Lesung aus dem zweiten Buch Daniel.
In jenen Tagen
öffnete Asarja den Mund
und sprach mitten im Feuer folgendes Gebet:
Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer;
löse deinen Bund nicht auf!
Versag uns nicht dein Erbarmen,
deinem Freund Abraham zuliebe,
deinem Knecht Isaak und Israel, deinem Heiligen,
denen du Nachkommen verheißen hast
so zahlreich wie die Sterne am Himmel
und wie der Sand am Ufer des Meeres!
Ach, HERR, wir sind geringer geworden als alle Völker.
In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.
Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten
und keinen, der uns anführt,
weder Brandopfer noch Schlachtopfer,
weder Speiseopfer noch Räucherwerk,
noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben darzubringen
und um Erbarmen zu finden bei dir.
Du aber nimm uns an!
Wir kommen mit zerknirschtem Herzen und demütigem Sinn.
Wie Brandopfer von Widdern und Stieren,
wie Tausende fetter Lämmer,
so gelte heute unser Opfer vor dir
und verschaffe uns bei dir Sühne.
Denn wer dir vertraut, wird nicht beschämt.
Wir folgen dir jetzt von ganzem Herzen,
fürchten dich und suchen dein Angesicht.
Überlass uns nicht der Schande,
sondern handle an uns nach deiner Milde,
nach deinem überreichen Erbarmen!
Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend;
verschaff deinem Namen Ruhm, HERR!
Kv: Denk an dein Erbarmen, o Herr! - Kv
Zeige mir, HERR, deine Wege, *
lehre mich deine Pfade!
Führe mich in deiner Treue und lehre mich; *
denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag. - Kv
Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; *
denn sie bestehen seit Ewigkeit!
Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! *
Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig! - Kv
Der HERR ist gut und redlich, *
darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
Die Armen leitet er nach seinem Recht, *
die Armen lehrt er seinen Weg. - Kv
In jener Zeit
trat Petrus zu Jesus
und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben,
wenn er gegen mich sündigt?
Bis zu siebenmal?
Jesus sagte zu ihm:
Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal,
sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
Mit dem Himmelreich
ist es deshalb wie mit einem König,
der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
Als er nun mit der Abrechnung begann,
brachte man einen zu ihm,
der ihm zehntausend Talente schuldig war.
Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte,
befahl der Herr,
ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß,
zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie
und bat: Hab Geduld mit mir!
Ich werde dir alles zurückzahlen.
Der Herr des Knechtes hatte Mitleid,
ließ ihn gehen
und schenkte ihm die Schuld.
Als nun der Knecht hinausging,
traf er einen Mitknecht,
der ihm hundert Denáre schuldig war.
Er packte ihn,
würgte ihn
und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder
und flehte: Hab Geduld mit mir!
Ich werde es dir zurückzahlen.
Er aber wollte nicht,
sondern ging weg
und ließ ihn ins Gefängnis werfen,
bis er die Schuld bezahlt habe.
Als die Mitknechte das sahen,
waren sie sehr betrübt;
sie gingen zu ihrem Herrn
und berichteten ihm alles, was geschehen war.
Da ließ ihn sein Herr rufen
und sagte zu ihm: Du elender Knecht!
Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen,
weil du mich angefleht hast.
Hättest nicht auch du
mit deinem Mitknecht
Erbarmen haben müssen,
so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern,
bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln,
wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
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Im Evangelium dieses Sonntags geht es um die Pflicht der Christen, einander zu vergeben. Der ausgewählte Abschnitt steht in der sog. Gemeindeordnung des Matthäusevangeliums. Die Gemeinden, in denen die Evangelien überliefert und festgehalten wurden, standen offenbar vor der Schwierigkeit, wie man mit Menschen verfahren solle, die Schuld auf sich geladen haben, obwohl und nachdem sie getauft wurden. Die Christen haben die Pflicht zur Vergebung, weil ihnen aus der Perspektive Gottes noch viel mehr vergeben wurde.
Die Frage des Petrus und das Zahlenspiel (nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal) erinnert an das Lied des Lamech im Buch Genesis. Lamech ist ein Nachkomme Kains, der ja trotz des Brudermordes unter dem Schutze Gottes stand: "Jeder der Kain erschlägt, soll siebenfacher Rache verfallen sein" (Gen 4,15). Lamech versucht in seiner maßlosen Rachsucht Kain zu übertreffen: "Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, lauscht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für eine Wunde und einen Knaben für eine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach." (Gen 4:23-24).
Das Böse im Menschen kann nur durch die maßlose Vergebung überwunden werden. Diese Forderung an die Jünger Jesu wird noch durch eine beispielhafte Erzählung unterstrichen.
Das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger spiegelt Rechtsverhältnisse wider, wie sie außerhalb Palästinas herrschten. Im ptolemäischen Ägypten z.B. konnten die Finanzbeamten persönlich für die gesamten Einnahmen ihres Territoriums haftbar gemacht werden. Als Knechte werden hier die königlichen Beamten bezeichnet, die in einem sklavenähnlichen Abhängigkeitsverhältnis zum König standen, wie es in Israel und im Judentum nicht bekannt war. Auf ein solches Verhältnis weist der hohe Geldbetrag hin, den er im Gleichnis dem König schuldet. Gleichzeitig wird damit der Kontrast zur geringen Schuld des Untergebenen herausgestrichen. Die unerbittliche Härte des Königs unterstreicht die Notwendigkeit der Vergebung in der christlichen Gemeinde.
In Form einer Rede sind bei Matthäus Hinweise und Richtlinien gegeben für das Leben in der Gemeinde. Matthäus verbindet die Gemeinderegeln mit Gleichnissen, die der Erläuterung und Zuspitzung der Weisung dienen.
"Wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wie oft muß ich meinem Nächsten verzeihen?" Das sind die Kernfragen des heutigen Abschnittes und dem Petrus wird diese Frage in den Mund gelegt. Jesu Antwort übertrifft die Anzahl: Sieben als die Zahl der Fülle wird nochmal gesteigert.
Das Gleichnis vom "König" erweitert die Frage des Petrus. Der König rechnet die Schuld nicht an. Er handelt gnädig und barmherzig an dem Knecht. Doch erst wenn der Mensch, der so eine Gnade erfährt, weitergibt, macht diese Tat, dieses Handeln Sinn.
"Von ganzem Herzen..." sollen wir vergeben. Nicht wie oft, siebenmal oder siebenundsiebzigmal, sondern die Haltung, die innere Gesinnung macht es aus, ob Vergebung geschehen kann. Es bedarf einer großen Freiheit, sich nicht von Rechnereien abhängig zu machen.
Die Zusage im Text des Matthäus ist herausfordernd und tröstlich zugleich: Wie groß auch immer die Schuld des Menschen ist: Gott vergibt. Damit ist jedoch der Mensch in die Pflicht genommen: Die Vergebung, die er durch Gott erfahren hat, muss sichtbar werden im und durch den eigenen Lebens- und Glaubensweg und im Umgang mit den Mitmenschen.
Petrus, der Vorsteher der Apostel, tritt an Jesus heran, um eine Frage nach dem Maß der Vergebung zu stellen. Wie oft darf man von einem Jünger erwarten, dass er verzeiht, wenn von der anderen Seite keine Gegenleistung erfolgt? Die Siebenzahl, die Petrus nennt, ist schon eine heilige Zahl und meint damit etwas Vollkommenes, eine Höchstleistung: Ich bin bereit über das vom Liebesgebot geforderte eine Mal hinauszugehen und auch sich wiederholende Verfehlungen zu verzeihen.
Aber die Antwort Jesu geht noch weit darüber hinaus. Siebzigmal bedeutet eine unbegrenzte Bereitschaft, dem anderen zu vergeben. Die Erklärung für diese für jeden rational denkenden Menschen unvernünftige Forderung bringt erst das folgende Gleichnis.
Die ganze Geschichte klingt zunächst äußerst unwahrscheinlich. Selbst wenn man unter den Knechten hohe Beamte versteht, ist die riesige Summe der aufgehäuften Schuld (ca. 21 Millionen Euro) kaum vorstellbar und könnte auch durch den Verkauf des verschuldeten Knechtes samt Frau und Kind nicht annähernd hereingebracht werden. Genauso unglaublich klingt es, dass der andere Diener erbarmungslos wegen einer ganz geringen Schuld (ca. 35 Euro) sofort ins Gefängnis geworfen wird.
Die Sinnanlage dieses Gleichnisses muss wohl auf einer anderen Ebene liegen. Sie zeigt auf der einen Seite die Größe und Majestät Gottes und zugleich sein grenzenloses Erbarmen mit uns Menschen. Gott allein kann eine so riesige Schuld einfach vergeben. Aber auch er allein kann ein so furchtbares Urteil fällen: Bei dieser Größenordnung der Schuld wird der Knecht für immer zu büßen haben, d.h. Strafe für Ewigkeit steht ihm bevor.
Die erste Aussage dieser Erzählung ist daher eine Warnung an uns: Wenn wir gegenüber unseren Mitmenschen hart sind und ihnen nicht verzeihen, dann wird auch Gott im Himmel, wie der König im Gleichnis, uns nicht verzeihen. Nur derjenige hat Aussicht darauf, dass ihm seine Schuld erlassen wird, der vorher an seinen Mitmenschen in gleicher Weise gehandelt hat.
Ebenso groß wie die angedrohte Strafe ist aber das Ausmaß der Vergebung Gottes. Er ist der König, der auf eine bloße Bitte hin auch die größte Schuld erläßt. Es gibt daher für uns, die wir alle "Knechte" sind und in der Rolle des Schuldners stehen, keine andere Möglichkeit, als das uns von Gott entgegengebrachte Erbarmen an unsere Mitmenschen weiter zu verschenken.
Vierhundertneunzigmal vergeben und dann ist es gut... Dabei wollte Petrus doch nur zeigen, dass sein Herz wirklich groß ist, als er siebenmal Vergebung als ausreichend vorschlägt, fast doppelt so oft, wie das die rabbinische Tradition vorsieht. Jesus aber macht klar: Es geht nicht oft genug. Vergebung ist dabei eine sehr einseitige Handlung: Das Opfer einer Tat erlässt dem anderen die Schuld und entlässt (gr. aphiemi) sie. Wir erinnern uns an das mosaische Vorbild des Bocks, der symbolisch mit den Sünden des Volkes beladen und in die Wüste gejagt wurde.
In der an die Einleitung sich anschließenden Gleichniskatechese geht es zunächst um die Bedeutung von Gottes Barmherzigkeit: Gleich wie groß die Schuld des Menschen ist, geht Gottes Barmherzigkeit immer noch darüber hinaus. Sie ist unendlich groß.
Derjenige, dem diese unendlich große Schuld erlassen wurde, handelt nun aber nicht in gleicher Weise, als er auf einen Mitknecht trifft, der ihm einen vergleichsweise winzigen Betrag schuldet. Der Mitknecht geht seinen Gläubiger in selber Weise an wie dieser zuvor seinen König. Der reagiert nun völlig gegenteilig: juristisch zwar korrekt, aber zwischenmenschlich alles andere als seinem Vorbild, dem König, entsprechend. Die Umstehenden macht der Umstand traurig, aber sie können nichts tun. Ihr König hingegen ist das Gesetz und er lässt den Knecht seine Wut spüren: Aus dem Schuldigen, mit dem der König barmherzig war, wird nun der “elende Knecht”, der seine Schuld bezahlen muss.
Das Gleichnis spricht vom Himmel - und lässt uns wissen: Der Himmel ist die allumfassenden Gnade und Barmherzigkeit, die spürbar wird, wenn wir Menschen uns an der Barmherzigkeit Gottes ein Beispiel nehmen.
Praktische Tipps zum Vorlesen und Textauslegung der Katholischen Bibelwerke Deutschland, Österreich und Schweiz
Auslegung aus jüdischer und christlicher Perspektive