Lesung aus dem Buch der Sprichwörter.
Die Weisheit hat ihr Haus gebaut,
ihre sieben Säulen behauen.
Sie hat ihr Vieh geschlachtet,
ihren Wein gemischt
und schon ihren Tisch gedeckt.
Sie hat ihre Mägde ausgesandt
und lädt ein auf der Höhe der Stadtburg:
Wer unerfahren ist,
kehre hier ein.
Zum Unwissenden sagt sie:
Kommt,
esst von meinem Mahl
und trinkt vom Wein, den ich mischte!
Lasst ab von der Torheit,
dann bleibt ihr am Leben
und geht auf dem Weg der Einsicht!
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Kv: Kostet und seht, wie gut der Herr ist! – Kv
(GL 39,1)
Ich will den Herrn allezeit preisen; *
immer sei sein Lob in meinem Mund.
Meine Seele rühme sich des Herrn; *
die Armen sollen es hören und sich freuen. – (Kv)
Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen; *
denn die ihn fürchten, leiden keinen Mangel.
Junglöwen darbten und hungerten; *
aber die den Herrn suchen,
leiden keinen Mangel an allem Guten. – (Kv)
Kommt, ihr Kinder, hört mir zu! *
Die Furcht des Herrn will ich euch lehren!
Wer ist der Mensch, der das Leben liebt, *
der Tage ersehnt, um Gutes zu sehen? – (Kv)
Bewahre deine Zunge vor Bösem; *
deine Lippen vor falscher Rede!
Meide das Böse und tu das Gute, *
suche Frieden und jage ihm nach! – Kv
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus
an die Gemeinde in Éphesus.
Schwestern und Brüder!
Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt,
nicht wie Toren, sondern wie Kluge!
Nutzt die Zeit,
denn die Tage sind böse.
Darum seid nicht unverständig,
sondern begreift, was der Wille des Herrn ist!
Berauscht euch nicht mit Wein
— das macht zügellos —,
sondern lasst euch vom Geist erfüllen!
Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen
und geistliche Lieder erklingen,
singt und jubelt aus vollem Herzen dem Herrn!
Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles
im Namen unseres Herrn Jesus Christus!
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Der Epheserbrief stammt nicht von Paulus selber, sondern von einem unbekannten Schüler, der in seinem Namen die Sache des Paulus nach dessen Tod weiterführte und um 80 n. Chr. schrieb. Er orientiert sich in Aufbau und Inhalt stark am Kolosserbrief, der ebenfalls nicht von Paulus stammt. Die veränderte Situation in der christlichen Gemeinden macht ein neues Schreiben notwendig: Während man zur Zeit des Paulus die Wiederkunft Christi stündlich erwartete, muß man nun mit der Tatsache zurechtkommen, daß sich die Ankunft Christi zu verzögern scheint. Das Hauptthema des Eph ist deshalb die Kirche: was sie ausmacht und wie sie sich daher in der Zeit, die bis zum Kommen des Herrn bleibt, einrichten und verhalten soll. Zu dem zweiten Teil, dem Weisungsteil, gehört unsere Lesung.
Unmittelbar voraus, in Eph 5,14, lesen wir die Aufforderung (vermutlich ein kleines urchristliches Lied): "Wach auf, du Schläfer und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein!" Unsere Lesung entfaltet dann genauer, wie dieses "wache" Leben der getauften Christen aussehen soll. Auch hier werden wieder, wie im AT, zwei Wege der Lebensweise vorgestellt: Christen sollen nicht töricht, sondern klug, nicht unverständig, sondern einsichtig, nicht berauscht, sondern erfüllt vom Geist leben.
Ein Schlüsselbegriff zum rechten Verständnis ist die Mahnung zu Beginn, sein Leben in sorgfältiger Achtsamkeit zu leben. Wach, nüchtern und bewußt zu leben, darf nicht dahingehend mißverstanden werden, jede freie Minute zu verzwecken (etwa nach dem Motto "Zeit ist Geld" und "wer rastet, der rostet"). Der Autor des Eph lädt seine LeserInnen vielmehr dazu ein, wach zu bleiben, um die kostbare Zeit "auskosten" zu können. Er fordert sie heraus, die Zeit bis zum Kommen Christi nicht als unwichtige Zwischenzeit zu sehen, sondern sich immer wieder darauf einzulassen, den "Willen des Herrn zu begreifen". Sie sollen ihr Leben nicht verschlafen, sondern erfüllt leben. Dazu paßt auch die Aufforderung am Ende der Lesung zur Freude, zur Ekstase, zum Jubel - der ganze Epheserbrief beginnt mit einem Lobpreis, der von der Fülle spricht, die mit Christus angebrochen ist!
Der Epheserbrief übernimmt den groben Rahmen des Kolosserbriefes: In den Kapiteln 1-3 wird das Thema des Briefes, die Kirche, inhaltlich entfaltet. In der zweiten Hälfte des Brief, Eph 4,1-6,20 werden die sittlichen Folgerungen daraus gezogen. Zu diesem Weisungsteil gehört auch die heutige Lesung.
Im Absatz Eph 5,15-20 ist die Gemeinde als versammelte angesprochen und wird zu einem christlich geprägten Leben, zu gegenseitiger Unterstützung und zum Gebet ermuntert.
Im darauf folgenden Absatz (Eph 5,21-6,9) wird in den sogenannten Haustafeln die Verbindung des Gemeindelebens mit dem häuslichen und familiären Leben der Gemeindemitglieder hergestellt. Hier wird besonders die Abhängigkeit vom Kolosserbrief deutlich: ganze Wortgruppen stimmen wörtlich mit der Vorlage überein.
Geistlicher Gottesdienst
Eph 5,15-20 beginnt mit dem Aufruf, die eigene Lebensführung zu überprüfen. In dieser Zeit der Bedrohung der christlichen Existenz durch das heidnische Umfeld ist das praktische christliche Leben eine wesentliche Bedingung für das Bestehen einer christlichen Gemeinde. Drei Kontraste prägen den Text: nicht Toren, sondern Weise sollen die Leser sein; nicht unverständig, sondern verständig; nicht vom Wein berauscht sondern vom Geist erfüllt.
Die Christen sollen die ihnen zur Verfügung stehende Zeit nutzen, denn das christliche Leben findet nicht außerhalb von Zeit und Raum statt, sondern ist konkrete Aufgabe jedes Menschen dort wo er lebt.
Der Geist, der der Gemeinde geschenkt ist, ermöglicht es ihr, ein christliches Leben zu führen. In der Gemeindeversammlung und im persönlichen Gebet geschieht die Grundlegung allen christlichen Handelns. Den Gottesdienst zur Quelle und zum Höhepunkt kirchlichen Lebens (Vat II. SC 10) zu machen, ist nach wie vor eine Einladung an alle, die ihr Leben christlich gestalten wollen. Zugleich ist es aber auch eine Herausforderung an alle in der Seelsorge Tätigen, auch an die Liturgen und Liturgiker, die Menschen zur aktiven Mitfeier von Gottesdiensten hinzuführen, die dem Heiligen Geist Raum lassen und das alltägliche Leben, die Sprache und die Erfahrungen unserer Tage hereinnehmen und so Ausgangspunkt einer gläubig gestalteten Lebenswirklichkeit werden können.
Der Brief ist eine Art Rundschreiben des Paulus aus seiner Gefangenschaft. Doch wird die Autorenschaft des Paulus inzwischen allgemein bezweifelt (Luz). Die Situation der Gemeinde wird als gefestigt angenommen, eine erste Aufbruchsstimmung ist vorüber. An der einen oder anderen Stelle kehrt Verfall ein - dagegen wendet sich Paulus resp. der Autor, der sich auf die Autorität des Apostels beruft.
Die vorliegende Perikope ist Teil einer Reihe von Ermahnungen, die der Autor der Gemeinde gibt, dass sie ein glaubwürdiges Zeugnis in einer nichtchristlichen Umgebung gibt. Zu diesem Zeugnis zählt vor allem das sittsame Leben - in einer Hafenstadt anscheinend keine Selbstverständlichkeit.
Halleluja. Halleluja.
(So spricht der Herr:)
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt,
der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge:
Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel herabgekommen ist.
Wer von diesem Brot isst,
wird in Ewigkeit leben.
Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch
für das Leben der Welt.
Da stritten sich die Juden
und sagten:
Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?
Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen,
ich sage euch:
Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst
und sein Blut nicht trinkt,
habt ihr das Leben nicht in euch.
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt,
hat das ewige Leben
und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.
Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise
und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt,
der bleibt in mir
und ich bleibe in ihm.
Wie mich der lebendige Vater gesandt hat
und wie ich durch den Vater lebe,
so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.
Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.
Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben,
sie sind gestorben.
Wer aber dieses Brot isst,
wird leben in Ewigkeit.
(Lektionare 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Das Johannesvangelium ist das jüngste Evangelium und etwa um 100 n.Chr. entstanden. Schon beim ersten Lesen fällt der ganz andere Stil auf, in dem dieses Evangelium geschrieben ist: Noch weniger als bei den anderen Evangelien wird hier versucht, den Lebensweg Jesu nachzuerzählen. Das Johannesevangelium kreist vielmehr um die Frage: "Wer ist dieser Jesus für uns, die Johannesgemeinde?" In immer neuen Wendungen einer meditativen Sprache tastet sich der Verfasser an dieses Geheimnis heran. Die Leser vollziehen die Suche mit und erleben gleichzeitig, daß Christus immer größer als die Bilder bleibt, mit denen er erfaßt werden soll. Dieses Evangelium, das auf den ersten Blick so schwierig erscheint, hat den kleinsten Wortschatz im NT – etwas mehr als tausend Worte! Dafür sind viele "große Worte": Licht, Leben, Weg, Wort, Auferstehung, - oder, wie im heutigen Evangelium, "Brot", "Fleisch", "Welt". Diese Worte werden wiederholt, erklärt, in einem neuen Zusammenhang wieder aufgegriffen und mit neuer Bedeutung gefüllt.
Das Johannesevangelium erzählt im Gegensatz zu den anderen Evangelien nur sieben Wunder Jesu ("Zeichen" genannt), die nach Meinung des Verfassers besonders "bezeichnend" für das Geheimnis der Person Jesu sind. Anschließend werden diese Zeichen in langen Redeteilen gedeutet. Joh 6,51-58 ist der zweite Teil einer solchen Rede, die das Zeichen von der wunderbaren Brotvermehrung ausdeutet: Sie ist ein Bild für das, was die Eucharistie in Wahrheit ist und was sie bewirkt.
Jesus sagt von sich "Ich bin das Brot des Lebens". Wer nun dieses Brot ißt, wird "leben in Ewigkeit". Das ist nicht nur eine zeitliche Aussage ("unbegrenzt lange leben"), sondern eine qualitative, "leben in der Art, wie es der Ewige tut". Warum kann Jesus, das Brot, zu einem solchen Leben verhelfen? Jesus nennt das Brot provozierend "Fleisch". Die Johannesgemeinde versteht diesen Begriff eigentlich negativ (sündig, unrein, verweslich, gottfern). Um so aufregender ist es, daß schon in Joh 1:1 heißt: "das Wort ist Fleisch geworden": Nur der versteht Jesus richtig, der ihn ganz und gar in seinem Menschsein wahrnimmt. Nur wer glaubt, daß Gott auch die "letzten Winkel" des Menschseins angenommen hat, erlebt (schon jetzt ansatzhaft) das verheißene "ewige" Leben in Fülle.
Die Eucharistie, so Johannes, vergegenwärtigt aber nicht nur die Versöhnung, die in der Menschwerdung Jesus geschehen ist. Durch die mehrfache Wiederholung des Wortes "Blut" wird auf den Tod Jesu angespielt, der als Hingabe für "das Leben der Welt" bezeichnet wird.
Die Worte dieser Rede machen das Geheimnis der Eucharistie nicht begreiflicher, sondern verdeutlichen eher, daß sich seine Bedeutung unserem Zugriff entzieht und daß jede Erklärung die Tür zu einer neuen Frage auftut. Wer nach dem Lesen "nichts verstanden" hat und zu staunen beginnt, bei dem hat der Verfasser des Johannesevangeliums sein Ziel erreicht.
Das 6. Kapitel des Johannesevangeliums beginnt mit der Erzählung von der wunderbaren Speisung einer großen Volksmenge am See von Tiberias. Jesus gibt den Menschen, die ihm folgen, zu essen, daraufhin verfolgen sie ihn weiter. Aus dem Dialog mit den Leuten beginnt die sogenannte "Brotrede", in der sich Jesus als das Brot des Lebens offenbart. Vom Vater gesandt ist er Brot für das Leben des ganzen Kosmos. Die Reaktion der Zuhörer ist ablehnend: sie murren. Die Antwort des Evangelisten darauf ist der Verweis, daß der Zugang zu diesem Geheimnis nur im Glauben möglich ist: "Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben." (Joh 6,47)
In Joh 6,51 wird von der Brotrede zur Eucharistierede übergeleitet. Anstatt wie bisher vom "Brot des Lebens" ist jetzt vom "lebendigen Brot" die Rede, was den Blick von der Person Jesus weg stärker auf das Brotsymbol lenkt. Auch in der Akzentverschiebung vom Brot, das vom Vater gegeben wird, hin zu dem Brot, in dem Jesus selbst sein Fleisch gibt, wird deutlich, daß sich hier die Abendmahlstradition durchsetzt.
Schnittpunkt Eucharistie
In der Eucharistierede Joh 6,52-59 ist eine verfestigte eucharistische Redeweise erkennbar, die auch Abhängigkeit von einem tradierten Einsetzungsbericht erkennen läßt.
Anstelle von "Leib" verwendet Johannes "Fleisch", eine Klarstellung gegenüber Strömungen, die versuchten Leben und Tod Jesu und damit auch das Leben der Kirche in eine reine geistige Sphäre abzuschieben.
Wie in der paulinischen Abendmahlstradition ist hier auch festgehalten, daß die Selbsthingabe Jesu für jemanden geschieht, in dieser Aussage: für das Leben des ganzen Kosmos. Die Abendmahlstradition und das johanneische Verständnis des Heilsgeschehens sind hier ganz eng verknüpft.
Joh 6,52 berichtet von einem Streit, der durch ein Mißverständnis der eucharistischen Deuteworte "Das ist mein Leib - Das ist mein Blut" entstanden ist. Interessant ist, daß nicht versucht wird zu erklären, wie das gemeint ist, sondern daß das christliche Verständnis in unverminderter Schärfe wiederholt wird. Den Heilstod Jesu und seine Gegenwart in den Gaben von Brot und Wein kann nicht einmal ein Evangelist erklären, Johannes versucht es auch gar nicht. Der Schreiber des Johannesevangeliums geht davon aus, daß es sich dem, der sich auf den Glauben einläßt, ohnehin selbst erschließt. Derjenige, der dem christlichen Glauben ablehnend gegenübersteht, wird auch mit der größten Verstandesleistung keinen Zugang finden. Glaube ist im 4. Evangelium kein Wissen, das gelernt werden kann, sondern ein Prozeß, in den man einsteigen muß und der erst im Gelebtwerden seine Dynamik gewinnt.
Mit der Entscheidung, sich auf das Glauben einzulassen, tritt der Mensch in den Bereich des Lebens ( griechisch: Zoé) ein, der über das bloß biologische Leben (griechisch: Bíos) hinaus reicht in das ewige Leben bei Gott, die Gemeinschaft mit Jesus Christus. Deutlichster Ausdruck dieses In-Gemeinschafttretens ist das Mahl. Im Essen der eucharistischen Gaben, des Leibes und Blutes Jesu, ist das nicht nur symbolisch angedeutet, sondern wird real vollzogen.
Schnackenburg beschreibt den Inhalt dieses 6. Kapitels des Joh als Höhepunkt von Jesu Wirken in Galiläa. Wichtigste Aussage dieser Perikope ist jene "Ich bin”-(das Brot des Lebens)-Formel (Vers 51), mit der auch das Evangelium des 19. Sonntags geschlossen hat.
Seit der Väterzeit werden diese Verse überwiegend eucharistisch ausgelegt. Damit lässt der Evangelist das Wirken und Reden Jesu stringent verlaufen bis in die Testamentseröffnung im Abendmahlssaal von Jerusalem. Soll heißen: Wer Jesu Gebot beim Letzten Abendmahl ("Tut dies zu meinem Gedächtnis") erfüllt und Eucharistie feiert, feiert nicht einfach nur sein Gedächtnis, sondern das gesamthafte, auch Leiden und Tod Jesu beinhaltende Heils- und Erlösungswirken Gottes, das unter den eucharistischen Gestalten von Brot (und Wein) präsent wird. Wer an diesem Mahl teilnimmt, hat dann auch Anteil an diesem Erlösungswirken: "Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit." Für Johannes war klar, dass das schwer zu fassen ist - stellvertretend für die vielen Zweifler lässt er die Juden sagen: "Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?"
Im 5. und 6. Kapitel holt der Evangelist Johannes in seinem Evangelium weit aus, um das für Christen zentrale Sakrament von Wein und Brot in seiner Vielschichtigkeit seinen Lesern und Hörern verständlich zu machen. Jesus selbst führt uns mit einer provokanten Katechese ein in die Mystik des Eucharistiefeierns.
Es knistert einmal mehr in der Jerusalemer Luft. Bei einem großen Fest im Vorfeld von Pascha begegnet Jesus in der Hauptstadt an einem der Tore einem Gelähmten und heilt ihn - an einem Sabbat, so hören wir einige Zeilen vor der Textstelle des heutigen Evangeliums. Die Offiziellen der Tempelgemeinde und der Stadt werden aufmerksam auf diesen aufrührerischen Zimmermann aus Nazareth. Schließlich hält Jesus den Gemeinde-Offiziellen eine Standpauke: Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?, hören wir den Gottessohn im 5. Kapitel des Johannesevangeliums schimpfen. Diplomatische Reden tönen anders. Die Menschen aber finden an Jesu Auftreten wohl noch was Faszinierendes - sie hören ihm zu - und schließlich folgen sie ihm. Er zieht sie in seinen Bann, und dass das Neidereien provoziert, ist auch nachvollziehbar. - Gerade knistert es nur in Jerusalem, das fatale Ende Jesu kommt später.
Als Jesus sich schließlich vor die Tore Jerusalems begibt, folgen ihm die Massen - sie wollen ihn noch mehr hören und erleben. Der Auftritt Jesu wandelt sich nun - von der deutlichen Rede zur Wundertat. Seine Autorität ist hergestellt, nun kann er sie nutzen: Als die Menschenmenge Hunger hat, feiert Jesus - eben schon bereits im zeitlichen Schatten des Paschafestes - ein Mahl mit ihnen und ist in der Lage, mit ganz Wenigem alle satt zu machen. So hören wir zum Ende des 5. Kapitels des Johannesevangeliums. - Das Wunder sitzt. Es sind nicht die großen Dinge oder die großen Tage, die Wirkung erzielen. Jesu Botschaft: Gott ist im Kleinen und lebensnah.
Im Anschluss nun lässt der Evangelist Johannes all das, was durch Jesus geschehen ist, den Gottessohn für die Menschen ausdeuten. Die »Brotrede« im heutigen Evangelium ist eine der zentralen johanneischen Katechesen. Ihre Tonalität ist empathisch, zielt auf die Zuhörerschaft - ganz anders als die Kampfansagen gegen die Führenden der Tempelgemeinde zuvor. Und sie verlangt der Zuhörerschaft Jesu ungeheuer viel ab. Denn Jesus macht das Gefährlichste, was man in einem religiösen Kontext machen kann: Er bricht mit uralten Traditionen.
Nicht genug, dass er in Jerusalem am Sabbat heilt. Unmittelbar vor dem Pessachfest geht er nun hin und deutet einen der zentralen Inhalte jüdischer Glaubenstradition um: Die Feier des Manna-Geschehens, als Jahwe sein Volk Israel beim Durchzug durch die Wüste vor dem Hungertod bewahrt hat, wird nun zu einer Begegnung mit Gott selbst in der Person des Sohnes: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt." Wer es fassen kann, der fasse es. Wären damals Social Media schon üblich gewesen, könnten wir uns die Empörungsrhetorik gut vorstellen. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Brotwunder der Wüste und der Begegnung mit Jesus im Sakrament des Brotes tut sich dann in den letzten Worten des heutigen Evangeliums auf: "Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit."
Der Anspruch Jesu ist ungeheuerlich und es brauchte all diese vorhergehenden Episoden, diese Predigten und Begegnungen, um den Glauben an diese lebensstiftende Wirkung Jesu in die Menschen einzusenken.
Der Evangelist Johannes komponiert diese verschiedenen Perikopen zu einer faszinierenden eucharistischen Katechese, zu einem Lehrstück über die Bedeutung des Sakramentes von Wein und Brot. Und in diesem Lehrstück - eben in den Episoden, Predigten und Begegnungen - sind alle Erfahrungen der Menschen mit diesem lebensstiftenden Anspruch Jesu und seiner Wirkung enthalten: Da ist die Rede von begeisterten Followern, es geht aber auch um lange Wege zum Verständnis - etwa beschrieben als Reisewege, die die Menschen unternehmen, um Jesus zu erleben. Und schließlich ist da auch die Rede von Ablehnung: "Wie kann er nur", sagen die Verantwortlichen aus der Synagogengemeinde.
Diese eucharistische Katechese ertönt nun auch bei uns im Kirchraum. Auch wir hörten Jesus sagen: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben." Schauen wir uns ein wenig in unserem persönlichen Glaubensleben um, werden da vermutlich ähnliche Erfahrungen wie in den Textstellen rund um Jesu Brotrede aufkommen: Wir spüren immer wieder die Begeisterung für Jesu Worte und sein Wirken, wir können nicht genug von ihm bekommen. Wir kennen Momente des Zweifelns, der Irritation: "Wie kann er nur", wie soll das alles gehen, kann das wirklich gehen?
Die Begegnung mit dem Herrn in der Gestalt des Brotes ist keine einfache, immer gleiche Erfahrung. Wie wir ihn erfahren, mit welcher Haltung wir ihm begegnen, was der Moment der sakramentalen Begegnung mit uns macht, kann je sehr verschieden sein. Ob er uns berührt, ob er uns wirklich verwandelt, oder ob der Moment einmal doch weniger einfährt und mitnimmt als erwartet, hängt oft von der jeweiligen Situation ab. Und diese Wirkung des Sakramentes ist letztendlich auch ein Gnaden-Geschenk Gottes. Jesu frohe Botschaft in der Brotrede lässt uns aufatmen. Wie er wirkt und was er mit uns anstellt, hängt eben nicht ab von unserer Befindlichkeit, sondern allein von seiner Zusage. - Und die gilt in jedem Moment: "Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit."
Die Sommerzeit bietet viele Anlässe, das Leben zu zelebrieren und seine besten Seiten in Festspielen, Sportereignissen oder Dorffesten zu genießen. Dabei feiern wir unsere Stars und blicken wir auf die Erfolgreichen. Gutes Leben für alle kommt aber nicht durch Bewunderung derer, die es uns vorführen, sondern durch das Nachahmen und Selber-Tun. Das kostet Anstrengung, geht unter die Haut, schneidet mitunter ins Fleisch, geht ans Blut; nicht nur im religiös-rituellen Sinn sondern auch im Alltag.
Begleitmusik aller Festspiele ist der Aufmarsch der Promis und VIP. Was wäre Salzburg oder Bayreuth ohne Politprominenz! Alles, was in der Gesellschaft Rang und Namen hat, stellt sich ein, um dabei zu sein und gesehen zu werden. Auch bei Sportveranstaltungen wie z.B. bei einer Fußballweltmeisterschaft, gehört der Seitenblick auf illustre Gäste zum Großereignis.
Dass sich Prominente genauso wie große Teile der Bevölkerung für Kunst, Kultur oder Sport interessieren, ist zu erwarten. Aber warum interessieren sich die Medien, die Fernsehzuschauer, Hörer und Zeitungsleser so sehr für die Promis? Von manchen werden diese mit größerer Aufmerksamkeit verfolgt als die Festspiele oder das Sportereignis selbst.
Ich vermute, dass Prominente unser Interesse wecken, weil sie Werte verkörpern, die uns ansprechen. Ein Fußballstar verkörpert Fitness, Ballbeherrschung, Kampf- und Teamgeist, verkörpert eventuell ein Schönheitsideal und präsentiert einen Lebensstil, den seine Fans bewundern. Ähnlich ist es auch bei Sängern und Schauspielern. Was man selbst bewundert und in jungen Jahren vielleicht auch anstrebt, sieht man hier in einem Menschen aus Fleisch und Blut vor sich, der diese Werte verkörpert. Auch wenn man selbst all das nicht erreichen kann, hier kann ich die bewundern, die es geschafft haben. An den Erfolgreichen, die im Rampenlicht stehen, sehen wir, wie Lebensträume gelingen können.
In den Sonntagslesungen hören wir nun schon den vierten Sonntag von der wunderbaren Brotvermehrung und von den Wünschen und Diskussionen, die diese Begebenheit ausgelöst hat. Eine faszinierende Sache: Alle wurden satt, alle staunen und wünschen das für sich und für immer. Jesus erklärt seinen Zuhörern, wie es gutes Leben für alle und für immer geben könnte: Indem wir ihn nachahmen, nicht als Wundertäter mit geheimnisvollen Kräften, sondern indem wir einfach so leben wie er. Nicht als Zuschauer, nur als Nachahmer werden wir diese Gabe Gottes für immer erhalten. Jesus betont, dass wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken müssen, ganz mit ihm eins werden müssen, um dabei zu sein.
Seine Forderung, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, ist verstörend, provokant und zugleich rätselhaft. Wir können sie in zwei Richtungen verstehen: Einerseits hören wir die Anspielung auf den Ritus der Eucharistiefeier heraus, andererseits kann die Rede von Fleisch und Blut auch bedeuten, dass es hier um den letzten Ernst, sozusagen ums "Eingemachte" geht.
Für dieses Verständnis helfen uns die Erfahrungen der Sportler und Künstler. Was sie können, setzt harte Arbeit voraus, regelmäßiges intensives Training... Nur Übung macht den Meister. Sie zu bewundern ist Eines, selbst zu trainieren, eine zielstrebige und disziplinierte Lebensführung auf sich zu nehmen, ein Anderes. Hier steigen viele aus; nicht nur mangels entsprechenden Talents oder weil es irgendwann zu spät ist.
Wir dürfen uns nicht über den Unterschied hinwegtäuschen: Etwas selbst zu tun ist etwas anderes als andere zu bewundern. Jesus geht es um das Tun. Es geht nicht nur um den rituellen Akt der Eucharistie, in dem wir das Fleisch Jesu in der Gestalt des Brotes essen und das Blut Jesu in der Gestalt des Weines trinken. Damit treten wir in eine mystische Verbundenheit mit Jesus und dem Vater ein, wir werden eins mit ihm. In dieser Verbundenheit mit ihm leben wir hingegeben an Gott und die Menschen. Wer das ernst nimmt, erfährt, dass dies unter die Haut geht, ans Fleisch und ans Blut geht. Hier steigen viele aus. Sie bleiben lieber Jesus-Fans, Zuschauer, Kritiker, die endlos über die mangelnde Performance der Kirche diskutieren und nicht mit guten Ratschlägen sparen.
Irgendwann ist jedes Festspiel zu Ende. Was kommt nach dem Schlusspfiff, nach der Siegerehrung? Künstler und Athleten gönnen sich vielleicht eine schöpferische Pause, bald aber geht die harte Arbeit weiter.
Viele Christen feiern wichtige Höhepunkte ihres persönlichen oder familiären Lebens mit einem festlichen Gottesdienst. Auch im öffentlichen Leben werden bestimmte Ereignisse in einem Gottesdienst gefeiert. Schön und gut! Die Verwandlung der Welt in eine menschlichere solidarische Heimat für alle erfordert Umdenken und intensive Anstrengung im christlichen Alltag.
Im Symbol des Brotes sind die wichtigsten Dimensionen des christlichen Glaubens zusammengefasst. Brot ist Nahrung, Grundnahrungsmittel des Alltags. Es hat eine transzendierende Dimension: Es ist Symbol der hingebenden Liebe Jesu, Mitte unseres Gleubens.
In der Eucharistie werden wir auf Innigste mit Jesus vereint. Er lebt in uns, stärkt uns, lässt uns seine Nähe erfahren.
Die Worte Jesu in der sog. eucharistischen Rede des Johannesevangeliums klingen zunächst unverständlich und werden zu einer Zumutung. Es sind starke Bilder, die von ihrem aramäischen Hintergrund her gelesen werden müssen. Unter den Zeichen von Brot und Wein bekundet Jesus sein Sich-Hingeben für das Leben der Welt, für unser Leben. Durch die Hingabe seines Lebens hat uns Jesus einen neuen Zugang zu Gott erschlossen.
Im Presbyterium der Stadtpfarrkirche von Bad Ischl wurde im Zuge einer Restaurierung des Freskos vom Abendmahl im darüber angebrachten Schriftzug ein Buchstabe vertauscht. "Nehmet IHN und esset" liest der staunende Betrachter. "Nehmet HIN und esset" müsste es richtiger Weise heißen, wie auf alten Aufnahmen deutlich zu erkennen ist. Die ursprüngliche Version hört sich feierlich, vergeistigt und erhaben an. Was wir jetzt zu sehen bekommen ist handfester. Noch dazu in Verbindung mit dem Bild darunter, das Jesus in Lebensgröße zeigt, wie er von den Stufen des Altares herab die Hostie reicht. Nehmt ihn, greift ihn euch, esst ihn. Jesus selbst spricht im Evangelium von "seinem Fleisch" und vom "Fleisch des Menschensohnes" und ruft damit bei seinen Zuhörern empörtes Staunen hervor. "Wie kann er uns sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken geben?", wundern sich die Juden zurecht.
Der Vorgang des Essens und Trinkens hat immer etwas Gewaltförmiges an sich. Auch für ein kultiviertes Mahl an schön gedecktem Tisch und bei Kerzenlicht wurden zuvor Pflanzen und Tiere geschnitten, zerrissen, geschlachtet, gebraten oder gekocht, und werden nun zerbissen, gekaut, vergoren, verdaut und ausgeschieden. Weder die Pflanze noch das Tier wird gefragt, ob es gegessen werden will. Auch glückliche, artgerecht gehaltene Schweine werden geschlachtet und an einem bestimmten Punkt ist auch der Vegetarier rücksichtslos gegen das Leben, das ihn nähren soll. Was der Mensch isst und trinkt, geht in seinem Körper auf. Die verfügende Gewalt ist ein unübersehbares Element der Einverleibung. (Gottfried Bachl, Eucharistie. Macht und Lust des Verzehrens, St. Ottilien 2008).
In einem sehr alten Buch, der Odyssee des griechischen Dichters Homer, kommt der Held Odysseus in der Unterhaltung mit seinem Knecht, dem Sauhirten Eumaios, auf den Magen zu sprechen:
"denn vieles schon hab ich erlitten, Wogen und Krieg;
was jetzt kommt, mag es denn auch noch geschehen!
Freilich der Magen! Der so viele Übel den Menschen verursacht.
Er ist schuld, dass sie Schiffe mit trefflichen Ruderbänken rüsten
aufs ruhlose Meer und Unheil bringen den Feinden."
Odysseus hat viel mitgemacht. Die Erfahrungen, die er in all seinen Kämpfen und auf seinen Irrfahrten gewonnen hat, bringt er seinem Knecht gegenüber gleichsam auf den Punkt. Der Magen ist die Schaltstelle. In ihm läuft alles zusammen, was das Leben angeht. Er verursacht alles Streben nach Genuss und Glück, alle Grausamkeit auf Leben und Tod, den erniedrigenden Hunger und die satte Lebenskraft. An dieser Stelle werden die mächtigen Faktoren der Weltgeschichte berührt, die Wirtschaft vor allem, soziales und politisches Verhalten. Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit, die heute noch genauso aktuell ist wie damals, als Bert Brecht seine "Dreigroschenoper" verfasst hat, mit der sogenannten "Zuhälterballade", in der es heißt:
Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd und Missetat vermeiden kann
Zuerst müsst ihr uns schon zu fressen geben
Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt
Das Eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.
Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.
Genau an dieser Stelle steht Jesus. Er setzt sich all dem aus. Seine Liebe geht durch diese Mitte. Sie geht nicht bloß - wie es eine bekannte Redewendung nahelegt - durch den Magen. Wir werden nicht nur von oben her wohlschmeckend bekocht, sondern das Werk der Liebe geschieht an diesem Brennpunkt, in diesem Ernstfall, dass sie den gefährlichsten Ort besteht. Jesus wurde und wird tatsächlich gepeinigt, ausgezogen und - ja man muss es in diesem Zusammenhang so drastisch sagen - gefressen. Er begleitet den Menschen dorthin, um ihm genau an diesem Punkt, in dieser Sackgasse, in die der Mensch sich immer wieder hinein manövriert, einen Weg zu öffnen.
Genau an dieser Stelle ist das Kreuz aufgerichtet, von dem Paulus sagt, es sei "für Juden ein empörendes Ärgernis, für Griechen eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (vgl. 1 Kor 1,23f). Konsequenter Weise wird in der Eucharistiefeier das Kreuz stets zusammen mit dem Altar und den eucharistischen Gaben von Brot und Wein verehrt.
Christus kann sich in Freiheit darauf einlassen, weil ihn eine göttliche Macht schützt, weil ihn - wie er im Sinne des Johannesevangeliums von sich sagt - "der lebendige Vater gesandt hat". Und weiter: "...wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben." Die Kraft seiner Liebe - die göttliche Liebeskraft, die in ihm und durch ihn wirkt, verwandelt den Drang zur Vernichtung in den siegreichen Willen, dass alle das Leben haben sollen, ein Leben ohne Ablaufdatum, Leben in Fülle. "Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit".
Der Glaube und die Liebe Jesu haben fünf Gerstenbrote und zwei Fische in ein Mahl für Tausende verwandelt. Sie wurden satt im Teilen, und dennoch ist das jenes Brot, nach dessen Genuss man schon Stunden später wieder hungrig ist. Aus dieser Erfahrung verweist Jesus auf jenes andere Brot, das Brot des Lebens, von dem der Mensch in Ewigkeit lebt. Und dieses Brot ist sein Leib. "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm" - so lautet der Evangelienruf der heutigen Messe. Um diesen Ruf, der über unsere Existenz hinauszielt, in die Realität unseres Lebens zurückzuholen, möchte ich abschließend ein Gebet der amerikanischen Autorin Alla Bozarth-Campbell zitieren, das uns sehr intensive Sprachbilder ans Ohr bringt und, wie ich hoffe, nicht nur ans Ohr.
Gott, du Bäckerin,
ich bin dein lebendiges Brot,
stark, braun,
Gott, du Bäckerin.
Ich bin dein flacher, weicher Leib,
der Gestalt annimmt.
Ich bin dein Brot, das aufgeht,
gut geknetet von einem Paar göttlicher und knotiger Knöchel,
von deinen warmen Erdenhänden.
Ich bin gut geknetetes Brot.
Lege mich in dein Feuer, Gott, du Bäckerin,
lege mich in dein eigenes, helles Feuer.
Ich bin warm, durchwärmt wie ein Feuer.
Brich mich Gott, du Bäckerin.
Ich werde gebrochen unter deinem fürsorgenden Wort.
Tauch mich in Stücken in deinen besonderen Saft.
Tauche mich in dein Blut.
Ertrunken bin ich in der großen, roten Flut.
Sich selbst hingebender Kelch, schlucke mich.
Meine Haut strahlt im göttlichen Wein.
Mein Gesicht ist vom Kelch bedeckt und ich ertrinke.
Ich tauche auf in einem roten Teich,
in einer goldenen Welt,
wo deine sonnendurchglühte Hand ist,
um mich aufzufangen und zu halten.
Gott, du Bäckerin, mach mich neu.
(Dolores Bauer (Hg.), Erfüllte Zeit.
Die Botschaft des Markusevangeliums, Mödling 1995)
© Mag. Christian Öhler, Pfarrer, Geistlicher Assistent der Kath. Aktion OÖ
Lange nach Ostern und Fronleichnam konfrontieren uns die liturgischen Lesungen mit einem eucharistischen Thema. Jesus fordert uns heraus: Was heißt das, wenn er uns im lebendigen Brot begegnen will?
Herr Jesus Christus,
du bist das Brot, das vom Himmel herabkommt.
Herr, erbarme dich.
Du gibst dich hin für das Leben der Welt.
Christus, erbarme dich.
Anteilhabe an dir schenkt uns ewiges Leben.
Herr, erbarme dich.
Jesu, du bist das lebendige Brot.
Kyrie eleison.
Jesus. du stillst den Hunger unserer Seele.
Christe eleison.
Jesu, du bist gekommen, dass wir das Leben in Fülle haben.
Kyrie eleison.
Herr, sei uns nahe mit deiner heilenden, helfenden Liebe. Amen.
Barmherziger Gott,
was kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat,
das hast du denen bereitet, die dich lieben.
Gib uns ein Herz,
das dich in allem und über alles liebt,
damit wir den Reichtum deiner Verheißungen erlangen,
der alles übersteigt, was wir ersehnen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 20. Sonntag im Jahreskreis
Allmächtiger Gott,
zu deiner Ehre und zum Heil der Menschen
hast du Christus als ewigen Hohenpriester eingesetzt.
Er hat dir durch sein kostbares Blut
ein heiliges Volk erworben.
Gib, daß wir das Gedächtnis deines Sohnes
in Ehrfurcht feiern
und die Kraft seines Kreuzes
und seiner Auferstehung empfangen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Votivmesse von Jesus Christus dem Hohenpriester
Barmherziger Gott,
durch das kostbare Blut deines Sohnes
hast du die ganze Menschheit erlöst.
Bewahre in uns, was dein Erbarmen gewirkt hat,
und schenke uns immer neu die Frucht der Erlösung,
sooft wir das Geheimnis unseres Heiles feiern.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Votivmesse vom kostbaren Blut
Allmächtiger Gott,
durch die Auferstehung deines Sohnes
hast du uns neu geschaffen für das ewige Leben.
Festige uns im Glauben und in der Hoffnung,
damit wir die Erfüllung deiner Verheißung
voll Zuversicht erwarten.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 5. Dienstag der Osterzeit
Gütiger Gott,
du gibst allen Geschöpfen
Speise zur rechten Zeit.
Sättige uns durch das Wort deines Sohnes,
in dem wir das Leben haben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit.
WB 20. Sonntag, Jahreskreis B
Gott,
dein Sohn will uns begegnen
in den unscheinbaren Zeichen von Brot und Wein.
Laß uns dankbar sein
für das große Geschenk der Eucharistie
und hilf uns, selbst Brot zu werden,
von dem andere leben.
Durch Christus, unseren Herrn.
Gütiger Gott
wir vertrauen darauf,
dass deine Güte und Fürsorge grenzenlos ist.
In deinem Sohn bist du bei uns
in der Gestalt vom Brot des Lebens.
Du sorgst dich nicht nur um unser Leben,
du schenkst uns ewiges Leben.
Dafür danken wir dir durch deinen Sohn,
der in der Kraft des Heiligen Geistes
im Sakrament des Brotes
mit dir, dem Vater,
lebt und liebt in alle Ewigkeit. – Amen.
Du lebenspendender Gott,
du zeigst uns Wege durch diese Zeit -
mit Möglichkeiten und Grenzen.
Mit dir an unserer Seite können wir das Leben wagen.
Dein Sohn ist bei uns:
im Wort, das vom Leben erzählt,
und im Brot, das ewiges Leben verheißt.
Dafür danken wir dir - durch ihn,
Jesus Christus, deinen Sohn.
Herr Jesus Christus,
du stärkst uns auf dem Weg zu einem Leben in Fülle. Im eucharistischen Brot erleben wir deine vollumfängliche Hinwendung zu uns Menschen.
Auf dich dürfen wir setzen und so wollen wir dich bitten:
An vielen Stellen in der Welt erleben wir neue Ausbrüche von Gewalt und Krieg.
Stärke all jene, die sich um Frieden und Gerechtigkeit unter den Völkern bemühen.
Viele von uns sind auf Reisen und suchen Erholung - ganz nahe oder in weiter Ferne.
Lass alle gestärkt für den Alltag heimkehren und gute Neuanfänge in Schule, Studium und Beruf erfahren.
Der Sommer bedeutet für viele auch eine Zeit des Umbruchs: ein neuer Job, das Ende der Schulzeit und vieles mehr.
Stärke und festige alle jene, die bald im Leben neue Wege gehen.
Menschen sind von uns gegangen: plötzlich und unerwartet oder auch nach langem Leiden.
Bereite all jenen, die ihr irdisches Leben beendet haben, einen Platz in deinem Reich, und tröste und stärke die Trauernden.
Einst hat Jahwe das Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste geleitet. Sei du unsere Wegzehrung durch unser ganzes Leben - bis hin zur Ewigkeit. – Amen.
Zum gemeinsamen Gottesdienst versammelt erbitten wir von dir Weisheit und Mut zu einem erneuerten Leben:
Für alle Getauften in den verschiedenen christlichen Kirchen, die abseits aller theologischen Unterschiede nach Gemeinschaft untereinander und mit dir streben.
Für die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft um Weisheit und Sachverstand in ihrem Handeln, damit alles, was Leben und Umwelt zerstört, vermieden wird.
Für alle, die durch den Klimawandel und dessen Auswirkungen in ihrer Gesundheit bedroht sind oder die materielle Basis ihrer Existenz verloren haben.
Für uns selbst um eine Beziehung zu dir, in der wir in unserem konkreten Menschsein deinen Willen begreifen und uns davon ergreifen lassen.
Für alle Verstorbenen um das Leben in Ewigkeit und Gemeinschaft mit dir.
Denn in Jesu Wort und Leben hast du uns reich beschenkt und uns den Weg zu einem erfüllten Leben gezeigt.
Dir danken wir und rühmen deine Weisheit in Jesus Christus durch den Heiligen Geist. - Amen.
Zu Jesus Christus, der uns ewiges Leben geben will,
lasst uns beten:
Für alle Menschen, die ihren Lebenshunger ohne Rücksicht auf andere stillen
und die Grundreche ihrer Mitmenschen übergehen.
Für alle Menschen, die ums nackte Überleben kämpfen müssen,
und keine Zeit und Energie haben, auch auf ihren seelischen Hunger und Durst zu achten.
Für alle Christen, die nur auf ihr eigenes leibliches und seelisches Heil bedacht sind
und das Wohl ihrer Mitmenschen außer Acht lassen.
Für alle Christen, die den inneren Bezug zum Geheimnis der Eucharistie verloren oder nie gefunden haben.
Für die Gemeinschaft aller Christen:
Lass sie durch das Feiern deines Todes und deiner Auferstehung mit dir verbunden leben.
Für unsere Verstorbenen:
Lass sie am verheißenen ewigen Leben teilhaben.
Du, Herr, bist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist
und durch das wir ewiges Leben haben. – Amen.
Herr,
wir bringen unsere Gaben dar für die Feier,
in der sich ein heiliger Tausch vollzieht.
Nimm sie in Gnaden an
und schenke uns dich selbst
in deinem Sohn Jesus Christus,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB 20. Sonntag im Jahreskreis
Gütiger Gott,
wir bringen die Gaben dar
für die Gedächtnisfeier unserer Erlösung.
Mache sie zum Sakrament,
das die Einheit bezeichnet
und uns in deiner Liebe zusammenschließt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Votivmesse von der hl. Eucharistie
Herr, unser Gott,
heilige die Gaben deiner Kirche
und nähre uns in dieser Feier der Eucharistie
mit dem wahren Brot des Himmels.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Advent 17. Dezember
Gott, unser Vater,
von dir kommen die Gaben,
die wir zu deiner Ehre darbringen.
Schenke sie uns wieder als Speise zum ewigen Leben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Mittwoch der 5. Woche der Fastenzeit
Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel herabgekommen ist,
sagt Jesus von sich.
Guter Gott
wir sind um diesen Altar versammelt,
um die geistgewirkte Gegenwart deines Sohnes zu feiern.
Lass uns in unserer Tischgemeinschaft erfahren,
wie du uns nährst und stärkst -
weit über unser irdisches Leben hinaus.
So danken wir dir für ihn, der sich uns gibt:
Christus, unseren Bruder und Herrn. – Amen.
Guter Gott,
Brot und Wein hier auf dem Altar zeigen uns,
was du uns gibst:
Lust am Leben und Kraft zum Gehen.
Lass unsere Tischgemeinschaft ein Zeichen sein
und lass alle, die hier versammelt sind,
Lebendigkeit ausstrahlen in die toten Winkel dieser Welt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn.
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Als der wahre und ewige Hohepriester
hat er die Feier eines immerwährenden Opfers gestiftet.
Er hat sich selbst als Opfergabe dargebracht
für das Heil der Welt
und uns geboten,
daß auch wir diese Gabe darbringen zu seinem Gedächtnis.
Er stärkt uns,
wenn wir seinen Leib empfangen,
den er für uns geopfert hat.
Er heiligt uns,
wenn wir sein Blut trinken,
das er für uns vergossen hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten und mit all den Scharen
des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Eucharistie 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn er hat beim Lezten Abendmahl
das Gedächtnis des Kreuzesopfers gestiftet
zum Heil der Menschen bis ans Ende der Zeiten.
Er hat sich dargebracht als Lamm ohne Makel,
als Gabe, die dir gefällt,
als Opfer des Lobes.
Dieses erhabene Geheimnis heiligt
und stärkt deine Gläubigen,
damit der eine Glaube
die Menschen der einen Erde erleuchte,
die eine Liebe sie alle verbinde.
So kommen wir zu deinem heiligen Tisch,
empfangen von dir Gnade um Gnade und
werden neu gestaltet nach dem Bild deines Sohnes.
Durch ihn rühmen dich Himmel und Erde,
Engel und Menschen und
singen wie aus einem Munde
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Eucharistie 2
Barmherziger Gott,
im heiligen Mahl
schenkst du uns Anteil am Leben deines Sohnes.
Durch dieses Sakrament
mache uns auf Erden Christus ähnlich
und lass uns im Himmel zur vollen Gemeinschaft mit ihm gelangen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn.
MB 20. Sonntag im Jahreskreis
Gütiger Gott,
du nährst uns immer wieder
mit dem heiligen Sakrament.
Stärke uns durch diese Speise
und schenke uns das unvergängliche Leben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Mittwoch der 1. Fastenwoche
Barmherziger Gott,
du hast uns in diesem Mahl
die Gabe des Heiles geschenkt.
Dein Sakrament gebe uns Kraft in dieser Zeit
und in der kommenden Welt das ewige Leben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen.
MB 8. Sonntag im Jahreskreis
MB Donnerstag der 5. Woche der Fastenzeit
Barmherziger Vater
wir haben deine Gegenwart erfahren und gefeiert.
Nun sagen wir dir Dank für das Wort des Lebens,
das wir vernommen haben,
und für die Gemeinschaft am Tisch des Brotes,
die uns gestärkt hat.
Begleite uns nun mit deinem Segen
in die kommende Zeit.
Durch Christus, unseren Bruder und Herrn. – Amen.
Von Menschen, die mit dem Christentum wenig anzufangen wissen, werde ich manchmal gefragt: „Seid Ihr Kannibalen?“, oder: „ist der Wein weiß, damit er nicht wirklich nach Blut aussieht?“ Diese Fragen stellten sich in den Anfängen des Christentums viele Menschen, nicht nur „die Juden“ im Johannesevangelium. Wie kann er sich selbst uns zu essen geben? Vielleicht helfen folgende Überlegungen weiter:
Die berühmte Brotrede im Johannesevangelium im Anschluss an die Brotvemehrung ist höchste Theologie und Mystik, nicht einfach zu begreifen. Es gab und gibt dazu verschiedenste Deutungen, von einem rein symbolischen Verständnis bis hin zu einem zugespitzten Verständnis der Transsubstantiation. Gemeinsam ist allen: Wer Jesus ganz, "mit Fleisch und Blut", in sich aufnimmt, der verinnerlicht Gott. Und wer ihn ganz verinnerlicht hat, der lebt aus ihm und seiner Botschaft.
Hinzu kommt die Communio, die Gemeinschaft: wenn wir gemeinsam Mahl halten und Jesus ganz in uns aufnehmen, dann sind wir in der Nachfolge auf seinen Spuren gemeinsam unterwegs.
Diese beiden Momente, Jesu Botschaft nicht nur hören, sondern ihn mit seiner Botschaft und damit Gott ganz in uns aufnehmen, und die Gemeinschaft untereinander lässt uns als Christen leben. Wir sind nicht allein unterwegs, er ist in uns. Wir können getrost seine Wege bis zur letzten Konsequenz gehen, so wie er vorausgegangen ist.
Georg Legerke in: Youcat. Jugendgebetbuch. Youcat-Verlag, 12. Auflage 2015.
Lied zu den Ich-bin-Worten Jesu.
Text und Musik von Reinhard Burchhardt, Warburg 2023.
du kommst
in mein leben
herein
du gehst
meine wege
mit
du nimmst
meine kreuze
auf dich
du für mich
wie so groß
ist die liebe
ich lasse dich
in mein leben
hereinkommen
ich gehe dir
auf deinen wegen
nach
ich stehe
vor dem kreuz
deiner liebe zu mir
ich vor dir
auf den spuren
der liebe
Aus: Andrea Schwarz, Du Gott des Weges segne uns. Gebete und Meditationen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.

Seit 1. Fastensonntag 1996 veröffentlicht ein Team von Priestern, Diakonen, Ordensleuten und pastoral engegierter Laien
spirituelle Impulse, Bibeltexte mit Erklärungen, Gebete für Gottesdienstfeiern und Denkanstöße für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres.
Verbesserte Suchfunktionen - Neue Exportfunktionen
Ab 1. Adventsonntag: Vorschläge für Wort-Gottes-Feiern
Schneller am Ziel
Die Unterseiten des Predigtforums kann man auch mit einer Kurzadresse erreichen:
Ihre Spende ermöglicht uns die Weiterführung und Weiterentwicklung des Predigtforums.
Im ganzen Alten Orient schätzte man treffende Sprichwörter. Vor allem für die Unterweisung der Hofbeamten und Schreiber spielten sie eine große Rolle (daher mahnen sie gerne zur Besonnenheit, geben Ratschläge zum Umgang mit den Mächtigen und spiegeln überhaupt eine gewisse "Beamtenmentalität" wieder!). Meist fassen sie aber allgemeinmenschliche Wahrheiten ins Wort, die zu allen Zeiten gültig sind. Das Buch der Sprichwörter enthält ältere Sammlungen und neuere Lehrreden. Anlaß zur Endredaktion des Buches ist die Blüte der Weisheitsliteratur um 200 v. Chr. Aus dieser Zeit stammt auch die Lehrrede, der unsere Lesung entnommen ist.
Die Weisheitsliteratur des AT (Kohelet, Jesus Sirach, Ijob, das Hohelied, einige Psalmen und natürlich das Buch der Weisheit), kreist um die Frage: "Wie kann ich mein Leben so leben, daß es gut ist, daß es wirklich ein Leben im Vollsinn des Wortes ist?". Mit "Weisheit" ist also nicht Bildung oder Philosophie gemeint, sondern ein handfestes Lebenswissen für den Alltag. "Weise" nennt das AT denjenigen, der nach der "Weisung", der Tora, lebt. Wer sich auf die menschenfreundlichen Gebote des menschenfreundlichen Gottes einläßt - so die Überzeugung des AT - macht sich auf den Weg in ein Leben in Fülle. Als abschreckendes Gegenbeispiel wird gern der "Weg der Toren" oder "Frevler", die das Gesetz mißachten, angeführt.
Auch der vorliegende Text ist ein werbender, einladender Text, der mit üppigen Bildern zum Weisheitsweg verführen will. Er malt die göttliche Weisheit als wohlhabende, großzügige Gastgeberin, die die Unerfahrenen, die eigentlich ihrer unwürdig wären, zu sich einlädt und bewirtet. Daß die göttliche Weisheit als Person auftritt, kommt öfter vor - in Weish 8 spricht der Verfasser von ihr geradezu schwärmerisch als von seiner Geliebten und Lebensgefährtin. Das Bild vom Festmahl möchte seine Hörerinnen und Hörer davon überzeugen: Wer den Weg mit Gott, den Weg der Weisheit wählt, muß nicht darben, im Gegenteil! Er gewinnt eine neue Lebensqualität und tritt in einen neuen, prächtigen Lebensraum ein.
Das AT wählt hier also einmal ein weibliches Bild dafür, wie Gott im Leben der Menschen erfahren werden kann. Spannend ist, daß Jesus offensichtlich gerade dieses weibliche Gottesbild zum Vorbild nimmt, wenn er Zöllner zu sich zum Gastmahl einlädt, weil "nicht die Gesunden den Arzt brauchen, sondern die Kranken" (Mk 2,13-17 par)!
Weisheitsliteratur
Das Buch der Sprichwörter ist eine Sammlung von Lehrreden, Gedichten und Sprüchen, deren Zusammenstellung zwischen 550-200 v. Chr. endverfaßt wurde. Schon zur Zeit König Salomos (um 1000 v. Chr.) waren Sprüche, Rätsel und Lehrgedichte im Alten Orient sehr beliebt. Eine zweite Blüte erlebte die Weisheitsliteratur in der Zeit nach dem Babylonischen Exil.
Für das israelitische Weisheitsverständnis ist die religiöse Dimension charakteristisch. Die Wendung "Die Furcht vor Jahwe ist der Anfang der Weisheit" (Spr 1,7) erklärt die Frömmigkeit zur Voraussetzung der Weisheit und spricht dem Glauben an Gott eine wichtige Funktion in der menschlichen Erkenntnis zu. Da bei geht es den Israeliten sicher nicht um ein naives Naturverständnis, sondern darum, deutlich zu machen, daß der Mensch erst im Wissen um Gott und im Wissen um sich selbst in das richtige Verhältnis zu den Gegenständen seiner Erkenntnis kommt.
Die Weisheit als Person
Die Weisheit ist für die Lehrer Israels aber keine abstrakte Idee dessen, was zu tun oder zu lassen ist, sondern sie tritt als Person auf, die selbständig redet und handelt. Sie begegnet den aufmerksamen Menschen dort, wo man das Leben der Stadt beobachten kann: auf den Straßen, den Plätzen, am Stadttor. Die Weisheit lehrt ihre Schüler, sie bringt denjenigen, die sich an sie halten, Glück und langes Leben. Diejenigen, die sich nicht an ihre Lehren halten, geraten in Unglück, im schlimmsten Fall kann die Nichtbeachtung sogar die Todesstrafe nach sich ziehen, die z. B. auf Ehebruch steht (Spr 9,6). Darum lädt sie die Unerfahrenen ein, aus der Tradition und den Erfahrungen der Lehrer Konsequenzen für das eigene Leben zu ziehen, in das "Haus der Weisheit einzutreten".
Die ethische Erziehung der israelischen Weisheitslehrer ist also nicht diktatorisch autoritär geprägt, sondern appelliert an die Einsicht des Schülers. Gemeinsam mit den Schülern sind die Lehrer auf dem Weg der Weisheit unterwegs.
Gemäss 1 Kön 5,12 hat König Salomo 3.000 Sprüche niedergeschrieben. Auf diesen Satz geht die Vermutung zurück, das Buch der Sprichwörter stamme zumindest in den ersten Versen und auch noch an weiteren Stellen aus seiner Feder. Es haben sicher aber auch noch etliche andere Autoren mitgemischt. In der jüdischen Tradition wird das Buch König Hiskija zugeschrieben.
Im Buch ist die Weisheit eine weibliche Instanz, die den Menschen begleitet wie eine treue Gefährtin. In der vorliegenden Perikope schlüpft sie in die Rolle der Gastgeberin, die die Menschen zur Erkenntnis einlädt.