Lesung aus dem zweiten Buch der Könige.
Naaman, der Feldherr des Königs von Aram,
galt viel bei seinem Herrn und war angesehen;
denn durch ihn hatte der HERR den Aramäern den Sieg verliehen.
Der Mann war tapfer, aber an Aussatz erkrankt.
Nun hatten die Aramäer bei einem Streifzug
ein junges Mädchen aus dem Land Israel verschleppt.
Es war in den Dienst der Frau Naamans gekommen.
Es sagte zu seiner Herrin:
Wäre mein Herr doch bei dem Propheten in Samaria!
Er würde seinen Aussatz heilen.
Naaman ging zu seinem Herrn und meldete ihm:
Das und das hat das Mädchen aus Israel gesagt.
Der König von Aram antwortete:
So geh doch hin;
ich werde dir ein Schreiben an den König von Israel mitgeben.
Naaman machte sich auf den Weg.
Er nahm zehn Talente Silber,
sechstausend Schekel Gold
und zehn Festkleider mit
und überbrachte dem König von Israel das Schreiben.
Es hatte folgenden Inhalt:
Wenn jetzt dieser Brief zu dir gelangt, so wisse:
Ich habe meinen Knecht Naaman zu dir geschickt,
damit du seinen Aussatz heilst.
Als der König von Israel den Brief gelesen hatte,
zerriss er seine Kleider und rief:
Bin ich denn ein Gott,
der töten und zum Leben erwecken kann?
Er schickt einen Mann zu mir,
damit ich ihn von seinem Aussatz heile.
Merkt doch und seht, dass er nur Streit mit mir sucht!
Als der Gottesmann Elischa hörte,
der König von Israel habe seine Kleider zerrissen,
ließ er ihm sagen:
Warum hast du deine Kleider zerrissen?
Naaman soll zu mir kommen;
dann wird er erfahren,
dass es in Israel einen Propheten gibt.
So kam Naaman mit seinen Pferden und Wagen
und hielt vor dem Haus Elischas.
Dieser schickte einen Boten zu ihm hinaus
und ließ ihm sagen:
Geh und wasch dich siebenmal im Jordan!
Dann wird dein Leib wieder gesund und du wirst rein.
Doch Naaman wurde zornig.
Er ging weg und sagte:
Ich dachte, er würde herauskommen,
vor mich hintreten,
den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen,
seine Hand über die kranke Stelle bewegen
und so den Aussatz heilen.
Sind nicht der Abana und der Parpar, die Flüsse von Damaskus,
besser als alle Gewässer Israels?
Kann ich nicht dort mich waschen, um rein zu werden?
Voll Zorn wandte er sich ab und ging weg.
Doch seine Diener traten an ihn heran und redeten ihm zu:
Wenn der Prophet etwas Schweres von dir verlangt hätte,
würdest du es tun;
wie viel mehr jetzt, da er zu dir nur gesagt hat:
Wasch dich und du wirst rein.
So ging er also zum Jordan hinab
und tauchte siebenmal unter,
wie ihm der Gottesmann befohlen hatte.
Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes
und er war rein.
Nun kehrte er mit seinem ganzen Gefolge zum Gottesmann zurück,
trat vor ihn hin und sagte
Jetzt weiß ich,
dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel.
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.
In jener Zeit
begann Jesus in der Synagoge von Nazaret ihnen darzulegen:
Amen, ich sage euch:
Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
Wahrhaftig, das sage ich euch:
In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija,
als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war
und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt,
nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
Und viele Aussätzige gab es in Israel
zur Zeit des Propheten Elischa.
Aber keiner von ihnen wurde geheilt,
nur der Syrer Naaman.
Als die Leute in der Synagoge das hörten,
gerieten sie alle in Wut.
Sie sprangen auf
und trieben Jesus zur Stadt hinaus;
sie brachten ihn an den Abhang des Berges,
auf dem ihre Stadt erbaut war,
und wollten ihn hinabstürzen.
Er aber schritt mitten durch sie hindurch
und ging weg.
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Das Evangelium gehört zu der sog. Antrittspredigt Jesu, von der in Luk. 4 erzählt wird und die am vergangenen Sonntag vorgelesen wurde. V. 21 verknüpft zwar, kann aber den Spannungsbogen nur bedingt festhalten.
Der Sohn Josefs redet begnadet - so sagen die Leute in der Heimatstadt. Josef ist einer von ihnen. Jesus sein Sohn? Was er sagt, mag zwar begnadet sein (was immer das heißen kann), aber sein Anspruch passt nicht zu den Familienverhältnissen und der Herkunft. So schlägt die Ver- und Bewunderung um in einen Disput, der tödlich enden könnte - wenn Jesus nicht durch die Menge einfach hindurch geschritten wäre.
Legte Jesus in der Synagoge einen Jesaja-Text aus, dreht sich der Disput "danach“ um Gottes Weite. Die Witwe in Sarepta bei Sidon wie der Syrer Naaman sind Ausländer, denen Hilfe zuteil wird. Elia wie Elischa sind Propheten, die die Grenzen ihres Volkes und ihrer Herkunft im Namen Gottes überschreiten.
Obwohl diese Geschichten als bekannt vorausgesetzt werden können, entfalten sie in Verbindung mit den Worten Jesu eine - sichtbare - Sprengkraft: Jesus entzieht sich dem Anspruch, in seiner Heimat den Nachweis zu führen, dass die prophetische Verheißung sich in ihm erfüllt. Weisheitlich formuliert Jesus: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Auch dafür sind für Jesus Elia und Elischa Beispiele.
Neben der Auseinandersetzung, die schon das Kreuz ahnen lässt, wirft diese Geschichte auch Licht auf menschliche Erwartungen, misslungene Kommunikation und freigesetzte Aggressivität. Jesus hat in seiner Auslegung der prophetischen Verheißung einen Anspruch formuliert, an dem sich die Geister scheiden müssen.
Das heutige Evangelium setzt die "Antrittspredigt Jesu in Nazareth" vom vergangenen Sonntag fort. Im vierten Kapitel des Lukasevangeliums geht es um die Reaktion der Zuhörer auf das Wort, mit dem sich Jesus offenbart hat als Erfüllung der Verheißung aus Jesaja 61,1f. Diese Reaktion ist gekennzeichnet durch einen radikalen Umschwung: Am Beginn steht der Beifall, am Ende der Versuch, Jesus zu lynchen.
Herbeigeführt wird der Wandel durch die Rede, die Jesus auf den Beifall hin hält. Damit sagt Lukas nicht, dass Jesus die Ablehnung absichtlich herausgefordert hat; vielmehr bringt Jesus die Gedanken der Menschen ans Licht - wie es Simeon dem Kind einst prophezeit hat (Lk 2,35).
So zeichnet sich in dieser Erzählung vom Anfang des öffentlichen Wirkens schon der ganze Weg Jesu ab. Er wird, wie alle Propheten, in seiner Heimat nicht anerkannt (Lk 4,24). Heimat - wörtlich übersetzt "Vaterstadt" - bezieht sich wohl nicht nur auf Nazareth, sondern auch auf das Volk Israel. Denn es schließen sich zwei Beispiele aus der Geschichte Israels an, die sich auf das Wirken der Gottesboten Elija und Elischa "unter Heiden" beziehen (Lk 4,25-27). Damit wird hier zugleich angedeutet, dass die Sendung Jesu über Israel hinausführen wird: Gleichsam die erste Station dieses Weges Jesus ist durch seinen Weggang aus Nazareth erreicht (Lk 4,30).