Lesung aus dem Buch Jeremia.
Meine Feinde sagten:
Kommt, lasst uns gegen Jeremia Pläne schmieden!
Denn nie wird dem Priester die Weisung ausgehen,
dem Weisen der Rat und dem Propheten das Wort.
Kommt, wir wollen ihn mit Worten schlagen
und auf keines seiner Worte achten.
Gib du, HERR, Acht auf mich
und höre das Gerede meiner Widersacher!
Darf man Gutes mit Bösem vergelten?
Doch sie haben mir eine Grube gegraben.
Gedenke, dass ich vor dir stand,
um Gutes über sie zu reden
und deinen Zorn von ihnen abzuwenden!
Kv: In deiner Güte hilf mir, o Herr! - Kv
Oder GL 229
Du wirst mich befreien aus dem Netz, /
das sie mir heimlich legten; *
denn du bist meine Zuflucht.
In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; *
du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue. - Kv
Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, *
zum Spott sogar für meine Nachbarn.
Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, *
wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir. - Kv
Ich hörte das Zischeln der Menge - Grauen ringsum. *
Sie taten sich gegen mich zusammen;
sie sannen darauf, *
mir das Leben zu rauben. - Kv
Ich aber, HERR, ich habe dir vertraut, *
ich habe gesagt: Mein Gott bist du.
In deiner Hand steht meine Zeit; *
entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger! - Kv
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.
In jener Zeit
als Jesus nach Jerusalem hinaufzog,
nahm er die zwölf Jünger beiseite
und sagte unterwegs zu ihnen:
Siehe, wir gehen nach Jerusalem hinauf;
und der Menschensohn
wird den Hohepriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert;
sie werden ihn zum Tod verurteilen
und den Heiden ausliefern,
damit er verspottet, gegeißelt und gekreuzigt wird;
und am dritten Tag wird er auferweckt werden.
Damals kam die Frau des Zebedäus
mit ihren Söhnen zu Jesus,
fiel vor ihm nieder und bat ihn um etwas.
Er fragte sie: Was willst du?
Sie antwortete:
Versprich, dass meine beiden Söhne
in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen!
Jesus erwiderte:
Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.
Könnt ihr den Kelch trinken,
den ich trinken werde?
Sie sagten zu ihm:
Wir können es.
Da antwortete er ihnen:
Meinen Kelch werdet ihr trinken;
doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken
habe nicht ich zu vergeben;
dort werden die sitzen,
für die es mein Vater bestimmt hat.
Als die zehn anderen Jünger das hörten,
wurden sie sehr ärgerlich über die beiden Brüder.
Da rief Jesus sie zu sich und sagte:
Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken
und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen.
Bei euch soll es nicht so sein,
sondern wer bei euch groß sein will,
der soll euer Diener sein,
und wer bei euch der Erste sein will,
soll euer Sklave sein.
Wie der Menschensohn nicht gekommen ist,
um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen
und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
Keine Inhalte für diese Messfeier vorhanden
Der, von dem ich erzählen will,
wurde geboren in Armut und starb,
noch jung, mit ausgebreiteten Armen
am Kreuz einen schrecklichen Tod.
Warum, worin bestand seine Schuld?
Oder anders gefragt: wem war er im Weg?
Er raubte kein Geld, kein Land, stürzte
keinen vom Thron, zog nicht in den
Krieg, schrieb nicht einmal Bücher.
Der Ort, wo er aufwuchs wie andere auch,
war ohne Bedeutung: ein Nest in den Bergen
am Rande des riesigen römischen Reiches.
Er lernte ein Handwerk, zimmerte Möbel,
bis er die Werkstatt verließ und sein Dorf
und umherzog im Land, das Wort auszusäen.
Er sah, wie man weiß, weder Rom noch Athen.
Aber er sah seinen Vater im Himmel und
sah auf der Erde die Menschen im Dunkel
und lehrte sie sehn mit anderen Augen.
Er heilte die Kranken, rief Tote ins Leben.
So zog er umher und warb um die Herzen
und sprach von der Liebe, dem
Königreich Gottes.
Er starb, wie er lebte
und lebt, wie er starb:
mit ausgebreiteten Armen.
Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2006.
„Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5,14/).
"Wie hältst du’s mit der Religion?“ Ich glaube, daß diese Gretchenfrage für uns Christen ganz anders lautet, nämlich: "Wie hast du’s mit dem Kreuz?“
Auf dem letzten Konzil stand ein Bischof aus der Dritten Welt vor dem Mikrophon. Er nahm das Kreuz, das er auf seiner Brust hängen hatte, in die Hand, schaute es ein wenig an und rief dann in die Aula des Petersdomes: Wir tragen alle ein Kreuz auf der Brust, es wäre besser, wir würden es auf dem Rücken tragen!
Dazu noch eine Geschichte: Vor zweihundert Jahren lebte in Moskau ein deutscher Arzt, der sich in besonderer Weise der Gefangenen und Armen annahm und den man deshalb nur den „Engel von Moskau“ nannte. Er war befreundet mit dem Metropoliten von Moskau, der, wie sollte es anders sein, auf seiner Brust ein großes goldenes und mit Edelsteinen geschmücktes Kreuz trug. Eines Tages sprachen sie miteinander über die Strafgefangenen.
Der Metropolit wollte den Arzt in seinem Einsatz zurückstutzen und meinte: „Wer bestraft wird, ist auch schuldig.“ Der Arzt wurde zornig und schleuderte dem Metropoliten nur einen Satz ins Gesicht: „Sie haben nur Christus vergessen“ - und zeigte auf das goldene Kreuz.
Beide Geschichten haben etwas gemeinsam: den falschen Umgang mit dem Kreuz. Man kann es mit dem Ewigen Juden Goethes sagen:
„Er war nunmehr der Länder satt,
wo man so viele Kreuze hat
Und man, für lauter Kreuz und Christ
Ihn eben und sein Kreuz vergißt.“
Anders gesagt: Das Kreuz richtet unser Tun. Das Kreuz ist die größtmögliche Kritik an unserem eigenen Leben, an unseren christlichen Gemeinschaften, an unserer Kirche.
Um es noch einmal anders zu sagen: Das Kreuz ist nicht in erster Linie ein Gegenstand, den man als Schmuck in die Stuben oder um den Hals hängt; das Kreuz ist nicht bloß ein Betrachtungsgegenstand, nicht etwas, was man nur anschaut, bei Prozessionen herumträgt oder in der Karfreitagsliturgie feiert. Das Kreuz ist eine Lebensform, eine Prägung des Denkens, des Fühlens, des Handelns. Das Kreuz ist eine Perspektive, mit der ich die Welt als Ganzes und den Menschen im einzelnen anschaue.
Das mag etwas theoretisch klingen, doch vielleicht kann ich es an Franz von Assisi deutlich machen. Franziskus ist ja ein Mensch, der das Kreuz als Lebensform begriffen hat. Er hatte eine besondere Beziehung zum Kreuz: Wenn er an eine
Wegkreuzung kam, wenn sich zwei Äste gabelten, wenn immer er ein Kreuz sah, fühlte er sich mit Christus verbunden. In diesem ständigen Meditieren des Kreuzes machte er eines Tages zwei Entdeckungen und eine tiefe Erfahrung, die ihn zeit seines Lebens prägte.
Die zwei Entdeckungen waren: Franz von Assisi schaute das Kreuz an, meditierte es, würden wir heute sagen, lange, sehr lange. Ja, er war versucht, nur noch das Kreuz zu kennen, von allem Abschied zu nehmen und sich in eine Einsiedelei zurückzuziehen. Plötzlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen: Der Gekreuzigte ist deswegen gestorben, weil er wollte, daß alle Menschen echt und intensiv leben können. Dann kam ihm der Abendmahlsbericht in den Sinn, in dem es heißt: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird.
Es ging ihm also auf: Christus ist das Brot, nach dem die Welt hungert, der Wein, der alle begeistern könnte. Und nun hielt es ihn nicht mehr in der Einsiedelei. Er mußte hinaus, in die Welt, zu den Armen, Zerstrittenen, am Sinn ihres Lebens Verzweifelnden. Er mußte zu den Kranken, den Aussätzigen, den Ungläubigen, den Andersgläubigen. Er mußte alle Grenzen übersteigen, damit ja alle sich am Brot nähren können. Diese Entdeckung formulierte er dann so: Nicht für sich allein leben, sondern dem, der für alle gestorben ist.
Das Kreuz war also nicht mehr bloß Gegenstand, den er anschaute, sondern Perspektive, durch die die ganze Welt in den Blick kam, eine Kraft, die in die ganze Welt sandte.
Eines Tages machte Franz von Assisi eine zweite Entdeckung: Er breitete nämlich seine Arme aus, um sich dem Gekreuzigten anzugleichen. Plötzlich ging ihm auf, daß diese Angleichung ja bereits in der Gestalt seines Körpers gegeben war, daß das Kreuz nicht einfach sein Gegenüber, sondern seine eigene Form war. Er selber war Kreuz. Darum nannte er seinen Orden: „Wahre Arme des Gekreuzigten.“
Und nun die Grunderfahrung, die Franziskus zeit seines Lebens prägte. Franziskus fühlte nämlich, wie sein Herz weit wurde, wie er am Leiden der Welt litt. Darum fühlte er mit, wenn ein Aussätziger oder Kranker auf ihn zukam. Er fühlte mit, wenn ein Regenwurm im Staub vertrocknete.
Mitleiden und Mitfühlen gehörten in die Mitte seines Lebens: so als ob er selber am Kreuz hängen würde, um alles Leid der Welt zu tragen.
Diese Erfahrung nannte man „compassio“: mit Christus leiden am Leiden der Welt. Und man fügte ein anderes Wort hinzu, in dem noch etwas mehr ausgedrückt werden sollte: „condescensio“: mit Christus auf die Ebene der Notleidenden hinuntersteigen und ihnen menschlich nahe sein wollen.
Ich glaube, daß sich die Welt verändern würde, wenn wir das Kreuz als Lebensform entdeckten, wenn wir im Kreuz eine Perspektive sähen, durch die wir die Welt in den Blick bekommen, wenn wir begännen, mitzuleiden und einander menschlich nahezukommen.
Der Gekreuzigte ist der Verratene. Als Christ werde ich darum alles aus der Perspektive der Betrogenen, Im-Stich-Gelassenen, Geschiedenen, Einsamen anschauen.
Der Gekreuzigte ist der Gefangene und Gefolterte. Als Christ werde ich darum alles aus der Sicht der Internierten, Eingesperrten, Entwürdigten und Gefolterten betrachten.
Aus: Augustin Schmied, Farben des Anfangs. Jesus und seine Botschaft. Biblische Betrachtungen. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 2015.

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