort zurück.
Kv - Gnädig und barmherzig ist der Herr,
voll Langmut und reich an Huld. - Kv
(oder GL 657,3)
Preise den HERRN, meine Seele,
und alles in mir seinen heiligen Namen!
Preise den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! - Kv
Der dir all deine Schuld vergibt
und all deine Gebrechen heilt,
der dein Leben vor dem Untergang rettet
und dich mit Huld und Erbarmen krönt. - Kv
Der HERR ist barmherzig und gnädig,
langmütig und reich an Huld.
Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld. - Kv
So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang,
so weit entfernt er von uns unsere Frevel.
Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten. - Kv
Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus
an die Gemeinde in Korinth.
Schwestern und Brüder!
So steht es auch in der Schrift:
Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen.
Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist.
Aber zuerst kommt nicht das Überirdische;
zuerst kommt das Irdische,
dann das Überirdische.
Der erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde;
der zweite Mensch stammt vom Himmel.
Wie der von der Erde irdisch war,
so sind es auch seine Nachfahren.
Und wie der vom Himmel himmlisch ist,
so sind es auch seine Nachfahren.
Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden,
so werden wir
auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Diese Perikope aus dem 1. Korintherbrief steht im Kontext einer Erwiderung des Paulus auf Anfragen hinsichtlich des Auferstehungsglaubens. Nachdem er dazu zuvor auf das Bild des Samenkorns verwiesen hat (15,36-37) als einem Vorgang von Verwandlung, greift er jetzt zurück auf die Schöpfungserzählung. Wir gehören als Menschen, als Geschöpfe, zu Adam, dem "ersten Menschen", zu dem alles Irdische gehört. Christus aber ist der "letzte Adam", der "zweite Mensch", zu dem alles Himmlische gehört. Durch die Schöpfung haben wir Anteil am Ersten Adam, durch den Glauben aber Anteil am Zweiten Adam, an Christus.
Der 1. Korintherbrief gibt Einblick in die Vorgänge und Probleme des Lebens der hellenistischen Gemeinde in der Provinzhauptstadt Korinth, einer Hafen- und Handelsstadt in Griechenland.
Paulus kennt die Gemeinde gut und versucht die aufgetretenen Probleme auf eine einheitliche theologische Grundposition zurückzuführen. Stichworte für die Schwierigkeiten bei den Korinthern sind: Parteiung (1 Kor 1-4), Sexualethik (1 Kor 5-6). Die beiden zentralen Grundthemen des Briefes sind die "Liebe" (1 Kor 13) und die "Auferstehung" (1 Kor 15).
Im 15. Kapitel des Briefes setzt sich Paulus mit der Auferstehung auseinander. Ähnlich wie im Thessalonicher-Brief geht er vom Glaubensbekenntnis aus, was voraussetzt, daß es darüber in Korinth noch keine Differenzen gab: Jesus Christus ist der, der gekreuzigt wurde und auferstand. In Korinth scheint man die Auferstehung zu leugnen und davon auszugehen, daß die Gläubiggewordenen schon als Auferstandene leben und daß es deshalb keine Auferstehung der Toten mehr für sie geben kann. Paulus dagegen betont, daß auch für die Korinther die Auferstehung noch in der Zukunft liegt und daß sich das Leben der Christen auf der Erde, im konkreten sozialen und geschichtlichen Umfeld abspielt. Die Streichung des eschatologischen Vorbehalts in der Meinung schon jetzt im Zustand des Heils zu leben hatte zu "enthusiastischen", übertrieben charismatischen Verhalten geführt, das den Gottesdienst und das Gemeindeleben durcheinanderbrachten.
In diesem Lesungsabschnitt versucht Paulus der grundlegenden Differenz zwischen irdischer und himmlischer Existenz nahezukommen.
Der "neue", auferstandene Mensch ist nicht einfach eine Verbesserung des irdischen Menschen, sondern ist eine Neuschöpfung unter völlig anderen Voraussetzungen. Paulus kann keine Bilder oder konkrete Vorstellungen von der himmlischen Existenz der Auferstandenen liefern. Sein Verständnis ist ganz vom Christusgeschehen geprägt. Adam als Symbol für den ersten Menschen ist sozusagen der Prototyp des irdischen Menschen. Christus dagegen ist für Paulus "lebendigmachender Geist", nicht vergleichbar, nicht einmal beschreibbar mit irdischen Bildern.
Der neue "Leib" des Menschen gehört dem Bereich Gottes an und ist so Verheißung und Zukunft des irdischen Menschen.
Der erste Korintherbrief ist das früheste paulinische Zeugnis. Es ist weniger ein durchkomponierter Brief als mehr eine Sammlung von “Essays“ mit Themen, die Paulus am Herzen liegen. Im vorliegenden Text geht es einmal mehr um die Frage: “Was ist Auferstehung?” Paulus versucht es, hier ins Bild zu fassen: Auferstehen meint das Erhobenwerden über alles Irdische. Was einst irdisch geformt war, erhebt sich darüber hinweg zur Auferstehung. Diese Gedanken-Komposition des Paulus aber lässt sich weiterdenken: Nicht nur das Physische des Menschen wird über sich selbst erhoben, sondern auch sein ganzes Wesen. Mit allem, was der Mensch tut und ist, soll er sich über alles Irdische erheben.
Halleluja. Halleluja.
(So spricht der Herr:)
Ein neues Gebot gebe ich euch:
Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Euch aber, die ihr zuhört, sage ich:
Liebt eure Feinde;
tut denen Gutes, die euch hassen!
Segnet die, die euch verfluchen;
betet für die, die euch beschimpfen!
Dem, der dich auf die eine Wange schlägt,
halt auch die andere hin
und dem, der dir den Mantel wegnimmt,
lass auch das Hemd!
Gib jedem, der dich bittet;
und wenn dir jemand das Deine wegnimmt,
verlang es nicht zurück!
Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen,
das tut auch ihr ihnen!
Wenn ihr die liebt, die euch lieben,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden.
Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Das tun auch die Sünder.
Und wenn ihr denen Geld leiht,
von denen ihr es zurückzubekommen hofft,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Auch die Sünder leihen Sündern,
um das Gleiche zurückzubekommen.
Doch ihr sollt eure Feinde lieben
und Gutes tun und leihen,
wo ihr nichts zurückerhoffen könnt.
Dann wird euer Lohn groß sein
und ihr werdet Söhne des Höchsten sein;
denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist!
Richtet nicht,
dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!
Verurteilt nicht,
dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!
Erlasst einander die Schuld,
dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!
Gebt,
dann wird auch euch gegeben werden!
Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß
wird man euch in den Schoß legen;
denn nach dem Maß, mit dem ihr messt,
wird auch euch zugemessen werden.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die Perikope stammt aus dem Mittelteil der lukanischen Feldrede und entspricht in weiten Teilen der matthäischen Bergpredigt: Beide Autoren haben auf denselben Ursprung - dieselbe Logienquelle - zurückgegriffen. Im vorliegenden Teil wird das zur damaligen Vorstellung quer liegende Liebesgebot eingeführt, das schließlich in der Feindesliebe gipfelt. Hieß es im Buch Genesis (9,6) noch: „Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht”. Oder später im Buch Levitikus (24,17f): “Wer einen Menschen erschlägt, hat den Tod verdient. Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen: Leben für Leben”. Jesus hält nichts von derartigem Ausgleich und setzt damit die Ökonomie der Gerechtigkeit nach jüdischem Gesetz außer Kraft.
Im ersten Teil der Perikope wird eine Form der Liebe gegenüber jedermann skizziert, die dadurch hervorsticht, dass sie keinen Ausgleich kennt. Der weniger Geliebte soll sich nicht nur in seiner Unterlegenheit zufriedengeben, sondern sie auch noch fördern - zuhöchst zugespitzt, wenn er jene liebt, die ihm Schlechtes tun.
Der zweite Teil des Textes verbleibt wohl in der Thematik, aber fügt mit dem Schwerpunkt “wie auch euer Vater“ noch einen weiteren Grund für das Liebesgebot ein: Wer unbedingt und über alle Maßen liebt, kommt der Art und Weise eines unbedingt liebenden Gottes näher.
Den Abschnitt über die Vergeltung und die Feindesliebe schließt das Lukasevangelium im Rahmen der sogenannten "Feldrede" an die Seligpreisungen und die Wehrufe an. Positiv ausgedrückt könnte man diese Stelle mit: "über die Barmherzigkeit und die Nächstenliebe" überschreiben.
Die Forderungen sind radikal und doch aus dem alltäglichen Leben gegriffen: das Verhalten gegenüber Menschen, wo nur eine negative Beziehung besteht, Umgang mit Gewalt, mit Menschen, denen man nicht vertrauen kann, auch in diesen Grenzbereichen, hat sich die christliche Grundhaltung zu bewähren.
Feindlich gesinnte, hassende, gewalttätige und nicht vertrauenswürdige Menschen gehören zu der Realität, in die die Christen hineingestellt sind. Der Himmel ist noch nicht eingekehrt auf der Erde und die Christen sind nicht gefeit vor Begegnungen mit dem Bösen in der Welt, wie Paulus den Korinthern klarzumachen versuchte.
Es ist nach Lukas nicht möglich, und auch nicht christlich, davor die Augen zu verschließen, daß es böse Menschen gibt und um nicht damit konfrontiert zu werden nur im privaten, "frommen und rechtgläubigen" Zirkeln zu verkehren.
Wenn die Liebe der Christen nicht über den eigenen Gartenzaun hinausreicht, was bringt´s? Mit dem Evangelisten: "Welchen Dank erwartet ihr euch dafür?" (Lk 6:33)
Der Schreiber des Evangeliums will nicht, daß seine Leser zu geduldigen Opfern von Ausnutzung, Gewalt und Vertrauens mißbraucht werden. Es geht nicht um ein passives Erdulden und Erleiden, sondern um eine aktive Begegnung, dem Bösen die Stirn zu bieten, in einer Art und Weise, wie es in der Logik des Bösen nicht vorkommt: Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, den Konflikt nicht eskalieren lassen sondern selber auszusteigen aus diesen gefährlichen Mechanismen. Der Evangelist lädt ein, aktiv zu werden, aus der Wahrnehmung und dem Erkennen des Bösen heraus bewußt einen Schritt in die andere Richtung zu setzen., sich nicht blind den unmittelbaren Emotionen hinzugeben.
Ähnlich arbeiten Psychotherapeuten mit Menschen, die in einem Konflikt, zum Beispiel in einer Ehekrise stehen: einmal den Standpunkt wechseln, den anderen nicht nur als "Feind", sondern auch als Menschen betrachten, ein Stück über den eigenen Schatten springen, einen Schritt der Versöhnung tun und darüber nachzudenken, wie weit mein eigenes Verhalten Anlaß gibt für Haß und Feindschaft. Radikale Forderungen? Herausfordernd vielleicht, aber nicht entmündigend, unterdrückend und zum Dulden verdammend.
Natürlich gibt es ein Risiko, sofortigen Erfolg verspricht der Evangelist Lukas nicht. Die Strukturen des Bösen sind zäh, im einzeln Menschen, in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Das Evangelium verweist uns auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes, nicht für unseren Umgang mit Menschen mit denen wir nicht gern zu tun haben, sondern auch für unsere eigenen Ansätze und Versuche, die Welt ein Stück menschlicher zu machen.
Lk 6,20-49 bringt die neue Gottesweisung, die Jesus den Jüngern und dem Volk verkündet. Lukas möchte diese Einheit als Wort an die Kirche verstanden wissen (deshalb der "ekklesiologische Rahmen" mit der Apostelwahl 6,12-19 als Vorschub). Nach den Seligpreisungen und Weherufen (6,20-26) folgt der Hauptteil der Rede: die neue Weisung, die radikale Liebe fordert.
6,27-38 stellt zunächst das neue Gebot Jesu vor. (Der zweite Teil der Rede - 6,39-45 - bringt danach eine kritische Reflexion des Neuen an diesem Gebot im Vergleich zu anderen Lebenswegen.)
6,27-31 stellt zunächst die Forderung dar: reaktionslose Feindesliebe und selbstlose Hilfsbereitschaft einem jeden gegenüber; den Abschluss bildet die "Goldene Regel", die die Einzelanweisungen ins Allgemeine führt. Sie ist positiv formuliert (vgl. Mk 12,31); die Eigenliebe wird als Maßstab für die Liebe zum Mitmenschen empfohlen. Indem Jesus allen Menschen eine Allgemeinregel in die Hand gibt, gibt er auch die Möglichkeit zum eigenen (Gewissens-)Entscheid, unabhängig von der Gesetzesauslegung von Schriftgelehrten.
6,32-35 bringt die Motivation für solches Handeln: nicht ein Lohndenken ist es, sondern selbstlose Liebe, die verschenken will; und doch ist auf einer tieferen Ebene der Lohn groß. Letztlich bringt Jesus eine Empfehlung der Nachahmung des Handelns Gottes, der "gütig ist gegenüber Undankbaren und Bösen".
6,36-38 bringt das Thema der Barmherzigkeit: nach dem Vorbild der Barmherzigkeit des Vaters bedeutet sie Verzeihen (V. 37) und Geben (V. 38).
Jesus setzt das Gebot der Nächstenliebe voraus (Lev 19,18), radikalisiert es aber, indem er fordert, auch den letzten, den verhasstesten Menschen noch lieben zu sollen. Der Schlüssel für ein solches Verhalten liegt letztlich im Handeln Gottes selbst (V. 36).
Verbindung zum Alten Testament
Mit dem Stichwort Feindesliebe verbinden viele Menschen – auch außerhalb der Kirche – zuerst Jesus von Nazaret und seine bedingungslose Nächstenliebe, die ihn von allen anderen biblischen Personen unterscheidet. Tatsächlich jedoch finden sich viele Handlungsanleitungen Jesu in Texten des Alten Testaments wieder.
Die sogenannte „Goldene Regel“ (V. 31; vgl. dazu auch Mt 7,12) hat dementsprechend genauso ihr Pendant im Alten Testament (vgl. Sir 31,15) und in der frühjüdischen Literatur wie das allgemeine Gebot der Nächstenliebe. Letzteres gilt dort sogar explizit nicht nur für Menschen aus dem eigenen Volk, sondern ebenso für Nichtjüdinnen und Juden (vgl. Lev 19,34). Von den Fremden ist der Schritt zu den Feinden zwar nicht mehr so weit, ausdrücklich findet sich der Aufruf zur Feindesliebe allerdings erst bei Jesus.
Eine konsequente Entscheidung
Die Feindesliebe ist der konsequente Endpunkt des Gottesbildes Jesu. Jede und jeder kann zu meinem Nächsten werden (vgl. die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter in Lk 10,30–35), sogar mein Feind. Auch ihm können wir als Kinder Gottes auf Augenhöhe begegnen. Möglich wird dies erst auf der Basis eines Gottesbildes, das Gott als radikal Liebenden versteht. Nur wer sich selbst bedingungslos geliebt weiß, kann die eigene Zuwendung auch jenen zukommen lassen, von denen er keine Gegenliebe erwartet. Die Feindesliebe wird damit zur Antwort des überfließenden Maßes der Liebe, die der Mensch selbst erfährt.
Erfahrungen einer geplagten Gemeinde
Jesu Worte sind keine theoretischphilosophischen Abhandlungen. Ihre Radikalität bekommen sie nicht zuletzt aufgrund ihrer realitätsnahen Bilder. Diese jedoch spiegeln nicht die Erfahrungen von Siegern wider. Vielmehr zeigt sich in ihnen eine deprimierende Realität, die geprägt ist von Ungerechtigkeit, Diebstahl und verschiedenen Formen von Hass, physischer und psychischer Gewalt.
Anders als die spätere Entwicklung der Kirche vermuten lässt, finden sich die Fundamente der ChristusGemeinden nicht in den glänzenden Palästen der Herrscherschichten, sondern im rauen Alltag von Sklaven und Menschen in prekären Situationen. Manch biblisches Beispiel (etwa 1 Petr 2,18–20) zeigt, wie real die Erfahrung der Unterdrückung und wie groß die Ohnmacht waren. Gegenwehr, Aufstand oder militärische Macht waren hier vollkommen aussichtslos.
Die Haltung Jesu ist eine andere: Es geht nicht darum, die Spirale von Gewalt und Gegengewalt weiterzudrehen. Hier steigt Jesus aus und ruft durch sein Handeln dazu auf, diese ebenfalls zu durchbrechen und bewusst eine andere Antwort auf erfahrenes Leid zu geben: die Liebe Gottes. Sie wird zum Merkmal, das die Menschen in der Nachfolge Jesu spürbar unterscheidet und ihre Gemeinschaft für andere attraktiv macht.
Reinhard Stiksel
Die Forderung Jesu, die Feinde zu lieben, empfinden viele Menschen als Überforderung. Wie und wo hat sie Platz in unserem Leben? Das emotionale Lieben ist nur eine Facette menschlicher Liebe. Die Feindesliebe kann von der Goldenen Regel her rational begründet werden. Das Leitbild der Liebe ist für Jesus die unendliche Barmherzigkeit Gottes. Diese geht noch über die Goldene Regel hinaus.
Die Feldrede des Lukas ist ein Gegenüber zur Bergpredigt bei Matthäus. In beiden Reden führt Jesus das alte jüdische Gesetz in seinem ursprünglichen Geist weiter. Er will seine Zuhörer auf eine höhere Stufe moralischen Handelns hinführen.
Feindesliebe ist eine scheinbar unmögliche Forderung Jesu. Wie kann ich konkret einen Feind lieben?
Lieder:
GL 146: Du rufst uns, Herr, an deinen Tisch (3. Str.)
GL 161: Du rufst uns, Herr, trotz unsrer Schuld
GL 210: Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein
GL 273: O Herr, nimm unsre Schuld (3. Str.)
GL 427: Herr, deine Güt ist unbegrenzt
GL:428: Herr, dir ist nichts verborgen
GL 440: Hilf, Herr, meines Lebens
GL 446: Lass uns in deinem Namen, Herr
GL 448: Herr, gib uns Mut zum Hören
GL 449: Herr, wir hören auf dein Wort
GL 460: Wer leben will wie Gott auf dieser Erden
GL 464: Gott liebt diese Welt, und wir sind sein Eigen
GL 543: Wohl denen, die da wandeln (2. und 3. Str.)
Psalmen und Kehrverse:
GL 312,7: Herr, du hast Worte ewigen Lebens – Mit Psalm 103 - II.
GL 584,4: Herr, du hast Worte ewigen Lebens – Mit Psalm 19 - II.
GL 305,4: Dies ist mein Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt - Mit Psalm 8 (GL 33,2) - VII
GL 657,3-4: Dein Erbarmen, o Herr, will ich in Ewigkeit preisen – Mit Psalm 103 - II
Herr Jesus Christus,
du bist Mensch geworden, um uns die Liebe Gottes zu zeigen.
Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
du hast nicht für dich gelebt, sondern dich für uns hingegeben.
Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
du schenkst uns den Heiligen Geist, der uns mit seiner Liebe erfüllt.
Herr, erbarme dich.
GL 161: Du rufst uns, Herr, trotz unsrer Schuld
Oder:
Herr Jesus, du hast geboten:
Liebt einander und hasst niemanden, nicht einmal die Feinde. -
Herr, erbarme dich unser.
Herr Jesus, du bist für deine Liebe in den Tod gegangen
und hast damit Tod und Hass besiegt.
Christus, erbarme dich unser.
Herr Jesus,
du sendest uns aus als Zeugen deiner Liebe.
Herr, erbarme dich unser.
Barmherziger Gott,
du hast durch deinen Sohn zu uns gesprochen.
Laß uns immer wieder über dein Wort nachsinnen,
damit wir reden und tun, was dir gefällt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 7. Sonntag im Jahreskreis
Gott,
Jesus hat dich verkündet
als den Gott der Güte und des Verzeihens.
Hilf uns,
nicht Böses mit Bösem zu vergelten
und an die Macht des Guten zu glauben.
Durch Christus, unseren Herrn.
Gott, Du willst Frieden und die Liebe anstelle von Krieg und Hass.
Zu Dir, dem Geber alles Guten, kommen wir mit unseren Bitten:
Wir beten für alle, die in Kriege und Feindseligkeiten verwickelt sind:
um Frieden und Versöhnung.
Wir beten für die Menschen, die zu schwach sind, um sich zu wehren;
die ausgenutzt und missbraucht werden:
um ein Ende der Qualen.
Wir beten für alle, die in der Kirche und in der Verkündigung mitarbeiten:
um den Mut, für Christi Botschaft einzustehen.
Wir beten für alle, die sich in Krankenhäusern und Pflegeheimen
um Leib und Seele anderer kümmern:
um Kraft und Ausdauer.
Wir beten für unsere Verstorbenen:
um die Freude und den Frieden bei Dir.
Guter Gott,
diese ausgesprochenen und alle unsere unausgesprochenen Anliegen bringen wir vor dich.
Du sorgst dich um uns -
dafür danken wir dir durch Christus, unseren Herrn.
Allmächtiger Gott,
in der Feier der göttlichen Geheimnisse
erfüllen wir den Dienst, der uns aufgetragen ist.
Gib, daß wir deine Größe würdig loben und preisen
und aus diesem Opfer Heil empfangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 7. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott,
dein Sohn hat uns versprochen,
er werde in unserer Mitte sein,
wann immer wir in seinem Namen versammelt sind.
Er selber erfülle das Lobgebet,
das wir über Brot und Wein sagen,
mit seiner Hingabe und Liebe.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Auswahl 4
Guter und barmherziger Gott,
wir danken dir für deine maßlose und Liebe,
die Jesus dein Sohn uns als Maß vorgegeben hat.
Kehrvers: Lobet den Herrn, preist seine Huld und Treue.. (GL 401)
Du hast mit deinem Volk einen Bund geschlossen
und ihm deine Gebote gegeben,
damit es in Frieden und gegenseitiger Achtung leben kann.
Kehrvers
Um die ganze Menschheit mit dir zu versöhnen,
hast du Jesus, deinen Sohn, gesandt.
Er hat uns deine überreiche Erlösung und Barmherzigkeit
in Worten, Zeichen und Taten geoffenbart.
Kehrvers
Er hat sich seinen Verfolgern in die Hand gegeben
und für sie noch am Kreuz um Vergebung gebeten.
Er hat uns gezeigt, wie auch wir für einander da sein
und einander lieben können.
Kehrvers
Seinen Jüngern hat er den Auftrag erteilt,
allen Menschen die Versöhnung mit dir
und die Vergebung der Sünden zu verkünden.
Kehrvers
Dafür danken und preisen wir dich
und stimmen wir in den Lobgesang der Ganzen Schöpfung ein
und singen:
Danklied, z. B. GL 409: Singt dem Herrn ein neues Lied…
Wir danken dir, Gott, allmächtiger Vater,
und preisen dich für dein Wirken in dieser Welt
durch unseren Herrn Jesus Christus:
Denn inmitten einer Menschheit,
die gespalten und zerrissen ist,
erfahren wir,
daß du Bereitschaft zur Versöhnung schenkst.
Dein Geist bewegt die Herzen,
wenn Feinde wieder miteinander sprechen,
Gegner sich die Hände reichen,
und Völker einen Weg zueinander suchen.
Dein Werk ist es,
wenn der Wille zum Frieden den Streit beendet,
Verzeihung den Haß überwindet
und Rache der Vergebung weicht.
Darum können wir nicht aufhören,
dir zu danken und dich zu preisen.
Wir stimmen ein
in den Lobgesang der Chöre des Himmels,
die ohne Ende rufen:
Aus dem Hochgebet Versöhnung 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Dank zu sagen, heiliger Gott.
Du hörst nicht auf,
uns zu einem reicheren Leben zu berufen.
Weil du ein Gott voll herzlichen Erbarmens bist,
wirst du nicht müde,
uns immer neu deine Verzeihung anzubieten.
Du lädst den sündigen Menschen ein,
auf deine Vergebung zu bauen.
Obwohl wir deinen Bund gebrochen hatten,
hast du dich nicht von uns abgewandt.
Durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus,
hast du zwischen dir und der Menschheit
ein neues Band geknüpft, das nicht mehr zerreißt.
Immer wieder wendest du dein Volk dir zu
und läßt es aufatmen in Christus.
Du gibst ihm Mut,
sich mehr und mehr dem Heiligen Geist zu überlassen
und den Menschen zu dienen.
Darum bewundern wir dich und danken dir.
Wir verkünden die Kraft deiner Liebe
und die Freude deines Heiles in Christus.
Wir vereinen unsere Stimmen
mit den ungezählten Stimmen des Himmels und rufen:
Aus dem Hochgebet Versöhnung 2
Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang
und heimkehren werde ich ins Haus des Herrn
für lange Zeiten.
(Ps 23,6)
Oder:
Es gibt keine größere Liebe,
als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt,
spricht der Herr.
(Joh 15,13)
Oder:
So spricht der Herr:
Wie ich euch geliebt habe,
so sollt auch ihr einander lieben.
(vgl. Joh 13,34)
Oder:
Christus spricht:
Euch, die ihr zuhört, sage ich:
Liebet eure Feinde,
tut denen Gutes, die euch hassen,
(Lk 6,27)
Getreuer Gott,
du hast uns das heilige Sakrament
als Unterpfand der kommenden Herrlichkeit gegeben.
Schenke uns einst das Heil in seiner ganzen Fülle.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 7. Sonntag im Jahreskreis
Gütiger Gott,
bewahre dem Volk der Erlösten deine Liebe und Treue.
Das Leiden deines Sohnes hat uns gerettet;
sein Geist, der von dir ausgeht, führe uns den rechten Weg.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Pfingstmontag
MB Freitag in der Osterwoche
Die Presse: Im Einladungsschreiben für die Missbrauchskonferenz hat der Papst die Aufgabe gestellt, mit Opfern zusammenzukommen. Haben Sie Menschen getroffen, die in der Kirche Opfer von Missbrauch wurden?
Kardinal Walter Kasper: In der Zeit, in der ich Bischof war, in den 1990er-Jahren, war das Thema Missbrauch nicht so aktuell wie heute. Aber ja, ich habe damit zu tun gehabt. Das waren ganz unterschiedliche Erfahrungen. Viele Opfer sind schwer enttäuscht, sehr betroffen und haben traumatische Wunden davongetragen. Manche hatten das Erlebte zum Teil überwunden. Das hängt von der Persönlichkeit ab und davon, was ein Mensch für Erfahrungen gemacht hat. Gerade deshalb scheint es mir am allerwichtigsten, dass man diesen Menschen begegnet. Man muss mit den Opfern reden, sie anhören und ernst nehmen, ihnen Verständnis und Bedauern entgegenbringen.
Almut Siefert im Interview mit Kardinal Walter Kaspar: diepresse.com am 16.02.2019.

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Die Aufstiegsgeschichte Davids (ab 1 Sam 16) erzählt von Jahwes Zuwendung zu ihm. Diese Stelle ist eine Sage (Heldenerzählung) zur Idealisierung des späteren Königs David.
David ist in der Lesungsperikope der klar Unterlegene, auf der Flucht; er ist in der Wüste. Doch Saul gerät durch "Zufall" in Davids Hand. David steht vor der Prüfung: Nimmt er Rache – oder ist er loyal? Abischai (V. 8) ist dabei gleichsam der Versucher Davids, der ihn aufhetzen möchte; doch David anerkennt die Unantastbarkeit des "Gesalbten Jahwes" (V. 9).
David nimmt nur symbolisch als Zeichen für seinen nächtlichen Besuch im Lager zwei persönliche Gegenstände Sauls mit: den Speer und einen Wasserkrug. Saul sieht angesichts der Loyalität Davids seinen Fehler ein (V. 21): "Ich habe töricht gehandelt." Darauf gibt ihm David das Gestohlene zurück – und gibt als Maßstab seines Handelns an: dass "der Herr jedem seine Gerechtigkeit und Treue vergelten" wird (V. 23).
Die gemeinsame Geschichte von Saul und David endet an dieser Stelle; ihre Wege trennen sich endgültig, und sie werden sich im Leben nicht mehr begegnen.
Auch wenn es sich hier "nur" um eine Erzählung handelt, finden sich doch auch theologisch bedeutsame Gedanken.
1 Sam 26 stellt den Versuch dar, Davids Treue gegenüber Jahwe zu beweisen. Er hält der Versuchung, sich seines Verfolgers zu entledigen, stand, ja er rettet Saul vor dem stürmischeren Abischai. David weiß darum, dass er nur ein Werkzeug des Herrn ist, und seine Gerechtigkeit besteht darin, dass er den ihm wehrlos Ausgelieferten nicht selbst richtet, sondern ihn dem Urteil und Gericht Jahwes überlässt. Trotz aller Verfolgung anerkennt er Saul als den Gesalbten des Herrn (Vv. 9.23). In alledem weiß David aber um den Beistand Jahwes, der ihn "aus aller Bedrängnis erretten wird" (V. 24).
Es geht dem Erzähler darum zu zeigen, dass David nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch die Hilfe Jahwes das Königtum erreicht hat. David ist ein von Gott Geführter.
Gleichzeitig aber ist David dadurch, dass er auch in der Verfolgung, als er außerhalb der Ordnung lebte, keine Schuld auf sich lud und sowohl Gott gegenüber gehorsam als auch dem König gegenüber loyal geblieben ist, als Fortführer des Alten, der Anfänge des Königtums unter Saul, legitimiert.
Der Segen über David, der Saul in einer Prophezeiung am Schluss dieser Erzählung in den Mund gelegt ist (V. 25), weist über diesen Kontext hinaus. Auf David gründet sich schließlich nicht nur das Königtum in Israel, sondern an ihm werden letztlich auch die messianischen Hoffnungen eines neuen Königtums festgemacht, die für uns Christen herüberreichen in das Neue Testament. Jesus, der "Sohn Davids" (Mt 1:6; 19:21), hat "es sicher vollbracht" (1 Sam 26:25), nämlich die Rettung seines Volkes.
Die Samuelbücher, die in der griechischen Bibel getrennt wurden, gehören eng mit den Königsbüchern zusammen. Sie erzählen den Geschichtsablauf von der Geburt des letzten Richters, Samuel, bis kurz vor den Tod Davids. Samuel, der letzte, der die richterliche und prophetische Funktion in dieser Form wahrnimmt, salbt den ersten König Israels: Saul und später auch dessen Nachfolger David. Die Hauptteile der Samuelbücher gliedern sich in:
1. Samuel und Saul (1 Sam 1-15)
2. Der Aufstieg Davids (1 Sam 16- 2 Sam 5.7-8)
3. Die Nachfolger Davids (2 Sam 6.9-20; 1 Kön 1-2)
4. Verschiedene Nachträge (2 Sam 21-24)
Der Aufstieg Davids wird sehr spannend und abwechslungsreich erzählt. Der Leser erfährt viele Details aus dem Leben Davids und zugleich wird exemplarisch das Handeln Gottes deutlich. Beginnend von der Salbung Davids an, über die Szene des jungen Zitherspielers am Königshof, der sich zu einem gefürchteten Feldherrn mausert, als Freischärler sogar zum Gegner König Sauls werden muß und schließlich nach dem Tod Saul selbst zum König wird, ist David kein "Heiliger" aber ein "Gerechter", der in Treue zu seinem Gott lebt.
Das wird besonders deutlich in den Szenen, in denen das Leben König Sauls in der Hand Davids liegt und er allen Grund hätte, ihn zu töten. Schon in 1 Sam 24 wird erzählt, daß Saul "zufällig" in die Höhle kommt, in der sich David vor ihm versteckt hält. David schont sein Leben, die beiden versöhnen sich - was Saul aber nicht davon abhält, sich kurze Zeit später wieder mit 3000 Mann auf die Suche nach dem Rivalen David zu machen.
Hatte David bei der ersten Szene ein Stück des königlichen Mantel abgeschnitten um seine Unschuld zu beweisen, so nimmt er jetzt den Speer und den Wasserkrug des Königs aus dem Lager mit. Es ist eine mehr als zeichenhafte Aktion, wenn man verfolgt, welcher Wert in den Samuelbücher auf Erzählungen über Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände gelegt wird (zum Beispiel als David die Rüstung Sauls anlegen soll um Goliath gegenüber zu treten 1 Sam 17:38ff; der Mantel Jonathans, den er David gibt 1 Sam 18:4; oder als Saul von Samuel erfährt, daß Gott ihm die Herrschaft wegnimmt 1 Sam 15:27).
Der Anrede "mein Sohn David" steht der Wille Sauls gegenüber, den Verlust der Herrschaft mit allen Mitteln zu verhindern. Der Unschuld Davids wird die Falschheit Sauls gegenübergestellt. Der Brutalität und Taubheit für den Willen Gottes auf Seiten des Machthabers steht der Glaube und das Gottvertrauen des ebenso Gesalbten gegenüber.
Mit dem Speer könnte David Saul in jener Nacht im Lager töten, mit dem Saul versucht hat, den jungen David, als er noch bei ihm am Hof lebte, an die Wand zu spießen (1 Sam 18:11;19:10). Der Speer als Symbol des Todes in der Hand des einen Gesalbten wird zum Zeichen der Unschuld und der Gerechtigkeit durch die Handlung des zweiten Gesalbten.
Nach dem Schuldeingeständnis Sauls folgt wie in der anderen Szene der Segen für den "Sohn" David. Paradoxerweise ist es gerade David, der neue Auserwählte und Gesalbte Gottes, der dem verworfenen König sein Königtum bestätigt (1 Sam 26:17.23). Gerade die Anerkennung seines Königtums durch David treibt Saul noch weiter in die Verzweiflung und in den Wahnsinn. Der Bruch zwischen den beiden ist trotz gegenteiliger Aussagen nicht mehr heilbar, jeder geht den von ihm eingeschlagenen Weg weiter.
Hier wird auch ein Stück des Geheimnisses der göttlichen Erwählung sichtbar: Gott erwählt und verwirft zugleich, gibt und nimmt, steht zugleich zu seinem Wort und zieht doch die Konsequenzen und auch der von Gott Auserwählte und Gesalbte ist frei in seinen Entscheidungen, genauso wie er auch deren Konsequenzen zu tragen hat.
Wir befinden am Anfang des letzten Jahrtausends vor Christus. Saul ist König und befindet sich im Dauerclinch mit dem jungen David. David ist ein guter Krieger und Politiker und steht treu zum Königreich. Saul aber sieht in ihm einen beständigen Widersacher. David hat es bereits geschafft, sein kriegerisches Geschick zu beweisen und hat sogar Sauls Tochter Michal zur Frau bekommen. Doch Saul traut ihm immer noch nicht und will ihn als Konkurrenten loswerden. Dabei hat David keinerlei umstürzlerische Absichten. Zweimal kommt es vor, dass David Saul aus dem Weg räumen könnte, um selbst auf den Thron zu gelangen. Doch David sieht jedes Mal davon ab. - Die zweite dieser beiden Geschichten erzählt die vorliegende Lesung.
Die biblische Erzählung rund um den Aufstieg Davids zum König beschreibt David als legitimen Nachfolger Sauls. Sie hat dabei jedoch mit dem Problem zu kämpfen, dass David nicht Sauls Sohn und daher auch nicht der rechtmäßige Thronanwärter ist. Umso wichtiger ist es, den Eindruck zu vermeiden, er sei als Thronräuber oder Putschist an die Macht gelangt. Daher wird viel Gewicht auf Aspekte gelegt, die für David sprechen: die Salbung durch Samuel (1 Sam 16); die geistige Krankheit Sauls (1 Sam 16); der kriegerische Erfolg Davids (1 Sam 17); die große Liebe, die ihm vom rechtmäßigen Thronfolger Jonatan entgegengebracht wird (z.B. 1 Sam 18 – 20) und die Freundschaft bedeutender Männer wie Samuel (1 Sam 19) oder dem Priester Ahimelech (1 Sam 21). David ist also als Nachfolger von Gott erwählt, dazu fähig und von berufener Stelle anerkannt.
Besonders wichtig ist natürlich der wiederholte Hinweis darauf, dass David keinen Anteil am Tod Sauls hat und auch sonst nichts Gewaltsames gegen Gottes Gesalbten unternehmen würde. Dazu dient der Text der ersten Lesung.
Davids Wohlwollen gegenüber Saul
Während Saul erfolglos versucht, David aufzuspüren und umzubringen, hat David zweimal Gelegenheit, Saul zu töten, tut es aber nicht.
Das erste Mal begnügt er sich damit, Saul einen Zipfel vom Gewand abzuschneiden (vgl. 1 Sam 24). Hier, in diesem Text, raubt David dem schlafenden König im Beisein der (ebenfalls schlafenden) versammelten Kriegerschaft Krug und Speer, zwei Gegenstände also, die in unmittelbarer Nähe des Schlafenden liegen (neben dem Kopf, vgl. V. 16) und die zu rauben eine große Portion Kühnheit erfordert. Damit zeigt David sehr deutlich:
- Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, Saul zu töten und unerkannt zu entkommen.
- Er steht unter Gottes Schutz.
- Saul ist mit seinen Anfeindungen gegen ihn im Unrecht.
Der Loyalitätserweis zeigt Folgen: Saul ist von Davids Großmut beeindruckt und segnet ihn. Für kurze Zeit ist Friede eingekehrt.
Die Feinde nicht hassen
Der Zusammenklang mit dem Evangelium fokussiert den stark zusammengekürzten Text der ersten Lesung auf den Aspekt der Feindesliebe. Wie David den Hass Sauls nicht mit Gewalt beantwortet hat, sondern mit Großmut, ruft Jesus auf, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern die Feinde zu lieben. Jesus greift damit das Gebot der Nächstenliebe aus seiner jüdischen Tradition auf (vgl. Lev 19,18), das fordert, sich am Nächsten nicht zu rächen und ihm nichts nachzutragen. Die Worte „rächen“ und „nachtragen“ implizieren, dass auch hier Böses erlitten wurde. Jesus formuliert es noch pointierter und wendet sich damit gegen einen Dualismus (Freunde lieben, Feinde hassen), der in manchen Gemeinschaften (z.B. in Qumran) zu dieser Zeit gebräuchlich war.
Elisabeth Birnbaum