Lesung aus dem Buch Daniel.
Herr, du großer und Furcht erregender Gott,
der den Bund und die Huld denen bewahrt,
die ihn lieben und seine Gebote bewahren.
Wir haben gesündigt und Unrecht getan,
wir sind treulos gewesen
und haben uns gegen dich empört;
von deinen Geboten und Rechtsentscheiden
sind wir abgewichen.
Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört,
die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern,
zu unseren Vätern
und zu allen Bürgern des Landes geredet haben.
Du, Herr, bist im Recht;
uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht,
den Leuten von Juda,
den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten,
seien sie nah oder fern in all den Ländern,
wohin du sie verstoßen hast;
denn sie haben dir die Treue gebrochen.
Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht,
unseren Königen, Fürsten und Vätern;
denn wir haben uns gegen dich versündigt.
Beim Herrn, unserem Gott,
ist das Erbarmen und die Vergebung,
obwohl wir uns gegen ihn empört haben.
Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes,
nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört,
die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat.
Kv - Vergilt uns nicht nach unseren Sünden, o Herr! – Kv
Oder GL 39,1
Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, *
wird brennen wie Feuer dein Eifer?
Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! /
Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! *
Denn wir sind sehr erniedrigt. - Kv
Hilf uns, Gott unsres Heils, *
um der Herrlichkeit deines Namens willen!
Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden *
um deines Namens willen! - Kv
Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! *
Durch deinen mächtigen Arm erhalte die Kinder des Todes am Leben.
Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, *
wir wollen dir danken auf ewig,
von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden. – (Kv)
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
Richtet nicht,
dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!
Verurteilt nicht,
dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!
Erlasst einander die Schuld,
dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!
Gebt,
dann wird auch euch gegeben werden!
Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß
wird man euch in den Schoß legen;
denn nach dem Maß, mit dem ihr messt,
wird auch euch zugemessen werden.
Keine Inhalte für diese Messfeier vorhanden
Immer bleiben wir etwas unseren.
Mitmenschen schuldig.
So oft vergessen wir anzurufen,
immer haben wir zu wenig gefragt.
Sind zu wenig einfühlsam gewesen,
haben sie zu wenig besucht,
zu wenig Zeit für sie gehabt.
Und dann ist es zu spät,
der Tod war schneller als wir -
und das Gewissen macht uns Vorwurfe...
Wer gleicht unsere Unzulänglichkeit aus?
Gott wird alles ergänzen, ausgleichen ...
ER macht alles gut.
Aus: Ilse Pauls, Lebensbilder. Gedichte. Wolfgang Hager Verlag, Stolzalpe 2020.
Dem Fuchs verzeihen,
dass er Hasen tötet,
Gott verzeihen,
dass er Fuchse zum Töten erschaffen hat.
Einer tötet den anderen,
noch liegt das Lamm nicht beim Wolf,
noch spielt das Kind nicht vor dem
Schlupfloch der Natter,
noch frisst der Löwe nicht Stroh,
noch freunden sich Kuh und Bärin nicht an.
Wann wird dieser Tag sein?
Aus: Ilse Pauls, Lebensbilder. Gedichte. Wolfgang Hager Verlag, Stolzalpe 2020.
Herr, du kennst mich.
Ich bin weder ganz gut noch ganz schlecht,
weder gottlos noch gerecht.
Bei mir folgt auf das Vergehen die Buße
Und auf die Vergebung wieder die Sünde.
Das ist nicht gut.
Herr, ich hoffe auf dein Heil,
obwohl ich dir nicht treu gedient habe.
An einem einzigen Tag ändere ich mich tausendmal,
wie ein Rad drehe ich mich unzählige Male.
Mit meinem Weizen ist der Unkraut vermischt,
und der gute Samen wächst
unter den Dornen auf dem Acker deines Knechtes.
Sei barmherzig, Herr, mit meinem Wankelmut.
Geh nicht ins Gericht mit meiner Unbeständigkeit.
Du der ewig Beständige, der sich nicht wandelt,
du bist mir Anfang, Ende und Mitte.
Ich will zu meinem Vater gehn heut am Tag.
Er wird ein jedes Wort verstehn, das ich wag,
das ich wag.
Weil es noch ein Zuhause gibt, lauf ich hin.
Ich weiß, dass mich mein Vater liebt, wie ich bin,
wie ich bin.
Er ist's, der dich von fern erblickt, tief im Staub.
Sein Herz hat er vorausgeschickt. Sieh und glaub!
Sieh und glaub!
Er ist's, der dir entgegenläuft weit, wie weit;
der dich mit Liebe überhäuft und verzeiht,
und verzeiht.
Den Lumpenrock schafft man beiseit – brennt wie Spreu.
Nun trägst du Schuh und Ring und Kleid funkelnd neu,
funkelnd neu.
Hoch hebt das Fest der Heimkehr an, nie erschaut.
Die Freude, die nur danken kann, jubelt laut,
jubelt laut.
Lasst uns zu unserm Vater gehn, ich und du.
Er ruft, bis alle ihn verstehn: Kommt herzu!
Kommt herzu!
»Vergib uns unsere Schuld.« Vielleicht scheint es uns so, als ob wir uns diese Bitte doch recht leicht zu eigen machen könnten. Ich habe jedoch viele Menschen kennen gelernt, die um Vergebung der Schuld gebeten haben, aber nicht bis auf den Grund ihrer Seele selbst daran glauben konnten und deshalb immer noch voller Verwirrung und Bitterkeit waren, niedergedrückt von der Last ihrer Schuld. Sie konnten nicht daran glauben, dass Gott uns die Sünden restlos und ganz vergibt, weil er der Barmherzige und Großzügige ist. Wir sind eingeladen, einmal darüber in Ruhe nachzudenken, ob wir wirklich die Gewissheit empfinden, dass Gott uns vergibt und dass er es auf königliche Weise tut.
»Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Manchmal erscheint es uns so, als hätten wir keine Feinde und auch keine Schuldner, als schuldeten wir niemandem etwas und umgekehrt. Wenn wir aber unser Gewissen einmal ernsthaft erforschen, dann stoßen wir auf eine geheime Bitterkeit, zum Beispiel gegenüber Menschen, von denen wir Achtung, Aufmerksamkeit, Zuwendung erwartet hätten und die uns enttäuscht haben - Vorgesetzte innerhalb der Kirche, Freunde, sogar die eigenen Eltern. Viele Menschen merken gar nicht, welche Gefühle der Bitterkeit, der Unzufriedenheit, des Grolls sie in ihrem Herzen hegen - Gefühle, die dann in schweren, schmerzhaften Momenten aus ihnen hervorbrechen und zu einer Explosion von Klagen und Vorwürfen führen, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten.
Aus: Kardinal Carlo M. Martini, Die Bergpredigt. Ermutigung zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2011 (2006).
O Mensch, bewein dein Sünde groß,
darum Christus seins Vaters Schoß
äußert und kam auf Erden;
von einer Jungfrau rein und zart
für uns er hier geboren ward,
er wollt der Mittler werden.
Den Toten er das Leben gab
und tat dabei all Krankheit ab,
bis sich die Zeit herdrange,
dass er für uns geopfert würd,
trüg unser Sünden schwere Bürd
wohl an dem Kreuze lange.
So lasst uns nun ihm dankbar sein,
dass er für uns litt solche Pein,
nach seinem Willen leben.
Auch lasst uns sein der Sünde Feind,
weil uns Gotts Wort so helle scheint,
Tag, Nacht danach tun streben,
die Lieb erzeigen jedermann,
die Christus hat an uns getan
mit seinem Leiden, Sterben.
O Menschenkind, betracht das recht,
wie Gottes Zorn die Sünde schlägt,
tu dich davor bewahren!
Die bis heute gesungenen beiden Strophen sind ursprünglich der Rahmen einer 23-strophigen Passionsbetrachtung in Liedform. Sebald Heyden erzählt darin die Leidensgeschichte Jesu in der Art einer Evangelienharmonie nach den vier Evangelisten. Die erste Strophe formuliert als Vorwort die erlösende Bedeutung des Wirkens und Sterbens Jesu und lädt, gemäß alter Auslegungstradition, zur „heilsamen Trauer“ über die eigenen Sünden und das ihretwegen geschehene Leiden Christi ein; zugleich beginnt mit der Erwähnung seiner Menschwerdung und Wundertaten bereits die Erzählung. Die letzte Strophe fasst den sensus moralis, die lebenspraktische Konsequenz der Passion Christi für die Gläubigen, zusammen: Dankbarkeit, Liebe, Gottesfurcht.
Jede Strophe besteht aus nicht weniger als zwölf – acht vier- und vier dreihebigen-jambischen Zeilen mit dem zweimaligen Reimschema [aabccb], wobei a und c männliche Reime sind und b weiblich ist. Diese ausladende Form bietet Raum für die erzählende Textmasse. Kein Geringerer als Paul Gerhardt sah sich veranlasst, eine Kontrafaktur zu Heydens stellenweise ungelenken Versen zu schaffen, sein 29-strophiges Lied im gleichen Versmaß O Mensch, beweine deine Sünd.

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Die Perikope stammt aus dem Mittelteil der lukanischen Feldrede und entspricht in weiten Teilen der matthäischen Bergpredigt: Beide Autoren haben auf denselben Ursprung - dieselbe Logienquelle - zurückgegriffen. Im vorliegenden Teil wird das zur damaligen Vorstellung quer liegende Liebesgebot eingeführt, das schließlich in der Feindesliebe gipfelt. Hieß es im Buch Genesis (9,6) noch: „Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht”. Oder später im Buch Levitikus (24,17f): “Wer einen Menschen erschlägt, hat den Tod verdient. Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen: Leben für Leben”. Jesus hält nichts von derartigem Ausgleich und setzt damit die Ökonomie der Gerechtigkeit nach jüdischem Gesetz außer Kraft.
Im ersten Teil der Perikope wird eine Form der Liebe gegenüber jedermann skizziert, die dadurch hervorsticht, dass sie keinen Ausgleich kennt. Der weniger Geliebte soll sich nicht nur in seiner Unterlegenheit zufriedengeben, sondern sie auch noch fördern - zuhöchst zugespitzt, wenn er jene liebt, die ihm Schlechtes tun.
Der zweite Teil des Textes verbleibt wohl in der Thematik, aber fügt mit dem Schwerpunkt “wie auch euer Vater“ noch einen weiteren Grund für das Liebesgebot ein: Wer unbedingt und über alle Maßen liebt, kommt der Art und Weise eines unbedingt liebenden Gottes näher.
Den Abschnitt über die Vergeltung und die Feindesliebe schließt das Lukasevangelium im Rahmen der sogenannten "Feldrede" an die Seligpreisungen und die Wehrufe an. Positiv ausgedrückt könnte man diese Stelle mit: "über die Barmherzigkeit und die Nächstenliebe" überschreiben.
Die Forderungen sind radikal und doch aus dem alltäglichen Leben gegriffen: das Verhalten gegenüber Menschen, wo nur eine negative Beziehung besteht, Umgang mit Gewalt, mit Menschen, denen man nicht vertrauen kann, auch in diesen Grenzbereichen, hat sich die christliche Grundhaltung zu bewähren.
Feindlich gesinnte, hassende, gewalttätige und nicht vertrauenswürdige Menschen gehören zu der Realität, in die die Christen hineingestellt sind. Der Himmel ist noch nicht eingekehrt auf der Erde und die Christen sind nicht gefeit vor Begegnungen mit dem Bösen in der Welt, wie Paulus den Korinthern klarzumachen versuchte.
Es ist nach Lukas nicht möglich, und auch nicht christlich, davor die Augen zu verschließen, daß es böse Menschen gibt und um nicht damit konfrontiert zu werden nur im privaten, "frommen und rechtgläubigen" Zirkeln zu verkehren.
Wenn die Liebe der Christen nicht über den eigenen Gartenzaun hinausreicht, was bringt´s? Mit dem Evangelisten: "Welchen Dank erwartet ihr euch dafür?" (Lk 6:33)
Der Schreiber des Evangeliums will nicht, daß seine Leser zu geduldigen Opfern von Ausnutzung, Gewalt und Vertrauens mißbraucht werden. Es geht nicht um ein passives Erdulden und Erleiden, sondern um eine aktive Begegnung, dem Bösen die Stirn zu bieten, in einer Art und Weise, wie es in der Logik des Bösen nicht vorkommt: Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, den Konflikt nicht eskalieren lassen sondern selber auszusteigen aus diesen gefährlichen Mechanismen. Der Evangelist lädt ein, aktiv zu werden, aus der Wahrnehmung und dem Erkennen des Bösen heraus bewußt einen Schritt in die andere Richtung zu setzen., sich nicht blind den unmittelbaren Emotionen hinzugeben.
Ähnlich arbeiten Psychotherapeuten mit Menschen, die in einem Konflikt, zum Beispiel in einer Ehekrise stehen: einmal den Standpunkt wechseln, den anderen nicht nur als "Feind", sondern auch als Menschen betrachten, ein Stück über den eigenen Schatten springen, einen Schritt der Versöhnung tun und darüber nachzudenken, wie weit mein eigenes Verhalten Anlaß gibt für Haß und Feindschaft. Radikale Forderungen? Herausfordernd vielleicht, aber nicht entmündigend, unterdrückend und zum Dulden verdammend.
Natürlich gibt es ein Risiko, sofortigen Erfolg verspricht der Evangelist Lukas nicht. Die Strukturen des Bösen sind zäh, im einzeln Menschen, in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Das Evangelium verweist uns auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes, nicht für unseren Umgang mit Menschen mit denen wir nicht gern zu tun haben, sondern auch für unsere eigenen Ansätze und Versuche, die Welt ein Stück menschlicher zu machen.