Lesung aus dem Buch Jesaja.
Das Volk, das in der Finsternis ging,
sah ein helles Licht;
über denen, die im Land des Todesschattens wohnten,
strahlte ein Licht auf.
Du mehrtest die Nation,
schenktest ihr große Freude.
Man freute sich vor deinem Angesicht,
wie man sich freut bei der Ernte,
wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
Denn sein drückendes Joch
und den Stab auf seiner Schulter,
den Stock seines Antreibers zerbrachst du
wie am Tag von Midian.
Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft,
jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt,
wird ein Fraß des Feuers.
Denn ein Kind wurde uns geboren,
ein Sohn wurde uns geschenkt.
Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt.
Man rief seinen Namen aus:
Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott,
Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Die große Herrschaft
und der Frieden sind ohne Ende
auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit,
von jetzt an bis in Ewigkeit.
Der Eifer des HERRN der Heerscharen
wird das vollbringen.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Kv - Heute ist uns der Heiland geboren:
Christus, der Herr. – Kv
(Oder GL 635,3)
Singt dem HERRN ein neues Lied,
singt dem HERRN, alle Lande,
singt dem HERRN, preist seinen Namen!
Verkündet sein Heil von Tag zu Tag! - Kv
Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit,
bei allen Völkern von seinen Wundern!
Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke,
es brause das Meer und seine Fülle. - Kv
Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst.
Jubeln sollen alle Bäume des Waldes
vor dem HERRN, denn er kommt,
denn er kommt, um die Erde zu richten. - Kv
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus.
Denn die Gnade Gottes ist erschienen,
um alle Menschen zu retten.
Sie erzieht uns dazu,
uns von der Gottlosigkeit
und den irdischen Begierden loszusagen
und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,
während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten:
auf das Erscheinen der Herrlichkeit
unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.
Er hat sich für uns hingegeben,
damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse
und für sich ein auserlesenes Volk schaffe,
das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Mit dem Brief des Völkerapostels an seinen Freund Titus will Paulus das Leben der Christengemeinde auf Kreta ordnen. In der vorliegenden Perikope entfaltet Paulus weitere Ausführungen seiner Theologie der Gnade. Im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest wird deutlich: Diese Gnade Gottes wird anschaubar, wenn Gott Mensch wird in einer Krippe.
Mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Retter und Heilbringer, begründet der Verfasser des Titusbriefes die Forderung nach einem gerechten, frommen und besonnenen Leben der Gläubigen.
Zwischen dem ersten und zweiten "Erscheinen" Gottes in Jesus Christus, soll die Kirche als Gemeinschaft erfahrbar werden, die ihr Leben nach den Tugenden gestaltet und so entsprechend Zeugnis von der Heilstat Gottes gibt. Das Vorbild des Titusbriefes ist das hellenistische Ideal eines ordentlichen, frommen und verantwortungsbewußten Lebens. Die Gnade Gottes hat hier eine erzieherische Wirkung, deren Effekt die Lebenshaltung der Gläubigen von den Abgefallenen unterscheidet. In der Entscheidung für den Glauben geschieht ein Abwendung von der Gottlosigkeit und von den irdischen Begierden, die hier aber nicht genauer definiert werden.
Der Blick auf die Erfüllung der Hoffnung nach der Wiederkunft Jesu Christi gehört eng zusammen mit der Forderung nach der Bewährung des Glaubens im gegenwärtigen Leben. Leben und Hingabe Jesu ist für die Kirche Voraussetzung ihrer Existenz, daraus erwächst die Einladung, ja die Verpflichtung für die Gläubigen, das Gute zu tun. Glaube und Handeln sind nicht zu trennen.
Uns begegnet in diesem kurzen Abschnitt eines ohnehin nur kleinen Briefes das Weihnachtsevangelium in handlicher Form. Der Spitzensatz ist: Gottes Gnade ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Was daraus folgt, ist in wenigen Sätzen zu sagen: Besonnen, gerecht und fromm können wir in dieser Welt leben - während wir auf das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes sowie des Retters Christus warten. Prägnant wird auch zum Ausdruck gebracht, dass Gottes Gnade erschienen ist - während wir auf die "selige Erfüllung unserer Hoffnung“ warten. Was wie ein Gegensatz wirkt, der sich einer zeitlichen Ordnung zu entziehen scheint, ist perspektivisch zusammengeführt. Im "wir" sind die Leser nicht mehr unbeteiligte Zuschauer.
Der Schlusssatz hält fest, was er - Christus - schon getan hat: er hat sich (1.) hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und (2.) sich ein Volk zu schaffen, das ihm gehört und das Gute tut. Wir betreten mit diesen Worten die "Weihnachtsstube", das "Wartezimmer der Hoffnung".
Halleluja. Halleluja.
Ich verkünde euch eine große Freude:
Heute ist uns der Retter geboren;
er ist der Messias, der Herr.
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.
Es geschah aber in jenen Tagen,
dass Kaiser Augustus den Befehl erließ,
den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.
Diese Aufzeichnung war die erste;
damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef
von der Stadt Nazaret in Galiläa
hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt;
denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
Er wollte sich eintragen lassen
mit Maria, seiner Verlobten,
die ein Kind erwartete.
Es geschah, als sie dort waren,
da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte,
und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.
Sie wickelte ihn in Windeln
und legte ihn in eine Krippe,
weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld
und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen
und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie
und sie fürchteten sich sehr.
Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht,
denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude,
die dem ganzen Volk zuteilwerden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren;
er ist der Christus, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen:
Ihr werdet ein Kind finden,
das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer,
das Gott lobte
und sprach:
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
den Menschen seines Wohlgefallens.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Geburt und Kindheit
Im Gegensatz zum Markusevangelium enthält das Lukasevangelium auch eine Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu, so wie das Matthäusevangelium.
Es fällt auf, daß danach im 3. Kapitel ein eigenständiger Anfang steht, der die vorangehenden Kapitel nicht brauchen würde. Die beiden Kapitel der Kindheitsgeschichte sind stärker vom semitischen Denken und Sprechen geprägt, aber trotzdem finden sich die typischen Stilelemente des Lukas. Auch sind hier schon fast alle theologischen Themen formuliert, die im weiteren Evangelium aufgegriffen und entfaltet werden.
Zeitlich ist die Abfassung des Lukas nach dem Jahr 70 n. Chr. (Zerstörung des Jerusalemer Tempels) anzusetzen. Die Trennung zwischen Judentum und Christentum ist noch nicht endgültig, die lukanischen Gemeinden rechnen sich noch zum Judentum. Gerade die Personen, die in der Kindheitsgeschichte vorkommen, sollen die Verbindung zum sogenannten Alten Testament deutlich machen. Als gläubige Juden verstehen sie die Geburt Jesu als Kommen des Messias, den Anbruch der Heilszeit Gottes. Ihr Handeln setzt Maßstäbe für Nachfolge Jesu.
Nicht irgendwann
So sorgfältig, wie er das ganze Evangelium gestaltet und formuliert, arbeitet er auch hier. Es liegt ihm sehr viel daran, die Geburt Jesu in die konkreten geschichtlichen Umstände hineinzustellen und auf die Weltgeschichte zu beziehen, Ähnliches tut er auch bei der Erzählung von der Auferstehung.
Trotzdem sind die historischen Fakten nur der Rahmen, es geht ihm nicht um Geschichtsschreibung, sondern um die Verkündigung der frohen Botschaft.
Die Hoffnungen des jüdischen Volkes auf einen königlichen Messias dachten teils an einen neuen König aus dem Stamm Davids, der sein Volk zur alten Blüte zurück führen sollte, teils daß Gott selbst als König kommen sollte um die Schöpfung unter seiner Herrschaft zur Vollendung zu führen. Für Lukas ist Jesus von Anfang an der Sohn Gottes und gehört zugleich zum Stamm Davids. Deshalb muß er in Bethlehem geboren werden, was er mit der Volkszählung begründet, die Kaiser Augustus (31 v. Chr.- 14. n. Chr.) zur Steuererhebung im ganzen Reich durchführen ließ.
Geboren im Stall
Die Geburt Jesu geschieht im Verborgenen, der Kern der Erzählung liegt in den einfachen und nüchternen Worten der Verse 6-7. Maria bringt ihren Sohn zur Welt, von Elisabeth wurde gesagt: „Sie gebar einen Sohn“ (Lk 1,57). Sie tut, was eine Mutter mit ihrem Kind tut, sie wickelt es und sucht einen Platz wo es geschützt liegen kann.
Die Hirten erfahren von der Geburt des Kindes, als gesellschaftliche Außenseiter stehen sie für die Kleinen, Verachteten, Ausgestoßenen, denen als ersten die frohe Botschaft verkündet wird. Sie sind auch diejenigen, die hören, zuhören, beobachten und sich auch auf den Weg machen. Sie brechen auf und finden das Zeichen, von dem ihnen erzählt wird. Auch wenn Furcht die erste Reaktion des Menschen auf die Nähe Gottes ist, lassen sich die Hirten von der Freudenbotschaft, der Frohen Botschaft aus ihrem Gewohnten herausreißen. Zur Botschaft gehört auch ein Lobgesang: die Engel preisen Gottes Herrlichkeit und verheißen den Frieden für die Menschen auf der Erde, Friede im umfassenden Sinn, weil Gott sich den Menschen zuwendet, die offen für seine Gnade sind.
Die Hirten möchten sich überzeugen von dem, was ihnen gesagt wird, und sie lassen sich überzeugen von dem, was sie sehen. Sie bleiben nicht beim freudigen Staunen, sondern werden zu Verkündern und stimmen ein in den Lobpreis Gottes.
Maria erhält durch die Hirten die Botschaft über ihren Sohn, was sie durch den Engel Gabriel und durch Elisabeth gehört hatte, wird durch die Hirten vertieft. Maria nimmt das Wort in sich auf, die einzelnen Botschaften, wollen zusammengefügt, bedacht und verstanden werden, es ist keine Kleinigkeit was über ihr Kind gesagt wird.
Hören, sich auf den Weg machen, über das Gefundene staunen, zum Glauben kommen und in den Lobpreis Gottes einstimmen sind die Schritte der ersten Zeugen der Botschaft, daß Gottesheilszeit begonnen hat, weil er Mensch geworden ist.
Von der Geburt Jesu erzählen nur das Matthäus- und das Lukasevangelium. In beiden Evangelien bilden die sogenannten Kindheitsgeschichten eine in sich geschlossene Einheit, die sich von den Erzählungen über das Wirken Jesu und seine Passion deutlich abheben.
Lukas bietet eine kunstvolle Komposition, in der die Ankündigung und die Geburt Johannes des Täufers und Jesu gegenübergestellt werden. Grundtenor ist die Schilderung menschlich betrachtet unmöglicher Ereignisse, die nur als von Gott gewirkt verstanden werden können. Ist die Geburt Johannes' des Täufers schon wundervoll genug, wird sie von der Jesu noch bei weitem übertroffen. Die ursprüngliche Darstellung der Geburt Jesu dürfte vom Evangelisten Lukas selbst noch weiter ausgestaltet worden sein. Bevorzugte Motive seiner Theologie (z. B. die Liebe zu den Armen und Kleinen) treten auch in dieser Erzählung hervor.
Der erste Abschnitt erzählt von der Geburt Jesu als einem ganz alltäglichen Ereignis und gibt ihr einen historischen und theologischen Rahmen. Dass es sich dabei nicht um Geschichtsschreibung in unserem heutigen Verständnis handelt, zeigt die Tatsache, daß sich die Volkszählung und die damit in Verbindung gebrachten Namen nicht verifizieren lassen. Vielmehr spricht aus den ersten fünf Versen der Theologe: Die Geburt Jesu fällt in eine Zeit, in der Augustus als unumstrittener Herrscher von messianischem Format Anerkennung genießt. Das Land und Volk, aus dem der Messias hervorgehen soll, wird von Statthaltern dieses großen Regenten beherrscht. Wie tief dieses Volk gesunken ist, zeigt sich in der Tatsache, dass Nachkommen Davids sich der Fremdherrschaft zu unterwerfen haben, indem sie sich in deren Steuerlisten eintragen lassen müssen. In diesen historischen Tiefpunkt des Gottesvolkes fällt die Zeit der Niederkunft. Diese verläuft unspektakulär in einfachen ärmlichen Verhältnissen. Bis hin zu den Windeln nichts Außergewöhnliches.
Was sich sichtbarerweise ereignet hat, ist so alltäglich, dass die Bedeutung dieses Geschehens erst durch einen Engel von Gott selbst offenbar gemacht werden muß. Er offenbart die Größe des Ereignisses einfachen Hirten. Diese wurden von der feinen und gelehrten jüdischen Gesellschaft verachtet und galten als von den Heilserwartungen ausgeschlossen, da sie weder den Sabbat noch die Reinheitsvorschriften halten konnten.
In diesem zweiten Abschnitt spiegelt sich die ganze Jesusgeschichte wider: Jesus, der als Mensch in Erscheinung trat und wirkte, wurde in seiner Göttlichkeit nur von den Einfachen und Schlichten erkannt. Diese betrachten ihr Erkennen als Offenbarung Gottes. Alles, was nach außen hin wahrgenommen und als Zeichen gesehen werden kann, ist so unscheinbar und alltäglich wie ein neugeborenes Kind.
Mit dem Evangelium der Weihnachtsnacht vernehmen wir einen der bekanntesten Texte der Heiligen Schrift, der unsere Traditionen rund um das Fest geprägt hat - wie etwa die Krippenlandschaft oder das Krippenspiel, das der Hl. Franz von Assisi im Jahr 1223 erstmalig begangen hat.
Die Geburtsgeschichte bei Lukas ist von jener Ambivalenz durchzogen, die sich bis zum Tod Jesu durchzieht. Zum einen wird Jesus Sohn Davids genannt, von Engeln verkündet, auf der anderen Seite geschieht seine Geburt unter einfachsten Umständen: beinahe auf der Straße, schließlich in einem Stall.
Das ist die entscheidende Heilserfahrung von Weihnachten: Der große Gott, der uns sein Heilsversprechen gibt, tritt ein in menschliche Begrenztheit. Er wird schließlich leiden und gekreuzigt werden - und auferstehen. Auf genau diesen Weg zum Heil will er die Menschheit mitnehmen. Eine Einladung für alle.
In den fest verwurzelten Weisen, Weihnachten zu feiern drückt sich der tiefere Sinn des Festes aus. Wir feiern das Wohlwollen und die Liebe Gottes. Es ist aber wichtig, dass wir uns diesen tieferen Sinn bewusst machen, damit er uns nicht entgleitet.
Die Christmette erlebe ich jedes Jahr als ein großes Aufatmen. Zu Ende ist die anstrengende Zeit der Weihnachtsvorbereitungen. Die Geschenke sind gekauft und meistens auch schon übergeben. Das Festessen befindet sich zum Teil schon in Verdauung oder ist zumindest schon vorbereitet. Jetzt haben die meisten Menschen Zeit, sich einander zuzuwenden.
Wozu tun wir uns das jedes Jahr an? Was hat das mit Weihnachten zu tun? Oft wird kritisiert, dass viele, die Weihnachten feiern, gar nicht mehr wissen, warum wir feiern. Meist wird als Grund für das Fest der Geburtstag Jesu angegeben, obwohl wir genau genommen den Termin seiner Geburt gar nicht wissen. Und was feiern jene, die mit Jesus nichts am Hut haben und sich vom Christentum distanzieren?
Wir Christen verbinden mit diesem Fest mehr als eine Geburtstagsparty für Jesus. Wir lesen die großen Erzählungen von seiner Geburt, weil sich darin das zentrale Glaubensgut des Christentums ausdrückt: Das Wohlwollen Gottes gegenüber den Menschen und gegenüber der ganzen Schöpfung ist so groß, dass er selbst Mensch geworden ist und die Lebensrealität der Menschen geteilt hat. Das Kind in der Krippe, seine Geborgenheit bei seinen Eltern, der Willkommensgruß der Hirten sind zum Bild des Wohlwollens und der Liebe Gottes zu uns Menschen geworden. Dieses Motiv hat Jahrhunderte hindurch Dichter, Sänger und bildende Künstler inspiriert und reiches Kunstschaffen hervorgebracht. Die Theologie hat dieses Glaubensgut unter dem Begriff Gnade zusammengefasst. In der Lesung aus dem Brief an Titus haben wir gehört: Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Doch was hat diese theologische Formulierung konkret mit unserem Feiern zu tun?
Unter dem Blickwinkel »Weihnachten als Feier des Wohlwollens Gottes« bekommen unsere weihnachtlichen Feiergepflogenheiten ihren tieferen Sinn.
Mit Geschenken bringen wir auch untereinander unser Wohlwollen zum Ausdruck. Die Kinder, Familienangehörige und Freunde sollen wissen und spüren, dass wir sie gernhaben und dass sie sich auf unser Wohlwollen verlassen können. Und es ist gut, wenn wir dies von Zeit zu Zeit zum Ausdruck bringen und einander spüren lassen. Wir geben an sie das Wohlwollen, das wir von Gott her empfangen haben, weiter.
Liebe geht durch den Magen, heißt es. Auch das zeigen wir uns rund um dieses Fest; Manchmal in einem Ausmaß, dass der Magen überfordert ist. Auch der Brauch, dass wir rund um das Fest Arme, Obdachlose usw. unterstützen, hat damit zu tun. Auch sie sollen spüren können, dass sie nicht abgeschrieben sind.
Das Wertvollste und für viele auch das Schwierigste, das wir uns schenken können, ist Zeit füreinander. Die Weihnachtsfeiertage sind traditionellerweise arbeits- und geschäftsfrei. Der tiefere Sinn liegt darin, dass wir uns in diesen Tagen Zeit füreinander nehmen und so unser gegenseitiges Wohlwollen ausdrücken.
Der Umgang mit diesen symbolischen Akten und Zeichen hat aber auch seine Tücken. Sie sind nicht automatisch Zeichen des Wohlwollens und der Liebe; auch nicht Zeichen des Wohlwollens und der Liebe Gottes. Symbolische Handlungen können leicht unbemerkt andere Bedeutungen bekommen, wenn wir uns nicht immer wieder die Bedeutung bewusstmachen, die wir mit ihnen verbinden.
Geschenke werden leicht ein Konsumgut, wenn wir nicht bewusst darauf achten, dass wir damit Liebe und Wohlwollen ausdrücken wollen. Die Wirtschaft versteht es geschickt, dies für sich zu nützen.
Wenn das Weihnachtsessen nicht auch in einer liebevollen Gemeinschaft eingenommen wird, in der die Liebe, mit der gekocht und zubereitet worden ist, erkannt und an-erkannt wird, bleibt es uns nicht nur im Magen liegen, sondern auch als unverdauter Frust derer, die sich verausgabt haben, in der Seele.
Und wenn die Zeit, die man miteinander verbringt, nicht als Zuwendung und Aufmerksamkeit füreinander gestaltet wird, kann sie zum Gegenteil dessen werden, was wir mit Weihnachten zum Ausdruck bringen wollen. Wir wundern uns dann, dass alte Konflikte gerade zu Weihnachten aufbrechen.
Im Bild der Krippe mit dem Kind, in der aufopfernden Liebe seiner Eltern und in der Zuneigung der Hirten leuchtet uns die Liebe und das Wohlwollen Gottes auf, das ein jeder von uns in persönlicher Weise in seinem Leben erfahren hat. Dieses Wohlwollen Gottes feiern wir heute mit allen Ausdrucksmöglichkeiten, die uns in den Familien, in unserer Gottesdienstgemeinde und in der Gesellschaft zur Verfügung stehen.
Das Wohlwollen Gottes ist die Basis unseres Glaubens. Es ist auch der Grund unserer Freude, die wir heute einander zeigen und wünschen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe und gnadenreiche Weihnachten!
Gott kommt in schlichter Weise auf die Welt und macht so allen Menschen, vor allem auch den einfachen wie z.B. den Hirten Gottes Liebe kund. Seine Liebe möchte auch uns verwandeln.
Die Botschaft von Weihnachten, von der Geburt unseres Erlösers mit all den Ereignissen im Umfeld, ist immer wieder bewegend. Was hat sich Gott in seiner Liebe da nur ausgedacht!
Durch die Propheten war Israel im Auftrage Gottes die Ankunft eines Messias verheißen worden. Sehnsüchtig wurde dieser vom Volk erwartet und sein Kommen erfleht. In Jahwe setzten die Israeliten ihr Vertrauen. Denn oft und immer wieder hatte er sie in der Vergangenheit beschützt, vor Bösem und dem Untergang bewahrt.
Womit die Israeliten allerding nicht gerechnet hatten, war die schlichte Art und Weise der Ankunft des Messias. Noch weniger erahnten sie, dass Gottes Sohn in menschlicher Gestalt als Messias die Erde betreten würde. Aus ihrer menschlichen Sicht stellten sie sich vielmehr vor: Einer aus ihren Reihen würde von Jahwe berufen und mit gewaltiger Macht ausgestattet, um als Triumphator, König oder Kaiser, in jedem Fall aber als Weltenherrscher aufzutreten. Mit der Geburt Jesu stellt Gott das menschliche Denken vollkommen auf den Kopf.
Zugleich gibt er von Anfang an zu erkennen: Niemand wird von seiner göttlichen Liebe ausgeschlossen. Die Hirten gehörten damals zur untersten Schicht im Volk. Sie waren als Diebe verschrien. Alles Mögliche an Bösem traute man ihnen zu. In diesem Milieu, in einem Stall kommt Christus zu Welt.
Mit Staunen soll uns die Reaktion der Hirten erfüllen. Sie, die Einfachen und Kleinen im Volk, lassen sich bewegen, die Botschaft des Himmels an sie ernst zu nehmen. Sie brechen auf zum Kind in der Krippe. Dort erfahren sie, dass alles wahr ist, was ihnen vom Engel gesagt und verkündet wurde. Staunen und tiefe innere Betroffenheit erfüllt sie. Mit großer Freude, Ergriffenheit und Ehrfurcht schauen sie auf Christus, der sich auch ihnen kundtut.
Zu dieser inneren Haltung der Hirten, Betroffenheit und Ehrfurcht, will uns Weihnachten anregen. Da wir das weitere Leben Jesu kennen, sein Wirken in uneingeschränkter Liebe und seine Auferstehung – beide ein Beweis seiner Messianität – ist auch uns bekannt, wer im Menschen Jesus von Nazareth zur Welt kam. Weihnachten ausgiebig und in froher Stimmung den Geburtstag unseres Heilands Jesu Christus feiern, ist goldrichtig. Dabei soll uns gleichzeitig bewusst werden: Dieses Kind in der Krippe möchte wahrhaft und echt geliebt werden, so wie es uns innig liebt. Das Fest Weihnachten geht immer wieder schnell vorüber; aber die Liebe zu Jesus soll in uns gegenwärtig bleiben. Denn sie wird uns befähigen und stärken, bewusst weitherzig zu lieben und alle Tage Gutes neu und vielfältig anzustreben. Wenn das Begehen des Weihnachtsfestes dazu beiträgt, dann feiern wir gelungene und gute Weihnachten.
Dass Jesu Geburt ausgerechnet den Kleinen und Verachteten verkündet wird, kann und soll uns wahrscheinlich noch zu folgender Überlegung herausfordern. Der Satz, dass sich alle Menschen nach Geliebt-Werden sehen, wird wohl von niemanden bestritten – auch von uns nicht. Aber dann erwischen wir uns immer wieder einmal, dass wir gering über jemanden denken, ihn wegen seines Versagens ablehnen, Nähe und Wohlwollen zu ihm nicht mehr aufkommen lassen. Jesus geht in seiner Liebe als Erstes auf die Verachteten und Abgelehnten zu. Heilige waren die Hirten sicher nicht, aber Hungernde nach Wertschätzung und Anerkennung.
Wie schön wäre es, wenn uns Weihnachten dazu anregen würde, uns neu in unserem Verhalten zu überprüfen. Wie sehr sehnt sich so mancher, seines Versagens wegen oder aufgrund seiner inneren Einstellung und seines Verhaltens nicht abgeschrieben oder gar verachtet zu werden. Welche Hilfe würde ihm gewährt, wenn er durch uns spüren könnte: Wir möchten trotz allem einen gemeinsamen Weg mit ihm gehen. Welch wunderbare Botschaft ginge da von uns aus.
Bert Brecht hat einmal sinngemäß gesagt: Berichte mir nicht lang und breit, was du glaubst und welch hehre Normen du vertrittst; erzähl mir lieber, was durch deinen Glauben und dein Verhalten an Gutem bewirkt wird.
Machen wir aus Weihnachten kein gewöhnliches, eben nur ein alle Jahre wiederkehrendes Fest. Lassen wir uns von Weihnachten und der Geburt Jesu verwandeln zu Menschen, die sich von der Liebe Gottes erfassen lassen, um selbst immer wieder Liebende zu sein – und das nicht nur in den Weihnachtstagen.
Weihnachten führt uns vor die Krippe und lässt uns Gott, der in einem Kind zu uns gekommen ist, betrachten. Weihnachten führt uns auch hin zum Kind in uns selbst, lässt es uns bejahen und wenn nötig, das verwundete Kind in uns heilen.
In der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest spüren wir immer wieder die Sehnsucht nach einem anderen Leben; einem Leben, das sich nicht in Geben und Nehmen erschöpft. Wir möchten im Tiefsten unseres Herzens vom anderen vorbehaltlos angenommen werden, so wie wir sind. In der Geburt Jesu kommt uns Gott klein und ohnmächtig in der Gestalt eines Kindes entgegen und offenbart sich uns in der Ohnmacht der Liebe.
Die Weihnachtsbotschaft trifft auf uns mitten in der Dunkelheit der Welt und macht ein Stück Paradies sichtbar. Hoffnungsträger ist ein armes Kind armer Leute. Mit ihm beginnt alles neu.
Die Geburt Jesu in Betlehem war global gesehen ein Randereignis. Dennoch brach mit Jesus eine neue Zeit an. Das ist Grund zu großer Freude aber auch Auftrag an uns Sorge zu tragen, dass die Menschen das große Licht erkennen.
Um die Geburt Jesu werden uns Geschichten erzählt, die zunächst unglaublich klingen. Was können wir davon glauben? Bei einem Geburtstagsfest feiern wir die ganze Persönlichkeit, wie sie vor uns steht, nicht das Baby, das er oder sie einmal war. Zu Weihnachten zeigen wir unsere Dankbarkeit, dass Gott uns diesen Jesus gegeben hat, indem wir unseren Retter, Messias und Sohn Gottes erkennen.
Wir sind gewohnt, Weihnachten als idyllisches Fest zu feiern. Die aktuelle Realität ist aber anders. Das weihnachtliche Friedenslicht ist ein Zeichen, dass wir trotzdem hoffen dürfen.
Weihnachten ist für viele Kreise unserer Gesellschaft zu einem Fest geworden, das praktisch nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Man mag es beklagen, aber das hat auch einen Vorteil. Es kann auf neue, sozusagen unverbrauchte Weise ans Licht treten, was die Botschaft von Weihnachten im christlichen Sinne bedeutet. Und ich scheue mich nicht, zu behaupten: es ist eine provozierende, ja eigentlich eine total verrückte Botschaft.
Überlegen wir nur kurz Folgendes: wir Menschen leben auf dem Planeten Erde. Dieser Planet ist ein kleiner Teil unseres Sonnensystems, das seinerseits eher am Rand einer Galaxie angesiedelt ist, die wir Milchstraße nennen. Aber auch diese Milchstraße ist gleichsam nur ein Stäubchen, wenn sie verglichen wird mit der unzählbaren Größe und Menge von Sternensystemen die es sonst im Weltall gibt. Und zwischen diesen Sternensystemen gähnen Abstände und Abgründe scheinbar ohne Ende.
Unser Weltall ist so groß, dass auch die Instrumente modernster Wissenschaft es nicht auszumessen vermögen. Es ist so gewaltig, dass wir es mit unserer ganzen Vorstellungskraft nicht einholen können. In diesem ungeheuren Weltall leben wir nun auf einem winzigen Planeten und wenn wir uns das vor Augen halten, müssen wir uns dann nicht selber als Winzlinge einstufen? Und gerade auf diesen Planeten, gerade zu uns Winzlingen soll Gott kommen, jener Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der also noch gewaltiger, noch unvorstellbarer sein muss als das ganze Weltall. Ist das nicht wirklich ver-rückt?
Ja, so verrückt ist die Botschaft vom christlichen Weihnachten. Sie besagt: Gott, der Ursprung und Schöpfer ist von allem, der selber aber ohne Anfang und Ende, sondern einfach von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, dieser Gott kommt als ein kleines, unscheinbares Kind in unsere Welt.
Das verändert nun unsere Lebenssituation total. Wir Menschen sind keine erbärmlichen Winzlinge. Wir sind kein verlorener Haufe, der ziellos im Universum herumirrt und einem blinden Schicksal ausgeliefert ist - nein: wir Menschen sind geschaffen und gehalten von dem, den wir Gott nennen.
Und dieser Gott ist uns nicht fern. Er ist nicht irgendwo verborgen hinter den Lichtjahren der Sternbilder, sondern er ist uns ganz nahe. Er ist selber Mensch geworden. Er hat sich ganz klein gemacht. Er wurde ein Kind, um eben ganz so zu sein, wie wir Menschen sind.
Wenn aber der unendliche Gott so den Weg zu uns endlichen Menschen geht und selber alles durchlebt was zum Menschsein gehört, von der Geburt bis zum Tod und bis zum Tod am Kreuz, dann bedeutet das: jeder Mensch ist nun ebenfalls von der Geburt bis zum Tod von Gott angenommen und gehalten. Und allen Menschen, wann und wo immer sie auf dieser Welt gelebt haben mögen, will Gott seine Gemeinschaft und eine Vollendung schenken, die alles übersteigt, was wir uns vorstellen können. Deshalb kann das Evangelium dieser Nacht verkünden: "Fürchtet euch nicht; ich bringe euch große Freude; heute ist euch der Retter geboren".
Eigentlich kennen wir diese Botschaft. Sie klingt vertraut, denn wir hören sie alle Jahre wieder an Weihnachten. Und dennoch enthält sie etwas so Großes, dass wir sie niemals ganz zu fassen vermögen, sondern uns immer wieder neu auf sie einlassen müssen. Erst wenn wir diese Botschaft in unseren Herzen ankommen lassen und in Glauben umwandeln, wird sie in uns selber drin aufstrahlen als ein Licht, das alles verändert und unserem Leben unzerstörbaren Sinn und Halt gibt. Glaube, das bedeutet, dass das Kind, dessen Geburt wir heute Nacht feiern, dass dieser Jesus Christus für uns zum Leitstern wird, auf den hin wir das Leben ausrichten und dem wir es ganz anvertrauen.
Wir leben auf dem winzigen Planeten Erde als Menschen, die vergänglich sind. Und die Wissenschaftler sagen uns, dass das Weltall, in dem wir leben, mit rasender Geschwindigkeit immer weiter auseinander fliegt, dass also die Abstände und Abgründe immer unendlicher werden, die Löcher immer tiefer, die Finsternis immer gähnender. Aber wir dürfen fest glauben, dass da Einer ist, der das alles zusammenhält, dass in seiner Hand das ganze große Weltall und jedes kleine Menschenleben geborgen sind. Wir dürfen ihm jetzt begegnen als einem neu geborenen Kind und ihn in der Eucharistie empfangen als das Brot, das uns winzigen Menschen ewiges Leben verheißt. Deshalb ist diese Nacht für uns Christen heilige Nacht, Weihnacht.
Zu Weihnachten sind wir eingeladen, den schönsten und würdigsten Geburtstag zu feiern, den es gibt. Gottes Sohn tritt in unsere Welt und bekundet damit, wie sehr Gott jeden von uns liebt.
Wer dies Geschehen mit Innerlichkeit betrachtet, wird Christus voller Dankbarkeit sein Herz öffnen mit dem Wunsch, selbst ein wirklich Liebender zu sein.
Allen unseren Versuchen in dieser Richtung wird Christus seine Unterstützung schenken. Wenden wir uns ihm zu.
Herr Jesus Christus,
die Liebe zu uns Menschen drängte dich zur Erde.
Herr, erbarme dich.
Du hast dich erniedrigt und nahmst menschliche Gestalt an.
Christus, erbarme dich.
Zur Vollendung unseres Lebens werden wir teilhaben an deiner Herrlichkeit.
Herr, erbarme dich.
GL 159: Licht, das uns erschien...
GL 163,3
Oder:
Herr Jesus Christus,
geboren im Stall von Bethlehem, in tiefster Armut.
Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
du Retter der Welt aus tiefster Dunkelheit.
Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
du Erlöser aus tiefster Schul:
Herr, erbarme dich.
Herr, unser Gott,
in dieser hochheiligen Nacht
ist uns das wahre Licht aufgestrahlt.
Laß uns dieses Geheimnis
im Glauben erfassen und bewahren,
bis wir im Himmel
den unverhüllten Glanz deiner Herrlichkeit schauen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Weihnachten in der Nacht
Herr Jesus Christus,
du hast menschliche Natur angenommen und bist vertraut mit den Nöten der Menschen.
An dich richten wir unsere Anliegen und Bitten.
Fülle die Herzen aller Menschen mit der Bereitschaft, einander weitherzig zu lieben.
Christus, höre uns…
Segne und stärke alles Bemühen, auf einander zuzugehen und sich zu versöhnen.
Erbarme dich der Menschen in Not, Leid, Krankheit oder sonstigen Schwierigkeiten.
Sende ihnen gute Helfer.
Führe alle, die Böses planen und vor Unrecht nicht zurückschrecken, zur Einsicht und Umkehr.
Schenke allen Erfolg, die sich für Frieden einsetzen, und segne, die ihren Wohlstand mit Armen teilen.
Stehe den Sterbenden bei und nimm die Verstorbenen auf in die Gemeinschaft mit dir.
Herr Jesus Christus,
du bist uns Menschen in Liebe zugetan und stärkst uns, wo immer wir Gutes anstreben.
Dafür danken wir dir, heute am Weihnachtsfest in besonderer Weise. – Amen.
Da uns die Dunkelheit unseres eigenen Lebens und der Welt bewusst ist, können wir umso klarer sehen, welches Licht durch Jesus Christus, den menschgewordenen Gott, in unsere Welt gekommen ist.
Wir bitten dich, Vater:
Für deine Kirche, die besonders heute nachts allen Menschen die Botschaft von deiner göttlicher Liebe und deinem Frieden verkünden will.
Für eine Welt, die von Naturkatastrophen, Kriegen und Krisen geplagt, sich nach einer gerechten Ordnung für alle sehnt.
Für die verschiedenen Völker und Religionen im Heiligen Land.
Sie glauben alle an dich, den einen Gott.
Führe du sie zu einem friedlichen Miteinander.
Für unsere ganz persönlichen Anliegen, die wir in einem Moment der Stille vor dich tragen.
Für alle Verstorbenen, denen wir uns über ihren Tod hinaus verbunden fühlen.
Beschenke sie mit deinem Erbarmen.
Die Nacht ist vorgerückt.
In Christus, dem Kind in der Krippe, ist uns der Tag der Erlösung nahe gekommen.
Dir, dem Vater ewiger Herrlichkeit, sei Ehre, Lobpreis und Dank. - Amen.
Allmächtiger Gott,
in dieser heiligen Nacht
bringen wir dir unsere Gaben dar.
Nimm sie an
und gib, daß wir durch den wunderbaren Tausch
deinem Sohn gleichgestaltet werden,
in dem unsere menschliche Natur
mit deinem göttlichen Wesen vereint ist.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten in der Nacht
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn Fleisch geworden ist das Wort,
und in diesem Geheimnis
erstrahlt dem Auge unseres Geistes
das neue Licht deiner Herrlichkeit.
In der sichtbaren Gestalt des Erlösers
läßt du uns den unsichtbaren Gott erkennen,
um in uns die Liebe zu entflammen
zu dem, was kein Auge geschaut hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 1
Möge das Licht dieser Nacht
unser Leben erleuchten.
Möge der Stern am Himmel
unsere Gedanken lenken.
Möge die Demut der Hirten
unseren Glauben stärken.
Möge die Botschaft der Engel
unsere Ohren erreichen.
Möge der himmlische Frieden
unsere Tage erfüllen.
Möge das Kind in der Krippe
unser Herz berühren.
Möge der Segen dieser Nacht
uns in unseren Alltag begleiten.
Herr, unser Gott,
in der Freude über die Geburt unseres Erlösers
bitten wir dich:
Gib uns die Gnade, ihm unser ganzes Leben zu weihen,
damit wir einst Anteil erhalten
an der ewigen Herrlichkeit deines Sohnes,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten in der Nacht
Weihnachten – Gott ist sichtbar geworden auf Erden in jeder Freundlichkeit und Liebe unter den Menschen.
Gott lässt sich erkennen: Die Einfachen, Kleinen, Armen können ihm begegnen, alle, die von ihrem hohen Ross heruntersteigen und die Maske des Hochmuts absetzen wollen.
Darum, lieber Mensch, lege allen Ballast der Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit ab. Öffne dein Herz und deine Arme, mögen die auch hart sein wie die Krippe – wenn sie nur offen sind – und tritt ein in das Geheimnis der Liebe von Weihnachten.
Phil Bosmans in:: Ludger Hohn–Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag Freiburg – Basel – Wien 2005
Um in diesen Weihnachtstagen glücklich zu sein, brauchst du Licht und Wärme, kein kaltes Neonflimmern und keine Wärme, die eine Heizung liefert. Du brauchst Licht im Herzen, um den Sinn des Lebens zu sehen, und die Wärme lieber Menschen, die dich gern haben.
In Armut und Kälte ist einer in die Welt zu allen Menschen gekommen, der mit seinem ganzen Leben Licht und Wärme sein wollte. Wenn du offen bist für das Geheimnis des Menschen, offen wie ein Kind, wirst du Licht empfangen und Wärme fühlen.
Phil Bosmans in:: Ludger Hohn–Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag Freiburg – Basel – Wien 2005.
Weihnachten ist das große „Trotzdem“ Gottes
angesichts der Ignoranz des Menschen:
„Er kam in sein Eigentum - doch die Seinen
nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11)
Weihnachten trotzt der Macht
und setzt ihr die Ohnmacht des Kindes
entgegen.
Weihnachten trotzt den Konventionen
und ermöglicht Unerwartetes:
Eine unverheiratete Jungfrau wird zur
Gottesgebärerin,
Heu und Stroh sind das Lager des Königs,
einfache Hirtenmusik ersetzt
Posaunenklang.
Trotzig sein ist also manchmal
die göttliche Reaktion
auf menschliches Unverständnis:
Trotz der Fehler des Menschen - Mensch
werden.
Trotz ihrer Ablehnung - die Menschen
lieben.
Trotz des Todes am Kreuz - die
Menschen retten.
Gott ist ganz schön trotzig
- das ist unser Glück.
Johann Pock, Weihnachten 2019.
Ihre bald 2000 Jahre alte Überlieferung, ihre sprachliche Form und ihre - bei aller Volkstümlichkeit des Inhaltes - theologische Tiefe haben der Weihnachtsgeschichte des Lukas (Lk 2,1-20) einen Glanz verliehen, der auch in unseren Tagen die gesellschaftliche und kommerzielle Überfremdung des Festes immer noch zu überstrahlen vermag.
Doch es gilt, der Entstehung dieser Geschichte nachzugehen. Detlev Block versucht das in seinen liedhaften Zeilen, die wichtige theologische Information weitergeben: Ostern ist Weihnachten vorgeordnet! Das den Auferstandenen umstrahlende Osterlicht ist Ursprung des Lichtes von Weihnachten. Die Ostersonne (Markus 16,2) hinter dem Kopf des Auferstandenen ist, dies wird vor allem in mittelalterlichen Bildern deutlich, identisch mit der Weihnachtssonne hinter dem Kopf des Krippenkindes. Da gibt es keine Differenz. Und darum kann Christian Keimann mit Blick auf Jesus in der Krippe 1646 bekennen:
Wonne, Wonne über Wonne:
Christus ist die Gnadensonne.
aus EG 34,1
Und Friedrich Spee sang schon 1622:
O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.
EG 7,5 / GL 231,5
Entstanden etwa 60 Jahre nach dem Tod Jesu, ist die Weihnachtsgeschichte des Lukas Glaubenszeugnis. Niemand um das Jahr 90 wusste noch etwas von der realen Geburt des Kindes Jesus in der Zeit des Kaisers Augustus. Doch der auf Ostern gegründete Glaube an Christus als den Sohn Gottes erfüllte die christliche Gemeinde um 90 zutiefst. Und als die Frage nach der Geburt des Christus Jesus aufkam, konnte sie sich diese nur in Bildern des Alten Testamentes vorstellen. Der Messias konnte nur - zugleich zu den Armen - in Licht und Herrlichkeit Gottes gekommen sein. So entstand die Erzählung von der Armutsgeburt in der Höhle und der Lichtbotschaft gottgesandter Engel zugleich. Lukas schrieb sie auf, eine Geschichte, die das Weihnachtsfest der Christen auf Jahrtausende hin begründen sollte.
Historisch belegen lässt sich das alles nicht. Folgendes aber ist historisch wahrscheinlich: Im Jahr 7 vor Christus wird Jesus als Sohn von Maria und Josef an unbekanntem Ort in Palästina geboren. Der Erwachsene wird von Johannes am Jordan getauft. Von 27 - 30 verkündet er in den Dörfern Galiläas in bildkräftig erzählender Rede den Anbruch der Herrschaft Gottes unter den Menschen. Zugleich heilt er viele. Junge Männer und Frauen folgen ihm. Mit Gesetzeslehrern diskutiert er die sachgemäße Auslegung der Tora. Im Jahr 30 beim Passafest in Jerusalem festgenommen und verurteilt, erleidet er einen elenden Tod am Schandkreuz der römischen Fremdherren. Danach aber als der Lebendige erfahren, wird er von den Seinen als ,Messias', ,Christus' ins Bekenntnis aufgenommen. Bald schon erzählt man wundersame Geschichten von ihm.
Aus: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen, mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.
Sage, wo ist Bethlehem?
Komm doch mit, ich zeig es dir!
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jetzt und hier.
Sage, wo ist Bethlehem?
Liegt es tausend Jahre weit?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jederzeit.
Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.
Rudolf Otto Wiemer in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
https://youtu.be/_XMLsNmTLjY?si=ac5HCkIQqETcnNBN
plötzlich
unverhofft
mitten im kalten winter
in der nacht
in einem milieu
wo man es nicht vermutete
in einer gegend ...
die ...
ja die gegend
betlehems felder
wissen sie wo das ist
da ganz am rand der welt
da hat der himmel
die erde geküsst
maria
und da
ist ein ros entsprungen
aus einer wurzel zart
mitten im kalten winter
wohl zu der halben nacht
Wir danken dir, verborgener Gott
wir danken dir
verborgener gott
daß du uns deine stimme
hast hören lassen
deine stimme
im geburtsschrei
eines kindes
im geburtsschrei
einer neuen welt
Wir danken dir, weiser Gott
wir danken dir
weiser gott
für das kind
auf stroh
das uns menschen
einfacher
weiser
menschlicher
und göttlicher
macht
Wilhelm Willms in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
Einer wird kommen,
der die Knoten deines Lebens
auflöst,
der den roten Faden findet,
der aus dem Labyrinth
hinaus führt,
der deine schmerzenden Glieder
berührt,
der deine Verletzungen
heilt.
Und du wirst staunen -
ER kommt nicht als Held.
Als kleines Kind
wird ER kommen,
mit einem Lächeln
voll Wärme,
das alles in dir
zerfließen lässt,
mit einem Strahlen,
das Glanz in dein Leben bringt,
mit einem Lachen,
das dich vergessen lässt,
was einmal war.
Ilse Pauls
Du,
der du ein König bist,
hast dich so klein gemacht,
um als Mensch
unter Menschen zu leben.
Du,
der du der Größte bist,
hast dich so arm gemacht,
um im Stall
geboren zu werden.
Du,
der du der Mächtigste bist,
hast dich am Kreuz
menschlicher Gewalt
unterworfen.
Du, der du ein König bist,
bist zu mir gekommen,
klein und bescheiden
im Brot.
Deine Demut, Herr,
ist es,
die wir lernen müssen.
Ilse Pauls
Die Geburt Jesu wird seit dem 4. Jahrhundert am Jahresende, in der Zeit der Wintersonnenwende, gefeiert. Seit 400 Jahren prägen zwei ganz unterschiedliche Zeichen dieses Fest: Christbaum und Krippe. Der Christbaum ist zuerst im Elsaß nachgewiesen, in Bürgerhäusern in Schlettstadt und Straßburg, die Krippe in Jesuitenkirchen von Coimbra, Prag und Altötting.
Die ersten Christbäume waren mit Äpfeln, Hostien und Kerzen geschmückt. Sie wurden am 24. Dezember aufgestellt, nach dem alten kirchlichen Kalender der Gedenktag von Adam und Eva. Das Grün erinnerte an das Paradies, die Äpfel an den Sündenfall, die Hostien an die Erlösung, die Kerzen an Christus, „das wahre Licht, das in die Finsternis kam" (Joh 1,4-9). Der ganze Baum war Licht in der Finsternis der längsten Winternacht und Zeichen der Erlösung. Der Brauch, ihn im Wohnraum aufzustellen, wurde später durch die Hugenotten vom Elsaß aus nach Frankreich, in die Pfalz, nach Baden und andere evangelisch gewordene Landschaften verbreitet. In Bayern führte ihn Karoline von Baden, die erste Königin von Bayern, zum Weihnachtsfest 1800 ein.
In der Biedermeierzeit wurde der Christbaum zum Inbegriff der „Deutschen Weihnacht". [Unser Bild zeigt eine Darstellung zum Märchen vom Tannenbaum von Hans Christian Andersen.] Als die Nationalsozialisten ihn zum Zeichen eines heidnisch-germanischen Julfestes machen wollten, wurde er als Antwort darauf auch in katholische Kirchen übernommen. Seither umrahmen symmetrische Fichtenwälder viele Altarräume in der Weihnachtszeit. Aber der ursprüngliche Sinn, der sich im Grün, im Apfel, der Hostie und dem Licht konkretisiert, wird kaum irgendwo gesucht. Außerhalb der Kirchen wurden Christbäume, überreich beladen, zum Symbol des Konsums.
Wenn wir seine christliche Botschaft wieder entdecken wollen, sollten wir in der Kirche nur einen Baum aufstellen, ihn mit Äpfeln, Hostien und Wachs(!)kerzen schmücken und die Texte vom Paradies, vom Licht, vom Abendmahl lesen.
Das Figurentheater der Weihnachtskrippe haben die Jesuiten vielleicht nicht erfunden. Aber als Medium der Verkündigung haben sie es überall auf der Welt verbreitet, in Portugal, Böhmen und Bayern, in ihren Missionsgebieten in Amerika und Asien. Die Figuren aus Holz, Wachs oder Terrakotta wurden so aufgestellt und beleuchtet, daß sie zu sprechen und zu handeln scheinen. Das Geschehen wurde sowohl als Erzählung aus alter Zeit und einem fernen Land historisiert, als auch im Hier und Heute vergegenwärtigt. Das neue Bildmedium wurde zu einem Welterfolg. Bald wurden Weihnachtskrippen auch an Fürstenhöfen, in Bischofs- und Klosterkirchen nachgebaut, im 19. Jahrhundert dann auch in Privathäusern.
Mit den Krippen wurden zunächst das Weihnachtsevangelium des Lukas und die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland nach Matthäus illustriert. Bald aber überlagerten andere weihnachtliche Legenden, Privatoffenbarungen und Dichtungen die knappen Berichte der Evangelisten. Um 1900 bemühte man sich darum, in den Figuren und Landschaften Palästina realistisch darzustellen. Seit 1930 setzten sich Heimatkrippen mit blonden Frauen und Kindern in Trachtenkleidung durch.
Heute sollte sich eine Kirchenkrippe neu mit den Texten des Evangeliums auseinandersetzen. Sie sollte fremde Motive aus Privatoffenbarungen, Apokryphen und Weihnachtsmärchen reduzieren und sich entweder um Authentizität bemühen oder um Modernität. Entweder man entscheidet sich, Palästina zur Zeit Jesu nachzustellen, also Jesus und seine Mutter als orientalische Juden zu entdecken, oder man überträgt das Geschehen in unsere Gegenwart: Wo würde heute eine überall abgewiesene junge Schwangere ihr Kind bekommen können? In einer Tankstelle? Einem Gewerbepark? Und wen würden die Engel in der Nähe wach finden? Obdachlose, Polizisten, Müllmänner?
Die Geburt Jesu mit Figuren und Kulissen in eine angeblich „gute, alte Zeit", beispielsweise ein Bergdorf des 18. Jahrhunderts, zu versetzen, ist verlogen. Krippen sollten nicht gemütlich sein, sondern aufregend wie die Geburt und das Leben Jesu.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Nach 2000 Jahren christlicher Sozialisation geht uns der Satz „Gott ist Mensch geworden" leicht von den Lippen. Schwieriger wird es, wenn wir die heute üblichen Worte für Neugeborene benützen: „Gott ist Baby geworden" oder „Gott ist Säugling geworden". Für das Lukasevangelium war die Geburt Jesu ein natürlicher Vorgang: „Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln" (2, 7). So aber sehen die Weihnachtsbilder in unseren Kirchen und Museen und auf den Weihnachtspostkarten nicht aus. Da liegt ein nacktes Kind mit Goldstrahlen auf dem Boden und wird von einer Frau mit langem offenem Haar kniend angebetet.
Es war eine Frau, die sechs Kinder geboren hatte, und die wußte was für eine harte und schmutzige Arbeit Gebären ist: die heilige Birgitta von Schweden, die seit 1370 alle bei uns verbreiteten Bilder von der Anbetung des neugeborenen Jesus angeregt hat. Zuvor, und in der Ostkirche bis heute, wurde Maria dargestellt, wie sie erschöpft von der Geburt auf einem Lager liegt und sich ihrem gewickelten Kind liebevoll zuwendet.
Distanzierte Anbetung statt tätiger Zuwendung - dieser Wandel in der Bildvorstellung hat mit Reinheitsvorstellungen zu tun. Birgitta wollte sich die Jungfrau Maria nicht mit Blut befleckt vorstellen, das göttliche Kind nicht an einer Nabelschnur hängend. Darum beschrieb sie eine Vision, wie Maria allein mit aufgelöstem Haar im Stall von Betlehem betete und plötzlich das Kind vor ihr lag, ganz rein und leuchtend wie die Sonne. In den entsprechenden Bildern wurde Jesus zum Sternenkind, nicht zum Menschensohn.
Darstellungen einer Geburt gibt es in der europäischen Kunst nicht. Sie sind möglich, wie Beispiele der afrikanischen und altamerikanischen Kunst zeigen, aber nicht in einer Bildwelt, die auf die Griechen zurückgeht. Hier war nur die Sorge um das neugeborene Kind und das Nähren an der Brust bildfähig. Die stillende Gottesmutter war ein beliebtes Andachtsbild der frühen niederländischen Kunst. An diese Tradition knüpfte Rembrandt 1635 an. Er zeigt eine Frau in einer einfachen Tracht, die ein dicht eingewickeltes Kind an ihre Brust hält. Das Kind ist satt und schläft ein; sein Mund und die Brust sind von Milch und Spucke verschmiert. Aber das Kind darf noch nicht schlafen, es kann noch nicht in das Korbbett gelegt werden. Es muß erst aufstoßen, sonst wird es die Milch erbrechen. Alle Eltern und Kinderpfleger wissen das. Nach dem Stillen ist ein schwieriger Moment, das Kind will satt einschlafen, soll schlafen, aber erst muß man es noch ein wenig aufrecht halten, den Schlaf verzögern, bis zum befreienden Aufstoßen. In diesem Moment des gespannten Wartens muß es still sein. Darum hat der Mann im Bild, Josef, sein Werkzeug - Bohrer, Sägen, Beil - beiseite gelegt und beugt sich ganz sanft und aufmerksam über das Kind.
Jeder, der mit kleinen Kindern zu tun hatte, kennt diese Situation und erkennt sie im Bild Rembrandts wieder. [Eine alltägliche, menschliche Situation, die in der nebenstehenden Radierung nochmals - anders - dargestellt ist.]
Nichts weist auf die göttliche Natur des Kindes hin: Gott ist Säugling geworden. Er, der allen Vögeln ihre Nahrung gibt, begnügt sich mit ein paar Tropfen Milch, wie der Dichter Sedulius im 5. Jahrhundert schrieb.
Rembrandt hat die Menschwerdung Gottes ernst genommen, wörtlich verstanden. Katholische Weihnachtsbilder sind „göttlicher". Strahlen, Goldglanz und Engel möblieren unsere Krippen zu Vorsälen des Himmels, so als ob Jesus von Nazareth gar nicht wirklich auf der Erde gelebt hätte. Peter Paul Rubens ist in seiner Hirtenanbetung für Neuburg an der Donau 1620 Rembrandt vorausgegangen in seinem Verzicht auf übernatürliche Lichterscheinungen. Sein weiß gewickeltes Kind liegt auf gelbem Stroh, das von einer Laterne so beleuchtet wird, daß es zu glänzen beginnt. Rembrandt zeigt nicht den Stall von Betlehem sondern die Werkstatt in Nazareth, kein Weihnachtsfest, sondern den Alltag einer jungen Arbeiterfamilie mit unendlicher Zärtlichkeit und Geduld.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Von einem hellgelben Strohhaufen heben sich ein blauer Esel und ein roter Ochse ab, daneben ganz in blauem Umriss eine Frau mit einem nackten Kleinkind, am Rand der Futtertrog, die Krippe, als notdürftiger Kinderbettersatz. Die Szene ist in eine rechteckige Form eingepasst, die Andeutung eines Stalls. Ihm fehlt die Vorderwand, er ist offen wie ein Puppenhaus. Giotto di Bondone hat um 1300 die biblische Geschichte in solchen Puppenhäusern ausgemalt. Über dem Stalldach befindet sich auf unserem Bild ein nachtblauer Flimmel mit einem Gestirn. Von rechts schreitet ein nackter roter Mann vor blauem Grund auf das Licht des Stalls zu, von links eine Frau mit einem grünen Tuch um die Hüften, begleitet von einem Reh.
Das Gemälde steht in einem Geflecht von Traditionen: Die Geburt im Stall nach der Erzählung des Lukasevangeliums wird seit 320 mit einer Krippe und Tieren dargestellt. Ausgehend von dem Vergleich Adam und Christus bei Paulus (1 Kor), entwickelten die Kirchenväter seit dem 4. Jahrhundert das Gegensatzpaar Eva und Maria, das bald zu einem Thema von Dichtung, Malerei und Skulptur wurde. Eine künstlerische Tradition wurde bereits genannt, die kirchliche Monumental-Malerei der Toskana um 1300. In Florenz und Siena wurden damals die Grundlagen der europäischen Malerei erarbeitet.
Aber der Maler unseres Bildes, Karl Caspar (1879-1956), wählte andere Farben. Weder nackte Männer noch Ochsen sind rot, Esel sind nicht blau. Seine Farben bilden nicht mehr ab. Damit steht er in der Tradition der Malerei des „Blauen Reiter". Die kleine Münchner Künstlergruppe wollte 1912 damit aufhören, einfach Sichtbares wiederzugeben. Statt dessen wollte sie „sichtbar machen", wie es Paul Klee formulierte.
Dieser Ausstieg aus dem überlieferten Aufgabenkreis der Kunst, nämlich Natur nachzuahmen, wie es seit Aristoteles als selbstverständlich galt, ist das einzige Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das je in München stattgefunden hat. Der Aufbruch der modernen Kunst über die Grenzen des Materialismus zum Geistigen - so sagte das Wassilij Kandinski - fiel in die Zeit, als die katholische Kirche den Antimodernisteneid für ihre Priester einführte, um sich auf Dauer in einer defensiven Kräftekonzentration von der modernen Welt abzusetzen. Künstler, die sich der Kirche verpflichtet fühlten, gerieten dadurch in ein Dilemma. Entweder sie verrieten ihre Kunst, um den kirchlichen Auftraggebern zu gefallen, oder sie trennten sich von der Kirche.
Karl Caspar hat sein Leben lang an der Bibel als Quelle seiner Kunst festgehalten. Aber sein Werk entstand seit 1912 außerhalb der Kirchen, verteidigt von mutigen Katholiken wie Konrad Weiß und Carl Muth, aber ohne Chance gegen eine kirchliche Ablehnungsfront. Carl Muth hatte 1898 mit seiner Schrift „Steht die katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?” den Inferioritätsstreit ausgelöst, den Streit darüber, ob Katholiken ihrer Umwelt kulturell unterlegen seien. Karl Caspar, der zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Künstlerbundes gehörte, wollte eine Kunst auf der Höhe ihrer Zeit. Die Kirche konnte ihm bis lange nach seinem Tod nicht folgen, mit Ausnahme des Weihbischofs Senger von Bamberg, der ein Casparfresko für die Ostapsis des dortigen Doms durchsetzte, das 1928 großen Streit auslöste. Im Münchner Dom wurde noch 1953 ein Entwurf Caspars als zu modern abgelehnt und erst 1976 für die Unterkirche das Passionstriptychon von 1917 erworben.
Sollten sechzig Jahre, zwei Generationen, der Abstand bleiben, mit dem die Kirche den Entwicklungen der modernen Welt hinterherhinkt?
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Die Öffentlichkeit steht im Bann permanenter Krisenberichterstattung. Kriege, Konflikte und Gewalt bestimmen die Schlagzeilen. Doch es gibt auch positive Nachrichten: Die Armut sinkt, der Kampf gegen die schlimmsten Krankheiten zeitigt Erfolge, und die Welt hat endlich ein Klimaabkommen. Ein Überblick.
Tageszeitung Die Presse am 18.12.2015.
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4890660
Alttestamentler Georg Braulik im "Kärntner Sonntag": Altes Testament liefert Impulse für das Engagement im Bereich Asyl
Wien, 17.12.2015 (KAP) Das Alte Testament der Bibel liefert in der vorweihnachtlichen Zeit im Blick auf die Herbergssuche Impulse für das Engagement bei der Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen: "Im Deuteronomium heißt es, »Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung - auch ihr sollt die Fremden lieben«", zitierte der renommierte Wiener Alttestamentler Georg Braulik aus dem 5. Buch Moses in der aktuellen Ausgabe des "Kärntner Sonntag". Fremdenliebe sei in dem Abschnitt also als "Nachahmung Gottes" dargestellt, so Braulik.
Der Text aus dem 10. Kapitel des Buches ist aber nicht die einzige Stelle, die sich auf den Umgang mit "den Fremden" bezieht. Braulik verwies auf das Kapitel 23: "Wenn ein fremder Sklave aus welchen Gründen auch immer seinem Herrn entflieht, dann muss er in Israel aufgenommen werden". Dabei komme ihm das Privileg zu, sich einen Wohnort aussuchen zu können. "Das alles ist einmalig im Alten Orient. Der Fremde und Flüchtling soll in Israel, im Volk Gottes, als gleichberechtigter Bruder behandelt werden."
Grundsätzlich habe "der Fremde" auch im Alten Orient mit den Witwen und Waisen seinen Platz in den sozialen Randgruppen. Der Alttestamentler erklärte dies mit dem Fehlen von Bodenbesitz, "womit ihnen in einer agrarischen Gesellschaft auch die Existenzgrundlage fehlt". Vorschriften, wie jene aus dem Buch Deuteronomium, holten "die Fremden" aus dieser Position am Rand der Gesellschaft in deren Mitte zurück. Mit Almosen habe das aber wenig zu tun. "Es geht hier um Rechtsvorschriften, also um ein Recht, das jenen am Rande der Gesellschaft zukommt."
Beispiel dafür sei etwa die Regelung, "dass der Zehnte, der normalerweise an den Tempel abgeliefert wurde, in jedem dritten Jahr im Wohnort verbleibt und der Ernährung der Fremden, Witwen und Waisen dient", so der Benediktinerpater. Durch diese und andere Maßnahmen konstruiere das Buch Deuteronomium schließlich eine Gesellschaft ohne Arme. "Nicht zuletzt haben Fremde, Witwen und Waisen teil an den Höhepunkten des Lebens, den gemeinsamen Festen im Jerusalemer Heiligtum. Und erst in ihrer Gemeinschaft kommt es zur Freude Gottes."
Ziel der Gebote sei in der Bibel immer das Fortbestehen der Gemeinde. Braulik: "Sie sind als dankbare Antwort auf die Rettung aus der Sklaverei zu verstehen und sind die Voraussetzung, um die gewonnene Freiheit auf allen Gebieten des Lebens bewahren zu können."
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Am Samstag vor dem ersten Advent leitete ich einen Besinnungstag für Religionslehrer in einem Städtchen im Badischen. Wir waren in einer kleinen Kirche mitten am Marktplatz - und um uns herum war der Weihnachtsmarkt in vollem Gange. Vom Karussell dudelte »Jingle Beils« herüber, man hörte fröhliches Stimmengewirr, drüben sang ein Kinderchor »Leise rieselt der Schnee«. In einer Pause stand ich zufällig mit dem Pfarrer zusammen, dessen Pfarrhaus am Rande des Marktplatzes steht. »Geht das die ganzen vier Wochen so?«, fragte ich mitfühlend. »Ja«, seufzte er, »mit der Stille ist es vorbei, wenn die Blasmusik 'Stille Nacht' spielt ...« Es war seltsam, aber dieser Satz ließ mich die folgenden Tage nicht mehr los: »Mit der Stille ist es vorbei, wenn die Blasmusik 'Stille Nacht' spielt.« Wie ist das denn tatsächlich mit der »Stille der Heiligen Nacht«?
Die Wochen vor dem Fest sind für die meisten wohl alles andere als still. Viele Erwartungen und Hoffnungen werden mit Weihnachten verbunden. Manchmal scheint es fast so, als ob das »schöne Fest« zum Jahresende all das wettmachen soll, was im Laufe des Jahres eben nicht »schön« war. Und dann soll Weihnachten das »perfekte Fest« werden - mit viel Freude und viel Fröhlichkeit! Stille Nacht? Das ist eigentlich eher nicht vorgesehen.
Nichts gegen ein schönes Fest, nichts gegen liebe Fröhlichkeit! Ich genieße den Heiligabend auch mit Freunden, einem guten Essen. Aber dafür bräuchte es nicht unbedingt Weihnachten, das geht auch am Geburtstag oder bei der Feier einer Goldenen Hochzeit.
Ob Weihnachten und Stille vielleicht doch etwas miteinander zu tun haben, wenn es mehr als »nur« ein schönes Fest sein soll? »Stille Nacht, heilige Nacht...«? Könnte das die Spur sein?
Immer dann und dort, wo etwas »Heiliges« ins Spiel kommt, wenn man sich vom Heiligen berühren lässt, da verstummt man, wird man leise. Das ist so, als ob die Seele auf einmal ins Lauschen kommt, ins Lauschen auf nie gehörte Worte, ungesungene Melodien, Klänge und Töne. Um das aber erlauschen zu können, muss es still sein, still um mich herum, aber auch still in mir. Es gibt solche Momente im Leben. Das kann der Augenblick sein, wenn eine Mutter ihr neugeborenes Kind im Arm hält oder Liebende sich einfach anschauen und verstehen. Das kann der Regenbogen sein, der am Himmel steht - oder ein Sonnenuntergang am Meer, Momente, in denen ich ganz still werde und mich vom Heiligen berühren lasse.
Ein »heiliger Abend« ohne solche »heiligen Momente« wäre nicht anders als jedes andere Fest.
Klar - ich kann solche heiligen Momente nicht »machen«, sie sind immer Geschenk. Aber ich kann wenigstens die Voraussetzungen dafür schaffen, indem ich bewusst in diesen Stunden der Freude und der Gemeinschaft auch einmal die Stille suche. Das kann der Moment beim Anzünden einer Kerze sein, der liebevolle Blick auf das schlafende Kind, der kurze Gang vor die Haustür und der Blick in den Sternenhimmel, auch das »Gänsehaut-Gefühl«, wenn der Kirchenchor das »Transeamus« anstimmt - Momente, in denen das Heilige mich vielleicht berühren kann.
Was aber ist mit denen, für die die Heilige Nacht bereits viel zu still ist? Mit denen, die einsam zu Hause sitzen, weil sie keinen Menschen haben? Mit denen, die sich an diesem Abend nicht freuen können, weil sie um einen Partner, ein Kind, einen Freund trauern? Mit denen, die den Heiligen Abend im Krankenhaus verbringen müssen, vielleicht voll Sorge in die Zukunft schauen? Diese Stille ist nicht immer leicht auszuhalten - und sie soll auch nicht billig weggetröstet werden. Aber vielleicht sind diese Menschen dem Geheimnis dieser Nacht näher als so mancher, der »nur« ein schönes Fest feiert: »Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar ... Christ, der Retter ist da!« Jesus Christus kann nur dort »ankommen«, wo man ihn braucht, wo man seiner bedarf. Es waren die Hirten, die in der Stille der Nacht bei ihren Herden gewacht haben, die die Botschaft des Engels gehört haben. Die Bevölkerung von Betlehem hat das eigentliche Ereignis dieser Nacht verschlafen.
»Während tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht in ihrem schnellen Lauf bis zur Mitte vorgerückt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel her, vom königlichen Thron« (Buch der Weisheit 18,14-15a) - der Heiligabend braucht die Stille und das Wach-Sein, um für mich zur Heiligen Nacht werden zu können.
Aus: Andrea Schwarz, Gib dem Engel eine Chance. Gedanken und Geschichten zu Weihnachten. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2013.
Du höchstes Licht, du ewger Schein,
du Gott und treuer Herre mein,
von dir der Gnaden Glanz ausgeht
und leuchtet schön so früh wie spät.
Das ist der Herre Jesus Christ,
der ja die göttlich Wahrheit ist,
mit seiner Lehr hell scheint und leucht‘,
bis er die Herzen zu sich zeucht.
Er ist das Licht der ganzen Welt,
das jedem klar vor Augen stellt
den hellen, schönen, lichten Tag,
an dem er selig werden mag.
Den Tag, Herr, deines lieben Sohns
lass stetig leuchten über uns,
damit, die wir geboren blind,
doch werden noch des Tages Kind‘
und wandeln, wie’s dem wohl ansteht,
in dessen Herzen hell aufgeht
der Tag des Heils, die Gnadenzeit,
da fern ist alle Dunkelheit.
Zuletzt hilf uns zur heilgen Stadt,
die weder Nacht noch Tage hat,
da du, Gott strahlst voll Herrlichkeit,
du schönstes Licht in Ewigkeit.
O Sonn der Gnad ohne Niedergang,
nimm von uns an den Lobgesang,
auf dass erklinge diese Weis
zum Guten uns und dir zum Preis.
Johannes Zwick (1545), in: L EG 441
Originaltext:
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab’ im lockigen Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund’.
Jesus! in deiner Geburt!
Jesus! in deiner Geburt!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnade Fülle lässt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschengestalt!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Halleluja!“
Tönt es laut bey Ferne und Nah:
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“
Gebräuchliche Fasssung:
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh,
Schlaf in himmlischer Ruh.
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt.
Stille Nacht, Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht,
Durch der Engel Halleluja.
Tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da,
Christ, der Retter ist da.
Gotteslob 1975.
Jesus ist die Gabe Gottes, eine unvergleichliche Gabe: empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Das ist der Kern der Botschaft, die auf den ersten Seiten des Evangeliums nach Matthäus und Lukas zum Ausdruck kommt.
In Jesus hat Gott unser Fleisch angenommen: Im Hebräischen bezeichnet das Wort »Fleisch« den ganzen Menschen in seiner Hinfälligkeit, die ganze Person, insofern sie schwach und vergänglich ist. Im Leib seiner Mutter geformt, wurde Jesus nackt geboren; Maria und Josef liebten ihr Kind, da er wie alle Menschenkinder lachte und weinte. In ihm nahm Gott die Augen eines Kindes an, und mit seinen kleinen Füßen musste Jesus lernen, die Wege der Menschen zu gehen.
Unser Glaube, Herder-Verlag,1990.
... Die Menschen träumten Gottes Traum nicht mit. War Gottes Traum ausgeträumt?
Gott wagte noch mehr! Er wagte das Äußerste. Er ging selbst, Mensch unter Menschen, in sein Volk hinein und lebte seinen Traum in einem Menschen, in Jesus von Nazareth. Aller Entwurf Gottes sammelte sich in ihm: Hier war das neue Herz! Die Kraft Gottes ging von ihm aus, wer ihn berührte, wurde heil. Hier war der Keim des Gottesreiches auf Erden. Hier war der Mensch, der ganz Gott vertraute, der ganz mit Gott lebte. An dieser Stelle brach in der düsteren Menschengeschichte der Gewalt das Licht durch, die Dämonen flohen vor ihm.
Die Menschen, besonders die Kleinen, die Armen, spüren es. Sie sammelten sich um ihn am Ufer des galiläischen Meeres. Sie lauschten seinen Worten, in denen er die Grundsätze des Gottesreiches verkündete, den Traum Gottes wie sein Volk mitten unter den Völkern und für die Völker leben sollte: "Selig, die keine Gewalt anwenden; selig, die Frieden stiften, selig, die Barmherzigen..." Wenn ihr von Gott geliebt seid, so verkündete er, unendlich geliebt, habt ihr dann nicht alles? Wenn ihr Söhne und Töchter Gottes seid, seine Geliebten, was kann euch da noch fehlen? Was müsst ihr dann noch krampfhaft festhalten? Wenn ihr den Schatz im Acker gefunden habt, wenn ihr, so würden wir heute sagen, das große Los gezogen habt, dann könnt ihr alles andere loslassen. Wenn euch dann einer den Mantel nimmt, dann lasst ihm auch noch den Rock; wenn euch dann einer auf die rechte Wange schlägt, dann haltet ihm auch die andere hin. Dann könnt ihr sogar den Feind lieben, denn ihr seid doch in der großen Freude, ihr seid doch von Gott unendlich geliebt, von ihm, der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse.
Johannes Bours, Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt, Freiburg 1986.
In dieser Nacht öffnet sich der Himmel
um für immer offen zu bleiben.
In dieser Nacht berührt der Himmel die Erde,
um sie für immer zu verwandeln.
In dieser Nacht ist Gott Mensch geworden,
um sich auf ewig mit uns zu verbinden.
In dieser Nacht ist alles anders.
Für einen Augenblick
hält die Welt den Atem an.
Einsame und Verzweifelte,
Enttäuschte und Unzufriedene,
Starke und Selbstsichere,
Erfolgreiche und Glückliche
staunen über das Kind in der Krippe.
Gott wird Mensch.
Udo Hahn
Wie der heilige Franz
an der Krippe
knien
und nur noch eines
sehen
das Kind und das Leben.
Wie Ochs und Esel
an der Krippe
stehen
und nur noch eines
fühlen
das Kind und das Leben
Wie die heilige Maria
an der Krippe liegen
und nur noch eines
gebären
das Kind und das Leben
Wie der heilige Josef
an der Krippe
sitzen
und nur noch von einem
träumen
vom Kind und vom Leben
P. Anton Rotzetter
Suchen und finden,
den Weg durch die Wüste,
über manchen Umweg,
vom Stern geführt,
im Traum bestätigt.
Gesucht und gefunden,
das Haus des Brotes,
das Kind und die Mutter,
die Wiege des Lebens,
das Ziel der Sehnsucht.
Suchen und finden,
den Ort, wo die Kronen abgelegt,
die Knie gebeugt,
die Hände gefaltet,
die Herzen weit geöffnet werden.
Gesucht und gefunden,
die dargebrachten Schätze,
das Gold der Sehnsucht,
den Weihrauch der Hingabe,
die Myrrhe der Schmerzen.
Suchen und finden,
den anderen Heimweg
durch unbekannte Gefilde,
doch mit einer Zuversicht im Herzen,
die unwiderruflich ist für immer.
Gesucht und gefunden,
die wahre Größe,
die sich zeigt in der Zuneigung,
wo die Schenkenden
reich Beschenkte sind.
Paul Weismantel.
Mit den Hirten will ich gehen,
meinen Heiland zu besehen,
meinen lieben heilgen Christ,
der für mich geboren ist.
Mit den Engeln will ich singen,
Gott zur Ehre soll es klingen,
von dem Frieden, den er gibt,
jedem Herzen, das ihn liebt.
Mit den Weisen will ich geben,
was ich Höchstes hab im Leben,
geb zu seligem Gewinn,
ihm das Leben selber hin.
Mit Maria will ich sinnen
ganz verschwiegen und tief innen
über dem Geheimnis zart:
Gott im Fleisch geoffenbart.
Mit dir selber, mein Befreier,
will ich halten Weihnachtsfeier;
komm, ach komm ins Herz hinein,
laß es deine Krippe sein.
Emil Quandt (1880), EG 544 (Ausgabe Rheinland).
Als der Jesusknabe im Stall von Bethlehem geboren wurde und die vielen Leute kamen, um sich mit den Eltern zu freuen, das war der Esel einfach froh, dass er sich mit seinem grauen Fell tief im Schatten verstecken konnte. Er war nicht für den großen Auftritt vor der Welt geschaffen. Seine Ohren waren zu groß geraten und seine Beine zu kurz. Weder war er ein feuriger Rappe noch ein strahlender Schimmel, sondern einfach ein Grautier. Die Welteroberer und Herrscher lieben Rosse und Wagen, die Kaufleute aus dem fernen Saba die hochnäsigen Kamele. Er aber war nur der Lastenträger in den Dörfern und der geduldige Esel für die Fußfaulheit der kleinen Leute. Jetzt ließ er den Kopf hängen und sein Fell wurde noch ein wenig grauer als sonst, da er seinen Alltag und das Leben überhaupt meditierte. Er wurde zwar immer wieder gebraucht, er wurde auch geschätzt, weil er so brauchbar war, aber er wurde nie hofiert. Das Leben war schon seltsam, ... irgendwie ungerecht. Und wenn er müde war und nicht mehr wollte und nicht mehr konnte, dann gab es Schläge, damit er doch weiter trottete. Es war kein fauler Esel, ... er war ein dummer Esel, ... eben ein ... Esel.
Der Gesang der Engel verfolgte ihn bis in seine Träume und auch die Freude der Hirten und Geschenke der weisen Männer, die von einem so besonderen Stern erzählten, der sie bis in seinen Stall geführt hatte. Das muss schon ein besonderes Kind sein, aber er war nicht Besonderes und so passten sie beide kaum zueinander. Es ist nicht gut, sich falsche Träume zu machen, dachte er. Denk daran: du bleibst ein kleiner grauer Esel und wirst nie ein bunter Vogel.
Dann kam der Tag, an dem der Mann ihn so seltsam anschaute und mit der Mutter sprach, dass sie ganz schnell von hier weg mussten. Und sie packten ihre sieben Sachen und der Mann setzte die Mutter und das Kind auf seinen Rücken. Der kleine Esel seufzte, jetzt hat der Alltag wieder begonnen. Als der Knabe beim Trott der vielen Schritte langsam müde wurde, fiel sein kleiner Kopf auf den Nacken seines Reittieres und die Haare dort kitzelten in seiner Nase und er musste niesen. Dem Eselchen sträubten sich vor Schreck die Haare, so dass sie wie eine Bürste senkrecht zu Berge standen. Das gefiel dem Kleinen. Er streichelte die Haare immer wieder und dann legte er seine Arme ganz eng um den Hals und schlief wieder ein.
Als sie am Abend in einem Gehöft am Wege rasteten war der Esel immer noch ganz aufgeregt. Der kleine Knabe hatte Freude an ihm gehabt. Er hatte sich an ihn gekuschelt und ihn umarmt. Das machte den Esel richtig stolz und seine Nackenhaare standen vor Aufregung auch jetzt noch senkrecht. Als er dann in einer Glitzerscheibe sein Spiegelbild sah, wollte er es kaum glauben: Die Nackenhaare waren auf einmal schwarz und da wo der Knabe seine Arme um seine Schultern gelegt hatte, war auch sein Fell schwarz geworden. Der Knabe hatte ihm ein Siegelzeichen eingebrannt.
Dass der kleine Knabe damals so viel Freude und Vertrauen zu ihm hatte, das hat der Esel nie vergessen und bis heute ist er bis in die Schwanzspitze hinein mächtig stolz auf das Kreuz auf seinem Rücken.
Abt Albert Altenähr OSB, Weihnachtsbrief der Abtei Kornelimünster.
Lesung aus dem Buch Jesaja:
Siehe, der HERR hat es bekannt gemacht bis ans Ende der Erde.
Sagt der Tochter Zion:
Siehe, deine Rettung kommt.
Siehe, sein Lohn ist mit ihm
und sein Ertrag
geht vor ihm her!
Dann wird man sie nennen "Heiliges Volk",
"Erlöste des HERRN."
Und du wirst genannt werden:
"Begehrte, nicht mehr verlassene Stadt."
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die Lesungsperikope ist dem dritten Teil des Jesajabuches entnommen. Dieser ist unmittelbar nach der babylonischen Gefangenschaft etwa um das Jahr 520 entstanden und versucht, die neu errungene Freiheit und Eigenständigkeit theologisch zu deuten: Gott hat sich seinem Volk wieder zugewandt.
Die Aufbruchstimmung ist eng mit dem Wiederaufbau des Tempels und Jerusalems verknüpft. Die Heimkehr des Volkes wird wie die Rückkehr eines siegreichen Heeres gefeiert, das durch die Führung Gottes einen Sieg errungen hat. Alt und vom ersten und zweiten Teil des Jesajabuches her bekannt ist das Motiv des bedingungslosen Vertrauens in den Beistand Jahwes. Hinzu kommt eine universalistische Denkweise, die das Heil aller Völker in den Blick nimmt, während es in früheren Epochen ausschließlich um das Heil des auserwählten Volkes ging.
Die Namen des Gottesvolkes sind das Programm, das es nun zu erfüllen gilt: "das heilige Volk", "die Erlösten des Herrn" und "die begehrte, die nicht mehr verlassene Stadt" bezeichnen ein Naheverhältnis zu Gott, das einerseits sichtbar und spürbar geworden ist, andererseits im Leben des Volkes verwirklicht werden soll.
In prophetischen Schriften werden häufig Städte als Frauen angesprochen. "Die Stadt" ist auch im westsemitischen Kulturkreis grammatikalisch weiblich. Dahinter steht eine alte Vorstellung von Stadtgöttinnen: Städte bieten Schutz und Geborgenheit, sie ernähren ihre Bewohner, darum wurden ihnen weibliche Gottheiten zugeordnet, Israel übernimmt zwar die Metapher, aber nicht die dahinterstehende Göttinnenvorstellung. Sowohl fremde Städte als auch Zion, Jerusalem, werden als Töchter bezeichnet.
Schon in Kapitel 1 ist die Tochter Zion die Verlassene, weil sie Gott untreu geworden und von ihm abgefallen ist. In Kapitel 2 wird sie als Dirne bezeichnet, weil ihr Fürsten eine Bande von Dieben ist und keine Gerechtigkeit mehr herrscht, trotzdem wird auch hier schon gesagt, daß Gott Zion retten wird, daß er sie nicht in diesem Zustand des Unrechts läßt.
Jerusalem wird dargestellt als kinderlose, unfruchtbare, verlassene und verstoßene Frau ( 49,21; 54,1-6) Gott selbst wird wieder gutmachen, was sich die Stadt durch ihr Verhalten zugezogen hat. Die "Kinder" der Stadt werden zurückgebracht, die Ehre und Versorgung einer israelitischen Frau. Im Orient hatte der Mann das Recht, seine Frau zu verstoßen und sie kinderlos und unversorgt zu verlassen. Zion hatte sich die Verstoßung durch ihre Untreue verdient.
Die Kapitel 49 und 62 zeigen Gott als den einsichtigen Ehemann, der das volle Ausmaß der Not und der Hilflosigkeit der verlassenen und unversorgten Frau erkennt und sie wieder zu seiner Braut macht.
Zion ist für Gott keine ebenbürtige Partnerin, sie ist keine Stadtgöttin, sondern sie ist das, was Gott ihr schenkt. Ihr Heil kommt von Gott, alle Ehrentitel, die ihr gegeben werden, kommen ihr nicht aus eigenem zu, sondern durch das Handeln Gottes.
Im Bild des Bräutigams/Ehemanns legt der Prophet wert auf die verständnisvollen, barmherzigen Züge Gottes. Neben den vielen anderen Bildern, die er für Gott verwendet, kann dieser unkonventionelle Mann gut stehen bleiben.
Kv - Ein Licht strahlt heute über uns auf:
geboren ist Christus, der Herr. – Kv
(oder GL 635,4)
Der HERR ist König. Es juble die Erde!
Freuen sollen sich die vielen Inseln.
Seine Gerechtigkeit verkünden die Himmel,
seine Herrlichkeit schauen alle Völker. - Kv
Licht wird ausgesät für den Gerechten,
Freude für die, die geraden Herzens sind.
Freut euch am HERRN, ihr Gerechten,
dankt seinem heiligen Namen! - Kv
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus.
Als aber die Güte
und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien,
hat er uns gerettet
- nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit,
die wir vollbracht haben,
sondern nach seinem Erbarmen -
durch das Bad der Wiedergeburt
und die Erneuerung im Heiligen Geist.
Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen
durch Jesus Christus, unseren Retter,
damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden
und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die ausgewählten Verse aus dem Titusbrief möchten die Lebensordnungen, die in diesem Brief mitgeteilt werden, theologisch begründen. Die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist und durch die wir gerettet sind, ist Richtschnur des menschlichen Verhaltens. Wie wir die Rettung nicht durch Verdienste erworben haben, sollen wir gütig und menschenfreundlich zu allen Menschen sein.
Halleluja. Halleluja.
Ehre sei Gott in der Höhe,
und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.
Als die Engel von den Hirten
in den Himmel zurückgekehrt waren,
sagten die Hirten zueinander:
Lasst uns nach Betlehem gehen,
um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat!
So eilten sie hin
und fanden Maria und Josef
und das Kind, das in der Krippe lag.
Als sie es sahen,
erzählten sie von dem Wort,
das ihnen über dieses Kind gesagt worden war.
Und alle, die es hörten,
staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde.
Maria aber
bewahrte alle diese Worte
und erwog sie in ihrem Herzen.
Die Hirten kehrten zurück,
rühmten Gott
und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten,
so wie es ihnen gesagt worden war.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Dieser Abschnitt der lukanischen Kindheitsgeschichten stellt vor, wie Menschen Zugang zum Mysterium der Geburt Jesu finden können: Die Hirten hören und erzählen weiter und kommen so zum Glauben. Dieser findet Ausdruck im Lobpreis Gottes - wie in der Christengemeinde, in der diese Erzählung überliefert wird. Maria bewahrt und bewegt, was an ihr geschehen ist, was sie selbst erlebt, gehört und gesehen hat, in ihrem Herzen und erkennt darin das Wirken und Erscheinen Gottes.
Die Hirten finden die Offenbarung Gottes im angegebenen Zeichen bestätigt. Sie verkünden Maria und Josef und den Menschen, was ihnen selber verkündet worden ist. Die Frucht dieser Verkündigung ist Verwunderung. Wer die Offenbarung des Göttlichen erlebt, wundert sich, sei es, dass er gläubig und ehrfurchtsvoll staunt, sei es, dass er ahnungsvoll bewundert oder auch kritisch und verständnislos ablehnt. Wer staunt, hat den Anstoß zum Glauben erhalten; der Glaube selbst bleibt eine persönliche Entscheidung. Maria staunt nicht nur, sondern sie "bewahrte... alles in ihrem Herzen". Sie wird immer wieder Neues über ihr Kind hören und es glaubend zusammenfügen. So wird sie zum Urbild aller Glaubenden und dadurch zum Urbild der Kirche.
Die Hirten aber "rühmten Gott und priesen ihn", als sie zurückkehrten. Diese Verherrlichung Gottes zieht sich wie ein Faden durch das ganze Evangelium des Lukas. Die Hirten sind die ersten Augenzeugen und Verkünder der Frohbotschaft.
Jesus wurde durch seine Geburt in die Ordnung des Alten Bundes hineingeboren und in die Verpflichtung des damit einhergehenden Gesetzes. Daher auch die Beschneidung am achten Tag, die als ein Zeichen des Bundes und ein Kennzeichen des Gottesvolkes ist. Mit der Beschneidung ist die Namensgebung verbunden. Dieser Name, von Gott selbst bestimmt und Maria und Josef durch den Engel mitgeteilt, ist Jesus und deutet inhaltlich an, was er sein wird: Gott ist der Retter, der in Jesus das Heil bringt.
Im Gegensatz zur Beschneidung und Namensgebung Johannes des Täufers (Lk 1,59ff.) wird die Beschneidung bei Jesus nur "nebenbei" erwähnt. Viel wichtiger erscheint dem Evangelisten die Namensgebung, denn Gott selbst hat dem Kind seinen Namen, Sendung und Auftrag gegeben - nicht Josef oder Maria bestimmen seinen Lebensweg!
"Jesus" ist die griechische Schreibform des hebräischen Jeschuah (Spätform von Jehoschua, was "JHWH ist Hilfe" bedeutet). Im Prinzip ist der Name Jesus ein zu damaliger Zeit recht gebräuchlicher jüdischer Name und Gott wird somit bei seiner Menschwerdung den Menschen auch in diesem gleich.
Die Beschneidung ist ein Zeichen des Bundes, der Zugehörigkeit zu JHWH (vgl. hierzu: Gen 17,23ff.; Ex 4,25), der Zugehörigkeit zu Israel (Ex 12,48; Röm 4,11), ist Erinnerungszeichen an die Verpflichtung des Bundes (Dtn 30,6; Jer 4,4; Ez 44,7; Gal 5,3) und Zeichen der Unterscheidung von anderen Völkern (Ri 14,3; 1 Sam 14,6; 2 Sam 1,20).
Die Beschneidung wurde vom Gesetz her auf den achten Tag nach der Geburt festgelegt und zumeist vom Vater vollzogen. In neutestamentlicher Zeit wurde damit auch die Namensgebung verbunden.
Von Maria wird gesagt, sie habe alles in ihrem Herzen bewahrt. Die Eindrücke müssen erst verarbeitet werden, die Bedeutung der Ereignisse müssen erst begriffen werden. Auch wir müssen das uns Berichtete zu Herzen nehmen, wenn wir verfassen wollen, was die Geburt Jesu füruns bedeutet.
„Tochter Zion, freue Dich!“ Dieses Lied gehört zur Weihnachtszeit. Es geht um die Hoffnung auf Rettung. Diese Rettung ist jetzt da. Das ist das wichtige Wort jeder Weihnacht. Es wurde uns heute auch noch einmal in der Lesung aus dem Propheten Jesaja in Erinnerung gerufen.
In dem Lied wird dann auch gleich der große Ausblick gewagt: „Gründe nun dein ewig Reich“ bitten wir singend. Und wir sagen unsere Hoffnung an: „Ewig steht dein Friedensthron“. Reich eines Kindes und Frieden durch einen kleinen Menschen, der im Moment noch mehr auf den Frieden angewiesen ist.
Neben diesen großen Worten hat der Tag aber auch leise Töne. Ich möchte Sie heute auf einen Satz besonders hinweisen. Es ist der Vers Lukas 2,19: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach!“
Zugleich wünsche ich mir, dass dieser Vers in unserem Kopf erweitert wird um die Hirten. Ich stelle mir vor, dass auch sie die Dinge im Herzen bewahrt haben. Ein guter Hirt kennt die Weideplätze und ihre Auslastung. Er weiß, wo er gerade erst mit der Herde war. Dort ist noch nicht wieder genug Futter gewachsen. Er weiß, welche Plätze von seiner Herde gewünscht oder gemieden werden. Dafür gibt es kein Buch und keinen offiziellen Weideplan. Dafür gibt es nur die Erfahrung der Jahre und der aktuellen Herde.
Was haben sich Maria und die Hirten ins Herz nehmen können? - Mit dem Neugeborenen ist es etwas ganz Besonderes. Es ist nicht nur ein Neugeborenes wie viele andere derselben Nacht. Es ist das Neugeborene, das den Hirten angekündigt wird. „Den müsst ihr sehen!“ sagt ihnen der Engel. „Er ist der Messias, der Herr!“ ruft er ihnen zu.
Er ist der Neugeborene, der in Maria die Szene der Verkündigung wieder aufklingen lässt: „Gott tut etwas für die Welt. Gott tut es mit dir. Er wird ein Großer sein, der die Welt verändert!“ „Die Hirten erzählten, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war (Lk 2,17)“ heißt es im Evangelium. In ihren Erzählungen kam der Engel vor – und wieder darf Maria sich erinnern: „Der Engel hat heute die Hirten überrascht und damals mich.“ Ob sie dann auch den Hirten von ihrer Engelsbegegnung erzählt hat? Denn dann kann sich auch für sie der Kreis schließen. Dann gilt nämlich: „Das war kein Zufall. Das sollte so sein!“
Die Pädagogik beschreibt, dass Kinder in den ersten Jahren Eindrücke nicht sortieren und gewichten können. Für sie sind alle Dinge neu, wichtig und schön. Und all das ist auch sehr anstrengend. Erst in späteren Jahren wird sortiert.
Maria und die Hirten könnten Menschen gewesen sein, in deren Leben wenig passiert ist. Der Alltag hatte seinen gewohnten Gang. Dann wird plötzlich so viel anders in ihrem Leben. Das hat keinen Platz. Es muss verstanden werden. Die Bedeutung dieses Geschehens wird sich erst zeigen. Und erst dann haben die Worte des Engels oder der Hirten ihre ganze Größe erreicht.
Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern hier die Messe am Morgen. Als Sie kamen, waren die Straßen noch relativ leer. Wenn Sie nach dem Gottesdienst wieder nach Hause gehen, ist es auch noch so. Die frühe Zeit ist auch eine ruhige Zeit. Da können sich Dinge setzen, bevor vielleicht der Besuch kommt. Ich ermutige Sie: Lassen Sie auch heute Ihr Herz berühren. Nehmen Sie etwas mit nach Hause, was Sie durch die Zeit begleitet. Nehmen Sie etwas mit, dass Ihnen zeigt: Christus wurde für mich geboren!
Die Geburt eines Kindes macht die Menschen in der Umgebung neugierig. So auch damals die Hirten. Einfache Menschen treffen auf einfache Menschen und begegnen so dem großen und unbegreifbaren Gott. Sie lernen seine Wege kennen. Weihnachten lädt uns ein, die Wege Gottes nachzugehen.
Die Erzählung von den Hirten, denen die Engel die Geburt des Messias verkündet haben, ist eine Geschichte des Suchens und Findes. Das Suchen und Finden zieht sich durch die ganze Erzählung: Die Engel finden die Hirten, die Hirten Maria und Josef und das Kind, Und das Kind findet sie alle.
Die Rede vom Geruch der Schafe, die Papst Franziskus losgelassen hat, trifft die Mitte des Evangeliums. Der menschgewordene Gott offenbart sich zuerst den Hirten. Sie verkörpern die Armen am Rande der Gesellschaft. Die Kirche und mit ihr unsere ganze westliche Gesellschaft wird gut tun, sich der Armen zu erinnern und sich ihnen zuzuwenden und sich so ihrer Wurzeln zu erinnern.
Mit Weihnachtsgottesdiensten verbinden viele Menschen die Heilige Nacht mit der Geburtsgeschichte Jesu oder die Messe am Tag mit dem Johannesprolog. Darüber hinaus aber gibt es die "Messe am Morgen", oft auch "Hirtenmesse" genannt.
Es lohnt sich, auch diese scheinbaren Randfiguren in den Blick zu nehmen. Sie sind uns mit ihrem Alltag viel näher. Und bei ihnen können wir sagen: Sie kennen das Leben wie wir.
Gott schickt sie durch seinen Engel zum Stall von Bethlehem, damit sie Jesus begegnen, dem Licht der Welt. Ihn bitten wir:
Herr Jesus,
dein Licht hat das Leben der Menschen verändert.
Kyrie, eleison.
Die Erfahrung mit deinem Licht kann durch manche Dunkelheit hindurchtragen.
Christe, eleison.
Dein Licht kann sich verbreiten in unsere Zeit und unsere Umwelt.
Kyrie, eleison.
GL 159: Licht, das uns erschien
oder GLÖ: 722,2
Oder:
Herr, Jesus Christus,
du bist als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschienen.
Herr, erbarme dich.
Engel haben den Hirten diese große Freude verkündet.
Christus, erbarme dich.
Hirten haben die Größe Gottes erkannt
und ihn gepriesen für das, was sie gehört und gesehen hatten.
Herr, erbarme dich.
GL 159: Licht, das uns erschien
Oder:
Herr, Jesus Christus,
du bist in die Welt gekommen, um alle Finsternis zu vertreiben.
Kyrie eleison.
Du schenkst uns das Licht des Glaubens.
Christe eleison.
Du hast uns berufen, als Kinder des Lichtes zu leben.
Kyrie eleison.
Allmächtiger Gott,
dein ewiges Wort ist Fleisch geworden,
um uns mit dem Glanz deines Lichtes zu erfüllen.
Gib, daß in unseren Werken widerstrahlt,
was durch den Glauben in unserem Herzen leuchtet.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.
MB Weihnachten am Morgen
Gott und Vater,
du hast nicht nur deinen Sohn zu uns gesandt.
Du hast auch durch deine Engel
die Hirten auf seine Geburt aufmerksam gemacht.
Hilf auch uns,
deinen Sohn in unserem Alltag zu finden
und so – wie die Hirten –
gestärkt zu sein für einen Alltag
in der Kraft deines Sohnes,
der mit dir und dem Heiligen Geist
lebt und Leben spendet. - Amen.
Vater im Himmel,
dein Sohn kam zur Welt und wandte sich den Menschen in ihrer Not zu,
Wir bitten dich:
Sei bei allen Menschen, die heute für andere Not wenden.
Sei bei den Eltern der heute geborenen Kinder, die nicht wissen, welche Zukunft sie ihnen bieten können.
Bewahre uns ein ehrfürchtiges Staunen vor dem Wunder des Lebens.
Zaubere auf die Gesichter der Menschen das Lächeln, das Mut macht.
Schenke Frieden dem Land, in dem dein Sohn aufgewachsen ist.
Umgib jene mit deinem Frieden, die heute sterben.
Denn du willst Heil für alle sein, die du ins Leben gerufen hast. - Amen.
Himmlischer Vater,
erfülle die Gaben dieser Erde mit deinem Segen,
damit sie das Geheimnis dieses Tages darstellen:
Wie Christus
als neugeborener Mensch und als wahrer Gott
vor uns aufleuchtet,
so laß uns durch diese irdische Speise
das göttliche Leben empfangen.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten am Morgen
Gott und Vater,
in deinem Sohn wurde Gott Mensch auf unserer Erde.
Durch deinen Sohn wurde später im Abendmahlssaal
Brot zum Leib Christi
und Wein zum Blut Christi.
Segne diese Gaben,
damit auch wir durch sie spüren,
dass er bei uns ist,
dein Sohn, den du gesandt hast. - Amen.
Du brichst mit uns das Brot,
du teilst mit uns den Kelch.
Herr, du schenkst dich uns.
Was von Anfang an im Himmel war,
finden wir auf deinem Tisch
mitten unter uns.
Dir danken wir.
Mit Brot und Wein.
(für Wortgottesdienstfeiern)
Kehrvers:
Dankt dem Vater mit Freude, er schenkt uns seinen Sohn. (GL 633,8)
Großer, unbegreifbarer Gott,
wir wollen dir unsere Freude und unseren Dank zum Ausdruck bringen,
denn in Jesus von Nazareth ist dein ewiges Wort Fleisch geworden
und hat mitten unter uns gewohnt.
Kehrvers
Er ist das Leben, und das Leben ist das Licht der Menschen.
in ihm kam das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, in die Welt.
Kehrvers
Allen die ihn aufnahmen, gabst du die Macht, Kinder Gottes zu werden.
Er hat die Reinigung von den Sünden bewirkt
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade über Gnade.
Kehrvers
Alle Enden der Erde sehen nun das Heil unseres Gottes.
Darum jubelt heute der ganze Erdkreis
und stimmt mit den Engeln und Heiligen ein in den Lobpreis der Schöpfung:
Danklied: z. B.: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich (GL 247)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn Fleisch geworden ist das Wort,
und in diesem Geheimnis
erstrahlt dem Auge unseres Geistes
das neue Licht deiner Herrlichkeit.
In der sichtbaren Gestalt des Erlösers
läßt du uns den unsichtbaren Gott erkennen,
um in uns die Liebe zu entflammen
zu dem, was kein Auge geschaut hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn groß ist das Geheimnis seiner Geburt,
heute ist er, der unsichtbare Gott,
sichtbar als Mensch erschienen.
Vor aller Zeit aus dir geboren,
hat er sich den Gesetzen der Zeit unterworfen.
In ihm ist alles neu geschaffen.
Er heilt die Wunden der ganzen Schöpfung,
richtet auf, was darniederliegt,
und ruft den verlorenen Menschen
ins Reich deines Friedens.
Darum rühmen dich Himmel und Erde,
Engel und Menschen
singen das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 2
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn schaffst du den Menschen neu
und schenkst ihm ewige Ehre.
Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen:
dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch,
und wir sterbliche Menschen
empfangen in Christus dein göttliches Leben.
Darum preisen wir dich mit allen Chören der Engel
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 3
Bei Kindern warten wir, wann sie zum ersten Mal Mama oder Papa sagen. Für Jesus war dieses Wort noch reicher gefüllt. Er dachte an seinen Vater im Himmel, zu dem auch wir nun rufen:
Vater unser...
Die Hirten des Feldes und die Heilige Familie kannten sich nicht. In der Begegnung zwischen ihnen war Frieden zu ahnen.
Gleich wirst du, Herr, uns in der Eucharistie begegnen. Und wir bitten dich, von dem Frieden ausgeht:
Schaue nicht auf unsere Sünden…
Herr, unser Gott,
die Menschwerdung deines Sohnes
erfülle uns mit Freude und Dank.
Laß uns dieses unergründliche Geheimnis
im Glauben erfassen und in tätiger Liebe bekennen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten am Morgen
Gott und Vater,
Maria und die Hirten
bewahrten im Herzen,
was sie erlebt haben,
als sie deinem Sohn begegnet sind.
Lass auch uns bewahren,
was unsere Herzen heute erfüllt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. - Amen.
Der barmherzige Gott hat durch die Geburt seines Sohnes die Finsternis vertrieben
und (diese Nacht) diesen Tag erleuchtet mit dem Glanz seines Lichtes;
er mache eure herzen hell mit dem Licht seiner Gnade. - Amen.
Den Hirten ließ er durch den Engel die große Freude verkünden;
mit dieser Freude erfülle er euer ganzes Leben. - Amen.
In Christus hat Gott Himmel und Erde verbunden;
durch ihn schenke er allen Menschen guten Willens seinen Frieden,
durch ihn vereine er euch mit der Kirche des Himmels. - Amen.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohne und der Heilige Geist. - Amen.
MB Weihnachten
Der Vater erfülle euch mit seinem Segen,
denn er hat seinen Sohn zu euch gesandt. - Amen!
Christus erfülle euch mit seinem Segen,
die ihr wie die Hirten glaubt: Der Messias ist gekommen. - Amen!
Der Heilige Geist erfülle euch mit seinem Segen
und helfe euch, die wichtigen Dinge zu bewahren. - Amen!
Und der Segen des allmächtigen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
erfülle euer Leben. – Amen.
Am Ende unseres Gottesdienstes gehen unsere Wege wieder auseinander.
Jeder von uns hat einen eigenen Weg.
Hört die Segensworte des Propheten Jesaja:
Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten,
der Frieden ankündigt,
der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt,
der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.
Horch, deine Wächter erheben die Stimme,
sie beginnen alle zu jubeln.
Denn sie sehen mit eigenen Augen,
wie der Herr nach Zion zurückkehrt.
Gott, der euch liebt,
strahle euch mit dem Lächeln eines Kindes an.
Gott, der ein gutes Wort für euch hat,
mache eure Herzen leicht.
Gott, der eure Wege begleitet,
schenke euch Frieden.
Im Namen …
Amen.
Was du erfahren
in vielen Jahren
sollst du bewahren
als deinen Schatz.
Er kann dir nützen
und dich beschützen
ein Leben lang.
Wolfgang Lörzer (*1950), VHS-Dozent und Autor, auf: Aphorismen.de
Momente
in denen ich Dich ersehne
Sekunden
die ich nie missen möchte
Sonnenstrahlen
auf meiner inneren Haut
ich möchte das
immer wieder spür'n
und jeden einzelnen Augenblick
in Bernstein gießen
um ihn für immer zu bewahren
Wolfgang Lörzer (*1950), VHS-Dozent und Autor, auf: Aphorismen.de
Weihnachten – Gott ist sichtbar geworden auf Erden in jeder Freundlichkeit und Liebe unter den Menschen.
Gott lässt sich erkennen: Die Einfachen, Kleinen, Armen können ihm begegnen, alle, die von ihrem hohen Ross heruntersteigen und die Maske des Hochmuts absetzen wollen.
Darum, lieber Mensch, lege allen Ballast der Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit ab. Öffne dein Herz und deine Arme, mögen die auch hart sein wie die Krippe – wenn sie nur offen sind – und tritt ein in das Geheimnis der Liebe von Weihnachten.
Phil Bosmans in:: Ludger Hohn–Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag Freiburg – Basel – Wien 2005
Um in diesen Weihnachtstagen glücklich zu sein, brauchst du Licht und Wärme, kein kaltes Neonflimmern und keine Wärme, die eine Heizung liefert. Du brauchst Licht im Herzen, um den Sinn des Lebens zu sehen, und die Wärme lieber Menschen, die dich gern haben.
In Armut und Kälte ist einer in die Welt zu allen Menschen gekommen, der mit seinem ganzen Leben Licht und Wärme sein wollte. Wenn du offen bist für das Geheimnis des Menschen, offen wie ein Kind, wirst du Licht empfangen und Wärme fühlen.
Phil Bosmans in:: Ludger Hohn–Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag Freiburg – Basel – Wien 2005.
1.
Die Hirten besuchen das Jesukind.
Und wen besuchst du?
Der Ochs und der Esel in der Krippe singt.
Für wen singst du?
Das Stroh hält das Jesuskindlein warm.
Und wen wärmst du?
Maria hält ihr Kind im Arm.
Und wen hältst du?
Refrain:
So könnte es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden
Keiner müsste mehr einsam sein
keiner wär allein.
So könnte es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden
Keiner müsste mehr einsam sein
keiner wär allein.
2.
Ein Stern leuchtet den Weisen den Weg.
Für wen leuchtest du?
Ein Engel spricht, dass es jeder versteht.
Mit wem sprichst du?
Könige beschenken den Retter der Welt.
Und wen beschenkst du?
Josef lacht, weil's ihm gefällt.
Mit wem lachst du?
Text & Musik. Kurt Mikula.
Hirten hüten ihre Herde und wenden Böses von ihr ab.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die Mitarbeiterinnen unseres Kindergartens,
die Lehrer in der Schule,
die Katecheten der Erstkommunionkinder
Hirten pflegen ihre kranken Tiere und helfen, ihre Wunden heilen.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die Ärzte, Schwestern und Pfleger,
die Mitarbeiter der Sozialstation,
die Mitarbeiter des Roten Kreuzes
Hirten erzählen von ihren Träumen, von ihren Erfahrungen mit der Stille
und ihrem Gott.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde,
die Mitglieder des Pfarrgemeinderates,
die Religionslehrer der Kinder
Hirten lieben die Natur, schließen Freundschaft mit Blumen,
nennen Bäume ihre Freunde und sprechen mit Tieren.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die Bauern und Förster,
die Schützer der Natur und
die Verfechter einer sauberen Umwelt.
Hirten führen ihre Schafe zusammen und gehen dem verlorenen nach.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Eheleute, die um den Partner ringen,
Freunde, die einander nicht verlieren wollen
Menschen, die Frieden stiften und Kompromisse suchen.
Aus: Herbert Jung, Mensch geworden für die Menschen, Freiburg 2001.
Unter den Hirten auf dem Feld in Bethlehem war auch ein Einfältiger. Er wurde von den anderen nur Tölpel genannt.
Als eines Nachts der Engel des Herrn erschien, um ihnen die Geburt Christi anzukündigen, begriff der Tölpel seine Worte nicht. Aber überwältigt vom Glanz, der von dem Engel ausging, fiel auch er, im Innersten erschrocken, auf die Knie.
Und als die anderen, wie der Engel es ihnen gesagt hatte, sich aufmachten, das Kind zu finden, wollte auch er mit ihnen gehen. Aber die Hirten schämten sich seiner, denn sein Gewand war zerrissen, sein Bart struppig und der Ausdruck seines Gesichtes blöd.
Bleib du hier bei den Schafen und beim Feuer, sagten sie. Das Kind, das wir suchen, ist kein gewöhnliches. Einen Tölpel, wie du einer bist, kann es nicht brauchen.
Doch der Tölpel ließ sich von ihren Worten nicht einschüchtern. Er lief ihnen nach, auch wenn er Mühe hatte zu folgen. Was willst du ihm denn schenken, spotteten sie.
Da sah der Tölpel erst, dass sie alle beladen waren mit Milch und Honig, mit Wolle von Schafen, mit Käse und Brot.
Daran hatte er nicht gedacht. Er wurde sehr betrübt. Aber auf einmal heiterte sich seine Miene auf, und rief er voller Stolz: Ich könnte die Fliegen von seinem Gesicht verscheuchen.
Was glaubst du eigentlich!, riefen die andern zurück. Dazu sind Engel da!
Der Tölpel wurde sehr traurig. Aber auf einmal heiterte sich seine Miene auf, und rief voller Stolz: Ich könnte seine Füße reiben, um es zu wärmen.
Was glaubst du eigentlich!; riefen die andern zurück. Dazu sind Engel da!
Der Tölpel fing an zu weinen. Aber auf einmal heiterte sich seine Miene zum dritten Mal auf, und er rief voller Stolz: Ich könnte ihm ein Lied singen, damit es Schlaf findet!
Was glaubst du eigentlich!, riefen die andern zurück. Dazu sind Engel da!
Der Tölpel war nun sehr betrübt und weinte vor Hilflosigkeit. Aber er gab nicht auf. Er wollte den König und die Engel, die von seinem Gesicht die Fliegen verscheuchten, die seine Füße rieben und ihm ein Lied sangen, wenigstens von weitem sehen.
Endlich standen die Hirten vor dem Stall, und sie fanden das Kind in einer Krippe liegen, arm und bloß.
Maria und Josef hatten mit den vielen Gästen alle Hände voll zu tun, denn nicht nur die Hirten, sondern auch die Könige hatten den Weg zur Krippe gefunden.
Ach, seufzte Maria, wenn ich nur jemanden hätte, der dem Kind die Fliegen verscheucht, der ihm die Füße reibt und ihm ein Schlaflied singt!
Da trat der Tölpel näher. Und als er weit und breit keine Engel sah, da wischte er seine Tränen ab, lachte vor Freude und kniete vor der Krippe nieder. ER verscheuchte die Fliegen. Er rieb dem Kind die Füße, um es zu wärmen, und sang ihm ein Lied, bis es einschlief.
Maria und Josef und die drei Könige staunten: Die Hirten aber schämten sich und nahmen ihn beim Heimweg in ihre Mitte.
Max Bolliger in: Ulrich Sander (Hrsg.) Unterwegs zum Licht, Weihnachtliche Worte und Weisen, Freiburg 2010.
Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen, mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.
Sage, wo ist Bethlehem?
Komm doch mit, ich zeig es dir!
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jetzt und hier.
Sage, wo ist Bethlehem?
Liegt es tausend Jahre weit?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jederzeit.
Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.
Rudolf Otto Wiemer in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
https://youtu.be/_XMLsNmTLjY?si=ac5HCkIQqETcnNBN
plötzlich
unverhofft
mitten im kalten winter
in der nacht
in einem milieu
wo man es nicht vermutete
in einer gegend ...
die ...
ja die gegend
betlehems felder
wissen sie wo das ist
da ganz am rand der welt
da hat der himmel
die erde geküsst
maria
und da
ist ein ros entsprungen
aus einer wurzel zart
mitten im kalten winter
wohl zu der halben nacht
Wir danken dir, verborgener Gott
wir danken dir
verborgener gott
daß du uns deine stimme
hast hören lassen
deine stimme
im geburtsschrei
eines kindes
im geburtsschrei
einer neuen welt
Wir danken dir, weiser Gott
wir danken dir
weiser gott
für das kind
auf stroh
das uns menschen
einfacher
weiser
menschlicher
und göttlicher
macht
Wilhelm Willms in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
Die Geburt Jesu wird seit dem 4. Jahrhundert am Jahresende, in der Zeit der Wintersonnenwende, gefeiert. Seit 400 Jahren prägen zwei ganz unterschiedliche Zeichen dieses Fest: Christbaum und Krippe. Der Christbaum ist zuerst im Elsaß nachgewiesen, in Bürgerhäusern in Schlettstadt und Straßburg, die Krippe in Jesuitenkirchen von Coimbra, Prag und Altötting.
Die ersten Christbäume waren mit Äpfeln, Hostien und Kerzen geschmückt. Sie wurden am 24. Dezember aufgestellt, nach dem alten kirchlichen Kalender der Gedenktag von Adam und Eva. Das Grün erinnerte an das Paradies, die Äpfel an den Sündenfall, die Hostien an die Erlösung, die Kerzen an Christus, „das wahre Licht, das in die Finsternis kam" (Joh 1,4-9). Der ganze Baum war Licht in der Finsternis der längsten Winternacht und Zeichen der Erlösung. Der Brauch, ihn im Wohnraum aufzustellen, wurde später durch die Hugenotten vom Elsaß aus nach Frankreich, in die Pfalz, nach Baden und andere evangelisch gewordene Landschaften verbreitet. In Bayern führte ihn Karoline von Baden, die erste Königin von Bayern, zum Weihnachtsfest 1800 ein.
In der Biedermeierzeit wurde der Christbaum zum Inbegriff der „Deutschen Weihnacht". [Unser Bild zeigt eine Darstellung zum Märchen vom Tannenbaum von Hans Christian Andersen.] Als die Nationalsozialisten ihn zum Zeichen eines heidnisch-germanischen Julfestes machen wollten, wurde er als Antwort darauf auch in katholische Kirchen übernommen. Seither umrahmen symmetrische Fichtenwälder viele Altarräume in der Weihnachtszeit. Aber der ursprüngliche Sinn, der sich im Grün, im Apfel, der Hostie und dem Licht konkretisiert, wird kaum irgendwo gesucht. Außerhalb der Kirchen wurden Christbäume, überreich beladen, zum Symbol des Konsums.
Wenn wir seine christliche Botschaft wieder entdecken wollen, sollten wir in der Kirche nur einen Baum aufstellen, ihn mit Äpfeln, Hostien und Wachs(!)kerzen schmücken und die Texte vom Paradies, vom Licht, vom Abendmahl lesen.
Das Figurentheater der Weihnachtskrippe haben die Jesuiten vielleicht nicht erfunden. Aber als Medium der Verkündigung haben sie es überall auf der Welt verbreitet, in Portugal, Böhmen und Bayern, in ihren Missionsgebieten in Amerika und Asien. Die Figuren aus Holz, Wachs oder Terrakotta wurden so aufgestellt und beleuchtet, daß sie zu sprechen und zu handeln scheinen. Das Geschehen wurde sowohl als Erzählung aus alter Zeit und einem fernen Land historisiert, als auch im Hier und Heute vergegenwärtigt. Das neue Bildmedium wurde zu einem Welterfolg. Bald wurden Weihnachtskrippen auch an Fürstenhöfen, in Bischofs- und Klosterkirchen nachgebaut, im 19. Jahrhundert dann auch in Privathäusern.
Mit den Krippen wurden zunächst das Weihnachtsevangelium des Lukas und die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland nach Matthäus illustriert. Bald aber überlagerten andere weihnachtliche Legenden, Privatoffenbarungen und Dichtungen die knappen Berichte der Evangelisten. Um 1900 bemühte man sich darum, in den Figuren und Landschaften Palästina realistisch darzustellen. Seit 1930 setzten sich Heimatkrippen mit blonden Frauen und Kindern in Trachtenkleidung durch.
Heute sollte sich eine Kirchenkrippe neu mit den Texten des Evangeliums auseinandersetzen. Sie sollte fremde Motive aus Privatoffenbarungen, Apokryphen und Weihnachtsmärchen reduzieren und sich entweder um Authentizität bemühen oder um Modernität. Entweder man entscheidet sich, Palästina zur Zeit Jesu nachzustellen, also Jesus und seine Mutter als orientalische Juden zu entdecken, oder man überträgt das Geschehen in unsere Gegenwart: Wo würde heute eine überall abgewiesene junge Schwangere ihr Kind bekommen können? In einer Tankstelle? Einem Gewerbepark? Und wen würden die Engel in der Nähe wach finden? Obdachlose, Polizisten, Müllmänner?
Die Geburt Jesu mit Figuren und Kulissen in eine angeblich „gute, alte Zeit", beispielsweise ein Bergdorf des 18. Jahrhunderts, zu versetzen, ist verlogen. Krippen sollten nicht gemütlich sein, sondern aufregend wie die Geburt und das Leben Jesu.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Nach 2000 Jahren christlicher Sozialisation geht uns der Satz „Gott ist Mensch geworden" leicht von den Lippen. Schwieriger wird es, wenn wir die heute üblichen Worte für Neugeborene benützen: „Gott ist Baby geworden" oder „Gott ist Säugling geworden". Für das Lukasevangelium war die Geburt Jesu ein natürlicher Vorgang: „Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln" (2, 7). So aber sehen die Weihnachtsbilder in unseren Kirchen und Museen und auf den Weihnachtspostkarten nicht aus. Da liegt ein nacktes Kind mit Goldstrahlen auf dem Boden und wird von einer Frau mit langem offenem Haar kniend angebetet.
Es war eine Frau, die sechs Kinder geboren hatte, und die wußte was für eine harte und schmutzige Arbeit Gebären ist: die heilige Birgitta von Schweden, die seit 1370 alle bei uns verbreiteten Bilder von der Anbetung des neugeborenen Jesus angeregt hat. Zuvor, und in der Ostkirche bis heute, wurde Maria dargestellt, wie sie erschöpft von der Geburt auf einem Lager liegt und sich ihrem gewickelten Kind liebevoll zuwendet.
Distanzierte Anbetung statt tätiger Zuwendung - dieser Wandel in der Bildvorstellung hat mit Reinheitsvorstellungen zu tun. Birgitta wollte sich die Jungfrau Maria nicht mit Blut befleckt vorstellen, das göttliche Kind nicht an einer Nabelschnur hängend. Darum beschrieb sie eine Vision, wie Maria allein mit aufgelöstem Haar im Stall von Betlehem betete und plötzlich das Kind vor ihr lag, ganz rein und leuchtend wie die Sonne. In den entsprechenden Bildern wurde Jesus zum Sternenkind, nicht zum Menschensohn.
Darstellungen einer Geburt gibt es in der europäischen Kunst nicht. Sie sind möglich, wie Beispiele der afrikanischen und altamerikanischen Kunst zeigen, aber nicht in einer Bildwelt, die auf die Griechen zurückgeht. Hier war nur die Sorge um das neugeborene Kind und das Nähren an der Brust bildfähig. Die stillende Gottesmutter war ein beliebtes Andachtsbild der frühen niederländischen Kunst. An diese Tradition knüpfte Rembrandt 1635 an. Er zeigt eine Frau in einer einfachen Tracht, die ein dicht eingewickeltes Kind an ihre Brust hält. Das Kind ist satt und schläft ein; sein Mund und die Brust sind von Milch und Spucke verschmiert. Aber das Kind darf noch nicht schlafen, es kann noch nicht in das Korbbett gelegt werden. Es muß erst aufstoßen, sonst wird es die Milch erbrechen. Alle Eltern und Kinderpfleger wissen das. Nach dem Stillen ist ein schwieriger Moment, das Kind will satt einschlafen, soll schlafen, aber erst muß man es noch ein wenig aufrecht halten, den Schlaf verzögern, bis zum befreienden Aufstoßen. In diesem Moment des gespannten Wartens muß es still sein. Darum hat der Mann im Bild, Josef, sein Werkzeug - Bohrer, Sägen, Beil - beiseite gelegt und beugt sich ganz sanft und aufmerksam über das Kind.
Jeder, der mit kleinen Kindern zu tun hatte, kennt diese Situation und erkennt sie im Bild Rembrandts wieder. [Eine alltägliche, menschliche Situation, die in der nebenstehenden Radierung nochmals - anders - dargestellt ist.]
Nichts weist auf die göttliche Natur des Kindes hin: Gott ist Säugling geworden. Er, der allen Vögeln ihre Nahrung gibt, begnügt sich mit ein paar Tropfen Milch, wie der Dichter Sedulius im 5. Jahrhundert schrieb.
Rembrandt hat die Menschwerdung Gottes ernst genommen, wörtlich verstanden. Katholische Weihnachtsbilder sind „göttlicher". Strahlen, Goldglanz und Engel möblieren unsere Krippen zu Vorsälen des Himmels, so als ob Jesus von Nazareth gar nicht wirklich auf der Erde gelebt hätte. Peter Paul Rubens ist in seiner Hirtenanbetung für Neuburg an der Donau 1620 Rembrandt vorausgegangen in seinem Verzicht auf übernatürliche Lichterscheinungen. Sein weiß gewickeltes Kind liegt auf gelbem Stroh, das von einer Laterne so beleuchtet wird, daß es zu glänzen beginnt. Rembrandt zeigt nicht den Stall von Betlehem sondern die Werkstatt in Nazareth, kein Weihnachtsfest, sondern den Alltag einer jungen Arbeiterfamilie mit unendlicher Zärtlichkeit und Geduld.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Von einem hellgelben Strohhaufen heben sich ein blauer Esel und ein roter Ochse ab, daneben ganz in blauem Umriss eine Frau mit einem nackten Kleinkind, am Rand der Futtertrog, die Krippe, als notdürftiger Kinderbettersatz. Die Szene ist in eine rechteckige Form eingepasst, die Andeutung eines Stalls. Ihm fehlt die Vorderwand, er ist offen wie ein Puppenhaus. Giotto di Bondone hat um 1300 die biblische Geschichte in solchen Puppenhäusern ausgemalt. Über dem Stalldach befindet sich auf unserem Bild ein nachtblauer Flimmel mit einem Gestirn. Von rechts schreitet ein nackter roter Mann vor blauem Grund auf das Licht des Stalls zu, von links eine Frau mit einem grünen Tuch um die Hüften, begleitet von einem Reh.
Das Gemälde steht in einem Geflecht von Traditionen: Die Geburt im Stall nach der Erzählung des Lukasevangeliums wird seit 320 mit einer Krippe und Tieren dargestellt. Ausgehend von dem Vergleich Adam und Christus bei Paulus (1 Kor), entwickelten die Kirchenväter seit dem 4. Jahrhundert das Gegensatzpaar Eva und Maria, das bald zu einem Thema von Dichtung, Malerei und Skulptur wurde. Eine künstlerische Tradition wurde bereits genannt, die kirchliche Monumental-Malerei der Toskana um 1300. In Florenz und Siena wurden damals die Grundlagen der europäischen Malerei erarbeitet.
Aber der Maler unseres Bildes, Karl Caspar (1879-1956), wählte andere Farben. Weder nackte Männer noch Ochsen sind rot, Esel sind nicht blau. Seine Farben bilden nicht mehr ab. Damit steht er in der Tradition der Malerei des „Blauen Reiter". Die kleine Münchner Künstlergruppe wollte 1912 damit aufhören, einfach Sichtbares wiederzugeben. Statt dessen wollte sie „sichtbar machen", wie es Paul Klee formulierte.
Dieser Ausstieg aus dem überlieferten Aufgabenkreis der Kunst, nämlich Natur nachzuahmen, wie es seit Aristoteles als selbstverständlich galt, ist das einzige Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das je in München stattgefunden hat. Der Aufbruch der modernen Kunst über die Grenzen des Materialismus zum Geistigen - so sagte das Wassilij Kandinski - fiel in die Zeit, als die katholische Kirche den Antimodernisteneid für ihre Priester einführte, um sich auf Dauer in einer defensiven Kräftekonzentration von der modernen Welt abzusetzen. Künstler, die sich der Kirche verpflichtet fühlten, gerieten dadurch in ein Dilemma. Entweder sie verrieten ihre Kunst, um den kirchlichen Auftraggebern zu gefallen, oder sie trennten sich von der Kirche.
Karl Caspar hat sein Leben lang an der Bibel als Quelle seiner Kunst festgehalten. Aber sein Werk entstand seit 1912 außerhalb der Kirchen, verteidigt von mutigen Katholiken wie Konrad Weiß und Carl Muth, aber ohne Chance gegen eine kirchliche Ablehnungsfront. Carl Muth hatte 1898 mit seiner Schrift „Steht die katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?” den Inferioritätsstreit ausgelöst, den Streit darüber, ob Katholiken ihrer Umwelt kulturell unterlegen seien. Karl Caspar, der zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Künstlerbundes gehörte, wollte eine Kunst auf der Höhe ihrer Zeit. Die Kirche konnte ihm bis lange nach seinem Tod nicht folgen, mit Ausnahme des Weihbischofs Senger von Bamberg, der ein Casparfresko für die Ostapsis des dortigen Doms durchsetzte, das 1928 großen Streit auslöste. Im Münchner Dom wurde noch 1953 ein Entwurf Caspars als zu modern abgelehnt und erst 1976 für die Unterkirche das Passionstriptychon von 1917 erworben.
Sollten sechzig Jahre, zwei Generationen, der Abstand bleiben, mit dem die Kirche den Entwicklungen der modernen Welt hinterherhinkt?
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Ein kleines Mädchen wurde einmal von seiner Großmutter gefragt, ob es ihr ein Bild von Gott malen könnte. Die Kleine sagte: "Malen kann ich dir den lieben Gott nicht, aber ich kann dir sagen, wie er aussieht". "So", meinte die Großmutter, "wie sieht er denn aus?" "Er ist sehr groß - und sehr klein", antwortete das Mädchen. "Am Morgen reckt er sich ganz hoch auf, damit er alles gut sehen kann. Aber für die, die sich eh schon vor ihm fürchten, da macht er sich ganz klein - so klein wie ich. Nur für die frechen Leut', da ist er immer sehr groß". Das Kind hat etwas Richtiges erfasst. Gott ist groß und klein; ja gerade seine Größe, seine Souveränität, besteht darin, dass er auch "klein" sein kann; dass er eine gewisse Schwäche in Kauf nehmen kann. Er muss sich nicht ständig aufs Podest stellen. Er kann es sich leisten, arm und bedürftig zu erscheinen, in seiner Liebe. "Die Liebe fürchtet sich nicht vor ihrer eigenen Ohnmacht; darin ist sie allmächtig", so hat einmal jemand formuliert (Eberhard Jüngel). Wahre Liebe ist bereit, auf eine Stärke zu verzichten, die Zwang ausüben würde; denn sie will nicht überwältigen, sondern sucht die freie Zuwendung des anderen. Aber gerade so erweist sich ihre wahre Macht.
Den Hirten wird in der Heiligen Nacht gesagt: "Das soll euch zum Zeichen sein: ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe liegt" (Lk 2,12). Es käme darauf an, die Sprache zu hören, in der Gott in diesem Zeichen zu uns spricht. Es ist eine Sprache, die sich fortgesetzt hat im gesamten Leben und Wirken Jesu. Es ist die Sprache des Respekts vor unserer Freiheit, die Sprache einer gewaltlosen Liebe, die Sprache des uns geschenkten Vertrauens. Wenn wir diese Sprache verstehen, kann auch für uns die Zusage wahr werden: "Heute ist euch der Retter geboren, der Heiland, Jesus, der Bruder und Herr!" (Lk 2,11).
Augustin Schmied CSsR, Lichter die uns begleiten 2012.
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Sie selbst wäre als Kandidatin für ihre Kuppelsendung "Liebesg'schichten und Heiratssachen" gänzlich ungeeignet. Nicht nur, dass Elizabeth T. Spira glücklich verheiratet ist, sie würde sich vor der Kamera auch nicht öffnen: "Meine Gefühle erzähle ich meinem Mann. Ich bin nicht jemand, der seine Gefühle zeigt, der alles herauskotzt. Da bin ich altmodisch erzogen", sagt die 69-Jährige.
Wenn in ORF 2 eine Staffel des Quotenhits startet, schaut nicht nur fast eine Million Österreicher zu, man wird Spira wieder vorwerfen, sie sei eine Voyeurin, die einsame Seelen einfängt. Kritik, die ihr schon lange gleichgültig ist: "Es ist mir wurscht, was geschrieben wird. Man darf mich auch total angreifen - aber g'scheit und nicht nur das Gleiche immer wiederkauen. Außerdem ist ein Journalist, der kein Voyeur ist, schlecht."
Neugierig war die Mutter einer Tochter schon immer, nur die Politiker interessierten sie für ihren Beruf als promovierte Publizistin und Journalistin bei "profil", "teleobjektiv" und dem "Inlandsreport" zu wenig: "Am Abend haben wir lieber gepokert, als Konzepte geschrieben", erinnert sich Spira. Also wandte sie sich der Unterhaltung zu und entwickelte mit Historiker Michael Mitterauer 1985 die "Alltagsgeschichten". Für sie "sicher keine klassische Sozialreportage. Bei mir kamen ganz normale Leute vor, eher das untere Drittel, das nicht so begünstigt worden ist". Aus dem Format entwickelten sich auch die "Liebesg'schichten", da man bei den Recherchen "so viele einsame Menschen" getroffen hat.
Das T in ihrem Namen verdankt sie übrigens Vater Leopold, dessen Deckname Toni war. Als jüdischer Kommunist von den Nationalsozialisten gleich doppelt gefährdet, floh er nach Glasgow, wo Spira am 24. Dezember 1942 zur Welt kam. Am Heiligen Abend rannte sie oft weinend auf die Straße: "Weil das Geld immer knapp war, war meinen Eltern jede Ausrede recht Geschenke zu sparen. Also gab es etwa einen Schi zum Geburtstag und einen zu Weihnachten."
Heuer feiert sie ihren 70er - ohne Tränen, ohne Pläne, denn "Pläne verstopfen die Zukunft, also lebe ich planlos."
Christoph Steiner in der Kleinen Zeitung 2012.
Die Gestalterin der ORF-Sendereihen "Alltagsgeschichte" und "Liebesg'schichten und Heiratssachen" wurde am 24. Dezember 1942 in Glasgow als Kind jüdischer Emigranten geboren. 1946 übersiedelte sie mit ihrer Familie nach Wien und absolvierte nach dem Besuch der Volks- und Mittelschule in Wien das Studium der Publizistik an der Universität Wien. Nebenbei sammelte die promovierte Publizistin bei diversen Tageszeitungen und Zeitschriften journalistische Erfahrung. Unter anderem war sie 1972 als Redakteurin bei der Wochenzeitschrift "profil" tätig.
Seit 1973 gestaltet sie für den ORF zahlreiche Magazinbeiträge und Dokumentationen, so zeichnete sie unter anderem für die Sendung "teleobjektiv" verantwortlich.
In der ORF-Kultur ist Elizabeth T. Spira seit 1989 beschäftigt. Seit 1985 gestaltet sie die Dokumentarfilm-Reihe "Alltagsgeschichte", seit 1997 "Liebesg'schichten und Heiratssachen".
Zahlreiche Auszeichnungen...
orf.at 2012.
Und es begibt sich auch heute noch,
dass Menschen zur Krippe kommen,
weil sie das neugeborene Kind lieben.
Und es ereignet sich auch heute noch,
dass Menschen dem Stern von Bethlehem folgen,
um sein Licht weiterzutragen.
Und es geschieht immer wieder,
dass Menschen einen Augenblick lang innehalten,
um in der Begegnung miteinander und mit Gott
neue Kraft, neuen Mut, neue Freude zu gewinnen:
Es ist auch heute möglich, glaubend - hoffend - liebend zu leben.
Hildegard Kremer auf: http://www.kloster-ingenbohl.ch 2009.
Wenn du dich satt gesehen hast
an dem schönen Kind in der Krippe,
geh noch nicht fort!
Mache seine Augen zu deinen Augen,
seine Ohren zu deinen Ohren
und seinen Mund zu deinem Mund!
Mach seine Hände zu deinen Händen,
sein Lächeln zu deinem Lächeln
und seinen Gruß zu deinem Gruß!
Dann erkennst du in jedem Menschen
deine Schwester, deinen Bruder.
Wenn du ihre Tränen trocknest
und ihre Freuden teilst,
dann ist Gottes Sohn wahrhaftig geboren
und du darfst dich freuen
Marina Roost auf: http://www.kloster-ingenbohl.ch 2009.
Er ist einfach da -
das ist alles,
was er tut und kann.
Aber indem er da ist,
ohnmächtig und strahlend,
ist eben Gott selber da.
Gott ist das für uns.
Und was sagt dieses Dasein Gottes
im Kind von Bethlehem?
Es sagt mir,
es sagt dir,
es sagt jedem Menschen:
Gut, dass du da bist.
Aus: Hemmerle, Klaus: Gottes Zeit – unsere Zeit, Gedanken für jeden Tag. München: Verlag Neue Stadt, 1994.
Ruhe war eingekehrt im Stall von Bethlehem. Das Jesuskind hatte sich müde geschrien, und auch Maria und Josef waren nach all den Strapazen auf dem Stroh eingenickt.
Der Stern strahlte hell an dem dunklen Himmel und verkündete mit seinem Leuchten, daß etwas Wunder-bares geschehen war in dieser dunklen Nacht.
Nur Ochs und Esel waren noch wach. »Iah!« sagte der Esel. Das sagte er immer, wenn ihm nichts Besseres einfiel.
»Sei doch still«, brummte der Ochse, »du weckst mit deinem ewigen >Iah!< ja noch das Kind auf.«
»Ich bin hungrig«, sagte der Esel. »Was ist denn das für eine neue Mode, daß die Menschen jetzt schon ihre neugeborenen Kinder in unsere Futterkrippe legen. An uns Tiere denken sie überhaupt nicht mehr, Iah!« wieherte er.
»Das ist doch nicht irgendein Kind, das da liegt«, erwiderte der Ochse, »das ist Gottes Sohn, der da in Windeln gewickelt in unserer Krippe liegt.«
»Was du wieder redest«, antwortete der Esel und schüttelte sich. Ihm war kalt, denn das beste Stroh diente Maria und Josef als Ruhestatt. »Woher willst du das denn wissen?« fragte er dann aber doch neugierig. »Das haben die Engel doch vorhin gesungen, als sie auf dem Feld den Hirten erschienen sind.«
»Was sind denn das für Tiere, fressen die auch Heu?« Der Esel war mit einem Mal wieder hell wach.
»Du bist aber wirklich ein Esel«, der Ochse war sichtlich ungehalten. »Engel erscheinen immer dann, wenn Gott den Menschen eine neue Hoffnung für ihr Leben schenkt.«
»Woher weißt du das denn?« fragte der Esel ungeduldig.
»Das weiß doch jedes Rindvieh«, erwiderte der Ochse verächtlich. »Du bist und bleibst eben ein Esel.« Daß er einige Jahre im Joch des Rabbiners Ibrahim gelegen und da einiges von den Gesprächen zwischen Pharisäern und Schriftgelehrten aufgeschnappt hatte, verriet er nicht. »Und was haben diese Enkel da vorhin gesungen?« wollte der Esel wissen.
»Engel heißt das, nicht Enkel«, berichtigte der Ochse. »Was die gesungen haben? Hast du denn nicht zu-gehört? Deine Ohren sind doch eigentlich groß genug zum Lauschen. Sonst schnappst du damit doch immer gerade das auf, was du eigentlich gar nicht hören sollst.«
»Jetzt hör doch mal endlich mit deinem blasierten Gerede auf und sag schon, was diese Egel ...«
»Engel, kannst du dir denn das noch immer nicht merken?«
»Also gut, was diese Bengel da den Hirten erzählt haben, daß die hier gleich alle angelaufen kamen und unser schönes weiches Stroh niedertrampeln mußten?« »Also gut«, sagte der Ochse, denn er hatte eigentlich einen gutmütigen Charakter, »ich will es für dich alten Esel noch einmal wiederholen. Ich habe es mir nämlich Wort für Wort gemerkt.« Ganz konnte er es nie lassen, seine Überlegenheit seinem Stallgefährten gegenüber auszuspielen. »Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen. Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.«
»So einen langen Satz kannst du dir merken?« Der Esel war sichtlich beeindruckt.
»Später, als noch mehr Engel dazugekommen waren, ging es sogar noch weiter.« Es gefiel dem Ochsen, wenn der Esel ihn bewunderte. »Dann haben sie noch gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.«
»Klingt gut, Iah!« gab der Esel von sich. Vor lauter Aufregung über all die spannenden Neuigkeiten war ihm inzwischen warm geworden. »Und dieses Kind Gottes liegt jetzt in unserer Krippe?« So ganz konnte er noch gar nicht begreifen, was da geschehen war.
Eine Weile war es still im Stall. Der Ochse war kurz vor dem Einschlafen, als der Esel noch einmal anfing: »Wieso wird denn nur den Menschen Frieden verkündet, und daß sie sich freuen sollen?« wollte er jetzt wissen. »Zumal wir Tiere hier im Stall die Leidtragenden sind«, setzte er unter erneutem Hinweis auf seinen leeren Magen hinzu. »Wenn Gott schon alle seine Sängerknaben« - er vermied absichtlich das Wort Engel, weil er immer noch nicht wußte, wie es richtig ausgesprochen wurde - »also diese Bürschlein mit dem Licht über dem Kopf, bei der Kälte nachts auf das Feld schickt und der Welt, wie du vorhin gesagt hast, eine neue Hoffnung für ihr Leben verkündet wird, warum gilt die dann nur den Menschen und nicht zugleich uns Tieren?« fragte er nachdenklich.
Der Ochse fühlte sich sichtlich geschmeichelt, daß der Esel etwas von dem behalten hatte, was er ihm erzählt hatte, stellte sich aber schlafend, weil er auf diese Frage auch keine Antwort wußte. Das war schlimm, aber noch schlimmer war, daß der Esel im Grunde genommen Recht hatte. Das war noch nie der Fall gewesen. Warum hatten die Engel nicht gesungen: Frieden für Mensch und Tier?
»He, du, sag schon, du tust doch sonst immer so, als ob du alles weißt«, wieherte der Esel und stapfte ungeduldig von einem Bein auf das andere, »ich weiß, daß du noch nicht schläfst, denn du hast noch gar nicht geschnarcht«, setzte er spitz hinzu.
»Ach, weißt du«, antwortete der Ochse, der die kurze Gesprächspause zum Nachdenken genutzt hatte, »das ist doch ganz einfach. Wenn die Menschen sich wirklich von Herzen freuen und glücklich und zufrieden sind mit dem, was sie sind und was sie haben, und mit-einander in Frieden leben, dann werden sie auch zu uns Tieren gut sein. Das ist doch logisch, oder?« Er war stolz darauf, daß ihm so eine plausible Erklärung ein-gefallen war. Ja, so mußte es sein.
»Dann brauche ich nie wieder den elenden langen, steinigen Weg den Berg hinaufzulaufen, beladen mit Säcken, die so schwer sind wie die Steine an der Zisterne, bist du ganz sicher?« frohlockte der Esel.
»Nein, nie wieder«, antwortete der Ochse unsicher. »Und nie wieder wird ein Peitschenhieb auf meiner Eselshaut niedergehen?«
»Nie wieder«, antwortete der Ochse erneut.
Dicke Freudentränen kullerten aus den großen grauen Augen des Esels. »Dafür gebe ich gern heute Nacht meine Krippe und mein Stroh her.« Er schüttelte sich, jetzt nicht mehr vor Kälte, sondern vor Glück. »Unsere Krippe und unser Stroh«, berichtigte ihn der Ochse. »Und ich müßte nie mehr die schweren Karren ziehen und mich nicht mehr fürchten, daß meine Kin-der oder ich im Suppentopf landen«, träumte er halblaut vor sich hin.
»Was für eine wunderbare Nacht ist das heute«, flüsterte der Esel ergriffen, »wie so ein paar Engel«, er brachte das schwierige Wort jetzt sogar richtig über die Lippen, »das ganze Leben eines alten Esels mit einem Schlage verändern können.«
Aus: Christa Spilling-Nöker, Von einem Engel zart berührt. Geschichten, Gedichte, und Meditationen zur Weihnachtszeit. Quell Verlag, Stuttgart 1998.
Lesung aus dem Buch Jesaja.
Wie willkommen sind auf den Bergen
die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt,
der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt,
der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.
Horch, deine Wächter erheben die Stimme,
sie beginnen alle zu jubeln.
Denn sie sehen mit eigenen Augen,
wie der HERR nach Zion zurückkehrt.
Brecht in Jubel aus,
jauchzt zusammen,
ihr Trümmer Jerusalems!
Denn der HERR hat sein Volk getröstet,
er hat Jerusalem erlöst.
Der HERR hat seinen heiligen Arm
vor den Augen aller Nationen entblößt
und alle Enden der Erde
werden das Heil unseres Gottes sehen.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Als "Deutero-Jesaja" wird der zweite Teil des Jesajabuches bezeichnet (Kapitel 40-55). Er ist ungefähr gegen 550 entstanden, also zur Zeit des Babylonischen Exils. Der Prophet schreibt an die Verbannten in Babylon und erinnert sie an die Zuwendung Gottes in der Heilsgeschichte. Grundlegend ist für ihn die Befreiung Israels aus Ägypten, aber auch der Bund Gottes mit Abraham, Noah und den Vätern. Davon ausgehend entwirft er das Bild eines erlösenden Auszugs aus der Verbannung in Babylon.
Das ganze Buch ist als Rede formuliert. In Kapitel 52 redet Gott zu der Stadt Jerusalem, zu Zion und verheißt ihr Frieden, Freude und Rettung. Die frohe Botschaft, die Jesaja dem Volk Israel sagen will, verspricht, daß Gott der "König" Israels ist und er nach Zion zurückkehrt. Im Gegensatz zu den menschlichen Königen, die das Volk in Krieg und Unterdrückung geführt haben, führt Gott in den Frieden und in die Freiheit. Der Hintergrund dafür, daß die Israeliten ihren Gott jetzt auch als "König" bezeichnen können, ist, daß sich der Eingottglaube inzwischen soweit gefestigt hat, daß andere Kulte, wie zum Beispiel die Kinderopfer für den Gott"könig" Moloch keine Konkurrenz für Jahwe mehr darstellen.
Jahwe ist im Glaubensbewußtsein des Volkes nicht mehr nur der Stammesgott der Israeliten sondern König der ganzen Erde: alle Völker bis an die Enden der Erde sehen auf ihn. Gerade in dieses neue Bewußtsein hinein sagt der Propheten den Israeliten zu, daß Jahwe trotz allem "sein Volk" nicht im Stich läßt sondern nach Jerusalem zurückkehrt. Der Trost für die Verbannten in Babylon ist weniger, daß sie einmal nach Jerusalem zurückkehren dürfen, als daß Gott Jerusalem die Treue hält und er ihr König ist, obwohl das Volk es nicht verdient hat.
Die historische Situation ist schnell beschrieben: Israel, seit mehr als einem Menschenalter in der babylonischen Gefangenschaft, sieht die Möglichkeit, in das "gelobte Land" zurückkehren zu können. Aber der Prophet – es ist der "3. Jesaja" – beschreibt die Hoffnung als ein Sichtbarwerden von Jahwes Heil: Er kehrt nach Zion zurück, er tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem. Ein sehr eindrückliches Bild: Er macht seinen heiligen Arm frei vor den Augen der Völker. Ja, die ganze Erde wird zum Zeugen bestellt.
In dieser Lesung wird deutlich, was "Evangelium" ist, lange, bevor "Evangelium" eine literarische Gattung wurde, die wir im Neuen Testament finden. Der Evangelist, hier als „Freudenbote“ vorgestellt, kündigt Frieden (hebr. Schalom) an, bringt eine frohe Botschaft und verheißt Rettung. Was er zu sagen hat, ist in dem Satz zusammengefasst: Dein Gott ist König. Mit dieser Aussage werden die politischen Mächte zu Statisten – Hoffnungen aber auch davon befreit, sich an Menschen und ihre Programme zu binden.
Jes 52 lässt nicht nur den Freudenboten (Singular!) auftreten, sondern auch die Wächter. Was sie sehen, verbreitet sich in Windeseile: Jahwe kehrt zurück. Mit ihm – in dieser Reihenfolge – kann Israel die Geschichte seiner Rückkehr erzählen.
Kv - Alle Enden der Erde sehen das Heil unsres Gottes. – Kv
(oder GL 55,1)
Singt dem HERRN ein neues Lied,
denn er hat wunderbare Taten vollbracht!
Geholfen hat ihm seine Rechte
und sein heiliger Arm. - Kv
Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht
und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
Er gedachte seiner Huld
und seiner Treue zum Haus Israel. - Kv
Alle Enden der Erde
sahen das Heil unsres Gottes.
Jauchzet dem HERRN, alle Lande,
freut euch, jubelt und singt! - Kv
Spielt dem HERRN auf der Leier,
auf der Leier zu lautem Gesang!
Mit Trompeten und lautem Widderhorn
jauchzt vor dem HERRN, dem König! - Kv
Lesung aus dem Hebräerbrief.
Vielfältig und auf vielerlei Weise
hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten;
am Ende dieser Tage
hat er zu uns gesprochen durch den Sohn,
den er zum Erben von allem eingesetzt,
durch den er auch die Welt erschaffen hat;
er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit
und das Abbild seines Wesens;
er trägt das All durch sein machtvolles Wort,
hat die Reinigung von den Sünden bewirkt
und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt;
er ist umso viel erhabener geworden als die Engel,
wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt.
Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt:
Mein Sohn bist du,
ich habe dich heute gezeugt,
und weiter:
Ich will für ihn Vater sein
und er wird für mich Sohn sein?
Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt,
sagt er:
Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Der Hebräerbrief ist eine geschriebene Predigt oder fast ein theologischer Traktat und beginnt deshalb auch nicht wie die anderen Briefe mit einer Briefeinleitung, sondern stellt seinen theologischen Grundgedanken an den Anfang: Gottes Offenbarung in seinem Sohn ist einzigartig und nicht vergleichbar mit früheren Offenbarungen.
So wie diese zentrale christologische Aussage am Anfang steht und die Leser bzw. Hörer in die Gegenwart des Heilshandeln Gottes holt und sie in einem weiteren Schritt zum Mit-handeln einlädt, versucht der Hebräerbrief auch mit Hilfe traditioneller Formen jüdischer Schriftauslegung Hilfen auf dem Weg des neuen Gottesvolkes zu geben. Auf die christologischen Abschnitte folgen jeweils aufmunternde, ermahnende Abschnitte, die die Leser und Hörer auf ihrer Wanderschaft zum eschatologischen, endzeitlichen Ziel, der himmlischen Stadt begleiten und stärken sollen.
In sorgfältig ausgearbeitetem Griechisch versucht der Autor die unbegreifliche Größe des Handelns Gottes zu beschreiben: Gott spricht zu den Menschen, nicht durch Engel oder Menschen, sondern "durch den Sohn", der ihm selbst an Macht und Herrlichkeit gleich ist. Das Bild für die Befreiungstat Gottes, das der Hebräerbrief hier verwendet ist die Katharsis, die Reinigung.
Der ganze Brief ist geprägt von einer Sprache, die dem christlichen Verständnis relativ fremd ist: Er versucht das Heilsgeschehen in der jüdischen Kult- und Opfersprache auszudrücken und damit zu zeigen, daß in Jesus Christus Gott alles, was er bisher getan hat, in den Schatten stellt. Daß es sehr mißverständlich ist, diesen Brief ohne das notwendige Wissen über die kultischen Riten und die liturgische Sprache der Juden zu lesen, zeigen die Ansichten über eine Opfer- und Bluttheologie, Reinigungsriten, kultische Vorschriften, die das christliche Gottesdienstfeiern hartnäckig vereinnahmen wollen.
Der Hebräerbrief – ein Brief? – umreißt am Anfang ohne Umschweife die Weite des Christuszeugnisses, das dann allerdings sehr spezifisch entfaltet wird. Auf dichtem Raum stehen drei Gegenüberstellungen: Den Vorzeiten werden diese "letzten Tage" gegenübergestellt, der propehtischen Rede "vielfach und auf vielerlei Weise" die eine Rede durch den Sohn - und den Engeln der "so viel höher" Gewordene.
Der Name Jesus wird nicht genannt – und der Hebräerbrief setzt voraus, dass alle wissen, von wem die Rede ist. Der Sohn wird als "Abglanz" der Herrlichkeit Gottes, als "Abbild" seines Wesen vorgestellt. Was das heisst, wird in einem Satz zusammengebunden: er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort, der hat die Reinigung von den Sünden vollbracht und er hat sich zur Rechten Gottes gesetzt. Verbindender Gedanke ist, dass er von Gott zum Erben "über alles" gesetzt wurde und einen Namen ererbt hat, der höher ist als der Name eines Engels.
Als der Hebräerbrief geschrieben wurde, gab es noch kein Weihnachtsfest, keine Weihnachtsstimmungen und keine Weihnachtsbräuche. Dass Hebr 1,1-6 heute aber zu Weihnachten gehört, ist gleichwohl eine glückliche Erfahrung. Sehr nüchtern wird in wenigen Strichen nachgezeichnet, was Weihnachten bedeutet. Dabei fällt auf, dass das Schema "einst" und "jetzt" unsere eigene Gegenwart einholt und bestimmt. Sind wir auch auf der – Höhe?
Klaus Hemmerle hat diese Höhe so zu beschreiben versucht:
Der zur Weihnacht geboren wurde,
hat nicht auf Probe mit uns gelebt,
ist nicht auf Probe für uns gestorben,
hat nicht auf Probe geliebt.
Er ist das Ja und sagt das Ja,
ein ganz unwiderrufliches göttliches Ja
zu uns, zur Menschheit, zur Welt.
Dieses Ja kann uns tragen,
kann uns heraus reißen aus Vorläufigkeiten,
Unsicherheiten, Halbheiten, Vergeblichkeiten.
Er will uns begleiten und so befähigen,
selber Ja zu sein,
nicht auf Probe, nicht nur zur Hälfte,
nicht nur "ja aber".
Mögen wir sein Ja erfahren
in uns, über uns, um uns,
uns mögen andere es erfahren
durch uns.
Halleluja. Halleluja.
Aufgeleuchtet ist uns aufs Neue der Tag der Erlösung:
Ein großes Licht ist heute auf Erden erschienen.
Kommt, ihr Völker, und betet an den Herrn, unseren Gott!
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.
Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott
und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne es wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war Leben
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis
und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt;
sein Name war Johannes.
Er kam als Zeuge,
um Zeugnis abzulegen für das Licht,
damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht,
er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet,
kam in die Welt.
Er war in der Welt
und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen,
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches,
nicht aus dem Willen des Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
Johannes legt Zeugnis für ihn ab
und ruft:
Dieser war es, über den ich gesagt habe:
Er, der nach mir kommt,
ist mir voraus, weil er vor mir war.
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen,
Gnade über Gnade.
Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben,
die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Niemand hat Gott je gesehen.
Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht,
er hat Kunde gebracht.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Der Prolog, mit dem das Evangelium nach Johannes anfängt, kann als Schöpfungsgeschichte gelesen werden, im Hintergrund steht Gen 1 (also der Anfang der Bibel überhaupt).
Wie ein Adler (das Symbol des Evangelisten) umkreist Johannes den Anfang: der Logos (Wort) ist da, er ist bei Gott, ja, er ist Gott. Aus dem Wort kommt die Schöpfung, nichts, das nicht aus dem Wort käme.
Die erste Gabe des Wortes ist das Licht. Es leuchtet in der Finsternis, auch wenn die Finsternis nicht weiß, was Licht ist. Der Evangelist formuliert: "das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt". Hier wiegt jedes Wort: wahres Licht – jeden Menschen. Hier wird die alte Schöpfungsgeschichte, wie sie in Gen 1 zu finden ist, noch einmal erzählt. Jedoch aus einer besonderen Perspektive: Das Wort ist Fleisch geworden. Jesus wird vorgestellt als der, der Herrlichkeit und Wahrheit sichtbar macht - die Herrlichkeit und Wahrheit des Vaters.
Im Prolog wird, fein nuanciert und auch formuliert, was mit Jesus geschieht. Sein Kreuz zeichnet sich von Anfang an ab: die Finsternis hat das Licht nicht erfasst, die Welt erkannte ihn nicht, die Seinen nahmen ihn nicht auf. Das Evangelium verspricht: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden", richtet aber gleichzeitig den Blick auf den "Logos", das Wort. Dass es Fleisch wird, sprengt vertraute Denkformen und fromme Erwartungen. Fleisch ist vergänglich, hinfällig, bedroht. Nach Jes 40 (und vielen Psalmen) ist das Fleisch wie Gras.
So bezeugt der Prolog einerseits, dass Menschen Kinder Gottes werden, der Logos aber - Fleisch.
Das Johannesevangelium kennt nicht die Kindheitsgeschichte Jesu, wie Matthäus oder Lukas sie erzählen, sondern es beginnt mit einem Prolog, der nicht nur wie der Stammbaum bei Matthäus die Väter mithereinnimmt sondern zum Ausgangspunkt vor die Erschaffung der Welt zurückgeht. Johannes zeigt damit, daß er einen ganz anderen Ansatz hat: statt vom irdischen Leben und Handeln Jesu auszugehen und es auf Gott hin durchscheinend werden zu lassen, versucht er von Anfang an, den Blick des Lesers zu weiten und ihn ein Stück in die "Welt Gottes" mithineinzunehmen.
Im Vergleich zu den anderen Evangelien enthält das Johannesevangelium einige völlig neue Vorstellungen, die ihm dabei helfen sollen. Neben dem "Logos", dem personifizierten Wort Gottes, kennt Johannes zum Beispiel auch den "Paraklet", den von Gott gesandten Tröster und Beistand Gottes. Der Evangelist arbeitet auch sehr gern mit Dualismen, zum Beispiel Licht und Finsternis im ersten Kapitel.
In dieses Lied über den Logos hat der Autor selbst Hinweise auf den Täufer eingeflochten und so den Text des Prologs als eine Art Tür zum Evangelium gestaltet. Im Hymnus klingen schon wichtige theologische Begriffe und Gedanken an, die beiden Erzählstücke über Johannes den Täufer schlagen die Brücke zum Beginn der Erzählung in Joh 1:19. Neben den schon erwähnten Worten "Leben" und "Licht" gehören zu den wichtigen theologischen Begriffen noch "Zeugnis", "Wahrheit", "Fleisch", "Glauben", "Sohn", "Vater", "gesandt sein", "Welt".
Der allerwichtigste Begriff ist "das Wort" - "der logos". Im Johannesevangelium ist es das wirksame Wort Gottes selber, das die Menschen hineinführt in die Situation der Entscheidung für oder gegen Gott. Dieses Wort ist Jesus Christus selber, er spricht den Menschen an, er fordert ihn heraus zu antworten. "Das Wort" ist so Zusage der Liebe Gottes, des Heiles und des Lebens für die Menschen, das nicht nur geschrieben oder gesprochen bleibt, sondern wirksam wird, das heißt, Konsequenzen hat. In der Reaktion auf die Herausforderung des Wortes wird sichtbar, wofür sich der Mensch entscheidet: Glaube oder Unglaube, Heil oder Gericht, Leben oder Tod. Das ganze Evangelium steht in der Spannung der sich immer weiterzuspitzenden Entscheidungssituation, die das Kommen des Wortes ausgelöst hat.
Im Gegensatz zu Lukas und Matthäus, die mit Kindheitsgeschichten ihr Evangelium eröffnen, leitet Johannes sein Evangelium mit einem philosophisch-theologischen Diskurs über den "Logos", über das "Wort Gottes" ein, ehe er die Erzählung vom Leben Jesu mit dem Auftreten Johannes des Täufers eröffnet (vgl. Mk 1).
Es sind 3 Abschnitte zu unterscheiden:
* 1-5 (das präexistente Sein des Logos);
* 6-13 (das Kommen des Logos zu den Menschen);
* 14-16.18 (Inkarnation und Heilsbedeutung für die Gläubigen).
Der Prolog knüpft bewußt an Gen 1,1 an ("Im Anfang") - denn der Logos ist das Wort, mit dem Gott alles geschaffen hat (Vers 3); aber in Überhöhung: hier ist es ein personales, fleischgewordenes Wort - Jesus Christus. Dies ist der Zielpunkt des ganzen Hymnus: ein Preislied auf den Erlöser. Christus ist der Logos, die Weisheit - aber noch mehr: er ist Gott (Vers 1c).
Für die Menschen ist der Logos der Übermittler von Leben und Licht (Vers 4) - und zwar des wahren Lichtes (Vers 9):
Die Verse 6 bis 8 mit dem Bericht über Johannes den Täufer bringen den Logos in die konkrete Geschichte hinein - und ordnen Johannes klar unter den Logos ein.
Vers 10f formuliert die Ablehnung des Logos durch die Welt - und doch gab es auch solche, die ihn erkannten und aufnahmen (Vers 12f) - und zwar im Glauben.
Vers 14 bildet mit seiner Rückbindung auf Vers 1 den Höhepunkt: dieses Wort, von dem so Großes ausgesagt wird, wird Fleisch. (Fleisch meint hier nicht nur einfach "Mensch", sondern das Irdisch-Gebundene, das Vergängliche, das typisch Menschliche).
Die Verse 15-18 sind theologische Einzelaussagen, die einen Übergang zum Folgenden darstellen.
Einzuordnen ist dieser Hymnus in die "Wort-Gottes-Theologie" der Bibel: Wer Jesu Wort gläubig hört, hört Gottes Wort; Jesus ist aber das Wort selbst. Damit eröffnet er den Erlösungsweg der Menschen: Sie können sich ihm im Glauben anschließen und damit seinem Weg zurück empor zur Herrlichkeit anschließen.
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.
Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott
und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne es wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war Leben
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis
und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet,
kam in die Welt.
Er war in der Welt
und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen,
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches,
nicht aus dem Willen des Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Der Prolog, mit dem das Evangelium nach Johannes anfängt, kann als Schöpfungsgeschichte gelesen werden, im Hintergrund steht Gen 1 (also der Anfang der Bibel überhaupt).
Wie ein Adler (das Symbol des Evangelisten) umkreist Johannes den Anfang: der Logos (Wort) ist da, er ist bei Gott, ja, er ist Gott. Aus dem Wort kommt die Schöpfung, nichts, das nicht aus dem Wort käme.
Die erste Gabe des Wortes ist das Licht. Es leuchtet in der Finsternis, auch wenn die Finsternis nicht weiß, was Licht ist. Der Evangelist formuliert: "das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt". Hier wiegt jedes Wort: wahres Licht – jeden Menschen. Hier wird die alte Schöpfungsgeschichte, wie sie in Gen 1 zu finden ist, noch einmal erzählt. Jedoch aus einer besonderen Perspektive: Das Wort ist Fleisch geworden. Jesus wird vorgestellt als der, der Herrlichkeit und Wahrheit sichtbar macht - die Herrlichkeit und Wahrheit des Vaters.
Im Prolog wird, fein nuanciert und auch formuliert, was mit Jesus geschieht. Sein Kreuz zeichnet sich von Anfang an ab: die Finsternis hat das Licht nicht erfasst, die Welt erkannte ihn nicht, die Seinen nahmen ihn nicht auf. Das Evangelium verspricht: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden", richtet aber gleichzeitig den Blick auf den "Logos", das Wort. Dass es Fleisch wird, sprengt vertraute Denkformen und fromme Erwartungen. Fleisch ist vergänglich, hinfällig, bedroht. Nach Jes 40 (und vielen Psalmen) ist das Fleisch wie Gras.
So bezeugt der Prolog einerseits, dass Menschen Kinder Gottes werden, der Logos aber - Fleisch.
Das Johannesevangelium kennt nicht die Kindheitsgeschichte Jesu, wie Matthäus oder Lukas sie erzählen, sondern es beginnt mit einem Prolog, der nicht nur wie der Stammbaum bei Matthäus die Väter mithereinnimmt sondern zum Ausgangspunkt vor die Erschaffung der Welt zurückgeht. Johannes zeigt damit, daß er einen ganz anderen Ansatz hat: statt vom irdischen Leben und Handeln Jesu auszugehen und es auf Gott hin durchscheinend werden zu lassen, versucht er von Anfang an, den Blick des Lesers zu weiten und ihn ein Stück in die "Welt Gottes" mithineinzunehmen.
Im Vergleich zu den anderen Evangelien enthält das Johannesevangelium einige völlig neue Vorstellungen, die ihm dabei helfen sollen. Neben dem "Logos", dem personifizierten Wort Gottes, kennt Johannes zum Beispiel auch den "Paraklet", den von Gott gesandten Tröster und Beistand Gottes. Der Evangelist arbeitet auch sehr gern mit Dualismen, zum Beispiel Licht und Finsternis im ersten Kapitel.
In dieses Lied über den Logos hat der Autor selbst Hinweise auf den Täufer eingeflochten und so den Text des Prologs als eine Art Tür zum Evangelium gestaltet. Im Hymnus klingen schon wichtige theologische Begriffe und Gedanken an, die beiden Erzählstücke über Johannes den Täufer schlagen die Brücke zum Beginn der Erzählung in Joh 1:19. Neben den schon erwähnten Worten "Leben" und "Licht" gehören zu den wichtigen theologischen Begriffen noch "Zeugnis", "Wahrheit", "Fleisch", "Glauben", "Sohn", "Vater", "gesandt sein", "Welt".
Der allerwichtigste Begriff ist "das Wort" - "der logos". Im Johannesevangelium ist es das wirksame Wort Gottes selber, das die Menschen hineinführt in die Situation der Entscheidung für oder gegen Gott. Dieses Wort ist Jesus Christus selber, er spricht den Menschen an, er fordert ihn heraus zu antworten. "Das Wort" ist so Zusage der Liebe Gottes, des Heiles und des Lebens für die Menschen, das nicht nur geschrieben oder gesprochen bleibt, sondern wirksam wird, das heißt, Konsequenzen hat. In der Reaktion auf die Herausforderung des Wortes wird sichtbar, wofür sich der Mensch entscheidet: Glaube oder Unglaube, Heil oder Gericht, Leben oder Tod. Das ganze Evangelium steht in der Spannung der sich immer weiterzuspitzenden Entscheidungssituation, die das Kommen des Wortes ausgelöst hat.
Im Gegensatz zu Lukas und Matthäus, die mit Kindheitsgeschichten ihr Evangelium eröffnen, leitet Johannes sein Evangelium mit einem philosophisch-theologischen Diskurs über den "Logos", über das "Wort Gottes" ein, ehe er die Erzählung vom Leben Jesu mit dem Auftreten Johannes des Täufers eröffnet (vgl. Mk 1).
Es sind 3 Abschnitte zu unterscheiden:
* 1-5 (das präexistente Sein des Logos);
* 6-13 (das Kommen des Logos zu den Menschen);
* 14-16.18 (Inkarnation und Heilsbedeutung für die Gläubigen).
Der Prolog knüpft bewußt an Gen 1,1 an ("Im Anfang") - denn der Logos ist das Wort, mit dem Gott alles geschaffen hat (Vers 3); aber in Überhöhung: hier ist es ein personales, fleischgewordenes Wort - Jesus Christus. Dies ist der Zielpunkt des ganzen Hymnus: ein Preislied auf den Erlöser. Christus ist der Logos, die Weisheit - aber noch mehr: er ist Gott (Vers 1c).
Für die Menschen ist der Logos der Übermittler von Leben und Licht (Vers 4) - und zwar des wahren Lichtes (Vers 9):
Die Verse 6 bis 8 mit dem Bericht über Johannes den Täufer bringen den Logos in die konkrete Geschichte hinein - und ordnen Johannes klar unter den Logos ein.
Vers 10f formuliert die Ablehnung des Logos durch die Welt - und doch gab es auch solche, die ihn erkannten und aufnahmen (Vers 12f) - und zwar im Glauben.
Vers 14 bildet mit seiner Rückbindung auf Vers 1 den Höhepunkt: dieses Wort, von dem so Großes ausgesagt wird, wird Fleisch. (Fleisch meint hier nicht nur einfach "Mensch", sondern das Irdisch-Gebundene, das Vergängliche, das typisch Menschliche).
Die Verse 15-18 sind theologische Einzelaussagen, die einen Übergang zum Folgenden darstellen.
Einzuordnen ist dieser Hymnus in die "Wort-Gottes-Theologie" der Bibel: Wer Jesu Wort gläubig hört, hört Gottes Wort; Jesus ist aber das Wort selbst. Damit eröffnet er den Erlösungsweg der Menschen: Sie können sich ihm im Glauben anschließen und damit seinem Weg zurück empor zur Herrlichkeit anschließen.
Im 3. Weihnachtsgottesdienst – Weihnachten, am Tag – wird das große Geheimnis, das in der Geburt Jesu Wirklichkeit geworden ist, reflektiert. Die biblischen Dichter überbieten sich mit Sprachbildern, um das Große zum Ausdruck zu bringen, das geschehen ist, als der große Gott als kleines Kind in die Welt gekommen ist.
Ich traue mich kaum, Sie zu fragen, wie Weihnachten beginnt – wo doch heute schon der 1. Feiertag ist und langsam der Abgesang beginnt. Aber es lohnt sich tatsächlich, noch einmal zurückzugehen, nein, ganz weit zurückzugehen.
Wir sehen Turmwächter. Sie schauen in die Ebene. Mit geübtem Blick. Aufmerksam. Eigentlich ist ihre Aufgabe, schon in der Ferne Feinde auszumachen. Dann müssen sie die Hörner blasen. Dann schrecken die Bewohner auf. Dann sammelt sich alles, was den Ort verteidigen kann. Groß und Klein. Aber heute trauen sie ihren Augen nicht. Es kommen – Friedensboten! Sie bringen eine frohe Botschaft mit. Jetzt können die verrammelten Tore schnell geöffnet werden. Es droht keine Gefahr, nein, das Glück kehrt ein. Man muss sie hereinlassen.
Der Prophet Jesaja schließt uns die Szene auf. Ziemlich überraschend, was er sagt:
Horch, deine Wächter erheben die Stimme,
sie beginnen alle zu jubeln.
Denn sie sehen mit eigenen Augen,
wie der Herr nach Zion zurückkehrt.
Freudenboten, Friedensboten. Und was sie sagen, wirft eine ganze Geschichte um, Lebensgeschichten gleich mit: Gott selbst kehrt heim.
Nun ja, die Erfahrung, dass Gott ausgezogen war, hatten die Menschen schon gemacht. Auf einmal war er nicht mehr da. Alle machten, was sie wollten. Alle mussten Götter spielen. Alle setzten alles aufs Spiel. Dann schlugen die Wellen über sie. Aus Übermut wurde Kleinmut, aus Machtgelüsten Ohnmacht, aus Träumen Albträume. Nicht nur Gott war auf einmal nicht mehr da. Ein ganzes Volk ist untergegangen. Weggeführt. Verbannt. An den Wassern Babels saßen wir und weinten – so sangen die Menschen in der Fremde.
Das war gestern. Sagt Jesaja. Jetzt sehen die Turmwächter, von weitem schon, die Freudenboten, die Friedensboten. Gott selbst kehrt heim.
Was das mit Weihnachten zu tun hat? Ganz viel: Gott kann von uns Menschen nicht lassen. Er hat uns den Lebensatem gegeben, mehr: sein Gesicht. Und sich selbst preisgeben, kann Gott nicht. Sein erstes Urteil war, dass alles gut ist. Vollendet. Perfekt. Unser Gesicht!
Es ist, als ob jetzt ein Stab weitergegeben wird. Wie bei einem langen Lauf. Davon weiß ein Mensch zu erzählen, dessen Namen wir nicht einmal kennen. Er hat einen Brief geschrieben. An die Hebräer. Es ist doch immer schön, in einem fremden Brief zu lesen – ohne dabei Voyeur zu werden.
Am Ende dieser Tage
hat Gott zu uns gesprochen durch den Sohn,
den er zum Erben von allem eingesetzt,
durch den er auch die Welt erschaffen hat;
er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit
und das Abbild seines Wesens.
Am Ende dieser Tage! Welche Tage sind zu Ende gegangen? Wenn Tage zu Ende gehen – gehen sie in der Nacht unter? Verschwinden sie gar? Und schon sind wir auf einer falschen Spur. Mit Weltuntergangsstimmung. Mit Horror. Sozusagen im täglichen Fernsehprogramm. Gemeint ist aber, dass Gott zuletzt lacht. Auf der Höhe aller Tage. Und uns seinen Sohn schenkt. Er ist der Erbe. Gott, der sich um seine Zukunft keine Sorgen machen muss, hat sein Herz für uns frei.
Das Gefühl, die Welt ginge unter, sei also am Ende, geistert heute durch viele Köpfe – ein wenig kopflos, einfallslos, überstürzt sowieso. Die Schuld, die Menschen sich aufladen, indem sie vieles vor die Hunde gehen lassen, ist allerdings allgegenwärtig und schon lange nicht mehr zu übersehen. Dabei macht sich große Ratlosigkeit breit. Riesige Konferenzen kriegen kaum ein paar vernünftige Worte zusammen. Wie war das schon einmal? Alle machten, was sie wollten. Alle mussten Götter spielen. Alle setzten alles aufs Spiel.
Dass Gott sozusagen jetzt kommt, überrascht uns. Dass er uns seinen Sohn schenkt, ist unfassbar. Bei dem Chaos, das wir täglich anrichten! Mit ihm tritt er in unsere kleinen und großen Geschichten ein, in die verkorksten und verfahrenen Situationen, in unsere Mühen und Sorgen. Auf Jesus liegt der Abglanz göttlicher Herrlichkeit. Sehen wir ihn, sehen wir den Vater der Welt. Schöpferisch in seiner Liebe. Dabei schauen wir nur ein Gesicht. Freundlich, offen. Es sind die Augen, die eine ganze Welt erstrahlen lassen – und eine ganze Welt in sich aufnehmen. Wer Gott einmal sehen möchte, darf sich an Jesus erfreuen. Wohl wahr: ein Kind. Hilf- und wehrlos wie viele Kinder, wie viele Menschen. Hineingeworfen ins Dasein, deklamierten die Existentialisten – aber hingeworfen ist hier nichts. Weggeworfen schon gar nicht. Die ganze Schöpfung hat hier ihren Anfang. In der Liebe. Kindlich. Himmlisch.
Am Ende dieser Tage! Ein Neuanfang! Ein Neuanfang? Eigentlich bleibt Gott sich treu. Er bleibt uns treu. Zuletzt spricht er. Und wir sehen eine neue Welt entstehen. Einfach, in dem er spricht! Wir ersehnen einen Platz in dieser Welt!
Ob wir die Menge der himmlischen Heerscharen sein können, von denen in der Weihnachtsgeschichte so viel Glanz ausgeht?
In einer fulminanten Vorrede zu seinem Evangelium hält Johannes fest:
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
Gott selbst erscheint hier als Wort. Nicht als Geist. Weder überirdisch noch außerirdisch. Alle unsere Vorstellungen schwinden dahin, wenn wir hören, dass Gott unter uns gezeltet, unter uns gewohnt hat. Wie ein Nachbar. Wie ein Mieter. War er nicht ausgezogen? Schon vor langer Zeit? Die Fenster blind und ungeputzt? Jetzt wirkt auch die Krippe auf einmal ganz anders. Gott haust unter uns! Wir haben nur sein Wort. Wir hören sein Wort. Eigentlich ist er selbst – Wort. Ganz Wort. Ungeheuerlich ist dabei, dass er Fleisch geworden ist. Fleisch steht für Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Verletzlichkeit. Gott als Wort, so charakterisiert, hat alles aufgegeben, was Menschen von ihm erwarten, worauf sie ihn festlegen, womit sie ihn anklagen: Fleisch ist nicht allmächtig. Nicht allwissend. Dass gerade darin Gottes Herrlichkeit leuchtet, das bekommen wir zu sehen. Seine Herzlichkeit! Ein Bündel in der Krippe. Dann ein Mensch am Kreuz. Gnade und Wahrheit. Aber die großen Worte müssen selbst lächeln. Sie mussten schon für so vieles herhalten und so vieles loslassen. Gott ist ein kleines Wort: Liebe.
Ich traue mich kaum, Sie zu fragen, wie Weihnachten beginnt – wo doch heute schon der 1. Feiertag ist und langsam der Abgesang beginnt. Aber es lohnt sich tatsächlich, noch einmal zurückzugehen, nein, ganz weit zurückzugehen.
Da kommen die Freuden-, die Friedensboten!
Da kommt Gott!
Das Wort, das Fleisch wird.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Zu Weihnachten stellen wir auch die Benachteiligten und Schwachen für eine gewisse Zeit in die Mitte unserer Aufmerksamkeit. Unsere Prioritäten von den Schwächeren her bestimmen zu lassen, kann die Welt verändern. Gott hat es uns vorgemacht.
Die Geburt eines Kindes stellt das Leben in der betroffenen Familie fürs Erste auf den Kopf. Wer auch immer sonst den Ton angibt und das gemeinsame Leben bestimmt, jetzt dreht sich alles um das Neugeborene. Für eine Zeitlang ist es der neue Mittelpunkt. Die Verwandten und Freunde rücken an, um den neuen Erdenbürger zu begutachten, Eltern und Geschwister sind darauf konzentriert, dass es dem Säugling gut geht und ihm nichts fehlt. Es tut der ganzen Familie gut, die eigenen Bedürfnisse für eine gewisse Zeit hintan zu stellen und darauf zu achten, was der oder die Kleine braucht.
Vergleichbares geschieht auch, wenn wir Weihnachten feiern. Da stehen auch die Kleinen im Mittelpunkt. In der Familie sind alle darum bemüht, ihnen eine Freude zu machen und von ihnen alles fernzuhalten, was das Fest trüben könnte. Zu Weihnachten rücken auch in der öffentlichen Aufmerksamkeit Menschen in die Mitte, die sonst eher am Rand stehen: Menschen mit Behinderungen, Obdachlose, alte und kranke Menschen... Zahllose Organisationen machen sich rund um Weihnachten für sie stark, sammeln Geld, besuchen sie, machen auf Nöte aufmerksam. In gewissem Sinn wird das sonst übliche Leben, in dem jeder vor allem auf das eigene Wohl schaut, auf den Kopf gestellt.
Normalerweise richten wir unseren Blick gern auf die Großen in der Welt, auf starke Politiker, die über Krieg und Frieden entscheiden, auf die Bosse, die das Wirtschaftsleben bestimmen, auf die findigsten Köpfe, die mit ihren Erfindungen die technische Entwicklung vorantreiben, auf erfolgreiche Sportler, die Medaillen und Auszeichnungen gewinnen. Die Starken und Tüchtigen genießen unsere Aufmerksamkeit. Von ihnen erwarten wir, dass sie die Welt gestalten.
Zu Weihnachten richten wir unseren Blick auf Gott, der auf die Kleinen schaut und sich selbst klein macht. In der Geburt Jesu offenbart sich die Logik Gottes, die anders tickt als unsere menschliche Logik. Weil er wirklich groß ist, vergibt er sich nichts, wenn er sich ganz klein macht und den Kleinen auf Augenhöhe begegnet. Damit macht er sie groß und macht ihre Würde sichtbar, die sie vom Anfang an als seine geliebten Kinder haben.
Der Evangelist Johannes beschreibt das Weihnachtsgeheimnis mit dem Satz "Und das Wort ist Fleisch geworden". Das griechische Wort "Logos" kann man mit "Wort" oder auch mit "Weisheit", "Sinn" oder "Geist" übersetzen. Es geht um die Weisheit Gottes, die in Jesus konkrete menschliche Gestalt angenommen hat. Dieser Geist Gottes, der hier am Werk ist, verändert die Welt mehr als jene Großen, von denen wir meinen, dass sie die Welt gestalten.
Weihnachten möchte aber nicht nur unser Mitgefühl für die Schwachen und Hilfsbedürftigen wecken. Die Weisheit Gottes, die in der Gestalt eines Menschen zu uns gekommen ist, möchte unser Denken und Verhalten verändern und die Welt verwandeln.
Wo auch wir uns wie der menschgewordene Gott den in der Gesellschaft Benachteiligten zuwenden, sie wertschätzen und ihre Würde hochhalten, verändern wir die Welt.
Wo wir diese Weisheit Gottes in unserem Leben wirken lassen, finden wir Wege, Hass und Feindschaften zu überwinden, der Gerechtigkeit Raum zu geben und alle Menschen am Reichtum der Schöpfung teilhaben zu lassen.
"Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben", haben wir im Weihnachtsevangelium gehört. Wir sind aufgefordert, den Geist und die Weisheit Gottes in uns aufzunehmen und nach der Art Gottes in unserem Leben wirken zu lassen. Wenn wir wie er die Kleinen und Schwachen in die Mitte stellen, lernen auf ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen und ihnen den nötigen Lebensraum zugestehen, dann wird unser Weihnachten-Feiern nicht vergeblich sein, sondern Früchte tragen und nachhaltig wirksam sein.
Weihnachten ist nicht umzubringen. Es gibt uns Antwort auf unsere tiefe Sehnsucht nach Sinn und Geborgenheit: Jesus Christus ist als Licht in die Welt gekommen, das unser Leben hell macht.
Nicht wenige Menschen scheuen es, den Geburtstag zu feiern, sobald sie älter werden. Dieser Tag erinnert sie daran, dass die Lebensuhr immer lauter tickt. Mir ist es aber wichtig, zumindest die runden Geburtstage mir lieber Menschen gebührend zu feiern. Wie sonst hätte ich Gelegenheit, meine Dankbarkeit, dass es diesen Menschen gibt, zu zeigen und spüren zu lassen.
Gerne erinnere ich mich an meinen 50. Geburtstag. Da bin ich um 5 Uhr aufgestanden, weil auf meiner Geburtsurkunde vermerkt ist, dass ich um 5 Uhr auf die Welt gekommen sei. Diesen Moment wollt ich ganz bewusst erleben. Als es so weit war, wurde ich von einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit überwältigt; Dankbarkeit, dass ich leben darf, Dankbarkeit für meine Familie, Dankbarkeit für alles, was ich bis dahin erleben durfte.
Am 25. Dezember feiern wir den Geburtstag Jesu. Obwohl wir nicht wissen, an welchem Tag und in welchem Jahr Jesus von Nazareth geboren worden ist, ist sein Geburtsfest zu einem der größten Feiertage des Jahreskreislaufs geworden. Ich halte es für wichtig, dass wir diesen Tag ausgiebig feiern. Wann sonst hätten wir Gelegenheit, unsere Dankbarkeit für diesen großartigen Menschen auszudrücken! Jesus von Nazareth hat die Menschheitsgeschichte wie kein anderer positiv mitgestaltet. Und das gehört gefeiert.
Für gläubige Christen bedeutet Jesus von Nazareth aber noch weit mehr, als dass er großartiger Mensch war. Am 25. Dezember wurde im antiken Rom das Fest des Jupiter sol invictus gefeiert; ein Sonnwendfest: Jupiter, die höchste römische Gottheit ist die unbesiegte Sonne. Christen haben sich bald gesagt: Für uns ist Jesus Christus das Licht, das stärker ist als jede Finsternis. Es leuchtet heller als die Sonne. Nicht einmal die grausamste Art der Hinrichtung konnte ihn auslöschen. Weihnachten ist der Tag, an dem wir in die ganze Welt hineinrufen: "In ihm ist das Leben und das Leben ist das Licht der Menschen." (vgl. Joh 1,4). Dieses Licht leuchtet auch heute in der Finsternis und keine Finsternis kann dieses Licht überwältigen.
In den Medien ist es üblich geworden, von Politikern aufgestellte Behauptungen einem Faktencheck zu unterziehen. Kann man das wirklich behaupten, dass Christus das Licht ist?
Die letzten Wochen waren durchflutet von weihnachtlichem Licht. Viele Häuser waren geschmückt mit Weihnachtsbäumen und Lichterketten und die Einkaufsstraßen glitzerten in ihrer besonderen Beleuchtung. Für mich symbolisieren diese Lichter den Wohlstand, dass es uns trotz vieler Probleme im Großen und Ganzen gut geht. Es geht uns sogar so gut, dass wir auch an jene denken und ihnen helfen, denen es aus irgendeinem Grund nicht gut genug geht. Gibt es darüber hinaus noch etwas, das unser Leben heller machen kann als das, was die Menschheit in unserer Zeit erreicht hat? Braucht es da noch das Licht, von dem das Evangelium spricht? Braucht es in dieser Welt noch Christus als Licht?
Zu Weihnachten zelebrieren wir die schönen Seiten des Lebens. Das ist gut und richtig. Zugleich dürfen wir uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Errungenschaften auch ständig bedroht sind. Denken wir an die Kriege, die derzeit geführt werden, und die Gefahr, dass sie sich zu einem Weltenbrand ausweiten. Und es gibt viele Ecken und Enden der Erde, in denen das Licht der Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit noch nicht angekommen ist. Demokratie, Freiheit und soziale Sicherheit sind sogar mitten in Europa in Gefahr, ausgehöhlt und untergraben zu werden.
Das alljährliche Weihnachtenfeiern führt uns auch im persönlichen Umfeld vor Augen, wie zerbrechlich unsere Lebensfreude letztendlich ist. Viele strengen sich an, dass es ein schönes, harmonisches Fest wird: Friede, Begegnung, Zeit für einander... Trotz der vielen Geschenke bleiben viele Wünsche unerfüllt. Wir stoßen an unsere eigenen Grenzen, wenn wir selbst uns gegenseitig Licht sein wollen. Woher nehmen wir ausreichend Energie für dieses Licht?
Das Evangelium führt uns an den Anfang der Schöpfung. In der biblischen Schöpfungserzählung heißt es: "Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht." (Gen 1,3). Sie will damit sagen: Licht und Leben kommen von Gott her. Die Lebensenergie, die in diesem wirkmächtigen Wort Gottes zum Ausdruck kommt, ist die treibende Kraft des ganzen Kosmos. In Jesus Christus hat die Weisheit und Kraft Gottes menschliche Gestalt angenommen, ist Fleisch geworden. An seinem Lebensbeispiel sehen wir, wie auch wir für einander zum Licht werden können.
Weihnachten ist nicht umzubringen. Davon bin ich fest überzeugt. Denn in diesem Fest geht es nicht nur um den Geburtstag eines großartigen Menschen. In diesem Fest feiern wir unsere Freude am Leben und an der ganzen Schöpfung. Dieses Fest lässt uns den tieferen Sinn unserer eigenen Existenz erahnen. Und dieser Sinn ist stärker als alle Unsinnigkeiten, die unser Leben bedrohen und oft genug verfinstern.
An diesem Tag möchte ich Gott danken für den großartigen Menschen Jesus von Nazareth und für Jesus Christus, das Licht, das in ihm menschliche Gestalt angenommen und die Welt hell gemacht hat.
Die Stimmung des eigentlichen Weihnachtsfeiertages ist ganz anders als die der Zeit davor. Im Gottesdienst des 25. Dezember wird meditiert, was durch die Menschwerdung Jesu neu geworden ist. Johannes beschreibt dies im Prolog seines Evangeliums mit den Begriffen Wort (logos), Licht und Fleisch.
Wäre da nicht der große Christbaum und die Weihnachtskrippe, könnten beim einen oder anderen Zweifel aufkommen, ob das jetzt ein Weihnachtsgottesdienst ist. Die Lesungen aus der Heiligen Schrift, die wir eben gehört haben, enthalten nichts von der weihnachtlichen Romantik, die uns seit Wochen begleitet hat. Am 25. Dezember ist Ruhe eingekehrt nach den lauten Wochen vor dem Fest.
Für die Geschäftswelt beginnt Weihnachten schon Mitte November und endet schlagartig am 24. Dezember um Mittag. Die Firmen und Vereine halten in den Dezembertagen vor dem 24. Ihre Weihnachtsfeiern. Der Heilige Abend am 24. Dezember gehört den Familien. Und die katholische Liturgie sieht gleich vier Weihnachtsgottesdienste vor: »am Vorabend«, oft als Kindergottesdienst gefeiert, damit das Christkind inzwischen die Wohnung herrichten kann, »in der Nacht« als Christmette, »am Morgen« das »Hirtenamt« für die Frühaufsteher und schließlich der Festgottesdienst »am Tag«. Der Höhepunkt ist traditionellerweise um Mitternacht, denn "die Mitte des Tages ist der Beginn eines neuen Tages". Das Weihnachtsevangelium von der ergebnislosen Herbergsuche, der Geburt im Stall mit der Krippe und den Hirten, wie es alle von Kindheit an kennen, wird nur beim Gottesdienst »in der Nacht« vorgetragen.
Was bleibt da noch zu feiern am Weihnachtstag selbst, den wir heute am 25. Dezember begehen? Als Evangelium haben wir den Prolog des Johannesevangeliums gehört. Dieser klingt zwar feierlich, entbehrt aber jede Romantik. Die Ereignisse, die Matthäus und Lukas in symbolgeladenen und bedeutungsschwangeren Erzählungen schildern, bringt Johannes in einem feierlichen hymnusartigen Text zum Ausdruck. Bei genauem Hinhören entdecken wir Weihnachten in einem ganz anderen Ton. Er fasst zusammen, was wir in den Tagen und Wochen zuvor in verschiedenen Facetten ausgekostet haben. Johannes lädt ein zum Meditieren und Weiterdenken, wie die Menschwerdung Jesu unsere Welt und unser Leben verändert hat; so grundlegend verändert hat, dass die Christen von da an eine neue Zeitrechnung begonnen haben.
Was ist mit der Geburt Jesu anders geworden? – Drei Begriffe dominieren diesen Text: Wort (griechisch »logos«), Licht und Fleisch.
Der Begriff »logos« schillert in allen Farben. Er kann mit Wort, Geist oder auch Sinn übersetzt werden. Jede dieser Übersetzungen trifft nur einen Teil des in »logos« Enthaltenen. Es geht um den Sinngehalt des gesamten Kosmos, der ganzen Schöpfung, und ist untrennbar mit dem verbunden, was wir mit dem Wort »Gott« verbinden.
Mit der Geburt Jesu offenbart Gott den tieferen Sinn der Schöpfung, des gesamten Daseins. Mit der Geburt Jesu ist der vom Schöpfer hineingelegte Sinn erkennbar und sichtbar geworden.
Ein zweiter zentraler Begriff ist »Licht«. In der Schöpfungserzählung erschafft Gott das Licht mit den Worten "Es werde Licht". Das Licht überwindet die Finsternis, die über der noch zu erschaffenden Welt lag.
Mit Jesus kommt das Licht in menschlicher Gestalt in die Welt. Dieses Licht erhellt das Leben aller, die ihn aufnehmen und bereit sind, Kinder Gottes zu werden.
Schließlich betont der Evangelist, dass dieser unfassbare und unbegreifbare Logos »Fleisch« wird, sichtbar, erfahrbar, anfassbar, angreifbar. "Und das Wort ist Fleisch geworden"...
"Liebe geht durch den Magen", sagen wir. Liebe muss körperlich spürbar, erfahrbar werden, sie muss auch die leibhafte Seite des Lebens einschließen. Der Logos, der Sinn, der Geist, nimmt Fleisch an, wird leibhaft sichtbar, spürbar, Gott wird greifbar.
Wir feiern Weihnachten als rauschendes Fest, viele Wochen hindurch, mit vielen Facetten. "Am Tag danach" werden wir uns bewusst, von welch großem Ereignis wir uns haben mitreißen lassen. Danken wir Gott für alle Nuancen und Dimensionen, die dieses Fest uns bietet. Und vergessen wir nicht, Gott für den Sinn und den Geist, den unser Leben durch die Menschwerdung Jesu bekommen hat, zu danken.
Oft fragen wir, "wer bin ich eigentlich?" oder "was ist der Mensch?" In Weihnachten feiern wir die Menschwerdung Gottes und damit sehen wir den Menschen von Gott wertgeschätzt.
Was ist der Mensch? Wer sind wir selber? Man mag versucht sein, spontan zu denken: was soll so eine Frage? Nichts ist doch klarer als das. Der Mensch ist, was wir selber sind; das, was jede und jeden von uns zu etwas ganz Persönlichem und Einmaligem macht. Nichts ist uns vertrauter und bekannter als wir uns selbst.
Und dennoch fragen wir immer wieder: wer bin ich eigentlich? Wie weit bin ich so, wie ich es selber gerne sein möchte? Warum ist mein Leben gerade so verlaufen und nicht ganz anders? Warum gibt es in meinem Leben so viele Ungewissheiten und gerate ich in Situationen, die ich unbedingt hätte vermeiden wollen? Wie kann es geschehen, dass ich manchmal sogar vor mir selber erschrecke? Wir sind uns selber immer auch ein ganzes Stück weit fremd und ein Rätsel.
Ähnlich ergeht es uns mit den Mitmenschen. Da gibt es welche, von denen wir meinen: die kenne ich durch und durch; die können mir nichts mehr vormachen. Und dennoch geschieht es immer wieder, dass wir gerade von einem solchen Menschen sagen müssen: der hat mich jetzt total überrascht. Alles hätte ich von dem erwartet; nur nicht das. Gegenseitige Vertrautheit und Übereinstimmung sind nie garantiert. Deshalb geschieht es immer wieder, dass gerade auch Menschen auseinander gehen, die einander sehr nahe gestanden sind und sich bis ins Intimste hinein gekannt hatten.
Umgekehrt kann es geschehen, dass Menschen, die auf Distanz zueinander gegangen sind, vielleicht sogar nichts mehr voneinander wissen wollten, doch plötzlich wieder Zeichen von Verbundenheit austauschen. Es kann geschehen, dass Menschen, die einander abgeschrieben hatten, doch wieder zueinander finden und sich versöhnen.
Was ist der Mensch? Wer sind wir selber? Offenbar ist es nicht so einfach, eine griffige Antwort zu finden. Der Mensch ist sich selber gleichzeitig vertraut und unvertraut; er steht in Übereinstimmung mit sich selbst und ist sich doch ein Stück weit fremd. Wir sind uns gegenseitig zugleich nahe und entfernt, einander zugetan und abgewandt; wir leben innigste Gemeinschaft und erleben ebenfalls lähmende Einsamkeit.
Diese seltsamen Spannungen führen oft zu einem Gefühl von Ungewissheit. Sie vermitteln den Eindruck, wir Menschen seien unentwegt auf der Suche nach etwas, das wir nie ganz einholen können. Sie vermitteln den Eindruck, unser Leben sei und verbleibe in der Schwebe zwischen Gelingen und Misslingen und nie würden wir ganz verwirklichen können, was für uns das Wichtigste ist: wir möchten ganz Mensch, wir möchten ganz uns selber werden. Aber genau das können wir offensichtlich allein aus uns heraus nicht.
Wir können es. Wir können es ganz und gar trotz aller Spannungen und Ängste und offenen Fragen. Genau dafür steht das Fest, das wir heute feiern. Es ist ja das Fest der Menschwerdung. Weihnachten verkündet in seinem christlichen Kern nur eines: In Jesus ist Gott selber ganz Mensch geworden, damit unser Menschsein ganz gelingen kann. Das geschieht allerdings auf eine Weise, die unsere menschlichen Horizonte aufsprengt.
Mit Jesus wird der Gott Mensch, von dem das Evangelium sagt, er sei das Wort, das von Anfang an bei Gott war und durch das alles erschaffen wurde. Mit Jesus wird also der Gott Mensch, der Ursprung und Fundament ist von allem.
Mit Jesus wird der Gott Mensch, von dem das Evangelium sagt, er sei das Licht, das in jede Finsternis hinein leuchtet. Mit Jesus wird also der Gott Mensch, der all das überwindet, was dunkel, böse und verfehlt ist in unserem Leben.
Mit Jesus wird der Gott Mensch, von dem das Evangelium sagt, er gebe allen, die ihn aufnehmen, Macht, Kinder Gottes zu werden. Mit Jesus wird also der Gott Mensch, der uns Menschen als seinesgleichen annehmen und zu einer Vollendung führen will, die alles übersteigt, was wir uns vorstellen können.
Wenn es so ist, dann muss doch Gott selber vom Menschen unendlich groß denken. Der Mensch muss dann für Gott so kostbar sein, dass eben er selber Mensch wird, dass er selber sich zu dem macht, was wir Menschen sind und immer mehr und besser sein möchten.
Wenn es so ist, dann dürfen wir unser Leben voll Vertrauen in die Hand dieses Gottes legen. Wenn Gott selber Mensch wird, dann laufen wir mit unseren Erwartungen und offenen Fragen nicht ins Leere. Wenn Gott selber Mensch wird, dann bleiben die Ungereimtheiten und Spannungen unseres Lebens nicht in der Schwebe dauernder Ungewissheit. Wenn Gott selber Mensch wird, dann ist alles, was unser menschliches Leben mit sich bringt, gerade auch das, was wir nie ganz zusammenbringen, von ihm angenommen und bejaht und deshalb auf einem Weg, der zu Gelingen und Glück führen kann. Gottes Menschwerdung ermöglicht es uns, dass wir selber ganz Mensch werden können, dass wir ja sagen können zu uns selbst und unserem ganzen Leben trotz allem, was es an Begrenzungen, an Brüchen und Abgründen geben mag.
An Weihnachten dürfen wir darum dankbar aus dem Glauben heraus das bekennen, womit das heutige Evangelium schließt: „Wir haben Gottes Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“.
Können wir angesichts so vieler unverschuldeter Not und so vielen Elends an einen Gott glauben, dem das Schicksal der Menschen nicht gleichgültig ist? Gott ist in Jesus Mensch geworden und hat sich wehrlos mitten in eine Welt hineinbegeben, in der unschuldige Menschen getötet werden. Das Licht von Bethlehem – unscheinbar und verletzlich – leuchtet uns.
Ich erinnere mich gut an ein Gespräch mit einem Patienten in der zweiten Adventswoche. Ich hatte zuvor einen anderen Patienten besucht und ihn dann begrüßt. Er hat einiges erzählt und den Besuch und das Gespräch hat er gerne angenommen. Dann nahm das Gespräch jedoch eine überraschende Wendung. Sehr freundlich sagte der Mann zu mir: Wissen Sie, zur Kirche komme ich nicht mehr und glauben, glauben kann ich auch nicht mehr.
Ich fragte zunächst was den passiert sei, dass es so gekommen sei, ob er sich über die Kirche oder auch über einzelne Mitarbeiter geärgert habe. Veränderte Strukturen, abgelehnte Gottesdienste oder auch andere Vorkommnisse bilden immer wieder ein Ärgernis, nach dem Menschen sich abwenden. Sie lehnen dann häufig die Kirche, aber nicht Gott selber ab.
Aber darum ging es nicht!
Sehr klar sagte der Patient, er könne und möchte nicht mehr an einen Gott glauben, wenn er all die Not und all das Elend in der Welt sieht. Die Kinder und alten Leute, die in den Kriegen in Syrien, in der Stadt Allepo sterben, die Opfer von Terroranschlägen, die Kinder die Weltweit verhungern. Hinzu kommen dann noch die Opfer der Naturkatastrophen. Wenn er all das sehe und erlebe könne er nicht mehr an Gott glauben, schon gar nicht daran, dass es einen guten Gott geben solle.
Meine erste Frage, oder auch mein erster Einwand waren, dass doch vieles von dem was auf dieser Welt geschieht von Menschen gemacht ist, dass doch wir es sind, die vieles verursachen. Der Mensch ist es der tötet, der Bomben wirft und die Erde zerstört. Können wir dann so einfach hingehen und Gott die Verantwortung in die Schuhe schieben?
Er ließ meinen Einwand so nicht gelten, auch wenn er zustimmte, dass viel Leid von Menschen verursacht ist. Aber, so erklärte er weiter, es sterben Kinder und mit den Kindern auch viele Menschen, die nichts für all diese Missstände können, die nichts davon entschieden haben, sondern einfach all den Dingen ausgeliefert sind, sich nicht wehren können und sterben.
An dieser Stelle wurde ich langsam einsilbiger in unserem Gespräch, habe noch etwas von der Freiheit des Menschen erzählt, die Gott achtet und die wir alle wollen, die aber eben auch Böses hervorbringen kann.
Aber war das wirklich eine Antwort auf sein Erleben und seine Enttäuschung. Er hat dabei ja noch nicht einmal etwas über seine persönliche Situation und seine Krankheit erzählt oder darüber geklagt. Es ging ihm also nicht um ihn selber, sondern um den anderen, um den leidenden Menschen heute, hier und weltweit.
Und hat er nicht auch Recht! Denke ich nicht auch oft: Sieht er denn nicht was passiert, sieht er nicht wie viele Menschen auch guten Willens an diesen grausamen Situationen nichts verändern können? Sieht er nicht die Not, aber eben auch den guten Willen vieler Menschen? Warum greift er nicht sichtbar und spürbar ein? Ist Gott so wenig mitfühlend oder ist er so ohnmächtig? - Oder?
Wir feiern Weihnachten. Wenn nicht alles mit Geschenken und gutem Essen überlagert, wird feiern wir, dass Gott Mensch wurde. Mensch mit allen Konsequenzen. Geboren als kleines Kind, ausgeliefert den Mächten seiner Zeit und schon als Kind nur knapp einem Anschlag entgangen. Schon damals starben Menschen unschuldig. Als Kind wehrlos und als Erwachsener weigerte er sich vor Pilatus, sich Legionen von Engeln schicken zu lassen, die einmal richtig aufräumen sollten.
Er bleibt Mensch, und seine Göttlichkeit nimmt nichts davon von ihm weg. Er leidet bis zur absoluten Verzweiflung. Er zerbricht auch an Gott, weil er sich im Stich gelassen fühlt. Er nimmt die schwersten und dunkelsten Seiten unseres Lebens in sich auf. Das hat er sich nicht ausgesucht, das hat das Leben mit ihm zugemutet.
Hier vorne brennt ein kleines Licht. Es ist verletzlich, ein leiser Windstoß, eine Unachtsamtkeit und es brennt nicht mehr. Es kommt aus einer der gefährlichsten Krisenregionen der Erde hier zu uns in unsere Kapelle, weil Menschen dieses kleine Licht aus Bethlehem bis hierher bringen wollten.
Dem Patienten konnte ich nur sagen, es gibt keine gute Antwort auf das viele sinnlose Leid in der Welt. Wir können nur darauf vertrauen, dass Gott es mit den Menschen trägt und dass es bei allem Bösen in dieser Welt immer auch Menschen guten Willens gibt, die als Christen, die als Gutmenschen eher eine Kerze entzünden, als alles so zu lassen wie es ist.
Mehr nicht – und doch so viel.
Weihnachten ist ein Fest der Freude, weil Gott uns liebt. Er hat Fleisch angenommen, um uns berühren zu können.
"Gnädig und barmherzig ist der Herr, reich an Huld und Gnade." Dieses Psalmwort erfüllt sich heute. Heute, feiern wir den barmherzigen Gott im Kind von Bethlehem. „Sehet doch da, Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren!“
Wie geschieht das? So wie es Menschen tun, wenn sie miteinander in Beziehung kommen wollen, macht es Jesus der menschgewordene Gott. Wenn wir jemand lieben, gehen wir auf die Person zu und blicken sie an.
Jesus geht auf uns zu und blickt uns an. Warum er die Liebesgemeinschaft der Dreifaltigkeit verlässt, um bei uns zu sein, bleibt ein Geheimnis. Der Hl. Alfons meint: „Gott kann von niemand beherrscht werden, die Liebe aber hat ihn überwältigt. Sie hat ihn besiegt, so dass er unser Bruder geworden ist!“ Oder ging es Jesus so, wie es uns geht, wenn wir eine Person sympathisch finden: dann fühlen wir uns angezogen, sind fasziniert von der Ausstrahlung und Schönheit des anderen. Das lässt das Negative vergessen, wir nehmen es nicht wahr. Wir dürfen wohl sagen: Jesus fand an uns Menschen so viel Attraktives, soviel Schönes und Ausstrahlendes und Liebenswertes, dass es ihn wie magnetisierte, dass er sich anziehen ließ von uns trotz unserer Fehler und Sünden. Ja, mit dieser Liebe blickt Jesus uns in die Augen. Heute gesteht er uns: „Du Mensch, ich habe eine Schwäche für Dich! In der Schwäche des Kindes komme ich wehrlos schwach - und will so alles für Dich sein!“
Das menschgewordene Gotteskind kann heute nicht sprechen. Es ist hilflos, klein, der Sprache nicht mächtig. Doch das Kind in seiner Schwäche spricht wortlos eine gewaltige Sprache, ein lautes Wort der Hoffnung und des Lebens. Ein kleines Kind ist immer Frohbotschaft und dieses Christkind ist die Gute Nachricht. Es ist das schönste und letzte Wort, das Gott zu uns Menschen spricht: „Du Mensch, ich liebe Dich! Verlass Dich auf meine Barmherzigkeit!“ Anstelle des Gotteskindes spricht es heute der Engel: „Seht, ich künde euch eine große Freude, heute ist Euch in der Davidstadt der Retter geboren, Christus, der Herr!“
Als ich mich in einer Familie verabschiedete, wollte der vierjährige auf den Arm genommen werden und mich drücken. Auch wir Erwachsene umarmen uns, und es tut gut. Die heilige Hildegard von Bingen sagt: Die Menschwerdung Gottes ist die mütterliche Umarmung Gottes für uns! Maria, Josef und die Hirten berührten dieses Kind. Im Glauben erschlossen sie sich dem tieferen, unbegreiflichen Geheimnis: in dieser Kinderhand berühren wir Gottes Hand. In diesen schwachen Kinderarmen ist Gott zum Greifen nahe, Gott zum Anfassen; es berührt uns, umarmt uns als der zärtlich-barmherzige, Gott.
Liebe Schwestern und Brüder, „Seid Barmherzig wie der Vater!“ Dieses Jesuswort erfüllt sich heute. Jeder, der einsam ist, vom Leben gebeutelt, den die Sorgen drücken: Er darf wissen, er hat einen Freund, einen guten, treuen, zärtlichen und vor allem barmherzigen Vaters. Das Fleisch gewordene Wort, der Sohn, berührt uns heute in der heiligen Kommunion; er lässt das Herz höher schlagen, er verwandelt uns und stiftet Gemeinschaft zwischen sich und Dir und zwischen Dir und den Schwestern und Brüdern.
Liebe Schwestern und Brüder, Und das Wort der Barmherzigkeit des Vater ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt! Christ der Retter ist da!
Krippenfiguren repräsentieren nicht nur die Geschichte von der Geburt Jesu. Sie repräsentieren Menschen in besonderen Lebenssituationen. Das Kind in der Krippe repräsentiert die Familie, die bald aufbrechen und flüchten wird, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Es repräsentiert aber auch die Absurdität Gottes, der Mensch wird, weil er uns liebt.
Zu den Traditionen meiner Familie gehört, dass jeder Familienzweig eine eigene Familienkrippe hat. Auch meine Eltern haben mit meiner Geburt begonnen, sich eine Familienkrippe aufzubauen. Jedes Jahr kamen neue Figuren dazu. Im Prinzip sieht so die Krippe im Wohnzimmer seit Jahren gleich aus. Erst später habe ich begriffen, dass die verschiedenen Figurengruppen nicht nur eine Nacherzählung biblischer Ereignisse sind, sondern bis heute reale Lebenssituationen von Menschen widerspiegeln.
Zu dieser Figurengruppe gehören die 3 Weisen aus dem Morgenland. Sterndeuter, die die Hl. Schriften anderer Völker studiert und die Sterne am Himmel beobachtet haben. Diese Studien haben sie zum Schluss gebracht: ein neuer König wird geboren. Aber dieser König ist etwas so Besonderes, dass seine Geburt sogar von den Sternen des Himmels angekündigt wird. Sie werden neugierig und machen sich auf den Weg, um dieses Kind zu suchen. Unterwegs erkundigen sie sich bei Herodes, wo dieser neue König geboren wird.
Damit lösen sie eine Kette von schrecklichen und nicht mehr zu kontrollierenden Ereignissen aus. Aus Angst vor einem Konkurrenten befiehlt König Herodes einen barbarischen staatlich gelenkten Terrorakt: jede männliche Erstgeburt bis zum Alter von zwei Jahren muss getötet werden. Wie viele Eltern mit ihren Kindern daraufhin die Flucht ergriffen, wissen wir nicht. Auf jeden Fall macht sich die Hl. Familie mit dem Jesuskind auf die Flucht nach Ägypten. Dort bleiben sie, bis sich die politischen Verhältnisse (modern gesprochen: die Fluchtursachen) geändert haben. Dann kehren sie in ihre Heimat zu ihren Familien, Freunden und ihrer Arbeit zurück.
Mein Blick wandert dann zum Jesuskind in der Mitte. Links und rechts stehen Maria und Josef. Mein Glaube sagt mir: in diesem Kind im Stall ist Gott selbst Mensch geworden. Opfer von Macht und Terror zu werden, flüchten zu müssen, Angst um sein Leben zu haben ist nicht nur das Schicksal von Millionen Menschen unserer Tage. Es ist ein Schicksal, das Gott selbst durchlitten hat, als er auf Erden lebte. Wenn ich in die Augen des Jesuskindes blicke, dann blicke ich auch in die Augen der Flüchtenden unserer Zeit. Das hilft mir, den gegenwärtigen Flüchtlingsstrom mit anderen Augen zu sehen. Es sind in diesem Jahr nicht nur Hirten und Sterndeuter, die ich im Stall in Bethlehem sehe. Es sind auch die vielen Flüchtlinge, die zu einem Kind kommen, das ihr Schicksal geteilt hat.
Beim Blick in die Krippe sehe ich aber nicht nur die globalen Probleme unserer Zeit. Gott ist auch für mich ganz persönlich Mensch geworden. Seit ich Pfarrer bin und damit einen eigenen Pfarrhaushalt führe, lebe ich mit Hunden zusammen. Ich mag diese Tiere einfach und freue mich über ihre Gesellschaft und ihre hohe soziale Kompetenz. Obwohl ich meine Hunde wirklich gerne mag, bin ich noch nie auf die Idee gekommen: wie wäre es, wenn Du selbst einmal ein Hund wärest? Du könntest auf derselben Ebene wie sie stehen. Du könnest verstehen, wie sie denken und was sie sagen wollen. Du könntest ihnen auch viel besser beibringen, was du eigentlich von ihnen willst. Es ist eine absurde Vorstellung: so gerne ich meine Hunde habe, ich würde niemals meinen Habitus als Mensch aufgeben, um in einer niederen Lebensform - z.B. als Hund - zu leben.
Heute feiern wir diese Absurdität. Gott liebt mich so sehr, dass er nicht daran festhielt Gott zu bleiben, sondern sich entäußerte und Mensch wurde. (Phil 2). Das ist für mich das größte Wunder meines Glaubens, auch wenn ich als Theologe natürlich weiß: Das Licht in der Krippe ist die Sonne des Ostermorgens. Ich feiere deshalb Weihnachten, weil Christus von den Toten auferstanden ist. Gott hält an der Überlegenheit seines Gott-Seins nicht fest, sondern wird Mensch wie Du und ich. Weil er mich liebt. Weil er mir nahe sein will. Weil er mich verstehen möchte. Weil er mir das, was er von mir möchte so sagen will, dass ich es verstehen kann.
Diese tiefe Liebe Gottes zu mir berührt mich jedes Jahr aufs Neue. Gott ist nicht der ferne Gott, weit weg von meinem Leben, uninteressiert am persönlichen Schicksal des Einzelnen. Im Gegenteil: gerade das persönliche Lebensgeschick interessiert ihn. Er ist deshalb Mensch geworden, um daran Anteil zu nehmen. Er will sich mit mir freuen, an meinem Leid Anteil nehmen und mich dann tragen, wenn ich allein zu schwach bin, aufrecht durchs Leben zu gehen. Bis hin zu jenem Augenblick meines Lebens, in dem mich die Nacht des Todes umschließen wird: dann wird er mich auffangen und in die Herrlichkeit des Paradieses tragen.
Die Krippe ist nicht nur niedliches Beiwerk zum Fest, nicht nur eine Familientradition. In ihr spiegelt sich das Menschheitsdrama damals und heute wider. Sie ist aber auch ein Bild voller Zuversicht und Hoffnung: Gott wird Mensch, weil er mich liebt, damit mein Leben gelingt und selbst der Tod mich nicht vernichtet, sondern der Übergang zu einem neuen Leben ist. Deshalb singe ich gerne an diesem Weihnachtsfest: Christ, der Retter, ist da!
„Seid Barmherzig wie der Vater!“ Dieses Jesuswort erfüllt sich in der Geburt Jesu. Das Wort der Barmherzigkeit des Vaters ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
"Gnädig und barmherzig ist der Herr, reich an Huld und Gnade." Dieses Psalmwort erfüllt sich heute. Heute, im Jubiläumsjahr. feiern wir den barmherzigen Gott für uns im Kind von Bethlehem. „Sehet doch da, Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren!“ Der barmherzige Gott, wie wir ihn jetzt im Jubiläumsjahr entdecken, begegnet uns im Christkind ganz und gar menschlich. So wie es wir Menschen machen, tut es Jesus. Wenn wir Menschen jemand lieben, gehen wir auf die Person zu und blicken sie an.
Jesus will mit uns in Beziehung kommen, er geht auf uns zu und blickt uns an; Warum er die Liebesgemeinschaft der Dreifaltigkeit verlässt, um bei uns zu sein, bleibt uns ein Geheimnis. Der Hl. Alfons meint: „Gott kann von niemand beherrscht werden, die Liebe aber hat ihn überwältigt. Sie hat ihn besiegt, so dass er unser Bruder geworden ist!“ Oder ging es Jesus so, wie es uns geht, wenn wir eine Person sympathisch finden: dann fühlen wir uns angezogen, sind fasziniert von der Ausstrahlung und Schönheit des anderen. Das lässt das Negative vergessen, wir nehmen es nicht wahr. Wir dürfen wohl sagen: Jesus fand an uns Menschen so viel Attraktives, soviel Schönes und Ausstrahlendes und Liebenswertes, dass es ihn wie magnetisierte, dass er sich anziehen ließ von uns trotz unserer Fehler und Sünden. Mit dieser Liebe blickt Jesus uns in die Augen. Heute gesteht er uns: „Du Mensch, ich habe eine Schwäche für Dich! Ich habe eine Schwäche für Dich, ja in der Schwäche des Kindes komme ich wehrlos schwach - und will so alles für Dich sein!“ Wer liebt, spricht Worte der Zuneigung Das menschgewordene Gotteskind kann heute nicht sprechen. Es ist hilflos, klein, der Sprache nicht mächtig. Doch das Kind in seiner Schwäche - wortlos spricht es eine gewaltige Sprache, ein lautes Wort der Hoffnung und des Lebens. Ein kleines Kind ist immer Frohbotschaft und dieses Christkind ist die Gute Nachricht. Es ist das schönste und letzte Wort, das Gott zu uns Menschen spricht: „Du Mensch, Du, ich liebe Dich! Mensch, ich habe eine Schwäche für Dich! Verlass Dich auf meine Barmherzigkeit!“ Anstelle des Gotteskindes spricht es heute der Engel: „Seht, ich künde euch eine große Freude, heute ist Euch in der Davidstadt der Retter geboren, Christus, der Herr!“
Als ich mich von einer Familie verabschiedete, wollte der Vierjährige auf den Arm genommen werden und mich drücken. Auch wir Erwachsene umarmen uns - und es tut gut. Die heilige Hildegard von Bingen sagt: Die Menschwerdung Gottes ist die mütterliche Umarmung Gottes für uns! Maria, Josef und die Hirten berührten dieses Kind. Im Glauben erschlossen sie sich dem tieferen, unbegreiflichen Geheimnis: in dieser Kinderhand berühren wir Gottes Hand. In diesen schwachen Kinderarmen ist Gott zum Greifen nahe, Gott zum Anfassen; es berührt uns, umarmt uns als der zärtlich-barmherzige, Gott.
Liebe Schwestern und Brüder, „Seid Barmherzig wie der Vater!“ Dieses Jesuswort erfüllt sich heute. Jeder, der einsam ist, vom Leben gebeutelt, den die Sorgen drücken: Er darf wissen, er hat einen Freund, einen guten, treuen, zärtlichen und vor allem barmherzigen Vaters. Das Fleisch gewordene Wort, der Sohn, berührt uns heute in der heiligen Kommunion - er lässt Dein Herz höher schlagen, er verwandelt uns und stiftet Gemeinschaft zwischen sich und Dir und zwischen Dir und den Schwestern und Brüdern.
Und das Wort der Barmherzigkeit des Vaters ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt! Preisen wir Gott dafür!
Weihnachten ist ein Fest voller Spannungen. Nach den intensiven und oft anstrengenden Vorbereitungen liegen nicht selten die Nerven vieler blank. Irgendwie erhoffen und erwünschen sich die meisten Menschen ein harmonisches Fest der Begegnung, der Freude und der Geborgenheit. Dabei haben wir meist Erfahrungen vor Augen, wie es früher einmal war oder wie wir es als Kinder erlebt haben. Und dann die Erfahrung: Es ist nichts mehr wie früher. Wir sind älter geworden, anspruchsvoller, sensibler, und die Rollenaufteilung "wer tut was" muss neu überlegt werden. Das Fest der Liebe wird so für manche zur Enttäuschung. Ent-täuschungen tun weh, auch wenn sie ihre guten Seiten haben. Gott sei Dank haben die meisten gelernt, Enttäuschungen wegzustecken, für eine Zeitlang wenigstens.
Dass zu Weihnachten Spannungen in der Luft liegen, hat nicht nur psychologische Gründe. Sie sind in diesem überdimensionalen Fest auch theologisch grundgelegt. Dies spiegelt sich in den biblischen Texten wider, die wir in den Weihnachtsgottesdiensten vorlesen. Da werden Dinge zusammengebracht, die weit auseinander liegen und auf den ersten Blick nicht zusammenpassen: Der Größte wird ganz klein, der allmächtige Gott wird ein hilfloses Kind, Engel kommen zu Hirten, unbeschreibliches Licht ist mitten in der Nacht zusehen, Himmel und Erde verbinden sich, Gott wird Mensch, oder wie der Evangelist Johannes es ausdrückt: Der ewige Gott, der alle unsere Vorstellungen von Raum und Zeit übersteigt, wird »Fleisch« am Rande der Welt... "Im Anfang war das Wort..." bis "und das Wort ist Fleisch geworden".
Die Menschwerdung Gottes ist ein so unbegreifliches und unfassbares Ereignis, dass alle Generationen von Christen Versuche unternommen haben, es in Worte zu fassen, die letztlich doch nicht plausibel sind. Menschen, die - wie es der Philosoph Jürgen Habermas von sich behauptet hat - »religiös unmusikalisch« sind, belächeln uns dafür bisweilen.
Mit dem Weihnachtsfest behaupten wir Christen aber, dass sich all diese Gegensätze in Jesus Christus haben vereinigen lassen. Wir sehen darin einen Liebesakt Gottes, der das Hervorbringen des Kosmos noch übertrifft.
Dies ist wohl auch der Grund, warum wir so viele Erfahrungen von Liebe aber auch Hoffnungen und Wünsche aufgrund unerfüllter Liebeserfahrungen hineinprojizieren und uns damit überfordern.
Trotzdem ist es gut, dass wir es nicht billiger geben und uns diesen Spannungen stellen. In der Person Jesu von Nazareth sehen wir, dass Unmögliches möglich ist: "Denn für Gott ist nichts unmöglich" (Lk 1,37).
Weihnachten feiern gibt uns die Kraft, dass wir uns als Menschen nicht nur mit kleinen Stücken zufrieden geben. Wie schnell genügt uns »ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme, ein bisschen Liebe«. Es ist zwar gut, klein anzufangen, wir sollen aber den Mut haben trotzdem Großes anzustreben. Gott hat in Jesus auch klein angefangen. Dieser Jesus war aber bereit, die ganze Spannung, die in der ganz großen Liebe drinnen liegt, anzunehmen und darin bis zum Äußersten zu gehen. Wir sehen es dargestellt im Kreuz. Er hat uns gezeigt, dass die ganz große Liebe möglich ist und dass solche Liebe sogar den Tod überwindet.
Weihnachten 2014 ist überschattet vom Elend, das religiöse Fanatiker und andere politische Hasardeure in unsere Gegenwart gebracht haben. Einigermaßen hilflos stehen wir den damit zusammenhängenden humanitären Problemen gegenüber. Wenn wir könnten, würden wir uns aus all dem heraushalten und das Glück unseres Wohlstandes genießen. Am liebsten würden wir unsere Augen vor den zahllosen Flüchtlingen verschließen.
Kopfzerbrechen bereiten uns auch die wirtschaftspolitischen Grenzen, an die wir gestoßen sind. Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit vieler gefährden den weltpolitischen wie auch den sozialen Frieden im eigenen Land. - Hat Weihnachten uns dazu etwas zu sagen?
Mir sagt Weihnachten: wir sollen in unseren Lösungsbemühungen nicht zu klein ansetzen. Menschlich sein und mitmenschlich Handeln ist möglich. Die Hoffnungen, die in uns die Frohe Botschaft vom Reich Gottes, dem Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der Barmherzigkeit weckt, sollten wir nicht als Utopie, als unerfüllbare Phantasie beiseite legen. Die Weihnachtsbotschaft macht uns Mut, groß zu denken und uns nicht mit halbherzigen Lösungen zufrieden geben. Die Richtung weist uns die Menschenfreundlichkeit Gottes und die Kraft gibt uns der Glaube an die Liebe Gottes, die uns befähigt, die Grenzen, die wir uns selbst setzen, zu überwinden.
Zugleich warnt uns die Weihnachtsbotschaft vor der Versuchung, dieses Reich Gottes aus eigener Kraft selbst bauen und machen zu wollen. Jesus ist gekommen, um das Reich Gottes anzukündigen. Er hat uns auf die Spuren des Wirkens Gottes in unserer Welt hingewiesen. Das Reich Gottes wächst, wo wir dem Geist Gottes Raum geben und in uns aufnehmen: "Allen die ihn aufnahmen, gab er die Macht Kinder Gottes zu werden", als Kinder Gottes zu denken, zu handeln und die Welt umzugestalten. Jeder Versuch, das Reich Gottes mit Gewalt herbeizuführen, muss scheitern. Die Liebe lässt sich nicht verordnen. Wir können sie lediglich erlernen. Weihnachten kann uns dazu hinführen.
Wenn wir uns den großen Spannungen, die in der Weihnachtsbotschaft liegen, stellen, wenn wir uns das große Versprechen der Liebe, das Gott uns in Jesus gegeben hat, annehmen, können wir daran wachsen, ja sogar über die kleinen Vorstellungen von dem, was uns möglich ist, hinauswachsen und die großen Herausforderungen der Menschlichkeit und Liebe bestehen. Nichts weniger wünsche ich Ihnen und mir zum Weihnachtsfest.
Es ist nicht leicht zu verstehen, warum das Weihnachtsevangelium Gott gerade als Wort bezeichnet. "Im Anfang war das Wort, das Wort war Gott und das Wort ist Fleisch geworden", sagt es uns. Was ist damit gemeint? Etwas unerhört Großes und Frohmachendes.
Um dem auf die Spur zu kommen, möchte ich sie zu einem kurzen Gedankenexperiment einladen. Stellen sie sich einmal vor, wir alle wären stumm. Kein Wort zwischen uns wäre möglich. Niemand könnte dem anderen etwas sagen; niemand könnte den anderen verstehen. Dann wäre uns doch das weggenommen, was uns erst ganz zu Menschen macht.
Das Wort ist für uns unentbehrlich. Weil wir des Wortes mächtig sind, tragen wir Menschen Namen und benennen wir unsere Mitmenschen mit Namen: Anna und Rosa, Jakob und Hans. Diese Namen sagen aus, dass wir nicht irgendetwas, sondern dass wir jemand sind. Das Wort macht uns zu einmaligen, unverwechselbaren Personen.
Und das Wort ist es, mit dem wir uns gegenseitig in Beziehung setzen und Gemeinschaft aufbauen. Denken Sie an das kleine Wörtlein »Ja«. Was kann da an Zusage drinstecken, bis hin zur Tatsache, dass Menschen sich mit einem einfachen Ja gegenseitig als Mann und als Frau annehmen. Worte binden und verbinden, Worte bringen Sinn und Glück.
Worte können auch trennen und verletzen. Wie viele Ehen und Gemeinschaften, wie viel Sinn und Glück ist schon zerstört worden durch das kleine Wörtlein »Nein«. Worte bringen das Größte und das Gemeinste zum Ausdruck, wozu wir Menschen fähig sind. Das Wort ist uns Instrument zur Wahrheit, aber auch zur Lüge.
Wenn wir so bedenken, was das Wort uns Menschen bedeutet, können wir bereits erahnen, was das Weihnachtsevangelium meint, wenn es uns sagt: "Im Anfang war das Wort und das Wort war Gott". Der Anfang, das, woraus alles geschaffen ist und was alles zusammenhält, dieser Ursprung ist nicht irgendetwas, ist nicht blinder Zufall, sondern ist jemand, ist Gott. Und weil alles durch dieses göttliche Wort geworden ist, ist auch alles auf Sinn und auf Beziehung angelegt.
Gott ist der Erste, der solche Beziehung schafft und stiftet. Wenn von Gott gesagt wird, er sei Wort, dann heißt das doch: dieser Gott ist nicht stumm. Nein, er spricht. "Viele Male und auf vielerlei Weise" hat Gott gesprochen, sagt die Lesung. Immer wieder hat Gott sich mit den Menschen in Beziehung gesetzt und diese Beziehungen neu zu knüpfen versucht, auch dann, wenn der Mensch sie mit seinem »Nein« abgebrochen hatte.
Weil Gott Wort und somit aus sich selbst heraus Beziehung ist, tut Gott alles, um die Beziehung mit den Menschen zu retten und auf ein solides Fundament zu stellen. Er spricht sein letztes und endgültiges Wort und das tut er auf eine Weise, die einfach überwältigend ist. "Und das Wort ist Fleisch geworden", sagt das Weihnachtsevangelium. Damit erweist sich Gott als das Wort, das uns Menschen auf Augenhöhe anspricht und das für uns Menschen ganz und gar und ausschließlich Ja ist. Kurz und prägnant hat das der Apostel Paulus zum Ausdruck gebracht, wenn er im zweiten Korintherbrief schreibt: "Gottes Sohn Jesus Christus ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht" (2 Kor 1,19).
Dieses Ja hat Jesus eingelöst, als er in seinem Leben und Sterben sich auch das zu Eigen gemacht hat, was die dunklen Seiten des Menschseins sind: unsere Begrenztheit und Not, unsere Ängste und unser Leiden. Am Kreuz hat er selbst die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und die Bitternis des Todes durchlitten, um sogar das schlimmste Nein und die gottwidrigste Finsternis mit seinem Ja zu umfangen. Denn alles, was er angenommen und durchlitten hat, das hat er auch geheilt.
Deshalb sagt das Weihnachtsevangelium, dass das fleischgewordene Wort für uns Menschen das Licht ist, das in der Finsternis leuchtet. Weil es reines Ja ist, leuchtet dieses Licht allen. Es leuchtet auch denen, die Beziehungen abgebrochen haben, die scheinbar ausweglose Schuld mit sich herumtragen, deren Lebenssinn ausgetrocknet ist, die keine Hoffnung und Zukunft mehr kennen und vielleicht sogar das Leben wegwerfen wollen. Darin besteht das eigentliche Wunder von Weihnachten: weil Gott durch seine Menschwerdung ein Ja zu uns Menschen gesprochen hat, das grenzenlos ist und auch noch die letzten Abgründe des Menschseins ausleuchtet, darum gilt dieses Ja wirklich allen: den Lachenden wie den Weinenden, den Zuversichtlichen wie den Verzweifelten, den Gesunden wie den Kranken.
"Allen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben", sagt das Weihnachtsevangelium. Damit lässt es so richtig frisch und unverbraucht die Freude und den Reichtum unseres Glaubens aufleuchten. Was gibt es Schöneres und Größeres, als sich dem Ja, das Gott an Weihnachten zu uns spricht, aufs Neue anzuvertrauen und darauf das eigene Leben zu bauen? Wir tun es, wenn auch wir unser eigenes Leben aus dem Ja heraus gestalten, wenn wir Menschen sind, die trotz allem, was es an Enttäuschungen geben mag, Ja sagen zu den Mitmenschen und zur Welt. Wir tun es, wenn wir aufs neue Ja sagen zu Gott und immer wieder aus der lebendigen Beziehung mit ihm die Kraft schöpfen, das Leben zu gestalten auf Sinn und auf Beziehung hin. Diesem Gott können wir am heutigen Festtag nur Dank sagen und ihn preisen mit den Worten, mit denen das Weihnachtsevangelium schließt: "Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit".
Schon fast wieder vergessen, von anderen Schlagzeilen eingeholt und überrannt und doch in seinen Auswirkungen für die Menschen wahrscheinlich noch genau so tragisch und verheerend wie während des Geschehens selber. Der Taifun auf den Phillipinen. Unvorstellbar die Macht der Zerstörung und des Elends, vor dem Menschen einfach machtlos standen und stehen. Wir alle haben die Nachrichten und Sondersendungen gesehen und auch schon fast wieder vergessen. Aber mitten in diese Nachrichten hinein, gab es eine ganz ungewöhnliche Nachricht. Mitten im Taifun hatte eine junge Mutter ein Kind bekommen. Mitten in allem Elend, all der Naturgewalt und der Zerstörung wird ein Kind geboren und als Hoffnungszeichen gepriesen.
Meine erste Reaktion auf diese Nachricht war: Mein Gott jetzt auch noch das. Ich dachte dies als Vater und Mensch, der es gewohnt ist durchgeplant und abgesichert zu leben. Da reden sich doch Reporter nur für eine gute Schlagzeile etwas schön. Aber es kamen auch Zweifel, vielleicht liege ich ja mit meiner ersten Reaktion falsch. War dieses Kind, ich glaube es war ein kleines Mädchen, doch für die Menschen in all der Gewalt und dem Chaos, in all der Angst und der Aussichtslosigkeit, in all der Verzweiflung und Wut ein Hoffnungszeichen, das ihnen gezeigt hat, wir sind nicht am Ende, sondern auch jetzt beginnt wieder etwas Neues?
Ein kleines Leben beginnt und es trägt die ganze Sehnsucht des Lebens in sich. Es will leben. Es will lachen. Es will weinen. Es will die Sonne sehen. Es will sein Leben gestalten. All das, wird es für sich wollen und all das wird es nicht alleine tun. Dazu gehören Menschen, die sich von dem Wunsch zu leben anstecken lassen, die ebenfalls schlicht und einfach leben wollen.
Ein Projekt eines Journalisten in einer der am schlimmsten zerstörten Städte macht diesen Lebenswunsch noch auf eine andere Art und Weise deutlich. Er hat 100 Einwegfotoapparate an Kinder und Jugendliche verteilt mit dem Auftrag Bilder aus ihrer Sicht zu fotografieren. Sie haben in ihren Bildern sehr genau die Zerstörung und das Elend wahrgenommen und sie haben gleichzeitig wieder angefangen die kleinen und großen Hoffnungszeichen zu fotografieren: Das Haus, das wieder aufgebaut wird, die Spielsachen die aus den Trümmern geborgen und wieder gereinigt wurden und sie fingen wieder an, sich über ihre Zukunft und ihre Wünsche Gedanken zu machen. Ein Mädchen wollte schlicht und ergreifend »Miss-World« werden.
Auch das noch, war meine erste Reaktion, der ich nur ein paar Bilder sehe und ansonsten gut und ruhig Weihnachten feiern kann. Eine echte Hoffnung, Mut wieder anzufangen, neues Vertrauen gewinnen, Träume haben und gemeinsam anpacken, die Reaktion von Menschen auf den Philippinen, die alles verloren haben.
Nach vielen Jahren als Seelsorger fällt es mir manchmal nicht ganz leicht noch über Weihnachten zu predigen. Das meiste ist gesagt. Aber als ich über dieses neugeborne Mädchen auf den Philippinen nachdachte, kamen mir Josef, Maria und Jesus in den Sinn. Auch hier eher widrige Umstände und schlechte Startbedingungen, bedroht und ohne feste Bleibe. Wer würde mit diesem Kind tauschen wollen? Wer mit den Eltern? Freiwillig wahrscheinlich nur die, denen es noch schlechter geht.
Und doch ist es gerade dieses Kind, das durch seine Botschaft vom Reich Gottes, durch seine Art mit den Menschen umzugehen die Welt bis heute verändert. Dies geschieht durch Menschen, die sich in den großen Kirchen beheimatet fühlen und es geschieht durch Menschen, die lange der Kirche jedoch nicht ihrem Glauben den Rücken gekehrt haben oder nie bewusst zu ihr gehört haben. Sie alle fühlen sich dieser Botschaft verpflichtet, auch wenn so manche Ereignisse dieses Jahres auch für viele Christinnen und Christen schwierig waren. Aber es gibt immer wieder auch die andere Seite, die das kleine Mädchen auf den Philippinen, seine Eltern und die Menschen zeigen, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben.
Es gibt diesen schönen Satz den man auf so manchen Geburtsanzeigen findet: „Jedes Kind, das geboren wird, bringt von Gott die Botschaft mit, dass er noch nicht an der Menschheit verzweifelt“. Dieser Satz stimmt aber auch anders: Jedes Kind, das geboren wird bringt Gott die Botschaft, dass wir an ihm noch nicht verzweifelt sind und das Leben wagen!
So gehen Gott und Mensch weiter aufeinander zu.
Die Kirche ist festlich geschmückt. Der Kirchenchor hat eine neue Messe einstudiert. Die Ministranten haben eifrig mit dem Weihrauchfass und den Leuchtern geübt. Es soll ein besonderer Gottesdienst werden. Heute am Weihnachtstag. Gestern Abend schon haben wir im Kreise unserer Lieben mit dem Feiern begonnen. Die Kerzen am Christbaum entzündet, Geschenke ausgepackt. Sich ein gutes abendliches Mahl gegönnt. So haben wir es gerne. So sind wir es uns auch gewöhnt. Das sind so die Standards für das Weihnachtsfest. Eine Psychologin hat unlängst gemeint: Wer bei diesem Spiel mitspielen will, der soll das tun. Wer nicht, soll das früh genug den anderen mitteilen.
Ich kenne solche Menschen, die da nicht mittun, die für sich entschieden haben mit dem Weihnachten feiern aufzuhören. Alleinstehende Verkäufer beispielsweise, die nach dem Stress der Adventwochen froh sind, dass der ganze Verkaufsrummel vorbei ist und sie endlich nichts mehr tun müssen, und sich schon gar keine Weihnachtslieder mehr anhören müssen. Die schlicht und einfach ihre Ruhe haben und sich ausruhen wollen.
Es gibt auch andere: Wer das ganze Jahr über kaum oder keine sozialen und familiären Beziehungen pflegt, wird dies auch nicht an den Weihnachtstagen tun. Da ist es schon viel, ein, zwei Weihnachtskarten zu schreiben. Wenn möglich, ist schon alles vorgedruckt und man muss nur noch unterschreiben. Jene Menschen sind an Weihnachten nicht mehr oder weniger ärmer dran als sonst.
Schließlich gibt es auch jene, die Weihnachten nicht feiern, weil sie einen anderen Glauben oder eine andere Weltanschauung haben. Geht ja auch, oder?
Es gibt auch noch jene andere nicht zu unterschätzende Gruppe, welche zwar offiziell sich als christlich deklariert, aber eher zu den praktizierenden Atheisten zu zählen wäre: Weihnachten als Fest der Liebe und als Fest der Familie, wäre wohl hier eine passende Definition.
Ich möchte ihnen nun nicht die Festtagsfreude nehmen. Im Gegenteil. Ich möchte aufzeigen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass wir heute und hier miteinander in dieser Kirche das Fest der Geburt Christi so feierlich begehen dürfen. Es ist ein Geschenk.
Wie feiern die Geburt Christi, aber wir gratulieren Jesus nicht zu seinem Geburtstag. Wir zünden auch keine Kerzen auf einer Geburtstagstorte an und bringen ihm keine Geschenke mit. Das tun wir, wenn jemand von uns Geburtstag hat, als Zeichen der Zuneigung und Wertschätzung. Und als Zeichen der Dankbarkeit: Ich bin so froh, dass es dich gibt in meinem Leben.
Wir dürfen heute vielmehr feiern, dass Gott uns das größte Geschenk gemacht hat. Seinen Sohn. Wir sind die Beschenkten. Über alle Massen hinaus. Jede menschliche Vorstellung übersteigend.
Das Wort des Jahres 2012 lautet "Rettungsroutine". Es bezeichnet einen im alten Jahr nahezu selbstverständlich gewordenen Umgang mit hoch verschuldeten Ländern. Man hat sich gewöhnt, Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig sind, damit angekündigtes Unheil verhindert werden kann. Worunter die Bevölkerung in den betroffenen Staaten zu leiden hat, ist schon genug.
"Rettungsroutine" hat wohl auch Gott im Laufe der langen Heilsgeschichte bekommen. "Rettungsroutine Gottes" meint, dass Gott nicht mit seinem Volk abgeschlossen hat, dass er es nicht einfach so seinem Schicksal überlassen kann, bei aller Freiheit, die er ihm immer wieder auch lässt.
Die Heilige Schrift weiß viel darüber zu erzählen, wie Gott hilfreich in das Geschick seines Volkes und einzelner eingreift. Immer wieder. Doch mit Jesus Christus, seinem Sohn, hat er ein für alle Mal der Welt und den Menschen Heil und Erlösung geschenkt. Jesus Christus ist der Retter, der Messias. So bekennen wir es in unserem Glauben.
"Nach christlicher Überzeugung hat Gott sich in Jesus auf unüberbietbare Weise offenbart und den Menschen einen Weg gezeigt, der zu einem geglückten Dasein führt. Das und nichts anderes ist mit Erlösung gemeint. Diesen Weg aber hat Jesus nicht nur gewiesen, sondern ist ihn auch selber gegangen." (Imbach, Josef, Hört der Engel helle Lieder. Brauchtum und Betrachtungen zur Advents- und Weihnachtszeit, S 93)
Jesus weist uns den Weg zu einem geglückten Dasein. Und er macht es uns vor, wie das geht.
Glücklich sein, das eigene Leben als sinn- und wertvoll erfahren, das ist die Triebfeder, die Motivation für unser Leben. Jesus selbst ist das Wort, das uns dazu den Weg in die richtige Richtung weist. "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." haben wir im Evangelium gehört. Dieses Wort, nämlich Jesus selbst, Wohnung geben, auf dieses Wort sich einzulassen, daran Maßstab zu nehmen, das persönliche Leben immer wieder neu daraufhin auszurichten, das bleibt die konkrete Aufgabe jedes einzelnen Christen.
Herr Jesus, was willst du, dass ich tue?
Herr Jesus, hilf' mir in dieser Entscheidung?
Herr Jesus, was würdest du sagen?
Dann bleibt er nicht fern von mir, irgendwo, abseits jeglicher Realität, sondern dann ist er, der Erlöser und Retter, mitten unter uns und mitten in meinem Leben. Ja, vielleicht sogar auch Mitte meines Lebens?
Große Theologen haben versucht, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes mit vielen Worten und langen Sätzen zu beschreiben und zu begreifen. Karl Rahner, der große Konzilstheologe, hat es - so meine ich - mit erstaunlich wenig und schlichten Worten auf den Punkt gebracht:
"Gott hat sein letztes, tiefstes, schönstes Wort
im fleischgewordenen Wort
in unsere Welt hineingesagt.
Und dieses Wort heißt:
Ich liebe dich, du Welt, du Mensch.
Ich bin da.
Ich bin bei dir.
Ich bin dein Leben.
Ich bin deine Zeit.
Ich weine deine Tränen.
Ich bin deine Freude." (Karl Rahner)
So einfach und doch zugleich wunderbar kann die Weihnachtsbotschaft sein. Wenn sie doch auch nur jene erreichen könnte, die Weihnachten nicht oder nicht mehr feiern können.
Dass wir Weihnachten feiern können, ist ein Geschenk, das wir sorgsam auspacken und behüten sollten. Damit es nicht verkommt, sondern im Gegenteil: unser Leben hell macht und erfüllt. Christ, der Retter, ist da! , mögen wir nicht allein in der Heiligen Nacht aus vollem Herzen singen können.
Für mich ist heute noch Advent. Warum? Ich kann Gott noch nicht von Angesicht zu Angesicht sehen. Aber Weihnachten sagt mir: Gott kommt mir in dieser Welt als Mensch entgegen. Welch eine Ehre! Welch eine Auszeichnung! Gottes Sohn steigt herab, um mich mit dem Lift in den höchsten Himmel zu führen.
Da frage ich mich, wer bin ich eigentlich, dass Gott so Großes an mir tut? Da frage ich mich aber auch, warum ziehe ich den Nächsten in den Dreck, warum spreche ich oft nur von seinen schlechten Seiten? Warum sprechen wir Christen nicht von dem, was Gott Großes an uns tut? Wenn ich einen Menschen auf dem Sterbebett sehe, denke ich mir: der Mensch ist aus sich nichts, Ohnmacht pur.
Aber in der weihnachtlichen Gegenwart des Herrn darf jeder Mensch aufblühen. Gott hat sich inkarniert, hat sich eingefleischt. Er teilt mit uns Freud und Leid, aber auch den Tod. Er lässt uns teilhaben an seinem Leben, damit auch wir auferstehen. Er nennt uns nicht mehr Knechte, sondern Freunde. Mit der Menschwerdung Gottes ist Christus unser Bruder geworden. Höher geht es nicht mehr. Daher sind wir nur ein wenig unter Gott gestellt (vgl. Ps 8). Weihnachten ist daher für mich ein größeres Wunder als die Erschaffung der Welt. Mit diesem Fest setzt Gott einen radikalen Neuanfang.
O, mögen doch alle Menschen vor diesem Gott niederfallen und ihn anbeten. Dieser Gott lässt unsere Sorgen vergessen, weil er uns berührt. Die deutsche Schriftstellerin Nelly Sachs (1891-1970) fragt den Höchsten: "Fing nicht deine Menschwerdung mit der Sehnsucht nach dem Menschen an?" Mit Weihnachten macht das Leben Sinn, macht uns Gott zu seinen Söhnen und Töchtern. Weihnachten führt uns ins Licht. Denn Gott traut sich uns auf ewig an. Er lässt seine Liebe und seine Herrlichkeit über uns aufgehen.
Professor Jozef Niewiadomski schrieb im "Tiroler Sonntag" (vom 20./27. Dez. 2012, S. 28), dass Gottes Sohn in meinen und der Menschen Saustall kommt, um ihn sauber zu machen. Er nimmt unsere Schande hinweg, gibt uns wie dem verlorenen Sohn einen Ring und ein hochzeitliches Gewand. Damit wir Menschen nicht ins Gericht kommen, heftet er unseren Schuldschein an sein Kreuz. Ich brauche mich vor Gott nicht mehr fürchten. Denn der erste, der den Weg zum Himmel fand, war ein Verbrecher, der rechte Schächer. Gottes Sohn ist die menschgewordene Liebe, damit wir uns in seinem Lichtkegel ändern können. Weihnachten ist ein Fest der Hoffnung, der Vergebung, der Zuversicht. Höre und staune: Durch die Menschwerdung Christi soll die ganze Welt verwandelt werden und ihr die Vergänglichkeit genommen werden.
"Die ganze Schöpfung soll das Kleid Christi anziehen", sagt der Diakon Ephräm, der Syrer, der im 4. Jahrhundert gelebt hat. Damit bekommt Weihnachten einen ganz tiefen Sinn: Das Unfertige in der Welt wird durch Christus vollendet, aber nicht auf Knopfdruck. Gott will sich mitteilen, sich verströmen, weil er die Liebe ist. Wir dürfen die Unvollkommenheiten der Welt und unsere Begrenztheiten annehmen, weil Gott die ganze Schöpfung mit seiner Herrlichkeit erfüllen wird. Ich brauche nicht alles tun, nicht perfekt sein, weil Christus alles gut macht: Die Kranken werden gesund, Blinde sehend und Aussätzige rein. Gott ist Mensch geworden, um alle unsere Tränen abzuwischen (Offb 21,4). Er will mit uns den Weg der Gnade, der Freundschaft und der Liebe gehen.
Weihnachten ist das größte Wunder. Es hört nie auf. Es setzt sich durch alle Jahrhunderte fort. Die Liturgie ist nichts anderes als ständige Weihnacht. Der Anfangstext des Liedes "Alle Jahre wieder kommt das Christuskind" ist daher nicht richtig.
Gott wird Mensch in jeder Eucharistiefeier. Christus steht vor unserer Tür und bittet um Einlass. Wir nehmen ihn auf und geben ihm Herberge. Daher betonen die Mystiker, dass es auf die Geburt Gottes in uns ankommt. Für C. G. Jung ist die Gottesgeburt im Menschen das Ziel der menschlichen Selbstwerdung. Wenn Gott im Menschen geboren wird, dann kommt er von dem kleinen Ich weg zu seinem eigentlichen Wesen, zum Selbst. Das Menschliche ist immer auf das Göttliche hingeordnet. Die Gottesgeburt in uns verwandelt den ganzen Menschen.
Die selige Elisabeth von der Dreifaltigkeit sagt: "Der Himmel ist in dir. Und suche ich ihn woanders, finde ich ihn nicht". Welch ein Wunder: Bethlehem ist in mir. Lasst uns Gott preisen und danken. Lasst uns anbeten den Herrn, der so Großes an uns tut.
Es ist an diesem Heiligen Abend spät geworden - oder früh. Es ist Nacht. Draußen. In unserer Kirche aber haben wir Kerzen angezündet. Sie verbreiten einen hellen Schein. Ihr Licht ist warm. Es ist schön, in der Nacht das Licht zu sehen. Aber um uns herum sehen wir das Dunkle. Im Dunkeln verschwindet so mancher Umriss. Auch so manches Gesicht. Wir singen Weihnachtslieder. Wir besingen die stille Nacht. Aber so ganz still ist es nicht einmal in uns. Manche Gedanken lassen sich nicht abstellen. Sie sind da. Vielleicht sogar drohend, verletzend, ohne Punkt und Komma. Es ist an diesem Heiligen Abend spät geworden - oder früh. Wir erwarten einen neuen Tag. Weihnachtstag.
In unseren Weihnachtsliedern wird immer wieder und mit vielen Wendungen das Licht besungen, das aufgeht. Ein neuer Tag beginnt, ein neuer Zeitabschnitt, ein neues Leben. Wir rechnen sogar die Jahrhunderte und unser eigenes Leben "nach Christi Geburt". Anno Domini: Jahr des Herren.
So singen wir heute Nacht von einem aufgehenden Licht, von Morgenglanz - und davon, dass es tagt. Wir können nachher sogar sehen, dass der Morgen graut. Am Horizont macht sich der Tag breit. Langsam. Unaufhaltsam. Wir können zuschauen. Den Mantel hochgezogen.
Jochen Klepper schreibt 1937 in einer für ihn sehr schweren Zeit - er hatte eine Jüdin geheiratet, die zwei Töchter mit in die Ehe brachte - ein "Weihnachtslied". So der schlichte Titel. Das Lied drückt ein großes Vertrauen aus. "Die Nacht ist vorgedrungen". Und:
"Und wer zur Nacht geweinet, der stimmet froh mit ein: der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein".
Angst und Pein. Vielleicht auch morgen. Ja. Aber es ist ein Übergang zu sehen. Altes wird zurückgelassen, Neues beginnt. Wir hören die Engel mit ihrer Botschaft, die alles hell macht, wir sehen die Hirten noch in der Nacht aufbrechen, wir sehen gar die Weisen aus dem Morgenland ziehen: Sie bringen die große Welt mit, Wissenschaft und Klugheit dazu.
So ist in dieser Nacht alles in Bewegung. Sogar der Himmel, sonst verschlossen und undurchdringlich, scheint die Lichtfülle nicht mehr bändigen zu können. Die Worte nicht,
auch die Hoffnungen nicht. Nein, in dieser Nacht können wir nicht in der Nacht bleiben.
1880 schreibt Emil Quandt:
Mit den Hirten will ich gehen,
meinen Heiland zu besehen,
meinen lieben heilgen Christ,
der für mich geboren ist.
Der Liederdichter, von Beruf Textilfabrikant, spricht von "meinem Heiland", "meinen lieben heilgen Christ" - und macht sich mit den Hirten auf den Weg. Nicht eine vergangene Geschichte wird erzählt oder besungen - es ist meine Geschichte. Mein Weg. Meine Aussicht: "der für mich geboren ist".
Das Zauberwort von Weihnachten ist: gehen. Ich will gehen. Zunächst eine ungewohnte Perspektive, sitzen wir Weihnachten doch über längere, womöglich lange Zeit, an reich gedeckten Tischen. Die Klage, zu viel gegessen, zu viel getrunken, zu viel gesessen zu haben, gleicht einem weihnachtlichen Ritual. Zumindest in den meisten unserer Kreise.
Gehen kommt dann geradezu einer Befreiung gleich.
In der zweiten Strophe lässt sich der Liederdichter Quandt von den Engeln anfeuern:
Mit den Engeln will ich singen,
Gott zur Ehre soll es klingen,
von dem Frieden, den er gibt,
jedem Herzen, das ihn liebt.
Es sind einfache Worte. In ihnen klingen die Worte der Engel, andererseits darf ich meine eigene Stimme, meine eigene Melodie finden. Mit meinem Herzen, das ihn liebt. Das ist dann mehr als ein Ritual, entzieht sich auch vorgegebener Formen. Mit den Engeln will ich singen! Ich!
Interessant ist das schon: Während im Weihnachtsevangelium zuerst die Engel singen und dann die Hirten gehen, hat der Liederdichter die Geschichte umgedreht. Zuerst kommt der Aufbruch, dann der Gesang. So sehr hier eine moderne Lebensauffassung sichtbar wird, so sehr wird auch betont, dass wir Zeugen eines Wunders sind.
In dem Weihnachtslied von Quandt heißt es:
Mit Maria will ich sinnen
Ganz verschwiegen und tief innen
über dem Geheimnis zart:
Gott im Fleisch geoffenbart.
Jetzt kommen wir als Menschen zur Ruhe. Haben wir nicht auch im Evangelium gehört, dass Maria "alle diese Worte in ihrem Herzen bewegte"? Alles, was sie gehört hat: von den Engel und von den Hirten. Jetzt darf ich mit Maria sinnen - oder: dem Geheimnis Gottes nachspüren, dass er sich als Mensch offenbart. Mein Fleisch, mein Blut. Der Dichter weiß, dass er mit menschlichen Worten an seine Grenzen kommt - er kann nur, "ganz verschwiegen und tief innen" Gott nahe kommen.
Und wieder einmal mehr: Mit Maria. Sie wird zu einer lieben Gefährtin. Zu meiner Gefährtin. Ich bin mit ihr zusammen. Darf, soll ich das als Weihnachtsgeschenk bezeichnen? Ein größeres wüsste ich jetzt nicht.
Überhaupt: Immer wieder heißt es in diesem Lied: mit. Mit den Hirten gehen. Mit den Engeln singen. Mit Maria sinnen. Es sind Worte, die auf vielfältige Weise Bewegungen nachzeichnen - meine Bewegung. Auch meine Bewegtheit. Ich bin bewegt. Ich werde bewegt. In dieser Nacht können wir nicht in der - Nacht bleiben. Nicht allein. Nicht jeder für sich. Mit den Hirten, mit den Engeln, mit Maria - miteinander gehen, singen und sinnen. Alles ist in Bewegung. So eine Nacht gibt es kein zweites Mal!
Es ist spät geworden. Oder früh. Manch einer schaut schon auf die Uhr. Hört er nicht bald auf? Ja, meine Predigt soll jetzt ein Ende haben. Das Geheimnis von Weihnachten feiern wir gleich in der Eucharistie. Eine große Danksagung! In dieser Nacht gedenken wir der Menschwerdung Gottes. Wir feiern seine Menschlichkeit. Wir freuen uns, dass er einer von uns geworden ist, unser "Gesell". Alle, die uns im Glauben vorausgegangen sind, feiern mit. Nicht nur Hirten und Engel.
Mit dir selber, mein Befreier,
will ich halten Weihnachtsfeier;
komm, ach komm ins Herz hinein,
laß es deine Krippe sein.
Frohe und gesegnete Weihnachten!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus
unserem Herrn.
Was ist der Mensch? Wer sind wir selber? Man mag versucht sein, spontan zu denken: was soll so eine Frage? Nichts ist doch klarer als das. Der Mensch ist, was wir selber sind; das, was jede und jeden von uns zu etwas ganz Persönlichem und Einmaligem macht. Nichts ist uns vertrauter und bekannter als wir uns selbst.
Und dennoch fragen wir uns immer wieder: wer bin ich eigentlich? Wie weit bin ich so, wie ich selber gerne sein möchte? Warum ist mein Leben gerade so verlaufen und nicht ganz anders? Warum gibt es in meinem Leben so viele Ungewissheiten und gerate ich in Situationen, die ich unbedingt hätte vermeiden wollen? Wie kann es geschehen, dass ich manchmal sogar vor mir selber erschrecke? Wir sind uns selber immer auch ein ganzes Stück weit fremd und ein Rätsel.
Ähnlich ergeht es uns mit den Mitmenschen. Da gibt es welche, von denen wir meinen: die kenne ich durch und durch; die können mir nichts mehr vormachen. Und dennoch geschieht es immer wieder, dass wir gerade von einem solchen Menschen sagen müssen: der hat mich jetzt total überrascht. Alles hätte ich von dem erwartet; nur nicht das. Gegenseitige Vertrautheit und Übereinstimmung sind nie garantiert. Deshalb geschieht es auch immer wieder, dass gerade auch Menschen auseinander gehen, die einander sehr nahe gestanden sind und sich bis ins Intimste hinein gekannt hatten.
Umgekehrt kann es geschehen, dass Menschen, die auf Distanz gegangen sind, vielleicht sogar nichts mehr voneinander wissen wollten, doch plötzlich wieder Zeichen von Verbundenheit austauschen; es kann geschehen, dass Menschen, die einander abgeschrieben hatten, doch wieder zueinander finden und sich versöhnen.
Was ist der Mensch? Wer sind wir selber? Offenbar ist es nicht so einfach, eine griffige Antwort zu finden. Der Mensch ist sich selber gleichzeitig vertraut und unvertraut; er steht in Übereinstimmung mit sich selbst und ist sich doch ein Stück weit fremd. Wir sind uns gegenseitig zugleich nahe und entfernt, einander zugetan und abgewandt; wir leben innigste Gemeinschaft und erleben ebenfalls lähmende Einsamkeit.
Diese seltsamen Spannungen führen oft zu einem Gefühl von Ungewissheit; sie vermitteln den Eindruck, wir Menschen seien unentwegt auf der Suche nach etwas, das wir nie ganz einholen können; sie vermitteln den Eindruck, unser Leben sei und verbleibe in der Schwebe zwischen Gelingen und Misslingen und nie würden wir ganz verwirklichen können, was uns das Wichtigste ist: wir möchten ganz Mensch, wir möchten ganz uns selber werden. Aber genau das können wir offensichtlich aus uns heraus nicht.
Wir können es. Wir können es ganz und gar trotz aller Spannungen und Ängste und offenen Fragen. Genau dafür steht das Fest, das wir heute feiern. Es ist ja das Fest der Menschwerdung. Weihnachten verkündet in seinem christlichen Kern nur eines: In Jesus ist Gott selber ganz Mensch geworden, damit unser Menschsein ganz gelingen kann. Das geschieht allerdings auf eine Weise, die unsere menschlichen Horizonte total sprengt.
Mit Jesus wird der Gott Mensch, von dem das Evangelium sagt, er sei das Wort, das von Anfang an bei Gott war und durch das alles erschaffen wurde. Mit Jesus wird also der Gott Mensch, der Ursprung und Fundament ist von allem.
Mit Jesus wird der Gott Mensch, von dem das Evangelium sagt, er sei das Licht, das in jede Finsternis hinein leuchtet. Mit Jesus wird also der Gott Mensch, der all das überwindet, was dunkel, böse und verfehlt ist in unserem Leben.
Mit Jesus wird der Gott Mensch, von dem das Evangelium sagt, er gebe allen, die ihn aufnehmen, Macht, Kinder Gottes zu werden. Mit Jesus wird also der Gott Mensch, der uns Menschen als seinesgleichen annehmen und zu einer Vollendung führen will, die alles übersteigt, was wir uns vorstellen und erträumen können.
Wenn es so ist, dann muss doch Gott selber vom Menschen unendlich groß denken. Der Mensch muss dann für Gott so kostbar sein, dass eben er selber Mensch wird, dass Gott selber sich zu dem macht, was wir Menschen sind und immer mehr und besser sein möchten.
Wenn es so ist, dann dürfen wir unser Leben voll Vertrauen in die Hand dieses Gottes legen. Wenn nämlich Gott selber Mensch wird, dann laufen wir mit unseren Erwartungen und offenen Fragen nichts ins Leere; wenn Gott selber Mensch wird, dann bleiben die Ungereimtheiten und Spannungen unseres Lebens nicht in der Schwebe dauernder Ungewissheit; wenn Gott selber Mensch wird, dann ist alles, was unser menschliches Leben mit sich bringt, gerade auch das, was wir nie ganz zusammenbringen, von ihm angenommen und bejaht und deshalb auf einem Weg, der zu Gelingen und Glück führen kann. Gottes Menschwerdung ermöglicht es uns, dass wir selber ganz Mensch werden können, dass wir ja sagen können zu uns selbst und unserem ganzen Leben trotz allem, was es an Begrenzungen, an Brüchen und Abgründen geben mag.
An Weihnachten dürfen wir darum dankbar aus dem Glauben heraus das bekennen, womit das heutige Evangelium schließt: "Wir haben Gottes Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit".
Darf ich Sie zu einem Festmahl einladen? Drei Gänge! Sie sind noch satt von gestern? Sie würden sich aber etwas entgehen lassen. Also: zur Vorspeise gibt es zur Vorfreude einen Happen Hoffnung, zum Hauptgericht ein Engels-Menü und dann als Dessert das leuchtende Wort. Etwas kann ich Ihnen auch versprechen: Dieses köstliche Gericht wurde bisher noch in keiner Fernsehsendung angerichtet, ist aber auch nicht schwer. Das Rezept ist ganz einfach. Die Zutaten sollen nur ganz frisch sein.
Das Rezept für die Vorspeise ist von Jesaja . Lange ausprobiert hat er es auch. Dann hat er sie fein angerichtet Menschen serviert, denen der Appetit, gar die Lebensfreude schon lange vergangen war. Wenn ein Mensch am Ende ist, wenn es keinen Lichtschimmer in der Ferne gibt - dann schmeckt das Essen nicht mehr. Die Bissen bleiben im Hals stecken. Die Zunge ist trocken. Was macht Jesaja? Er weckt erst einmal den Hunger. Die Lust auf einen neuen Anfang. Den Mut zur Hoffnung:
"Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems!
Denn der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem.
Der Herr macht seinen heiligen Arm frei vor den Augen aller Völker.
Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes."
Vorspeisen sind klein. Sie sollen auch noch nicht satt machen. Sie schmeicheln aber der Zunge. Sie sind wie ein Versprechen: Gleich kommt mehr. Eine große Freude kündigt sich an. Gott selbst wird kommen! Er wird sich der Menschen annehmen, die das Lachen verlernt haben, für die das Leben zu einer Ruine geworden ist, die von einer großen Traurigkeit heimgesucht werden. Ein schönes Bild: Gott krempelt seine Ärmel auf - vor den Augen der ganzen Welt. Und dann sieht man ihn Zupacken. Aus Ruinen macht er Paläste. Aus verzagten Existenzen glückliche Menschen. Aus verkorksten Geschichten bezaubernde Träume. So gut schmeckt die Vorspeise. Jetzt hat Jesaja sie mir hingestellt. Ich bin jetzt dran!
Dann kommt das Hauptmenü. Das Rezept kommt von einem unbekannten Meister. Nicht einmal seinen Namen kennen wir. Nur, dass er "Hebräer" heißt. Auf seiner Karte steht: Engels-Menü. Erst bin ich irritiert: Ein Rezept von Engeln? Ein Rezept für Engel? Aber dann verstehe ich:
"...er - Jesus - ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines - Gottes-Wesens;
er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt;
er ist um so viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt."
Gewiss, Gott hat sich auf vielerlei Weise geäußert und offenbart, mal ganz laut, meistens aber ganz leise, viele Menschen sind ihm begegnet. Aber dann, als es nicht mehr anders ging und die Zeit reif war, ist Gott den Menschen so nahe gekommen, dass sie ihn als einen der ihren ansehen konnten. Wir sehen ein menschliches Gesicht, auf ihm aber die Herrlichkeit, die Größe, die Schönheit Gottes! Jetzt liegt auf jedem menschlichen Gesicht ein besonderer Glanz. Auch auf gezeichneten, gefurchten und verzerrten Gesichtern. Auf Gesichtern, die Geschichten erzählen und verbergen. Auf Gesichtern, die lachen und leuchten.
Aber ein Gesicht fällt heute auf: Es ist Gottes Gesicht für uns. Wir sehen es in der Krippe liegen. Das Gesicht eines Kindes. Zerbrechlich. Aber die ganze Welt wird von ihm angelacht - und die Sterne, der Mond, die Sonne - eben das All - geben sein Leuchten zurück. In seinem Glanz lösen sich Schuldverstrickungen, werden Sünden vergeben, treten Menschen aus dem Schatten heraus: dann können wir neu anfangen. Dann wird die ganze Welt neu! Gott fängt mit uns seine Geschichte neu an. Mit mir! Ich bin weder vorbereitet noch besonders gut für diesen Job. Aber der, der so viel erhabener geworden ist als die Engel, vertraut mir die Worte der Engel an: Siehe, ich verkündige euch eine große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren ... Und wir hören die vielen Engel: Ehre sei Gott in der Höhe - und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.
Hauptgerichte brauchen ihre Zeit. Zu Weihnachten besonders. Wir erzählen. Von früher. Von morgen. So manche Sorge kommt hoch, so manche Angst ringt um Worte - und so manche Enttäuschung birgt Konfliktpotential - aber bei einem guten Essen können die alten Geschichten eine wundersame Wendung bekommen. Engels-Menü! Ein Rezept von Engeln? Für Engel?
Krönender Abschluss ist eine besondere Kreation - sozusagen den Höhepunkt des festlichen Schmausens. Das Rezept ist von Johannes. Sein Dessert kommt wie ein leuchtendes Wort!
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen."
Worte faszinieren mich. Es gibt so schöne Worte. Sie fallen wie Licht in mein Leben. Sie machen mich schön. Sie machen mich reich. Sie machen mich groß. Schöner, reicher und größer als die vielen Dinge, auf denen ich mein Vertrauen setze - oder die mich auch gefangen nehmen. Wie das klingt! Ich habe dich lieb! Ich stehe zu dir! Ich glaube an dich!
Sein - Gottes - erstes Wort ist: es werde Licht. Sein zweites: Werde du Licht. Sein drittes: Ich bin bei dir. Ich gehe mit. Was Johannes so kunstvoll und schön in kleine Sätze gepackt hat, gleicht einem Gedicht: "Alles ist durch das Wort geworden" - ich auch.
Schöpferisch, liebevoll, aber auch aufmüpfig und herausfordernd kommt Gott zu Wort - und zur Welt. Aber wenn er redet, wird die Welt neu. Wir entdecken: Neue Gedanken. Neue Köpfe. Neue Herzen. Kaum zu glauben, wie mächtig das Wort ist! Es verwandelt meine Welt, stiftet Frieden, schenkt Versöhnung. Von ihm heißt es: "in ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen".
Heute ist Weihnachten. Ein großes Fest. Wir sind eingeladen, uns an einen gedeckten Tisch zu setzen. Nach köstlichen Rezepten - von Jesaja, dem "Hebräer" und Johannes - wird ein Dreigänge-Menü ausgerichtet. Damit unsere Sehnsucht einen Ort bekommt. Damit die Sehnsucht vieler Menschen ernstgenommen wird. Damit die Gewissheit wächst, dass Gott "zuletzt" geredet hat, also das letzte Wort hat. Wir haben Zukunft vor uns:
"Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben."
Ich glaube, jetzt sind wir doch wieder bei den Engeln...
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne,
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Vor einigen Tagen wurde im Rundfunk eine Straßenbefragung ausgestrahlt. Der Interviewer fragte zwei Passanten, ob sie denn wüssten, wie das in einer Krippe geborene Kind von Josef und Maria hieße. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und lautete zu meiner Verwunderung: "Josef II. oder Lukas!" Mag sein, dass diese Antwort Resultat starker Nervosität und nicht eklatanten Unwissens ist. Ich kann mich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass immer weniger Menschen wissen, warum überhaupt Weihnachten gefeiert wird. Der Festcharakter von Weihnachten hat sich gewandelt, wenn nicht gar mancher Orts verflüchtigt, und ist facettenreicher geworden. Die Palette erstreckt sich vom mehr oder weniger harmonischen Familienfest, zum Fest des maßlosen Konsumierens, bis hin zum Fest der zermürbenden Einsamkeit.
Weshalb es zu einem solchen Wandel gekommen ist, hat bestimmt unterschiedliche Ursachen. Bei genauerer Betrachtung dieses Facettenreichtums meine ich jedoch einen wandlungsresistenten Faktor ausmachen zu können. Es ist die Ursehnsucht des Menschen nach bleibendem Glück und nie versiegender Freude. Warum haben viele zu Weihnachten den Wunsch nach einem glücklich machenden Familienfest oder nach ein paar Stunden der Wellness und des Genießens bei wohligen Temperaturen in der Karibik? Diese Ursehnsucht nach "Glückseligkeit" ist uns immanent. Wer aber vermag diese Sehnsucht zu stillen? Genügen allein innerweltliche Gegebenheiten, um diese Sehnsucht zu stillen, oder muss erst etwas Himmlisches, ja Göttliches in unsere Welt einbrechen?
Die in den vergangenen Wochen vorgetragenen Lesungen thematisierten diese Ursehnsucht. Sie richteten unsere Augen zum Himmel. Von dort kommt die Erfüllung! Und der Prophet Jesaja ruft uns zu "Brecht in Jubel aus, jauchst alle zusammen!" und bezieht sich dabei auf das von Gott kommende Heil, das diese Ursehnsucht stillt. Was die Propheten erhofft haben, hat sich in Jesus Christus erfüllt. Mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes, brach Himmlisches in unser irdisches Dasein ein. Himmel und Erde haben einander berührt.
Der Evangelist Johannes drückt das so aus: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt!" Diese zentrale Aussage findet sich auch im großen Glaubensbekenntnis und meint, Gott ist wirklich einer von uns geworden. Früher war es üblich, sich beim Aussprechen dieser Worte nieder zu knien. Durch diese kleine Zeichenhandlung wird das mündliche Bekenntnis unterstrichen. Der Gläubige vollzieht durch das Kniebeugen den Prozess der Menschwerdung Gottes körperlich nach und nimmt dann, so zu sagen als Resultat dieses Vollzugs, eine Haltung des Staunens, der Ehrfurcht und der Anbetung ein. Er tut es den Hirten und Königen an der Krippe gleich, die in ihrer knienden Haltung nicht anderes ausdrücken als die persönliche Betroffenheit angesichts des Mysteriums der Geburt Christi.
Dass Gott Mensch geworden ist, übersteigt unser Denken. Schon in den ersten christlich geprägten Jahrhunderten gab es Strömungen, die die Sohnschaft Jesu vehement bestritten und leugneten. So lehrte der Arianismus, Jesus sei nicht Gottes Sohn gewesen, sondern nur ein Geschöpf Gottes oder der Doketismus meinte, Jesus habe bloß einen Scheinkörper gehabt, keinesfalls aber einen wirklich physischen Körper.
Diese beiden Auffassungen zeigen, wie schwer wir uns tun, die immer ein Geheimnis bleibende Botschaft von Weihnachten in ihrer Radikalität und, aus rein menschlicher Sicht betrachtet, in ihrer Unvernünftigkeit anzuerkennen und anzunehmen. In der Geburt Jesu findet die Ursehnsucht des Menschen nach Glück ihre Erfüllung. Gott macht uns seinen Sohn zum Geschenk. An uns liegt es, dieses Geschenk anzunehmen und uns von ihm ergreifen zu lassen. Wer die Faszination dieses Geschenkes entdeckt, wird mehr und mehr die Erfahrung machen, dass es seine Ursehnsucht nach Glückseligkeit zu stillen vermag; denn diese Glückseligkeit wird dort gestillt, wo Erde und Himmel einander begegnen oder anders ausgedrückt, wo Gott Mensch wird und des Menschen Herz berühren darf.
Zum Fest der Geburt Jesu wünsche ich Ihnen die innere Haltung des gläubigen Stauens, der wohltuenden Ehrfurcht und der beglückenden Anbetung. Lassen Sie das Geheimnis der Menschwerdung Gottes auf sich wirken und ihr Herz mit dem Himmlischen in Berührung kommen.
So kann auch nur Johannes ins Haus fallen:Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Die Worte überschlagen sich fast, verknoten sich in einander. Ich verstehe, warum Johannes von den Menschen früher als Adler vorgestellt wurde - weiter Blick, scharfes Auge - und dann: Sturz in die Tiefe. Der ist dann auch gelungen. Nur ich stehe ratlos, fassungslos da. Mir fehlen die Worte.
Heute ist Weihnachten. Aber erzählt Johannes eine Weihnachtsgeschichte? Es tauchen keine Engel am nächtlichen Himmel auf, Hirten lagern nicht auf den Feldern - nicht einmal ein Stall ist zu finden. Weder in Bethlehem noch sonstwo. Wer den Stern sucht, sucht ihn auch vergebens. Es macht sich auch keiner auf, die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist - wie Lukas so fein und schön beschreibt.
Johannes holt dafür weit aus. Sein Blick richtet sich auf den Anfang. Auf den Anfang von allem. Wo wir, meistens gedankenlos, von einem Urknall träumen, lässt er uns Liebe sehen, die Liebe Gottes: eine schöne Schöpfung, ganz in Licht getaucht - und Lebensmöglichkeiten, Wege, Perspektiven. Nein, Johannes ist zu klug, um den Anfang in der Vergangenheit zu suchen. Was wissen wir denn, wenn wir den Anfang mit Milliarden Jahren zudecken?
Paul Gerhardt, ein Liederdichter, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges gesehen hat, fand eigene Worte für den Anfang:
Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.
Ich sehe meine eigene Lebensgeschichte lange vor meiner Geburt beginnen. Wort für Wort erschließt sich mir ein Geheimnis: "mir geboren", "mir zu eigen gar", dann gesteigert: " wie du mein wolltest werden". Weihnachten: mein Geburtstag, mein Anfang, mein Leben.
Es ist tatsächlich so: Wer das Licht der Welt erblickt, dem wird die Schöpfung ganz neu geschenkt. Für ihn gibt es den ersten Tag, das Licht - ihm wird aber auch der siebte Tag geschenkt, die Ruhe, der Schabbat. Hier noch gekrönt mit einem Wort aus der himmlischen Liebeslyrik: "wie du mein wolltest werden". Nur Verliebte wagen so zu sprechen.
Johannes schenkt uns sozusagen eine Begegnung mit dem Schöpfer, der mit seiner Liebe einen neuen Anfang macht. Mit Menschen, die Leben verlieren, Zukunft verspielen, schuldig werden, Angst haben und Angst machen.
Paul Gerhardt dichtet:
Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen.
Ich sehe das Licht, ich spüre die Wärme. Das Wort, von dem Johannes so viel zu sagen weiß, geht mir als Sonne auf. Ein wunderschöner Klang: Licht, Leben, Freud und Wonne. Fast ein wenig versteckt, aber dann geradezu übermächtig: mir zugebracht.
Weihnachten wird so auch zu einer Gelegenheit, einmal hinter den Stall zu gehen. Ob die Schritte gut tun? Hinter jedem Stall ist die Welt groß, alltäglich, nicht geschmückt - mal braun wie die Erde, mal grün wie die Weide - mal vom Regen aufgeweicht, mal einer Blumenwiese gleich. Wenn die Sonne aufgeht, wacht auch im Stall das Leben auf, geht sie unter, beginnt in ihm die Nacht.
Johannes hat ein großes Gedicht über die Kraft des Wortes geschrieben, über die Schöpfung - und über jeden neuen Anfang. Gott hat seine großen Seiten in ein Wort gelegt, ihm eine Stimme gegeben, ein Gesicht, ein Lächeln. Jesus. Wie schön sind seine Strahlen!
Heute ruhen die Tagesordnungen. Kein Gremium tagt. Wir spielen Weihnachtsfrieden.
Aber wenn wir die letzten Wochen und Monate noch einmal überfliegen, kommen uns große Reden und leere Worte unter. Nachrichten, die alles ertragen mussten, sogar das Schweigen. Träume, die platzten wie Seifenblasen.
Es gibt einen neuen Armutsbericht - mit verheerenden und verstörenden Blicken auf Kinder, wir hören von Terror, Verfolgung und Angst,
wir hören auch von Rettungsaktionen, in denen sich die Milliarden nur so überschlagen.
Auf einmal ist Geld da. Aber Licht, Leben, Freud und Wonne?
Wer einen Ein-Euro-Job hat, von Hartz IV lebt oder gerade auf Kurzarbeit geschickt wird, wenn nicht gar in die Arbeitslosigkeit, traut den großen Worten nicht über den Weg. Wir haben sogar das Unfassliche vernommen, dass den Banken das Vertrauen zueinander abhanden gekommen ist.
Offen ist sowieso, wer die Zeche zahlt, gewiss nur, dass es die falschen sein werden: unsere Kinder, die Menschen in Entwicklungsländern, die Leute, die sich nicht wehren können. Geredet wird viel. Aber es wird nicht hell.
Eine Idylle war die Weihnachtsgeschichte noch nie,
Wer den Heiligen Abend nicht aushält, stellt die Schnapsflasche auf den Tisch.
Wer seine Erinnerungen nicht erträgt, sucht Streit.
Wem die Worte fehlen, dem geht auch kein Licht auf.
Ich kenne viele Geschichten, die in Tränen enden.
Geredet wird dann gar nicht. Aber es wird immer dunkler.
Johannes weiß von den unzähligen Anfängen im Leben eines Menschen, von der Dunkelheit, die unsere Schritte umgibt, aber auch von dem Licht, das sogar die Blindgeborenen zu sehen bekommen.
Johannes bringt sozusagen das ganze Evangelium auf den Punkt:
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
Die großen Gelehrten und Dichter sind dem Geheimnis des Wortes nachgegangen. Worte können einen Menschen aufleben lassen, Worte können ihn vernichten - Worte können die Welt aufschließen, Worte können sie zuschütten. Aber dass das Wort Fleisch wird - das sprengt selbst das Wort.
Das Wort, das Licht schafft, geht in die Dunkelheit ein.
Das Wort, das ewig ist, lässt sich gefangen nehmen.
Das Wort, das Leben verheißt, nimmt den Tod an.
Den Anfang feiern wir zu Weihnachten. Gott liefert sich der Welt aus, teilt ihre Abgründe, teilt ihr Schönheiten. Er fängt sogar so an, wie jeder Mensch: als ein Kind. Dass ein Kind die ganze Welt mit seinem Wort hält - gibt der Welt Hoffnung und Glanz.
So kann auch nur Johannes ins Haus fallen:
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Die Worte überschlagen sich fast, verknoten sich in einander. Aber ich verbinde mein Leben mit ihnen. Ich verstehe, warum Johannes von den Menschen früher als Adler vorgestellt wurde - weiter Blick, scharfes Auge - und dann: Sturz in die Tiefe.
Der ist dann auch gelungen.
Das Wort kommt zu mir.
Frohe Weihnachten!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
In einem Gedicht, das die Überschrift "Geburt Christi” trägt, fragt Rainer Maria Rilke den Leser "Hast du ihn dir größer vorgestellt?" Es bedarf, wie Rilke weiter sagt, der "Einfalt", um das zu begreifen, was in dieser Nacht geschehen ist. Das ist ja wohl die immer neue Herausforderung unseres Glaubens, zu sehen, dass Großes so klein werden kann. Und weiter sagt Rilke in diesem Gedicht "Gott macht sich mild". Vor dem Geheimnis der Weihnacht stehen wir immer wieder staunend und bemühen uns zu begreifen, wie denn das sein kann, dass der große Gott ganz klein werden kann. Das Wort Gottes, der Sohn Gottes, ist, wie es im Johannesevangelium heißt, Fleisch geworden, das heißt, dass er Mensch wurde mit aller Gebrechlichkeit und Verletzbarkeit, die neuem Leben anhaften, mit der Hilflosigkeit eines Neugeborenen, das ohne Hilfe anderer Menschen gar nicht überleben könnte.
"Hast du ihn dir größer vorgestellt?" - Diese Frage ist wohl an jeden von uns gerichtet. Es ist die Unscheinbarkeit Gottes, die Tatsache, dass er sich so "mild" macht und daher leicht übersehen werden kann, die uns in die Augen springt. Gottes Kommen in diese Welt ist nicht in gleißendes Licht getaucht, es ist vielmehr ein kleines "behutsames" Licht, das da gekommen ist. "Behutsam", das hat eine mehrfache Bedeutung. Zum einen wohl, dass dieses Licht selber alle, für die es leuchtet, behütet, ihnen leuchtet und sie wärmt. In diesem Licht erscheint uns die liebende Sorgfalt Gottes im Umgang mit den Menschen, eine Liebe, die bis zum Tod dessen geht, der da als Licht erschienen ist. Zum anderen heißt behutsam aber auch, dass dieses Licht selber eine aufmerksame Zuwendung verlangt, dass man auf dieses Licht zugehen, darauf eingehen muss, weil es sonst nicht bemerkt wird. Auch das Licht, dem die drei Weisen (Magier, Sterndeuter, Könige) gefolgt sind, war nicht so, dass es alle anderen Sterne am Himmel an Helligkeit übertroffen hätte. Es bedurfte eines sorgfältigen Nachforschens, einer demütigen Gläubigkeit, um dieses Licht von anderen zu unterscheiden.
Die Unscheinbarkeit Gottes, die anscheinend zu Tage tretende Bedeutungslosigkeit dieses Kindes im Stall von Bethlehem war und ist manchen ein Rätsel, nicht wenigen ein Ärgernis, eine Torheit, die sich noch steigert, wenn man den weiteren Lebensweg dieses Kindes betrachtet, insbesondere seinen gewaltsamen Tod. "Hast du ihn dir größer vorgestellt?" Viele werden sagen, ja, ich habe mir einen anderen Gott erwartet, einen, der überzeugender wirkt, der überwältigender in Erscheinung tritt. Diesem ohnmächtig wirkenden Gott kann es leicht widerfahren, dass er abgewiesen wird, dass er als Herbergesuchender kein Obdach findet, weil sein Zuhause nicht im Palast eines Königs ist, sondern auf freiem Feld, in einem Stall für Tiere.
Aber dennoch lässt er sich finden. Zunächst von - sagen wir - seinesgleichen, nämlich von mittellosen Hirten, denen eine wundersame Botschaft zuteil wird. "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren worden." Und dann kommen die Gottsucher (Magier, Weise, Sterndeuter, die Könige), wer immer sie sein mögen und wie immer sie heißen, aus der ganzen Welt, die suchen, finden und anbetend niederfallen. Und dann alle, die die Demut aufbringen, selbst klein zu werden, um an die Größe Gottes in seiner Unscheinbarkeit zu glauben.
Beim Eintritt in die Geburtsgrotte von Bethlehem muss man sich bücken, um zu dem in den Boden eingelassenen Stern zu gelangen, der den Ort der Geburt Jesu kennzeichnet. Symbol für die Haltung, die vom Menschen gefordert wird, wenn er an das Geheimnis der Menschwerdung Gottes herantritt.
Wenn wir Weihnachten feiern, dann geht es - wie immer in der Geschichte, die Gott mit dem Menschen schreibt - nicht nur um Erinnerung an ein wenn auch noch so großes historisches Ereignis, sondern es geht auch, ja sogar in erster Linie, um die Gegenwart. Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebst doch ewiglich verloren, so hat Angelus Silesius schon vor Jahrhunderten gedichtet. Um die Herberge Gottes im Menschenherzen geht es also, ob Gott, der sich "mild macht", auch das eigene Herz erfasst. Ob das "behutsame Licht" dich selbst behutsam, gütig, menschenfreundlich macht, ob der Mensch gewordene Gott dir selbst zur eigenen Menschwerdung verhilft, das liegt an dir.
Fröhliche Weihnachten, liebe Gemeinde!
Heute kommen Freudenboten zu uns, die Frieden ankündigen.
Heute werden wir zu Freudenboten, die Frieden verkündigen!
Heute werden wir auf die Höhe der Zeit geführt!
Gott redet mit uns durch seinen Sohn.
Er trägt seine Herrlichkeit auf seinem Gesicht.
Heute staunen wir darüber, dass Gott ganz und gar, mit Leib und Seele einer von uns geworden ist.
Verletzlich wie ein Kind, glücklich wie ein Kind, die Welt verzaubernd wie ein Kind.
Das Wort ist Fleisch geworden.
Weihnachten muss gefeiert werden!
Sind wir bereit? Schon wach? Voller Erwartung?
Herr,
Weihnachten geht vielen Menschen auf die Nerven.
Sie kommen nicht damit zurecht, dass die heile Welt nur gespielt wird und so schnell umkippt.
Herr, erbarme dich.
Christus,
unsere Konflikte sind dir nicht unbekannt.
Du lässt dich in unsere Geschichten und Tragödien hineinziehen.
Christus, erbarme dich.
Herr,
lass uns als Freuden-, als Friedensboten unterwegs sein!
Dann öffnen sich Türen und Fenster und die Herzen auch.
Herr, erbarme dich.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt..
Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
Ehre sei Gott in der Höhe…
Dies ist die Nacht, da mir erschienen
des großen Gottes Freundlichkeit;
das Kind, dem alle Engel dienen,
bringt Licht in meine Dunkelheit,
und dieses Welt- und Himmelslicht
weicht hunderttausend Sonnen nicht.
Herr, erbarme dich.
Lass dich erleuchten, meine Seele,
versäume nicht den Gnadenschein;
der Glanz in dieser kleinen Höhle
streckt sich in alle Welt hinein;
er treibet weg der Höllen Macht,
der Sünden und des Kreuzes Nacht.
Christus, erbarme dich.
Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
bestrahle mich mit deiner Gunst;
dein Licht sei meine Weihnachtswonne
und lehre mich die Weihnachtskunst,
wie ich im Lichte wandeln soll
und sei des Weihnachtsglanzes voll.
Herr, erbarme dich.
Lied von Kaspar Friedrich Nachtenhöfer (1624 – 1685)
GL 159: Licht, das uns erschien
Oder:
Herr, Jesus Christus,
du bist das Wort, durch das alles geworden ist.
Herr, erbarme dich.
Herr, Jesus Christus,
du bist das Licht, das jeden Menschen erleuchtet.
Christus, erbarme dich.
Herr, Jesus Christus,
du gabst uns Macht, Kinder Gottes zu werden.
Herr, erbarme dich.
Herr,
wir lassen uns von großen Worten blenden oder einschüchtern.
Du schenkst uns das Vertrauen eines Kindes.
Herr, erbarme dich
Christus,
dich besingen Engel im Himmel und auf Erden.
Wir kommen zu dir mit unseren Klagen und Hoffnungen.
Christus, erbarme dich
Herr,
du hast das erste und das letzte Wort.
Du verwandelst Schuld in Vergebung
und machst die Finsternis hell.
Herr, erbarme dich
Oder:
GL 159: Licht, das uns erschien
GL 159: Licht, das uns erschien...
Oder:
Gott,
wenn die Nacht am Tiefsten ist,
schenkst du uns dein Licht.
Herr, erbarme dich.
Was finster ist bei uns, bringen wir dir.
Wir vertrauen dir unsere Nöte und Sorgen an.
Christus, erbarme dich.
Die Engel verkünden uns Frieden
Lass uns den Weg zur Krippe finden.
Herr, erbarme dich.
Oder:
Gott,
an einem verlassenen Ort tust du den Himmel auf.
Lass es bei uns hell werden.
Herr, erbarme dich.
Dir bringen wir, was uns finster macht.
Lass unsere Gesichter leuchten
Christus, erbarme dich.
Die Engel verkünden deine Größe
Lass uns Frieden schenken.
Herr, erbarme dich.
Allmächtiger Gott,
du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen
und noch wunderbarer wiederhergestellt.
Laß uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes,
der unsere Menschennatur angenommen hat.
Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten - Am Tag
Gott, du machst uns ein so großes Geschenk,
dass alles, was wir aufbieten, dabei verblasst.
Du schenkst uns Jesus, deinen Sohn.
Wir danken dir, dass wir Weihnachten feiern können!
Den Tag seiner Geburt.
Die Anspannungen der letzten Tage und Wochen sind von uns abgefallen.
Eine große Ruhe breitet sich aus.
Wenn Familien, Nachbarschaften und Kolleginnen und Kollegen
mit Spannungen leben,
wenn sich Bitterkeit und Verzagtheit,
Einsamkeit und Enttäuschung,
unter uns breit machen,
dann lass uns Freudenboten sein,
die Frieden bringen,
die wissen, wo du wohnst,
die deinem Wort alles zutrauen.
Sogar eine neue Welt
In Christus, unserem Herrn. – Amen.
Wir sehen ein Kind. Neugeboren. Aber ohne Herberge. Eltern auf der Flucht.
So nimmt Gott seine Wohnung unter uns.
An diesem Weihnachtstag bitten wir ihn um den Glanz seiner Liebe.
Herr,
Weihnachten ist ein gefährliches Fest. Es wird mit Erwartungen überfrachtet.
Es zerbricht an Erinnerungen. Es lässt viele Menschen kalt und leer zurück.
Schenke uns die Geborgenheit, die nichts kostet und nichts verliert.
Wir rufen zu dir: Und das Licht leuchtet in der Finsternis
Auch an Weihnachten müssen viele Menschen arbeiten.
In der Gastronomie, in Krankenhäusern, Polizeistationen und Versorgungseinrichtungen.
Schenke uns die Dankbarkeit, mit der wir Menschen achten und ehren.
In Flüchtlingslagern und Elendsquartieren wächst auch an Weihnachten keine Hoffnung.
Die große Geschichte geht über Menschen hinweg und hört keine Klagen.
Schenke uns die Aufmerksamkeit, ihre Interessen zu vertreten.
An vielen Stellen der Welt setzen sich Menschen zur Wehr gegen Willkür, Machtmissbrauch und Korruption.
Der gesellschaftliche Frieden ist gefährdet, es gibt Spaltungen, Worte haben keine Kraft.
Schenke uns die Neugier, über unsere eigenen Tellerränder hinauszuschauen.
Auch heute kämpfen Menschen mit ihrer Krankheit, mit ihrem Alter.
Für viele ist der Verlust der Selbständigkeit schwer zu ertragen.
Auch heute sterben Menschen. Oft alleine und alleine gelassen.
Schenke uns die Bereitschaft, Wege von Menschen mitzugehen.
Du lässt uns Friedensboten sehen, die die Freude bringen.
Du lässt uns hören, was allen Tagen Glanz gibt.
Du lässt dein Wort unter uns wohnen.
Christus, der unser Leben teilt, der unseren Tod stirbt.
Das wissen wir in Ewigkeit. – Amen.
Gott wurde Mensch, um unser Leben zu teilen. In Jesus hat Gott auf uns verständliche Weise sein Wort zu uns gesprochen.
Durch ihn, das Kind in der Krippe, bitten wir den Vater:
Um eine Kirche mit offenen Ohren und einem wachen Geist für das Wesentliche deiner Botschaft.
Um effektive Anstrengungen und ein gemeinsames Bemühen aller für den Frieden im Großen wie im Kleinen.
Um die Bewahrung der Würde eines jeden Menschen bei der Erforschung und Anwendung der modernen Erkenntnisse der Gentechnik.
Um einen sorgsamen Umgang mit unserem gesprochenen Wort, durch das andere berührt aber auch verletzt werden können.
Um das Licht, das die Finsternis des Todes durchbricht.
Vater! In der Menschwerdung Jesu hast du uns einmal mehr bewusstgemacht, wie viel dir deine Schöpfung wert ist. Wie die Hirten wollen auch wir dich suchen und anbeten;
jetzt und bis in Ewigkeit. - Amen.
Gott, unser Vater,
in diesen Gaben
willst du uns Versöhnung schenken
und uns wieder mit dir verbinden.
Nimm sie an
und gib durch sie unserem heiligen Dienst
die höchste Vollendung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten am Tag
Wir lassen uns gerne beschenken, Herr.
Und wir schenken gerne.
Doch es sind nur schöne Gaben.
Sie kommen auch nicht immer gut an.
Aber du schenkst uns deine Liebe
Mit Brot und Wein.
Du verschenkst dich ganz.
Wort, das Fleisch wird.
In Brot und Wein.
Unsere Vergänglichkeit,
Zerbrechlichkeit
und Schwachheit nimmst du an
und verwandelst alles in Herrlichkeit.
Wir danken dir für deine Gaben.
Sie schaffen Leben In Ewigkeit. – Amen.
(für Wortgottesdienstfeiern)
Kehrvers:
Dankt dem Vater mit Freude, er schenkt uns seinen Sohn. (GL 633,8)
Großer, unbegreifbarer Gott,
wir wollen dir unsere Freude und unseren Dank zum Ausdruck bringen,
denn in Jesus von Nazareth ist dein ewiges Wort Fleisch geworden
und hat mitten unter uns gewohnt.
Kehrvers
Er ist das Leben, und das Leben ist das Licht der Menschen.
in ihm kam das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, in die Welt.
Kehrvers
Allen die ihn aufnahmen, gabst du die Macht, Kinder Gottes zu werden.
Er hat die Reinigung von den Sünden bewirkt
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade über Gnade.
Kehrvers
Alle Enden der Erde sehen nun das Heil unseres Gottes.
Darum jubelt heute der ganze Erdkreis
und stimmt mit den Engeln und Heiligen ein in den Lobpreis der Schöpfung:
Danklied: z. B.: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich (GL 247)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn Fleisch geworden ist das Wort,
und in diesem Geheimnis
erstrahlt dem Auge unseres Geistes
das neue Licht deiner Herrlichkeit.
In der sichtbaren Gestalt des Erlösers
läßt du uns den unsichtbaren Gott erkennen,
um in uns die Liebe zu entflammen
zu dem, was kein Auge geschaut hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn groß ist das Geheimnis seiner Geburt,
heute ist er, der unsichtbare Gott,
sichtbar als Mensch erschienen.
Vor aller Zeit aus dir geboren,
hat er sich den Gesetzen der Zeit unterworfen.
In ihm ist alles neu geschaffen.
Er heilt die Wunden der ganzen Schöpfung,
richtet auf, was darniederliegt,
und ruft den verlorenen Menschen
ins Reich deines Friedens.
Darum rühmen dich Himmel und Erde,
Engel und Menschen
singen das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 2
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn schaffst du den Menschen neu
und schenkst ihm ewige Ehre.
Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen:
dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch,
und wir sterbliche Menschen
empfangen in Christus dein göttliches Leben.
Darum preisen wir dich mit allen Chören der Engel
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 3
Weihnachten heißt:
Es hat sich erfüllt!
Die Verheißung ist wahr geworden:
Gott ist Mensch -
sein Wort hat unsere Welt hell gemacht,
unsere Nacht der Hoffnungslosigkeit durchbrochen,
unsere Finsternis erhellt,
alle Angst besiegt,
alle Zweifel weggewischt.
Ja, Gott hat sein Wort
in diese Welt hineingesprochen.
Er hat sich unser erbarmt.
Sein Wort ist lebendig geworden,
dieses Wort heißt:
Ich liebe dich
du Welt, du Mensch,
ich will dir nahe sein!
Das Wort ist Fleisch geworden.
Kommt lasst uns anbeten!
Barmherziger Gott,
in dieser heiligen Feier
hast du uns deinen Sohn geschenkt,
der heute als Heiland der Welt geboren wurde.
Durch ihn sind wir wiedergeboren
zum göttlichen Leben,
führe uns auch zur ewigen Herrlichkeit durch ihn,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten am Tag
Guter Gott,
du teilst die Freude, Mensch zu sein, mit uns.
Es ist ein Wunder.
Wir verstehen es nicht einmal zur Hälfte.
Schicke uns als Freudenboten, die Frieden bringen,
in unseren Alltag zurück.
Wenn Menschen verzagt sind,
schenke uns offene Ohren für ihre Geschichten,
wenn sie wütend sind auf alles und jeden,
das richtige Wort.
Den weihnachtlichen Glanz bewahre uns lange.
In der Liebe, die die Welt reich und uns glücklich macht.
In Christus, dein Wort von Anfang an. – Amen.
Herr, sprich dein ewiges Wort in mir,
und lass es mich hören!
Herr, leuchte mit deinem Licht in meine Seele
und lass es mich schauen!
Herr, drücke dein Bild in mich ein
und lass es mich ewig bewahren!
Herr, wirke dein Werk in mir
und lass mich dafür empfänglich sein!
Aus: Jörg Zink; Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages. Bilder und Gedanken zu den Grenzen unseres Lebens Kreuz Verlag Stuttgart 1968.
1.
Die Hirten besuchen das Jesukind.
Und wen besuchst du?
Der Ochs und der Esel in der Krippe singt.
Für wen singst du?
Das Stroh hält das Jesuskindlein warm.
Und wen wärmst du?
Maria hält ihr Kind im Arm.
Und wen hältst du?
Refrain:
So könnte es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden
Keiner müsste mehr einsam sein
keiner wär allein.
So könnte es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden
Keiner müsste mehr einsam sein
keiner wär allein.
2.
Ein Stern leuchtet den Weisen den Weg.
Für wen leuchtest du?
Ein Engel spricht, dass es jeder versteht.
Mit wem sprichst du?
Könige beschenken den Retter der Welt.
Und wen beschenkst du?
Josef lacht, weil's ihm gefällt.
Mit wem lachst du?
Text & Musik. Kurt Mikula.
Hirten hüten ihre Herde und wenden Böses von ihr ab.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die Mitarbeiterinnen unseres Kindergartens,
die Lehrer in der Schule,
die Katecheten der Erstkommunionkinder
Hirten pflegen ihre kranken Tiere und helfen, ihre Wunden heilen.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die Ärzte, Schwestern und Pfleger,
die Mitarbeiter der Sozialstation,
die Mitarbeiter des Roten Kreuzes
Hirten erzählen von ihren Träumen, von ihren Erfahrungen mit der Stille
und ihrem Gott.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde,
die Mitglieder des Pfarrgemeinderates,
die Religionslehrer der Kinder
Hirten lieben die Natur, schließen Freundschaft mit Blumen,
nennen Bäume ihre Freunde und sprechen mit Tieren.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Die Bauern und Förster,
die Schützer der Natur und
die Verfechter einer sauberen Umwelt.
Hirten führen ihre Schafe zusammen und gehen dem verlorenen nach.
Wir denken an Menschen, die bei uns Hirte sind:
Eheleute, die um den Partner ringen,
Freunde, die einander nicht verlieren wollen
Menschen, die Frieden stiften und Kompromisse suchen.
Aus: Herbert Jung, Mensch geworden für die Menschen, Freiburg 2001.
Gott sagt uns in der Menschwerdung seines Sohnes nicht nur, wer er ist; er sagt uns auch, wer wir Menschen sind. Auch das ist heute nötig. Denn viele haben die Orientierung verloren. Sie wissen nicht mehr, warum und wozu sie da sind. Sie kommen sich wertlos vor. Im vergangenen Jahrhundert sind Wert und Würde des Menschen oft auf der Strecke geblieben. Mord und Totschlag hat es zwar von Anfang an, seit Kain und Abel, gegeben. Aber hat es jemals zwei so schreckliche Weltkriege, so schlimme Massenvernichtungswaffen, so brutalen, Menschen verachtenden Terrorismus gegeben?
Wie banal wir oft über den Menschen denken zeigt sich daran, dass wir von Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Treulosigkeit, Eitelkeit, Lüge und vielem anderen oft einfach sagen: »Das ist menschlich.« Müssten wir nicht umgekehrt sagen: Treue, Anstand, Fairness, Gerechtigkeit und Erbarmen sind die wahre Größe des Menschen und Zeichen einer wahrhaft menschlichen Kultur?
Gott hat durch die Menschwerdung eine eindeutige und endgültige Antwort auf die Frage gegeben: Was ist der Mensch? Die Antwort lautet: Der Mensch, jeder Mensch, ist ein erbarmungswürdiges und zugleich ein liebenswürdiges Wesen. Wir sind erbarmenswürdig, weil wir uns nicht aus eigener Kraft aus unserer Not und unserem Elend befreien können. Wir sind in unserem Elend auf Gottes Erbarmen angewiesen. Unsere Größe ist, dass wir - und zwar jeder Einzelne von uns - für Gott liebenswürdige Wesen sind, so liebenswürdig, dass Gott selbst Mensch geworden ist. Er wollte uns ganz nahe sein. So hat jeder Mensch einen unendlichen Wert, ganz unabhängig davon, ob er Einheimischer oder Fremder, gesund oder krank, alt, behindert ist, unabhängig davon, ob er reich oder arm ist. Jeder ist für Gott liebenswert; jeder ist unendlich wertvoll. Gott wollte Mensch werden, damit wir an seinem göttlichen Leben Anteil haben.
Sind wir uns dieser Würde immer bewusst? Sind wir nach dem Vorbild Gottes barmherzige Menschen, die Erbarmen haben mit den anderen, oder sind wir gleichgültig gegenüber dem Leid anderer? Ist es bei uns im zwischenmenschlichen Bereich nicht recht kalt geworden? Droht die Humantemperatur unserer Welt nicht oft unter den Gefrierpunkt zu fallen? Weihnachten eröffnet uns eine neue Kultur wahrer Menschlichkeit und menschlicher Solidarität.
Gott teilt unser schwaches Menschsein, um uns sein göttliches Leben mitteilen zu können. Wer schon einmal in Betlehem war und dort die Geburtskirche besucht hat, der weiß, dass man sie nur durch ein sehr niedriges Tor betreten kann; man muss sich also bücken, um hineinzukommen. Das scheint mir symbolisch zu sein. Gott selbst hat sich klein gemacht, als er in diese Welt kam. Da dürfen auch wir uns nicht groß machen. Wir müssen uns klein machen, wenn wir zum Kind in der Krippe kommen wollen, und wir müssen uns herunterbücken zu unseren Mitmenschen. Wenn wir niederknien und beten, dann sind wir am größten.
Aus: Walter Kardinal Kasper, Bedenke dein Geheimnis. Meditationen zu Advent und Weihnachten. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2015.
Nach 2000 Jahren christlicher Sozialisation geht uns der Satz „Gott ist Mensch geworden" leicht von den Lippen. Schwieriger wird es, wenn wir die heute üblichen Worte für Neugeborene benützen: „Gott ist Baby geworden" oder „Gott ist Säugling geworden". Für das Lukasevangelium war die Geburt Jesu ein natürlicher Vorgang: „Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln" (2, 7). So aber sehen die Weihnachtsbilder in unseren Kirchen und Museen und auf den Weihnachtspostkarten nicht aus. Da liegt ein nacktes Kind mit Goldstrahlen auf dem Boden und wird von einer Frau mit langem offenem Haar kniend angebetet.
Es war eine Frau, die sechs Kinder geboren hatte, und die wußte was für eine harte und schmutzige Arbeit Gebären ist: die heilige Birgitta von Schweden, die seit 1370 alle bei uns verbreiteten Bilder von der Anbetung des neugeborenen Jesus angeregt hat. Zuvor, und in der Ostkirche bis heute, wurde Maria dargestellt, wie sie erschöpft von der Geburt auf einem Lager liegt und sich ihrem gewickelten Kind liebevoll zuwendet.
Distanzierte Anbetung statt tätiger Zuwendung - dieser Wandel in der Bildvorstellung hat mit Reinheitsvorstellungen zu tun. Birgitta wollte sich die Jungfrau Maria nicht mit Blut befleckt vorstellen, das göttliche Kind nicht an einer Nabelschnur hängend. Darum beschrieb sie eine Vision, wie Maria allein mit aufgelöstem Haar im Stall von Betlehem betete und plötzlich das Kind vor ihr lag, ganz rein und leuchtend wie die Sonne. In den entsprechenden Bildern wurde Jesus zum Sternenkind, nicht zum Menschensohn.
Darstellungen einer Geburt gibt es in der europäischen Kunst nicht. Sie sind möglich, wie Beispiele der afrikanischen und altamerikanischen Kunst zeigen, aber nicht in einer Bildwelt, die auf die Griechen zurückgeht. Hier war nur die Sorge um das neugeborene Kind und das Nähren an der Brust bildfähig. Die stillende Gottesmutter war ein beliebtes Andachtsbild der frühen niederländischen Kunst. An diese Tradition knüpfte Rembrandt 1635 an. Er zeigt eine Frau in einer einfachen Tracht, die ein dicht eingewickeltes Kind an ihre Brust hält. Das Kind ist satt und schläft ein; sein Mund und die Brust sind von Milch und Spucke verschmiert. Aber das Kind darf noch nicht schlafen, es kann noch nicht in das Korbbett gelegt werden. Es muß erst aufstoßen, sonst wird es die Milch erbrechen. Alle Eltern und Kinderpfleger wissen das. Nach dem Stillen ist ein schwieriger Moment, das Kind will satt einschlafen, soll schlafen, aber erst muß man es noch ein wenig aufrecht halten, den Schlaf verzögern, bis zum befreienden Aufstoßen. In diesem Moment des gespannten Wartens muß es still sein. Darum hat der Mann im Bild, Josef, sein Werkzeug - Bohrer, Sägen, Beil - beiseite gelegt und beugt sich ganz sanft und aufmerksam über das Kind.
Jeder, der mit kleinen Kindern zu tun hatte, kennt diese Situation und erkennt sie im Bild Rembrandts wieder. [Eine alltägliche, menschliche Situation, die in der nebenstehenden Radierung nochmals - anders - dargestellt ist.]
Nichts weist auf die göttliche Natur des Kindes hin: Gott ist Säugling geworden. Er, der allen Vögeln ihre Nahrung gibt, begnügt sich mit ein paar Tropfen Milch, wie der Dichter Sedulius im 5. Jahrhundert schrieb.
Rembrandt hat die Menschwerdung Gottes ernst genommen, wörtlich verstanden. Katholische Weihnachtsbilder sind „göttlicher". Strahlen, Goldglanz und Engel möblieren unsere Krippen zu Vorsälen des Himmels, so als ob Jesus von Nazareth gar nicht wirklich auf der Erde gelebt hätte. Peter Paul Rubens ist in seiner Hirtenanbetung für Neuburg an der Donau 1620 Rembrandt vorausgegangen in seinem Verzicht auf übernatürliche Lichterscheinungen. Sein weiß gewickeltes Kind liegt auf gelbem Stroh, das von einer Laterne so beleuchtet wird, daß es zu glänzen beginnt. Rembrandt zeigt nicht den Stall von Betlehem sondern die Werkstatt in Nazareth, kein Weihnachtsfest, sondern den Alltag einer jungen Arbeiterfamilie mit unendlicher Zärtlichkeit und Geduld.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Von einem hellgelben Strohhaufen heben sich ein blauer Esel und ein roter Ochse ab, daneben ganz in blauem Umriss eine Frau mit einem nackten Kleinkind, am Rand der Futtertrog, die Krippe, als notdürftiger Kinderbettersatz. Die Szene ist in eine rechteckige Form eingepasst, die Andeutung eines Stalls. Ihm fehlt die Vorderwand, er ist offen wie ein Puppenhaus. Giotto di Bondone hat um 1300 die biblische Geschichte in solchen Puppenhäusern ausgemalt. Über dem Stalldach befindet sich auf unserem Bild ein nachtblauer Flimmel mit einem Gestirn. Von rechts schreitet ein nackter roter Mann vor blauem Grund auf das Licht des Stalls zu, von links eine Frau mit einem grünen Tuch um die Hüften, begleitet von einem Reh.
Das Gemälde steht in einem Geflecht von Traditionen: Die Geburt im Stall nach der Erzählung des Lukasevangeliums wird seit 320 mit einer Krippe und Tieren dargestellt. Ausgehend von dem Vergleich Adam und Christus bei Paulus (1 Kor), entwickelten die Kirchenväter seit dem 4. Jahrhundert das Gegensatzpaar Eva und Maria, das bald zu einem Thema von Dichtung, Malerei und Skulptur wurde. Eine künstlerische Tradition wurde bereits genannt, die kirchliche Monumental-Malerei der Toskana um 1300. In Florenz und Siena wurden damals die Grundlagen der europäischen Malerei erarbeitet.
Aber der Maler unseres Bildes, Karl Caspar (1879-1956), wählte andere Farben. Weder nackte Männer noch Ochsen sind rot, Esel sind nicht blau. Seine Farben bilden nicht mehr ab. Damit steht er in der Tradition der Malerei des „Blauen Reiter". Die kleine Münchner Künstlergruppe wollte 1912 damit aufhören, einfach Sichtbares wiederzugeben. Statt dessen wollte sie „sichtbar machen", wie es Paul Klee formulierte.
Dieser Ausstieg aus dem überlieferten Aufgabenkreis der Kunst, nämlich Natur nachzuahmen, wie es seit Aristoteles als selbstverständlich galt, ist das einzige Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das je in München stattgefunden hat. Der Aufbruch der modernen Kunst über die Grenzen des Materialismus zum Geistigen - so sagte das Wassilij Kandinski - fiel in die Zeit, als die katholische Kirche den Antimodernisteneid für ihre Priester einführte, um sich auf Dauer in einer defensiven Kräftekonzentration von der modernen Welt abzusetzen. Künstler, die sich der Kirche verpflichtet fühlten, gerieten dadurch in ein Dilemma. Entweder sie verrieten ihre Kunst, um den kirchlichen Auftraggebern zu gefallen, oder sie trennten sich von der Kirche.
Karl Caspar hat sein Leben lang an der Bibel als Quelle seiner Kunst festgehalten. Aber sein Werk entstand seit 1912 außerhalb der Kirchen, verteidigt von mutigen Katholiken wie Konrad Weiß und Carl Muth, aber ohne Chance gegen eine kirchliche Ablehnungsfront. Carl Muth hatte 1898 mit seiner Schrift „Steht die katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?” den Inferioritätsstreit ausgelöst, den Streit darüber, ob Katholiken ihrer Umwelt kulturell unterlegen seien. Karl Caspar, der zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Künstlerbundes gehörte, wollte eine Kunst auf der Höhe ihrer Zeit. Die Kirche konnte ihm bis lange nach seinem Tod nicht folgen, mit Ausnahme des Weihbischofs Senger von Bamberg, der ein Casparfresko für die Ostapsis des dortigen Doms durchsetzte, das 1928 großen Streit auslöste. Im Münchner Dom wurde noch 1953 ein Entwurf Caspars als zu modern abgelehnt und erst 1976 für die Unterkirche das Passionstriptychon von 1917 erworben.
Sollten sechzig Jahre, zwei Generationen, der Abstand bleiben, mit dem die Kirche den Entwicklungen der modernen Welt hinterherhinkt?
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Gemeingüter sind verlässlich. Das unterscheidet sie von den (Finanz-) Märkten. So wichtig und richtig Forderungen nach staatlicher Regulierung prinzipiell sind – es geht nicht nur um Staat oder Markt. In der gegenwärtigen Neujustierung der Kräfteverhältnisse zwischen den Akteuren muss ein grundsätzlich neues Gleichgewicht zwischen einer lebendigen Bürgergesellschaft, dem Markt und dem Staat erstritten werden. Diese demokratische Dimension wird allzu häufig in den aktuellen Diskussionen vergessen. Ob in den Kämpfen um Wasser, um freie Kultur oder um den Schutz der Atmosphäre – es besteht die Gefahr, dass die Allgemeinheit die Verfügungsrechte über die gesellschaftlichen Reichtümer preisgibt. Das ist der wichtigste Augenöffner des vorliegenden Sammelbandes.
Gemeingüter sind allgegenwärtig. Sie machen einen Gutteil unseres Reichtums aus – auch wenn wir dazu neigen, sie nicht wahrzunehmen. Wo dies nicht passiert, da wächst ermutigend Neues. Menschen kämpfen in ganz unterschiedlichen (Selbst-) Organisationsformen lokal und global für faire Zugangsrechte zu sauberem Trinkwasser, für den Erhalt der Saatgutvielfalt, für freie Software und freien Austausch von wissenschaftlichem Wissen oder für vitale öffentliche Räume.
Das Konzept der Gemeingüter verbindet all diese Auseinandersetzungen, und es bringt die Prinzipien von Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Transparenz und Demokratie mit Innovationsfreundlichkeit zusammen. Die Gemeingüterdebatte transportiert die Idee der ökosozialen Marktwirtschaft in die globalisierte Informations- und Wissensgesellschaft. Sie fragt somit nach erfolgreichen Prinzipien, Organisationsformen und Institutionen des Wirtschaftens – auch jenseits von Markt und Staat. Das ist alltagsrelevant und aufregend.
Barbara Unmüßig in: Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. Netzausgabe.
Wie eine Blume am Winter beginnt
so wie ein Feuer im eisigen Wind,
wie eine Puppe, die keiner mehr mag,
fühl ich mich am manchem Tag.
Dann seh ich die Wolken, die über uns sind,
und höre die Schreie der Vögel im Wind.
Ich singe als Antwort im Dunkel mein Lied
und hoffe, dass nichts geschieht.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
für diese Erde, auf der wir wohnen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,
ein bisschen Wärme, das wünsch' ich mir.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen
und dass die Menschen nicht so oft weinen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe,
dass ich die Hoffnung nie mehr verlier .
Ich weiss, meine Lieder, die ändern nich viel.
Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.
Allein bin ich hilflos, ein Vogel im Wind,
der spürt, dass der Storm beginnt.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
für diese Erde, auf der wir wohnen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,
ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen
und dass die Menchen nicht so oft weinen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe,
dass ich die Hoffnung nie mehr verlier .
Sing mit mir ein kleines Lied,
dass die Welt im Frieden lebt.
http://www.songtexte.com/songtext/nicole/ein-bisschen-frieden-4bf2cb46.html
[HTML] Jesus: "Das Wort". Mit dieser Ausdrucksweise ist zunächst einmal festgehalten, dass bei Jesus sein Wort, sein Reden ein zentrales und charakteristisches Element gewesen ist.
Jesus hat gesprochen, und sein Sprechen war ein Ereignis. Zuhörer haben ihre Betroffenheit einmal so ausgedrückt: "Noch nie hat ein Mensch so gesprochen wie er" (Joh 7,46). Ein anderes Mal sagen die Leute: "Er lehrt, spricht wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten" (Mk 1,22). Das Wort Jesu hatte eine beeindruckende Originalität, und es hatte eine innere Autorität und Kraft.
Dabei ist nicht nur an seine Predigt zu denken an Gruppen von Leuten. Genauso wichtig und mächtig waren die Worte, die Jesus zu Einzelnen persönlich sprach. Dazu gehören z.B. die Nachfolge-Worte. Das waren wirkmächtige Anrufe, die dem Leben der Apostel eine völlig neue Richtung gaben. Oder die heilenden und befreienden Worte. "Öffne dich!", sagt Jesus zu dem Taubstummen, und das Evangelium vermerkt: "da öffneten sich seine Ohren und das Band seiner Zunge wurde gelöst" (Mk 7,34f).
Solche Ereignisse und Erfahrungen waren mit ein Grund, dass man von Jesus sagen konnte: "Er ist das Wort". Was er sagte, das hat gewirkt. Es hat herausgefordert -man musste Stellung beziehen - und es hat befreit, ermutigt, geheilt.
Deshalb war eines der frühesten schriftlichen Dokumente im Urchristentum eine Sammlung von Jesus-Worten, die sogenannte Spruch- oder Redenquelle.
Einheit von Wort und Leben
Jesus ist das Wort. In dieser Formulierung ist weiterhin zum Ausdruck gebracht, dass bei Jesus Reden und Tun, Reden und Sein eine Einheit bildeten. Darin war seine Autorität letztlich begründet.
Wort und Existenz sind bei ihm nicht auseinandergeklafft. Jesus war selbst drin in dem, was er sagte: Er, mit seiner Überzeugung, mit seiner Hoffnung, seiner Liebe, auch mit der Bereitschaft, sein Wort wahrzumachen durch den Einsatz seines Lebens. Was er z.B. gesagt hat, gepredigt hat über das Erbarmen und die grenzenlose Liebe Gottes, das hat er gesagt im Wissen darum, dass ihm diese Botschaft das Leben kosten kann.
Bei Charles Peguy, einem französischen christlich orientierten Schriftsteller (1873-1914), findet sich der Satz: "Das Wort: der eine zieht es aus der Manteltasche, der andere reißt es aus seinem Fleisch". Das heißt: Der eine sagt etwas, ohne dass es ihn selbst tiefer berührt; bei dem anderen gibt es diesen Abstand nicht. Jesus ist mit seinem Wort eins geworden. Er hat es "aus seinem Fleisch gerissen". Er ist das Wort, das er spricht. Sein Wort ist "Fleisch geworden": in seinem Tun, seinem Leben und Leiden.
Gott zur Sprache gebracht
Jesus: Das WORT. Damit ist schließlich und vor allem gemeint, dass durch Jesus und in Jesus Gott zu Worte gekommen ist: der letzte Ursprung und Grund der Welt und unseres Lebens.
Was Gott seit je den Menschen sagen und mitteilen wollte, das ist in Jesus endgültig hörbar und sichtbar, hat in ihm Gestalt bekommen, ist "Fleisch geworden". Er ist das leibhaftige Wort Gottes, DIE Offenbarung des Vaters (vgl. Hebr 1,1f).
Wenn die Hl. Schrift vom "Worte Gottes" redet, dann ist damit auch gemeint, dass Gott sich uns zuwendet. Verbindung mit uns aufnimmt, Gemeinschaft zwischen sich und uns begründet, einen Bund stiftet. Jesus, das Wort Gottes in Person, das heißt dann: Er ist es, in dem Gott sich in letzter Konsequenz mit uns verbunden hat. Jesus selbst verkörpert die unauflösliche Verbindung zwischen Gott und den Menschen, den Neuen, ewigen Bund.
Aus:
Augustin Schmied, Lichter, die uns begleiten. Gedanken zu den christlichen Festen, veröffentlicht im Dezember 2012 hier im Downloadbereich des Predigtforums.
Für den Vorabendgottesdienst ist als Evangelium der Stammbaum Jesu nach Matthäus vorgesehen. Er zeigt die Verwurzelung Jesu in der ihm vorausgehenden Geschichte (Mt 1,1-25).
In Kirchen aus dem Mittelalter sieht man den Stammbaum Jesu oft bildlich dargestellt: den Baum aus der Wurzel Jesse. Unten, die Wurzel: Jesse oder Isai, der Vater Davids, und dann geht es hinauf in die Äste und Zweige, bis hin zu Maria mit dem Kinde Jesus.
Es gibt Leute, die viel Zeit und Geld investieren in Ahnenforschung. Auch wenn man selbst nicht so weit geht: es ist schon interessant zu sehen, woher man kommt; wer die Vorfahren waren, die uns ihr Erbe hinterlassen haben. Wir kennen sie kaum noch, wenn es über die Großeltern oder die Urgroßeltern hinausgeht. Und doch haben sie alle etwas an uns weitergegeben: nicht nur biologisches Leben; ihr Leben als Ganzes, ihre Person, haben Wirkungen hinterlassen.
Kommen wir zurück zum Stammbaum Jesu! Es ist ein ziemlich trockener, eintöniger Text: ständig Namen, die fremd klingen. Diese kargen Angaben bekämen Farbe und Leben, wenn man die dazu gehörigen Geschichten aus dem Alten Testament läse. Es hat jedenfalls viel zu bedeuten, dass Jesus in eine menschliche Herkunftslinie hineingestellt wird.
Leben mit positiven und negativen Vorgaben
Jesus, der wie kein anderer Mensch, von Gott her zu uns gekommen ist, ist gleichzeitig tief verwurzelt in der vorausgehenden Geschichte Israels und der ganzen Menschheit. Im Lukasevangelium wird der Stammbaum Jesu bis auf Adam zurückgeführt (Lk 3,23-38).
Christus ist nicht wie ein Meteor vom Himmel gefallen, quer zu allen Verbindungslinien und Entwicklungen der Menschheitsgeschichte. Er steht im Zusammenhang einer langen Vorgeschichte. Es war bei Jesus wie bei uns allen. Wir sind Nachkommen und Erben. Und das prägt uns: helfend und gefährdend.
Jesus konnte auf guten Grundlagen aufbauen. Er konnte in die Spur einer großen religiösen Tradition eintreten. Er konnte anknüpfen an lang erprobte und bewährte Formen der Frömmigkeit und der ethischen Lebensführung. Sein Beten war vorbereitet und getragen durch die Gebetserfahrung und -sprache seines jüdischen Volkes. Man denke an die Psalmen! Bedeutende religiöse Persönlichkeiten konnten ihm Anreger und Vorbild sein: Abraham, Mose, die Propheten.
Diese positiven Vorgaben wurden Jesus näherhin und zunächst durch seine Familie vermittelt: durch Maria und Josef. Durch diese Beiden ist dem menschlichen Bewusstsein Jesu auch sein himmlischer Vater in den Blick gekommen.
Jesus musste aber auch mit negativen Einflüssen fertig werden, mit Hypotheken, die sich unter seinen Vorfahren angesammelt hatten; die ihm zur Versuchung werden konnten.
In der Geschichte Israels gab es auch Abwege und Irrwege, Spuren ins Unheil. Von manchen der Männer, die im Stammbaum genannt werden, berichten die Bücher des Alten Testaments, dass sie gegen die Bundesordnung Gottes handelten und das Volk in eine falsche Richtung mitrissen. Das wird öfter von Königen Israels gesagt. Es gab Ungerechtigkeiten und Verbrechen; falsche Vorstellungen von dem, was zum Heile dient; Verehrung von "Götzen".
Mit solchen negativen Einflüssen musste sich Jesus auseinandersetzen, um seinen Weg zu gehen und dem Auftrag des Vaters zu entsprechen.
Ähnliches gilt auch von uns. Unsere Vorgeschichte wird positive Impulse enthalten; Hilfen, Ermutigung; zum Guten lockende Gestalten. Aber es gibt wahrscheinlich auch erschwerende oder gefährliche Elemente, zumindest, wenn man auch an die Geschichte des Volkes denkt, zu dem wir gehören. Es kommt darauf an, der Lichtspur in unserer Geschichte zu folgen.
Grenzen, die kein Unheil sind
Der Stammbaum Jesu zeigt, dass zum menschlichen Leben Jesu konstitutive Begrenzungen gehörten; Grenzen, die trotzdem seinen Raum und Zeit umspannenden Einfluss nicht gemindert haben.
Jesus wurde in eine ganz bestimmte Menschheitslinie hineingeboren, in ein ganz bestimmtes Volk. Er war Jude; die Christen haben das oft vergessen. Er hat nicht alle Sprachen gesprochen und verstanden. Er ist in vielen Punkten "Kind seiner Zeit" gewesen.
In den Grenzen seines Lebens hat Jesus aber eine universale Ausstrahlung entfaltet. Er hat als Person und mit seiner Botschaft Menschen aller Völker ansprechen können. Die neutestamentliche Bibel, die seine Geschichte und seine Worte weitergibt, ist in alle Sprachen übersetzt; sie ist wohl das am meisten verbreitete Buch überhaupt geworden. Jesus hat die menschlichen Grunderfahrungen miterlebt - den Weg vom Kindsein bis zum Tode; er war mit den elementaren Situationen der Menschen vertraut. Deshalb kann er allen nahe kommen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Interview, das der jüdische Schriftsteller und Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer (1904-1991) gegeben hat. Er sprach davon, dass öfter junge Leute, Studenten, zu ihm kommen und fragen, wie sie es machen sollten, um es zu einem guten Schriftsteller zu bringen. Singer meinte, er sage ihnen, dass sie sich nicht mit Gewalt und nicht zu weit weg von ihrem menschlichen Wurzelboden entfernen sollten. Möglichst Kontakt halten zu den eigenen Ursprüngen ("stay with it" -"bleib dran"!). Singer selbst hat den Nobelpreis in Literatur 1978 für Werke erhalten, die er zunächst in seiner Muttersprache, in Jiddisch, verfasst hatte, in einem (leider) nur noch von Wenigen gesprochenen Dialekt des Ostjudentums. Aber in dieser an sich begrenzten Ausdrucksform war er er selbst, konnte er Originelles und weltweit Bedeutendes schaffen.
Stammbaum Jesu Christi: Jesus eingesenkt in das Wurzelgeflecht der Menschheit! So ist er der Erlöser geworden. Aus dem Inneren der Menschheitsgeschichte her hat er uns einen Weg gebahnt: den Weg zu Gott, dem Vater, und den Weg zu den Mitmenschen. Auf diesen Weg können wir uns mitnehmen lassen.
Aus:
Augustin Schmied, Lichter, die uns begleiten. Gedanken zu den christlichen Festen, veröffentlicht im Dezember 2012 hier im Downloadbereich des Predigtforums.
In die biblischen Texte, die über das Weihnachtsmysterium sprechen, sind große Worte wie Freude und Friede eingewoben. Sie bezeichnen etwas, was jeder Mensch und jede menschliche Gemeinschaft dringend braucht, gleichviel ob sie es wissen und wollen oder nicht.
"Frieden - du großes Augenlid - das alle Unruhe verschließt - mit deinem himmlischen Wimpernkranz - Du leiseste aller Geburten". Mit diesen Zeilen endet ein Gedicht von Nelly Sachs, einer der größten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, der auch der Nobelpreis für Literatur verliehen worden ist. Dieses Gedicht, ich halte es für das schönste, das Nelly Sachs verfasst hat, hat viel mit Weihnachten zu tun. Es beginnt mit den Worten "Einer wird den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen." Dieser Eine ist offenbar eine Messiasgestalt. Die Schriften des Alten Testaments reden mit vielen einander ergänzenden Worten und Bildern vom Messias, den das Volk des Alten Bundes erwartet hat und heute noch erwartet. Er wird vor allem als Friedenskönig vorgestellt und Isaias redet auf bewegende Weise von seiner Geburt als Aufgang eines großen Lichtes:
Das Volk, das in Finsternis wandelt, erschaut ein gewaltiges Licht. Über den Bewohnern eines finsteren Landes strahlt ein Lichtglanz hell auf.
Reichen Jubel schenkst du, schaffst große Freude. Man freut sich vor dir, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt beim Teilen der Beute.
Denn das Joch seiner Last, den Stab auf seiner Schulter, den Stock seines Zwingherren zerbrichst du wie am Tage von Midian.
Ja, jeder Soldatenstiefel, der polternd einherstampft, jeder Mantel, im Blute geschleift, wird verbrannt und im Feuer verzehrt!
Denn ein Kind wird uns geboren, ein Sohn wird uns geschenkt, auf dessen Schulter die Herrschaft ruht. Man nennt ihn: Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedensfürst.
Groß ist die Herrschaft, und der Friede ist endlos auf Davids Thron und in seinem Reich; er errichtet und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heerscharen wird dies vollbringen!
Dieser Isaiastext ist eine von den großen Friedensbotschaften der Bibel. Sie wird fortgesetzt durch die Weihnachtsevangelien des Neuen Testaments.
Diese biblische Botschaft vom Frieden ist jederzeit zugleich schwach und stark. Sie wird auch am diesjährigen Weihnachtsfest in eine Welt hineingesprochen, die geprägt ist durch große Konflikte, in Gestalt von Terror und Krieg, durch Elend in großen Teilen Afrikas und Lateinamerikas und durch friedensgefährdende weil auf Unrecht basierende Politik. Zu diesem Unfrieden in der großen Welt kommt der Unfriede in vielen kleineren Gemeinschaften und im Herzen vieler Menschen, die unversöhnt sind mit anderen und mit sich selbst, und in all dem und über all das hinaus unversöhnt mit Gott.
"Einer wird kommen und den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen", sagt das scheinbar wehrlose Gedicht von Nelly Sachs angesichts dieser vielgestaltigen Friedlosigkeit. Der Ball, von dem hier gesprochen wird, ist unsere Erde, unsere Menschenwelt. Die sehr Mächtigen können mit ihr spielen und sie haben es im 20. Jahrhundert oft getan. Das Kind von Bethlehem hat als Mann von Nazareth und als gekreuzigter und auferstandener Christus diese gefährlich Spielenden nicht entwaffnet. Sie spielen immer noch und werden weiterspielen. Das Kind von Bethlehem hat aber als Mann von Nazareth die Herz und Mund öffnende Bergpredigt verkündet, eine Friedensbotschaft, die zugleich schwach und stark ist, wie ein Kind. Jedes Kind ist schwach, weil wehrlos. Und zugleich ist ein solches Kind stark durch seine Liebenswürdigkeit, durch seinen Charme. Wie ein Sauerteig wirkt daher der Friede Christi inmitten der Menschheit und ihrer Geschichte; sanft und meistens leise, aber nicht wirkungslos. Und manchmal stehen Friedensboten im Namen Christi auch auf und reden mit prophetischer Schelte laut, dröhnend gegen das vielgestaltige Unrecht, das Böse. Öfter gilt freilich das Isaiaswort über den Frieden stiftenden Knecht Gottes als einen, dessen Stimme man auf den Gassen und heute in vielen Massenmedien nicht hören kann. Aber seine Stimme ist da, sie ist da im Gewissen vieler, freilich im Ganzen viel zu weniger Menschen. Und sie führt auch zur Tat. Sie weist Wege, sie heilt und sie baut Brücken von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott.
Das Evangelium der dritten Weihnachtsmesse, das wir vorhin gehört haben, redet von Christus als dem im Kind von Bethlehem in Welt und Geschichte eingetretenen ewigen Wort und Sohn Gottes, als Licht der Welt. Viele verweigern sich auch heute diesem Licht. Viele führen Krieg gegen dieses Licht. Aber, sagt das Evangelium- der Johannesprolog-, das Licht war schließlich stärker. Der Saldo der Weltgeschichte wird ein positiver sein.
Dieses Licht, liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern will auch in uns und durch uns und leuchten. Wo dies geschieht, da mehren sich der Friede und die Freude. Beides wünschen wir einander für heute und für alle Tage des kommenden Jahres.
Egon Kapellari auf: www.dekanat.at
Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind; unsere tiefste Angst ist, daß wir unermesslich machtvoll sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: "Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, begnadet, phantastisch sein darf?" Wer bist du denn, es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich klein machst, dient das der Welt nicht. Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du schrumpfst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist. Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen. Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewußt anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben, wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien.
Nelson Mandela, Auszug aus seiner Antrittsrede 1994.
Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.
Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.
Gottfried Benn, Ein Wort.
Komm, du Heiland aller Welt;
Sohn der Jungfrau, macht dich kund.
Darob staune, was da lebt:
Also will Gott werden Mensch.
Nicht nach eines Menschen Sinn,
sondern durch des Geistes Hauch
kommt das Wort in unser Fleisch
und erblüht aus Mutterschoß.
Wie die Sonne sich erhebt
Und den Weg als Held durcheilt,
so erschien er in der Welt,
wesenhaft ganz Gott und Mensch.
Glanz strahlt von der Krippe auf,
neues Licht entströmt der Nacht.
Nun obsiegt kein Dunkel mehr,
und der Glaube trägt das Licht.
Gott dem Vater Ehr und Preis
Und dem Sohne Jesus Christ;
Lob sei Gott dem Heilgen Geist
Jetzt und ewig. Amen.
(Der Hymnus "Veni redemptor gentium” wurde im 4. Jh. vom Kirchenvater Ambrosius in Mailand gedichtet. Die hier vorgelegte Übersetzung ins Deut sche stammt von Markus Jenny 1971.) Aus: Egon Kapellari, Menschenzeit in Gotteszeit. Wege durch das Kirchenjahr. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2002.
Er ist einfach da -
das ist alles,
was er tut und kann.
Aber indem er da ist,
ohnmächtig und strahlend,
ist eben Gott selber da.
Gott ist da für uns.
Und was sagt dieses Dasein Gottes
im Kind von Bethlehem?
Es sagt mir,
es sagt dir,
es sagt jedem Menschen:
Gut, dass du da bist.
Hemmerle, Klaus; Gottes Zeit - unsere Zeit, Gedanken für jeden Tag In dieser Zeit Gebet; München, Neue Stadt, 1994.
Der Himmel hat sich aufgetan,
vom Sternenzelt herab steigt Gottes Sohn.
Der Glanz der Ewigkeit
fällt ins Erdendunkel,
legt sich in Menschenarme.
Das Licht kommt in die Finsternis,
erhellt die Menscheneltern,
will geborgen werden und bewahrt sein,
damit es allen leuchte,
die in diese Welt kommen.
Die Sterne tanzen vor Freude.
Nun gibt es keine Distanz mehr.
Nicht mehr oben, in den Lichtern des Himmels,
werden die Menschen
Licht und Erlösung suchen müssen,
nicht mehr nach oben schauen,
weil unter ihnen das Heil erschienen ist:
JESUS CHRISTUS.
Gott schaut uns an
durch die Augen eines Kindes.
Auch heute willst du
neu geboren werden in unsere Herzen,
damit dein Glanz uns hell und heil macht;
damit wir etwas von deinem Licht
zu den Menschen bringen können,
zu denen, die sich selbst
nur eigene Lichter aufsetzen,
die verlöschen werden.
Doch mit dir
ist die Sonne unseres Heiles aufgegangen,
und diese Sonne
kennt keinen Untergang.
Aus: Karlheinz May, Vom Duft der Auferstehung. Die vier Evangelien in Auszügen mit Meditationen, kommentierenden Texten und Zeichnungen. Im Eigenverlag (P. Karlheinz May, Redemptoristenkloster Kölnstraße 415, D-53117 Bonn).
und plötzlich, GOTT,
bist du wieder da...
seit langem habe ich ihn nicht mehr gehört,
den »soundtrack« meiner Geschichte mit
DIR -
unser Lied!
Philippa Kalkbrenner in : Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.
Surfe mit mir
durch die
unendlichen Weiten
meines Lebens.
Hilf mir,
meinen Joystick
so zu halten,
dass mein Lebensspiel
gelingt.
Peter Schott in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.
Gott erträgt das Elend der Menschen nicht, er ist ganz persönlich betroffen, leidet am Leiden der Menschen und - steigt in es hinein, um Freiheit und Leben zu schaffen. Er nimmt dafür Mose in seinen Dienst; Mose wird zum Werkzeug, in dem Gott selbst handelt und wirkt; er soll ganz und gar durchlässig werden, damit Gott seine befreiende Gegenwart zur Geltung bringen kann; Mose spürt in sich eine neue, vorher nie gekannte Mächtigkeit, göttliche Kraft, die ihn drängt und leitet, das Volk Israel einer besseren Zukunft entgegenzuführen.
Besonders betont sei hier das Motiv des Herabsteigens. Gott verlässt seinen Thron, entäußert sich in die Geschichte hinein, ist ein demütiger Gott, der sich mit dem Elend und der Erniedrigung der Menschen verbindet - und zwar so sehr, dass Gott zur revolutionären, geschichtsverändernden Kraft wird.
Besonders dieses Motiv des Herabsteigens Gottes wird nun in der Geschichte vom Kind in der Krippe noch deutlicher.
Tatsächlich ist Weihnachten alles andere als eine Idylle. Der Stall, Ochs und Esel, die Verweigerung der Herberge in der Stadt, HERODES und der Kindermord und vieles noch sind sprachliche Signale für Elend und Not, in die hinein das Kind von Betlehem geboren ist bzw. in die hinein Gott heruntersteigt, »heruntergekommen ist«, ähnlich wie man auch von einem angesehenen reichen Mann, wenn er alles verliert, sagt, er sei heruntergekommen. Der arme, ohnmächtige Gott!
Aus: Anton Rotzetter, Wo auf Erden der Himmel beginnt. Jahreslesebuch. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2001.
Wir schauen zunächst auf den Herrn, wie er der Zeit untertan wird. Welch ein Unterfangen, sich mit dem göttlichen Leben in eine bestimmte Zeit und in eine bestimmte Familie hineinzuwagen: Erscheinung Gottes im Fleisch!
Wir leiden oft unter unserer Situation, die durch die vorhergehende Geschichte und ihre Faktoren bestimmt ist. Oft sind wir ein Spielball der Politik, bekommen sie und ihre Folgen zu spüren, schauen mit Furcht in die Zukunft, fragen, wie unter solchen Bedingungen unser Leben, so wie wir es von uns aus planen, möglich sein soll. Geängstigt und mißtrauisch gegen das Leben und sein Daseinsfeld fragen wir uns immer wieder, ob uns die Wirklichkeit das Material bietet, das wir zur Gestaltung unseres Lebens brauchen. In diese verstellte Wirklichkeit hat sich der Logos Gottes hineingewagt, um ein lästiger Vertriebener, Angehöriger einer herabgekommenen Familie, Eingeborener eines versklavten Landes zu werden. Er wird in Armut geboren, im Stall, weil Maria und Josef in der Herberge nicht aufgenommen werden, so daß Paulus von seiner Ekstase der Armut sagen kann: "Um euretwillen ist er arm geworden, da er doch reich war. . .” (2 Kor 8, 9). Aber auch diese Armut ist nichts Außergewöhnliches, sie fällt gar nicht auf. Was Maria und Josef in Bethlehem erleben mußten, war für sie wahrscheinlich gar nicht erschütternd. Sie haben es eher als das selbstverständliche Los kleiner Leute angenommen. Immerhin scheint eine Geburt in so armseligen und durchschnittlichen Verhältnissen, wenigstens nach unserem Geschmack, kaum geeignet als Anfang eines großartigen Lebens. Die ganze Umgebung, in die Jesus hineingeboren wird, mutet eng an, ist sehr gewöhnlich, erstickend alltäglich, weder radikal arm noch so, daß damit ein großzügiges Leben entworfen werden könnte. Es ist auch eine Geburt in die Unbekanntheit: sie passiert irgendwo nebenher, die Menschen von damals haben sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ein paar klägliche Hirten finden sie als ziemlich verklärtes Ereignis; die Weltgeschichte nimmt keine Notiz von ihr.
Aber auch das Geborenwerden an sich besagt schon Enge. Geborenwerden heißt, ungefragt ins Dasein gesetzt zu werden. Das Grundwissen vom ungefragten Gerufensein, die wissend zu sich selbst kommende Kontingenz gehören zum Dasein des endlich Geistigen. Der Anfangspunkt unseres Lebens, der dieses eine Leben in eine Ewigkeit bestimmt, so daß wir nie ganz davon wegkommen können, ist unweigerlich von einem anderen verfügt. Die Annahme dieses ersten Uneinholbaren gehört zu den Grundvollzügen des menschlichen und erst recht des christlichen Daseins.
Das menschliche Dasein des Logos konnte auch kein anderes Los als das aller Geschöpflichkeit haben: es steht ganz und restlos in der Verfügung des Schöpfer-Gottes. Auch Jesus mußte anfangen. Wir können uns die Herrlichkeit dieses uns geschenkten Kindes noch so großartig vorstellen - seine Geburt selbst mußte jedenfalls schon Abstieg in die Enge bedeuten. Da hat er wahrhaft und echt unsere Geschichte angenommen. Wie wir das mit Vorzügen, die ihm die Theologie mit Recht zuschreibt, vereinigen können und müssen, ist eine andere Frage. Hier sollen wir merken, daß er gleich wie wir alle in die Welt gekommen ist, um mit uneinholbar Vorgegebenem, im Grunde mit dem Sterben zu beginnen. Nach Ignatius von Loyola [Exerzitien, Nr. 116] soll der Exerzitant [in den vierzigtägigen Exerzitien] "schauen und erwägen, was (Maria und Josef und andere) tun.. . dazu hin, dass der Herr... geboren werde und am Ende von so viel Mühen, von Hunger und Durst, Hitze und Kälte, von Schmähungen und Anwürfen am Kreuze sterbe, und das alles für mich”, Nach Ignatius soll man das Leben des Herrn ohne Pseudoverklärung an-sehen, ohne romantische Phrasen und ohne verharmlosenden Humanismus. Man soll bei der Betrachtung seiner Geburt betroffen feststellen: da, wo er geboren wird, beginnt der menschgewordene Logos mit seinem Todesgang, und alle die Dinge, die durch die Geschichte seiner Geburt hervorgehoben werden, künden schon das Ende in der restlosen Armut und Ohnmacht im Tode an.
Karl Rahner in: Karl Rahner Lesebuch, hrsg. Von Karl Kardinal Lehmann und Alaber Raffelt. Herder Freiburg Basel Wien 1982/2004.
Du -
keine der Antworten,
die wir uns selbst geben könnten,
Du
keine der Erfindungen,
auf die wir noch kommen müssten.
Du -
keiner der Wege,
in die der Fortschritt mündet.
Du -
keine der Befreiungen,
die wir uns eigenhändig verschaffen könnten.
Du Kind,
das der Vater uns erfunden hat
als Antwort, als Weg,
als Befreiung.
Bernhard Meuser in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.

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Die vorliegenden Verse des Jesajabuches sind wohl im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts v. Chr. verfasst worden unter dem Eindruck des Syrisch‑Ephraimitischen Krieges. Neben vielen anderen Kleinstaaten wurden auch die beiden Reiche Judas der Herrschaft des assyrischen Königs unterstellt. Kurzum: Es herrschte politisches und kulturelles Chaos. In dieser Zeit verkündet der Prophet Jesaja eine neue Hoffnung: Ein Retter wird kommen und bessere Zeiten brechen heran.
Israel war vor 722 v. Chr. in zwei kleine Königreiche aufgespalten, in ein Nord- und ein Südreich. Wie die anderen kleinen Königtümer, z. B. Syrien, wurden es von den Großmachtgelüsten der Assyrer bedrängt.
Der Prophet Jesaja trat im Südreich auf und forderte, dass sein Volk und der König ihr Vertrauen allein auf Gott setzen sollen und sich jeglichen Bündnisses mit anderen Völkern enthalten sollen. Die Abhängigkeit von der assyrischen Herrschaft und die kriegerischen Auseinandersetzungen, in welche die beide Reiche geraten sind, sieht Jesaja als Folge des mangelnden Gottvertrauens. Jahwe hat sein Volk im Stich gelassen und ist ihm ferne.
Der vorliegende Text läßt ich in drei Abschnitte gliedern. Zunächst wird in eine Zeit der Bedrängnis hinein Licht und Freude angekündigt. Offenbar wurde die Situation des Volkes als dunkel und niederdrückend empfunden. Dann wird das Zerbrechen der assyrischen Zwangsherrschaft und das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen verheißen. Der Prophet erinnert an den Tag von Midian, als Gideon mit nur 300 Mann ein zahlenmäßig weit überlegenes Heer der Philister schlug und sich Unabhängigkeit und Respekt verschaffte. Der damalige Sieg wurde dem bedingungslosen Vertrauen auf Jahwe zugeschrieben.
Schließlich wir die Geburt eines Kindes angesagt. Auf dieses Kind soll das Volk sein Vertauen setzen. Das Kind trägt große und verheißungsvolle Namen: "Wunderbarer Ratgeber", "starker Gott", "Vater in Ewigkeit" und "Fürst des Friedens". Diese Namen sind das Regierungsprogramm des erwarteten Messias: Er wird mit Klugheit ausgestattet und von Gott selbst eingesetzt sein, wie ein Vater für sein Volk sorgen und eine Friedenszeit heraufführen, in der die Menschen sich entfalten können.
Der Text führt vom Dunkel ins Licht und lädt zu einem großen Jubel ein, vergleichbar nur dem Jubel bei guter Ernte und reicher Beute. "Volle" Bilder also für die angesagte neue Zeit.
Zweimal wird mit einem "denn" die Begründung formuliert: Jahwe zerbricht das Joch - und es wird ein Kind geboren, das auf seinen Schultern Rat, Stärke, Ewigkeit und Heil trägt. In beiden Sätzen, die die Zuverlässigkeit der Verheißung unterstreichen, geht es um einen Schulter-Wechsel: Die Schultern der Menschen, die die Geschichte ihres Lebens und ihres Volkes tragen müssen, werden frei - und Jahwe bürdet einem Kind auf, was Leben und Zukunft verspricht. Die Namen, die das Kind trägt, geben ihm göttliche Würde. In diesem Kontext fällt die Nähe zum ägyptischen Krönungsritual kaum noch auf.
Dass die Worte um 730 v.Chr. geschrieben werden, ist zwar nicht unwichtig zu wissen, aber die mit ihnen verbundenen Erfahrungen und Hoffnungen sind bis heute vielen Menschen vertraut. Jesaja führt aus der Klage heraus. Er sieht schon das Licht, das aufgeht, er hört schon den Jubel, der mitreißt. Jahwe wird die Geschichte wenden. Nicht mit militärischer Intervention, sondern mit einem Kind. Jesaja sieht eine Zeit ewigen Friedens anbrechen mit Recht und Gerechtigkeit als Stützen der Herrschaft.
Praktische Tipps zum Vorlesen und Textauslegung der Katholischen Bibelwerke Deutschland, Österreich und Schweiz
Auslegung aus jüdischer und christlicher Perspektive